(Meeres)rauschen.

Saturday, September 13th, 2008

Dies ist der elfte Teil einer Geschichte um ein Mädchen mit dem Namen Ina, ihren Exfreund und ihre Freundin.
1. Teil: Hoffnung. 2. Teil: Entmut. 3. Teil: Überwindung. 4. Teil: Türschwelle 5. Teil: Ina. 6. Teil: Vergessen. 7. Teil: Mullbinde.
8. Teil: Entscheidungsfindung 9. Teil: Dachboden. 10. Teil: Cercidiphyllum japonicum

Die plötzliche Wärme der Küche stach in seinen Fingerspitzen.
Ina hatte ihm irgendwann mal erzählt, dass ihr Mutter ein spezielles Wort dafür gewusst hatte, aber er konnte sich nicht mehr daran erinnern. Vielleicht war es auch nur ein Ausdruck gewesen, der nur in ihrer Familie entstanden war.

Zoës Gesicht war leicht gerötet und sie grinste Ina und ihn an. Leise, aber mit einem deutlichen Lächeln in der Stimme verkündete sie:
„Ich habe es gefunden. Wollen wir es lesen?“

Das war es jetzt. Der Moment der Wahrheit, sozusagen. Er wusste, dass das Gedicht wahrscheinlich nicht zu den Besten gehörte, die er je geschrieben hatte. Aber war es nur romantisch verklärter Kitsch oder hing mehr daran?
Vor allem aber beschäftigte ihn die Frage, wie das Gedicht wohl auf ihn wirken würde. Und wie auf Ina.
Vielleicht war es ein Fehler gewesen, nach dem Gedicht zu fragen. Aber vielleicht war es auch ein Fehler gewesen, überhaupt zu Ina zu fahren. Aber es war nun einmal so passiert und jetzt konnte er nichts mehr daran ändern.

Zoë schlug den Ordner auf dem Küchentisch auf.
Trotz ihrer offensichtlichen Vorsicht wirbelte eine beachtliche Menge Staub auf. Wie eine Art Nebel versperrte er einen Moment lang die Sicht auf das Papier und kitzelte unangenehm in seiner Nase.

Er beugte sich über den Küchentisch und spürte wie Ina und Zoë das gleiche taten. Es war ihm irgendwie peinlich, zu dritt über dieses Blatt gebeugt zu stehen, aber seine Neugier, sein Durst nach Erinnerungen war stärker. Und so las er:

Sanfter Sommerwind wispert einsame Botschaften der Sterne
in die Ohren engumschlugener Körper, stöhnend und nassgeschwitzt
Sprache nur aus Bassnoten lässt Trommelfelle vibrieren
gemeinsamer Takt verbindet über Körpergrenzen
das, was zusammengehört in dunkler Nacht

an der Küste, Grenze zur Unendlichkeit des Ozeans
an der Küste, Ziel der mystischen Reise
an der Küste, voll der Liebe und des Schweisses
an der Küste, Anfang, nicht Ende der Reise
an der Küste, wo nur Sand ein Bett bildet
an der Küste, Ursprung der gemeinsamen Gedanken

Körper nur aus Zungen und Fingern und Löchern
Alles hier ist Liebe und Zärtlichkeit und Sex und Extase
Alles hier ist Inpiration und Idee
Alles hier ist Schwermut und Euphorie und Melancholie und Sinnlichkeit
Alles hier vibriert im Lied der Sterne

Kein Brunnen, in den man hinabsteigen muss
alles liegt offen, alles Geheimnisse gelüftet
kein Fluss, der die Geschlechter trennt
alle Teile fügen sich nahtlos zusammen
kein Käfig, die Vögel zu bewahren
alle Geister fliegen hoch unter diesem Himmel

Dieser Moment gehört den Verbundenen
auf ewig festgehalten auf Papier und im Geiste
Geheimniss für alle Uneingeweihten
verschlossen im Herzen des vereinten Körpers

Alles zerfliesst in Sinneseindrücken
Geist und Körper zu oranger Masse
lieblicher Stoff der Extase
erstarrt zum Denkmal für diesen Moment

Eine Zeit lang sagte niemand was und er hatte das Gefühl, als würden beide Mädchen seinen Blicken ausweichen.

