Leinen los

Friday, February 27th, 2009

Der Tumor in deinem Kopf ist geplatzt. Und hat dir, als letzte Amtshandlung quasi, geraten, doch zu schreiben.
“Fick dich!” möchte jemand in dir schreien, aber das erledigt ja jetzt ein Anderer. Und eigentlich möchtest du sowas überhaupt nicht sagen. Deshalb sagst du so etwas auch nicht.

Das Zeppelin hebt zu einem Nachtflug ab.
Ohne Mannschaft, ohne Flugplan, ohne Nichts.
Weil da draußen außer Dunkelheit eh nichts mehr ist.
Nur ein Mann und sein Luftschiff.

flüssig

Monday, February 9th, 2009

Akute Gehirnverflüssigung. Der Tumor hat es aufgelöst. Die einzige Hoffnung liegt jetzt in der Möglichkeit, eine heiße Stricknadel in den Schädel zu bohren und durch gezielte Stromstöße die Trocknung der Masse anzuregen. Ansonsten wird sich die rosagraue Substanz in den Lymphknoten absetzen und Insekten anlocken, die sich unter die Haut der Handflächen setzen und dort Eier ablegen.

Wirre Fieberträume in der Schneenacht, wie Horrorfilme, die dir jemand direkt auf die Netzhaut projektiert. Dein Körper ist nicht für solche Anstrengungen ausgelegt. Der Gedanke, nicht fähig zu sein, war also gar nicht so falsch, obwohl der Wahlspruch “Never love again” Blödsinn war. So scheint es auf jeden Fall.

Wie ein Zombie schlurfst du durch die Stadt. Deine Sinne wurden ausgetauscht. Dicke Insektenfühler anstatt menschlicher Augen/Ohren/Haut. Du bemerkst nicht mal den Schnee, empfängst dafür aber seltsame Signale, aber du bist nicht fähig, die Nachrichten zu entschlüsseln.
Was bedeutet all dies?

Das Pendel hat all seine Kraft verloren.
Vielleicht möchtest du zurück an den Strand der See der Verzweiflung, um in dem orangenfarbenen Wasser zu ertrinken?
Vielleicht hat dies alles keinen Sinn?
Vielleicht reagiert alles in dir auf Phantomschmerzen?

An eine Zeppelinreise ist momentan kaum zu denken.
Du wirst trotzdem einen Versuch wagen.

Rote Zeichen

Thursday, October 23rd, 2008

Ich taumele durch die kalte Stadt. Aus einem Mietshaus über einem Elektrowarengeschäft, wo sie vor allem Lampen verkaufen, schaut mir eine dicke Frau an, die davor mit ihrer Fliegenklatsche herum gewedelt hatte. Aus welchem Grund auch immer.
Wenn ich zurückblicke, sehe ich leichten Schneefall, obwohl es so kalt nicht einmal war.
Alles in allem war es doch schön.
Rote Zeichen im Kalender.
Todeslinien, Grenzen, wie im Krieg. Unübertretbar. Gewaltige, alles auffressende Monster aus roten Buchstaben, die das Ende von allem bedeuten.
Und dennoch nur ein Stück Papier.
Ein weißer Morgenhorizont über einer fahlen Graslandschaft, auf der der Schatten eines Zeppelins zu sehen ist.
“Alles ist noch so weit”, stöhne ich und weiß nicht einmal, was ich genau damit meine. Die Motoren sind nur leise und dumpf zu hören, kaum wahrnehmbar.

Zeppelin cc by rockstarassi

Der Nebel verschluckt alles, ohne gefräßig zu sein.
Die Kapuze ein wenig tiefer ins Gesicht
“Dies wird ein Krieg”, dachte ich, aber bis jetzt hat sich noch niemand so benommen.
Im Kopf versuche ich einige der roten Zeichen auszuwischen, taktiere, spiele Schach gegen mich selbst.
Führt das alles zu irgendetwas?
Kubakrise. Examen. Semester. Immer und immer und immer und immer und immer und immer wieder.
Der Kapitän hat eine Halbglatze, aber keinen typischen Schnurrbart, wie wir ihn uns alle für unsere Großväter gewünscht haben.
Ich bräuchte eine Schreibmaschine in meinem Kopf um dies alles richtig ausdrücken zu können.
Man sollte ein Buch schreiben und die Seiten per Laserstrahl in den Himmel brennen.
Nicht einmal Nebellichter würden jetzt noch etwas ausrichten.
Vielleicht wächst uns ja bald ein Horn?
Die 23 kleineren Dieselmotoren der Vernunft schweigen heute, denn auch sie sind Gewerkschaftsmitglieder.
STREIK! STREIK! ANARCHIE! KOMMUNISMUS! SPRENGT ALLES, AUCH DIE SCHWEINE!
Es gilt, alle Verhältnisse umzustürzen, in denen der Mensch …
Marx hasste Trier, und wir fahren zum Einkaufen dorthin.
In Polen hingen die Sterne besonders tief.

Langsam schaufeln sich die Rotoren des Zeppelins durch den dicken Nebel.
(more…)

Funkstille

Tuesday, April 29th, 2008

Montage waren schon immer die Tage, an denen ich am späten Nachmittag durch die Stadt geirrt bin und nicht wusste, was genau ich tun sollte. Zu früh, um heimzugehen oder sich zu besaufen, zu spät, um sich irgendwelche Nachmittagsaktivitäten auszudenken. Der Höhepunkt der Woche war vorbei und es blieb eine merkwürdige Leere, von der ich nicht wusste, wie sie ausfüllen.

Und auch heute, da der Regen uns wieder einmal verschlingt und seine giftige Säure auf die wenigen noch verbleibenden Wälder (Was für ein Blödsinn! In Luxemburg gibt es schon fast zu viel, zu alten Wald) schüttet, spüre ich eine Leere in mir. Gestern Lustlosigkeit, heute Leere. Alle Krüge sind gebrochen. Das Funkgerät an Bord des Zeppelins bleibt, bis auf die Meldung, es gebe nichts zu sagen, stumm. Ich schwebe einsam und alleine über der Nordsee. Luftpirat.

Ich bin ohne Ziel. Åland, Island, Kanada?
Ich lese freudige Nachrichten über und aus vergangenen, glücklicheren Tagen. Sie sind wertlos. Zerstört in nur einer Nacht. Und alles, was bleibt, sind Einmachgläser, die du nicht anfassen willst.
Ein Stapel Papiere fliegt aus dem Fenster, segelt langsam Richtung Meer. Es war notwendig, damit es nicht zu sehr schmerzt. Ein stechender, pochender Schmerz in der Stirn. Du siehst auf die Instrumente im Cockpit, Armaturenbrett deluxe, drückst ein paar Schalter, regelst einige Werte. Beschäftigung, damit es keine Auseinandersetzung gibt. Das gute als Rauf und Runter-Spiel. Dadaismus der Seele. Mindfuck. Du siehst jede Minute auf die Uhr, deren Zeiger zu schleichen scheint. Worauf wartest du eigentlich?

Auf nichts.
Darauf, dass die Leere sich wieder füllt.
»Aye, Aye, Captain! « und ne Buddel voll Rum.
Alles ist illuminiert und dennoch sehe ich rein gar nichts. Und sprich nur ein Wort und meine Seele stürzt sich in einen tiefen Abgrund. Selbstzitat.
Bin ich denn krank? War das eine Seuche? Ist das ein Verbrechen gewesen?

Vom Kurs abgekommen. Oder auch nicht. In der Ferne leuchten die Lichter von London.

[0804282015]

Ein dicker Strich aus schwarzer Kreide

Thursday, April 10th, 2008

Ich stehe überall und nirgendwo.
Ich bin ein Autor des Webs, der neuen Generation, immer online, immer erreichbar, nie da.
Ich habe mich verloren in den unendlichen Weiten des Internets, habe gesurft, gebrowst, habe in den großen Flammenkriegen gekämpft, in der Piratenbucht gerastet.
Ich habe mehr nackte Frauen gesehen als Casanova und habe dennoch nie eine von ihnen berührt.
Ich bin aufgewachsen mit dem Versprechen von vernetzen Kühlschränken, der ewigen Jugend und genetisch manipuliertem Gemüse, verlor meine Jugend in den dunklen Höhlen des IRCs und in Diskussionsforen, die mir wie erstrebenswerte Elfenbeintürme der eloquenten Diskussionskunst erschienen.
Ich bin umgeben von Technologie, spreche in mein mobiles Telefon, sende unsichtbare Botschaften durch den Äther, rede mit dem Mikrofon, fahre von A nach B mit Biozügen, höre Musik mit tragbaren Festplatten, haue Texte in Sekundenschnelle in die Tastatur, die fast zu langsam ist, um meinen Gedanken zu folgen.