„Also es ist ja schon ein wenig kitschig, wenn man das so als Außenstehende liest.“, meinte Zoë und schaute fragend in die Runde.
Ina lächelte. Sie hatte ein Knie angewinkelt und strich mit ihrem Kinn darüber, während das andere ausgestreckt unter dem Küchentisch lag.
„Ich mag verschiedene Zeilen. Klar ist es romantisch und verklärt, aber ist das nicht auch normal in der Situation? Ich finde, man sollte das Recht haben, auch manchmal kitschig sein zu dürfen!“

Ina erinnerte sich jetzt wieder ganz genau.
Sie sah die kleine Bucht vor ihrem inneren Auge. Jene Bucht, in der sie das Gedicht zusammen geschrieben hatten.

small bay cc by Will Palmer

Sie waren den ganzen Tag unterwegs gewesen und hatten gegen Abend, als es eigentlich schon fast zu spät gewesen war, um noch irgendwo stehen zu bleiben, das Auto an einer einsamen Bucht geparkt.
Keine Menschenseele war an diesem Ort gewesen, was Ina wie ein Wunder erschienen war und die ohnehin schon mystische Aura der Bucht noch verstärkt hatte.

Wenn aus dem nahe gelegenen Wald Einhörner galoppiert wären, so hätte das Ina bei diesem nicht gestört, im Gegenteil, es wäre ihr völlig logisch und stimmig vorgekommen, sie hatte es sich schon fast erwartet.
Ein niedriger Rasen, der nach Kräutern geduftet hatte war über gegangen in einen schmalen Strand aus weißlichem Sand, an der das tiefblaue Meer gebrandet hatte. Scharfe, grauweiße Felsen, mit rotbraunen Flechten bewachsen, hatten die Bucht, die nur etwa 100 Meter breit gewesen war, abgetrennt. Hinter der Grasfläche, die wohl manchmal als Liegewiese benutzt worden war, hatte ein junger Birkenwald gestanden, durch den sie gefahren waren.

Die Sonne hatte schon ziemlich tief am Himmel gestanden, aber trotzdem hatten sie der Versuchung, in dieser Bucht auszusteigen, nicht widerstehen können.

Sie wusste nicht mehr, wer von ihnen Beiden das Wort „Nacktbaden“ zuerst gesagt hatte, dieses Konzept, das irgendetwas Verbotenes, Verruchtes hatte. Natürlich hatten sie Beide Badesachen dabei gehabt, aber das war egal gewesen, nachdem diese Idee ausgesprochen gewesen war, durch die Wortwerdung beinahe schon verstofflicht.

Und so waren sie nackt in das doch schon ziemlich kalte Wasser gestiegen – und das Eine hatte zum Anderem geführt.
Merkwürdig wie hell und klar die Erinnerungen an diese eine Nacht wieder waren, wie dieses Gedicht dies alles zurückgebracht hatte. Ina war, als könnte sie sich an jedes Detail erinnern, an den Sex, an die schier endlosen Streicheleinheiten, an die Decke, in der sie beide ihre nackten Körper eingewickelt und dann gedichtet hatten, an das Gespräch, das erst ein Ende gefunden hatte, als sie eingeschlafen war.

Sie fragte sich, ob es ihm genauso ging, ob er die gleichen Bilder vor seinem geistigen Auge hatte und vor allem wie sie sich für ihn anfühlten.

Sie selbst sah die Sache zwiespältig: Einerseits hatte er ihr weh getan – und sie ihm wahrscheinlich auch, und sie wollte nicht unbedingt viel an diese Zeit denken, auch wegen Zoë nicht. Anderseits waren die Bilder in ihrem Kopf schön, fühlten sich gut an und jagten ihr einen wohligen Schauer über den Rücken.

Sie brauchte einen Moment, um ihren Blick zu fixieren, sie hatte in die weiße Leere außerhalb des Küchenfensters gestarrt, ohne Fokus.
Zoë sah ihr direkt in die Augen, hob dabei eine Braue, als sie bemerkte, dass Ina den Mund öffnete, sich leiste räusperte und dann mit trockener Kehle in den Raum warf:
„Ich sehe diese Nacht wieder genau vor mir, obwohl ich das eigentlich vergessen hatte. Vielleicht ist das eins der schönsten Dinge, die Poesie mit uns anstellt: Sie zaubert uns Bilder in den Kopf und wenn wir selbst geschrieben haben, sind es sogar Erinnerungen, so klar wie nur selten.“

„Ich sehe sie auch“, meinte er mit belegter Stimme, „und ich weiß nicht, welches Gefühl überwiegt. Vielleicht ist es tatsächlich der Schmerz.“

Ina bemerkte wie seine Hand leicht zitterte.

(Picture cc by Will Palmer)

Cercidiphyllum japonicum

Tuesday, July 8th, 2008

Dies ist der zehnte Teil einer Geschichte um ein Mädchen mit dem Namen Ina, ihren Exfreund und ihre Freundin.
1. Teil: Hoffnung. 2. Teil: Entmut. 3. Teil: Überwindung. 4. Teil: Türschwelle 5. Teil: Ina. 6. Teil: Vergessen. 7. Teil: Mullbinde.
8. Teil: Entscheidungsfindung 9. Teil: Dachboden.

Zoë legte ihre Hand vorsichtig auf die Seite und schloss den Ordner. Sie hob ihn so hoch, stand auf und tastete langsam nach dem Lichtschalter.
Wieder verwandelte sich der Dachboden in einen undefinierten grauweißen Raum. Wie in einem Traum, den sie immer wieder hatte. Darin wachte sie stets in einem mit Watte gefüllten Zimmer auf und versuchte dann – meistens vergeblich, den Ausgang zu finden.
Der frischgefallene Schnee bedrückte sie. Er bedeutete, dass der Herbst entgültig vorbei war und die Zeit der Kälte gekommen war, die sie stets mit Einsamkeit verband. Aber dieser Winter sollte allem Anschein nach anders werden als alle andern davor. Diesmal schien es tatsächlich so, als habe sie ein warmes Nest gefunden, in dem sie überwintern konnte.
Vor ihrem geistigem Auge tauchte bei diesem Gedanken das Bild eines zusammengekugelten Igels in einem Nest aus Blättern auf. Sie war sich nicht einmal sicher, ob Igel in solchen Nestern übernachten. Waren es nicht eher Haselmäuse, die solche Kugelnester aus Blättern bauten?

Blätter. Herbst. Das erinnerte sie daran, wie sie Ina kennengelernt hatte, wie sie ihre Freundin das erste Mal gesehen hatte. Das war im Herbst gewesen, vor nicht allzu langer Zeit.

Es war einer jener Herbstage gewesen, die einem sofort in den Sinn kommen, wenn man “Herbst” hört. Sonnig, nicht zu kalt und die Blätter der Bäume bunt gefärbt. Einer dieser Tage, die einen vergessen lassen, dass Herbst eigentlich meistens Regen, Kälte und Wind bedeutet, besonders wenn man in einer Gegend wie Ina wohnte, die wohl nur während des kurzen Sommers wirklich einladend war.

Sie wusste noch ganz genau, weswegen sie in der Stadt gewesen war und wieso sie den botanischen Garten besucht hatte. Nach dem Besuch beim Augenarzt, der wie immer viel zu lange gedauert hatte und eigentlich unnötig gewesen war, denn an ihrer leichten Kurzsichtigkeit, gegen die sie Kontaktlinsen trug, hatte sich seit Jahren nichts verändert, hatte sie gedacht, dass dies sei vielleicht einer der letzten Tage des Jahres sei, an dem so ein gutes Wetter herschte, deshalb müsse sie ihn so lange wie möglich geniessen.