Und dennoch sind meine Gedanken und Bilder zu tiefst organisch. Ein dicker Strich aus schwarzer Kreide ziert meine Stirn, darunter steht in kleinen Lettern »open here«.
Das getan, quellen Nervenstränge aus dem unter Druck stehenden Schädel. Wie organische Kabel verknoten sie sich um die Hände, fesseln den Körper, während die entsetzten Augen weit geöffnet zusehen, wie man sich selbst verschlingt. Das letzte, was sie sehen, sind die dicken Enden der Nervenstränge, die sich fühlerartig in die Augenhöhlen bohren, um sich mit dem Gehirn zu verbinden.

Man fällt kopfüber in flüssiges Silizium und wird zum Cyborg, Widerstand ist zwecklos. Unter den Achselhöhlen wachsen USB-Anschlüsse, Aus der Leber wird eine Festplatte. Ein Elektromotor ersetzt das Herz, zum endlichen Dynamo verpflichtet. Einzig das Gehirn wird nicht ersetzt, sondern mit Prozessoren durchwuchert. Geschlechtsteile werden durch Kabel bzw. Anschlüsse ersetzt. DNA wird künftig nur noch binär ausgetauscht. Human 2.0.

Ich schreie laut »Nein!« und renne mit laufender Kettensäge auf die Straße, um diesen Wahnsinn zu stoppen. Niemand hört mich, aber es ist auch niemand da, denn alle sind dabei, ihre cybernetischen Träume zu träumen, während ich als einziger in das Auge der Kamera und der Pyramide geblickt habe und weiß, dass tote Menschen von der Decke hängen. Hier fängt es an kryptisch zu werden. Als wären deine eigenen Gedanken in einer unleserlichen Schrift verfasst.
Die Kettensäge verstummt.

Ich stehe auf einem Hochhaus, und I. ist bei mir. Sie brüllt mich an, während ich mich immer weiter der totbringenden Kante nähere. Ich habe ein wenig Höhenangst, wobei es sich vor allem um die Angst handelt, dass ich meine Brille verliere. Nichts wäre schlimmerer, als halbblind durch die Gegend zu torkeln und sich zu dem nächsten Optiker durchfragen zu müssen (außer vielleicht ein Genickbruch!). Alle Zähne der Kette sind stumpf, der Vergaser verstopft, der Kolben rostig.
Auf mich ist eine Pistole gerichtet, obwohl ich nicht sehe, vorher sie kommt.
Unten auf der Straße marschiert eine Armee von cybernetisch aufgerüsteten Menschen, während ein Verrückter aus einer Telefonzelle, in die ein altmodischer Sportwagen gekracht ist, fällt und sein Partner mit einem flammenbewehrten Gehstock auf die Veränderten einschlägt.
Diese Dinge sind nichts für mich, denn ich muss meinen eigenen Kampf ausfechten, bei dem ich zusehens die Waffen verliere. Alle Krüge brechen, aus ihnen fließt eine zähflüssige, rote Masse, die nach Sperma riecht und wie Blut aussieht. Kleine Insekten steigen an die Oberfläche, breiten ihre Flügel zum trocknen aus und schwärmen aus.

100 Meter unter dir: Kampflärm und Medikamentenmissbrauch.
Alles Gesagte mutiert zu grässlichen, fleischfressenden Dinosauriern, die in ihrer eigenen, heiseren Sprache rappen und sich gegenseitig verletzen. Ein Urmonster nach dem anderem wird aus den Dingen, die einst heilig waren.
Nicht einmal mehr das ewige Feuer brennt, wo ihr einst saßt und über Rasur gesprochen habt.

Es gibt keinen Grund mehr, zu kämpfen. Es gibt überhaupt keinen Grund für das Ganze. Man hätte diese Worte nie sprechen dürfen, nicht einmal denken. Du stehst auf dem Rand. Eine kleine Mauer, 5 cm höher als das Dach. Hinter dir der Abgrund, aus dem noch immer merkwürdig futuristischer Lärm zu hören ist.