Die Luft um die Bank, auf der Ina sass, in ihrem Mantel aus flauschigem, rosa Plüsch, der so überhaupt nicht zum Rest ihrer Erscheinung und ihrer Haltung passen wollte, war erfüllt von einem Geruch aus Lebkuchen und Zuckerwatte. Wie eine Aura hatte dieser Geruch gewirkt, von dem Zoë nicht hatte sagen können, woher er kam.
Etwas in ihr hatte sofort sehr stark auf Ina reagiert. In ihrem Bauch hatte sie ein leichtes Kribbeln verspürt als sie sie ansah. Irgendetwas in ihrem Körper, in ihrem Geist – oder wo auch immer, hatte ihr das Gefühl der Verbundenheit zu diesem traurig wirkenden Mädchen in ihrem knalligen Mantel da auf der Bank vermittelt.

Ohne Recht zu überlegen, was sie da genau tat, hatte sie Ina ein Lächeln geschenkt, zuerst zaghaft, dann mit der unmissverständlichen Mimik, die zu verstehen geben hatte sollen, dass das Lächlen kein zufälliges Schmunzeln war und ganz speziell Ina geholten hatte.
Und sie hatten sich direkt in die Augen geblickt.
Zoë hatte es in diesem Moment so geschienen, als wäre eine direkte Verbindung zwischen ihren Augen entstanden, ein unsichtbarer Tunnel zwischen ihren Pupillen, der sie beide auf eine magische Art und Weise verbunden hatte. Sie hatte ein warmes Gefühl auf dem Rücken gespührt, das gutartige Gegenteil einer Gänsehaut, und ihr war so gewesen, als spüre sie einen Teil von Inas Verzweiflung und Trauer und schicke ihr im Gegenzug einen Funken Hoffnung.

Irgendjemand, mit dem sie später darüber gesprochen hatte, hatte von wahrhaftiger “Liebe auf den ersten Blick” gesprochen, aber für Zoë was das hier etwas anderes. Es liess sich sicher durch irgendwelche hormonbiologischen Phänomene erklären, aber sie wollte das gar nicht wissen. Sie mochte die romantische, für sie schon fast mythologische Aura dieses Augenblicks und wollte ihn nicht wissenschaftlich erklären lassen. Manche Dinge mussten im Reich der Gefühle bleiben, um wahrer zu erscheinen.

Und dann hatte Ina zurückgelächelt.

Zoë war nicht sofort auf Ina zugegangen. Sie hatte noch nie den Mut für solche direkte Konfrontationen gehabt, deshalb war ihr erster Reflex gewesen, den Moment einen Moment sein zu lassen und hatte erstmal einige Schritte von der Bank weg gemacht. Aber diese merkwürdige Duft, fast wie Zuckerwatte, war ihr in der Nase und der Gedanke an Ina in ihrem Kopf geblieben.
Und so hatte sie instinktiv den Weg zurück zu Ina gesucht, über den Rasen, um auf einmal neben ihr zu stehen und sie mit unsicherer, fast zittriger Stimme zu fragen, ob sie sich wohl neben sie setzten könne.

Ina hatte ohne einen Funken der Verwunderung bejaht und für einen kurzen Moment lang richtig gestrahlt, als sei sie der glücklichste Mensch auf Erden.

“Ich liebe diesen Baum hier”, hatte Ina nach einigen Minuten der Stille gesagt, in der Zoë sie aus den Augenwinkel beobachtet – und heimlich auch angehimmelt – hatte.
Und ihr dann erklärt, dass der Geruch von dem Baum kam, unter dem sie gesessen hatte. Ein japanischer Kuchenbaum, dessen Blätter im Herbst die merkwürdige Eigenschaft hatten, nach Gebäck zu riechen. Zoë hatte ein Blatt vom Boden aufgehoben und dran gerochen. Ina hatte Recht gehabt, wie sie so oft Recht haben sollte. In ihrer poetischen Sprache hatte sie den Kuchenbaum als Baum der Hoffnung bezeichnet. Im Herbst, wenn alles verloren scheint, duftet er, nicht als Abgesang, sondern als Zeichen und Symbol dafür, dass selbst Verlust Wunderbares erschaffen kann.

cercidiphyllum japonicum cc by Jean-Pol GRANDMONT

Ina hatte zwischen den Zeilen ihren Verlust angedeutet hatte, den sie mit den Blättern der Bäume verglichen hatte, weil das einzige, was sie jetzt noch tun hatten können, war das symbolische Blatt ihrer Beziehung zwischen die Seiten eines Telefonbuches zu legen und es zu trocknen, um seine einstige Pracht zumindest in diesem fragilen, eindimensionalen Zustand zu bewahren.
Und währenddessen hatten die beiden sich einander angenähert, fast unwillkürlich.
Zoë wusste noch, dass sie sich einen merkwürdigen Moment lang klar geworden war, dass sie schon seit einiger Zeit Inas Hand streichelte.

Und so hatte alles angefangen, nach diesem Nachmittag unter dem Kuchenbaum war nichts mehr so gewesen, wie es einmal gewesen war. Eine offensichtliche Platitüde, die man jeden Tag als große Schlagzeile auf eine Zeitung setzen könnte. Aber dieser Tag war für Zoë der Wendepunkt gewesen, ein mystischer Fixpunkt, dem sie vielleicht mehr Bedeutung zumaß, als er es verdient hatte.

Zoës Herz pochte laut und kräftig, jetzt in der halbdunklen Kühle dieses staubigen Dachbodens, den sie nun mehr nur als Schatten wahrnahm, als sie ihren Weg zum Ausgang ertastete. Der Herbst war vergangen und die Blätter des Kuchenbaums dufteten nicht mehr. Sie versuchte, das ganze nicht in Verbindung mit den Ereignissen der letzten Stunden zu bringen. Sie sah Inas Exfreund nicht als eine Bedrohung, sondern mehr als eine interessante Gelgenheit, mehr darüber rauszufinden, was Ina nach diesem Sommer so verletzt hatte. Sie kannte zwar die groben Züge dieser Geschichte, aber bisher hatte sie noch keine Gelegenheit gefunden, mit ihrer Freundin über die Einzelheiten zu reden. Es war ja auch schwierig, solche Themen anzuschneiden, wenn man wusste, wie sehr ein Mensch darunter gelitten hatte und man selbst gerade erst dabei war, mit dieser Person eine Beziehung aufzubauen.

Vorsichtig schritt sie die Treppe hinab, versuchte instinktiv, so wenig Lärm wie möglich zu machen, obwohl sie ganz genau wusste, dass niemand im Haus schlief. Sie wurde meistens einige Stunden früher als Ina wach, deshalb hatte sie es sich zur Angewohnheit gemacht, sich während der Morgenstunden so leise wie möglich zu verhalten.
Die hölzerne Treppe war jedoch unbarmherzig und knarrte bei jedem Schritt, den Zoë machte.

Kein Geräuscht drang von der Küche hoch zu ihr. Ob sich Ina und ihr Exfreund einfach nur anschweigten, weil sie nach all der Zeit keine Ahnung hatten, was sie einander sagen sollten? Wieso stellte er nicht mehr Fragen über sie?
Es hatte sie verwundert und auch ein klein wenig verärgert, dass er nichts von ihr gewusst hatte. Hatte Ina es nicht für nötig gehalten, ihrem Ex zu erzählen, dass sie wieder vergeben war? Aber er hatte ja gemeint, die beiden hätten seit ihrer Trennung überhaupt keinen Kontakt miteinander gehabt. Und trotzdem wäre es Zoë lieber gewesen, wenn er von ihr gewusst hätte.
Vielleicht, weil sie das Gefühl hatte, etwas für Ina geopfert zu haben.

~

Er liess ein kleines Rauchwölkchen aus seiner Nase entweichen und starrte auf die fallenden Schneeflocken, wie sie das Land unter einer weissen Kruste begruben, es taub und dumpf machten. Die ersten Zeugen des Winters, der nicht nur die Kälte, sondern auch die Einsamkeit brachte. Ihm war im ersten Moment danach gewesen, sofort wieder in sein Auto zu steigen und ohne ein Wort zu sagen wieder zu fahren. Aber das konnte er nicht. Er wusste, dass er mit Ina reden musste, dass er seine Reflektionen mit ihr teilen wollte, das hässliche Ende dieses wunderschönen Sommers analysieren wollte.
Er wusste, dass er sich unbewusst davon erhoffte, dass sein Schmerz verschwinden und Ina ihm am Ende wieder um den Hals fallen würde und alles wieder so sei, wie es im Sommer gewesen war.

Er hörte, wie die Tür sich öffnete. Er blickte weiter geradeaus, obwohl es dort nichts zu sehen gab außer einer diffusen weißen Landschaft. Sein Auto konnte er gerade noch erkennen, aber sonst war alles nur erdrückender, schwerer Schnee, der sein Herz schwer werden ließ und seinen Verstand wie vernebelte.

Er wusste, dass es sich um Ina handeln musste, die ihren Platz in der wohlig warmen, gemütlichen Küche aufgegeben hatte, um mit ihm zu reden. In dieser Kälte, die ihm auf einmal richtig feindlich vorkam. Im Augenwinkel sah er, dass sie sich gegen die Mauer lehnte. Er vermutete, dass sie grinste, ohne Recht zu wissen, wieso.

Ein langer, tiefer Zug an der Zigarette, die zum Fixpunkt geworden war, weil in dieser weißen Einöde nichts anderes da war, an dem man sich orientieren konnte.

“Du rauchst also noch immer.”, meinte sie, und er konnte ihre Tonlage nicht deuten. Dabei war ihre Stimme nicht einmal ausdruckslos, aber angesichts der Einöde, auf die er blickte, schien nichts mehr tiefere Bedeutung zu haben.

Er atmete ein kleines Wölkchen aus Rauch aus, das sich mit seiner weißen Atemluft vermischte.

“Menschen änderen sich nicht, erinnerst du dich?”
Seine Stimme klang kälter und grober als er wollte. Wieso war er unwillkürlich so abweisend, Gegenteil von dem, was er eigentlich sein wollte?

“Und Menschen ändern sich.”
Diesmal hörte er ganz genau, dass sie lächelte.
“Aber vielleicht hast du Recht, im Grunde ändern sich nur Gewohnheiten und Äusserlichkeiten, während das Innere sich nur langsam entwickelt. Wie ein Stein, der mal von Moos, mal von Flechten, mal überhaupt nicht bewachsen ist, immer ein Stein bleibt und sich nur innerhalb von Jahrtausenden mit der Erosion verändert. Und eben diese Details, die sich verändern, sind es, die uns ausmachen und die einen Wandel ausmachen.”

Das war Ina. Ina, die poetische, Ina, die Philosophin, Ina, die in die Welt ihre Gedanken in einer Sprache beschreiben konnte, um die die meisten Dichter sie beneidet hätten. Das war die Ina, die er geliebt hatte und für die er diese Odysee auf sich genommen hatte.

Er machte den Mund auf, ohne genau zu wissen, ob er einen weiteren Zug nehmen oder Ina eine Antwort, die dann erst in seinem Mund wachsen sollte, geben wollte, als ein leises, aber deutlich vernehmbares Geräusch vom Dachboden zu ihnen drang. Eine Tür war geschlossen worden.

Eine Schneeflocke landete genau auf seiner Nasenspitze, als er sich bückte, um die Zigarette auszudrücken.

Photo cc by Jean-Pol GRANDMONT. Ausserdem ein Dank an Sara für’s Betalesen.