Du stellst eine letzte, verzweifelte Frage.
In der Zeit zwischen deiner letzten Silbe und ihrer Antwort schwingt das Pendel in Paris einmal in und her. Du kannst es hören, vor einem innerem Auge sehen, die Luftbewegung spüren, du fühlst es in jeder Zelle deines Körpers. Vom Chor der Abteikirche von Saint-Martin-des-Champs im Conservatoire des Arts et Métiers in Paris bis zu dir, auf diesem gottverlassenen Dach hoch oben über der Stadt voller Tod und Mikrochips dringt die Botschaft der völligen Klarheit. Du erkennst, wirst erleuchtet, atmest mit einem Male alles ein, was zu wissen gilt. Dein Gehirn kristallisiert für einen Moment zu einem vollkommenen Diamanten, und für diese kurze Sekunde ist für dich alles so schrecklich und furchtbar durchsichtig, dass du ihre Antwort nicht einmal mal abzuwarten bräuchtest.

Das einzige, was jetzt noch bleibt,
Nachdem sie den Mund geschlossen hat, springst du.

Ein Zeppelin fängt dich auf. Du fühlst dich wie Luke S., die Szene sieht in deinem Kopf so aus, als hättest du auch gerade deine Hand verloren. Dabei warst du kaum fünf Minuten bewusstlos.
Das Pendel wird schwächer. Der Kurs ist nach Island gesetzt.

Verlorener Tag

Saturday, March 29th, 2008

Dies wäre ein verlorener Tag, meintest du. Und ich entgegnete, dass es wohl wichtig wäre, die Bilder des letzten Abends, der vergangenen Nacht Revue passieren zu lassen und sich dem wohligen müden Gefühl der Dehydrierung hinzugeben. Du klagtest über Kopfschmerzen und die Unmöglichkeit, einen Kater zu genießen. Ich hingeben, der nie Kopfschmerzen hat, meinte, dass auch dies dazugehörte.

Den Körper bis an die Grenzen treiben. Wie ein Irrer mit einer lächerlichen Sonnenbrille durch die Nacht laufen und ständig Thompson zitieren, was auf die Dauer nicht witzig, sondern nur nervig ist. In einem schicksalhaften Lokal brennt noch Licht, durch die halb heruntergelassenen Jalousien siehst du den Besitzer mit einem Freund diskutieren. Man hat dich überall vertrieben, und hier, mitten in der Nacht kommt dir die Erkenntnis:

Das, was wir brauchen, ist ein Zeppelin. Du siehst es schon vor dir. Ein gigantisches Luftschiff am Himmel über Norwegen, nur mit den LJM an Bord. Neben der luxuriösen Ausstattung gibt es noch ein paar weitere Argumente: Reisefreiheit, die Möglichkeit, unwillige LeserInnen zu entführen sowie die offensichtliche Inspiration, die von diesem Objekt ausgeht.
Du siehst dich selbst in deiner Kabine sitzen und deine Texte in die Tastatur einer altmodischen, mechanischen Schreibmaschine, die auf wunderbare Art und Weise mit einem Computer verbunden ist, hauen. »Klack! Klack! Klack!« macht die Maschine, während das Luftschiff starr seinen Kurs beibehält und nach Island fährt. (Fahren oder fliegen Luftschiffe?)

Alles nur künftige Ruinen

Thursday, May 25th, 2006

Ruinen (Symbolbild)Du sitzt im Zug, und da du wegen G. im Fahrradteil des Zuges sitzt, in der “machine conducteur“, hast du einen Panoramablick auf das Land, auf den wieder einmal unbarmherzig der Regen prasselt. Un été luxembourgeois.
Du näherst dich Lux/City, und dir bietet sich ein wunderschönes, obschon sehr tristes Bild. Vor dir die rostigen Flüssigkeittransportwagons, dahinter neue, moderne Passagierzüge, wie Raumschiffe, die nur durch Zufall auf Schienen fahren, dann die suburbanen Industriegebiete und, da es hier keine Hügel gibt, ungehemmte Sicht auf den Horizont, an dem die düster-bedrohlich grauen Wolken schweben, wie gigantische Luftschiffe.

Ich habe immer noch diese Idee von einer Welt, in der gigantische Kriegsluftschiffe das Bild bestimmen. Zeppeline, so groß dass sie ganze Städte verdunkeln, wenn sie über ihnen schweben. Und dann ist das nicht nur eine Waffe, ein fliegender Flugzeugträger, eine Steuerungszentrale für militärische Einsätze, sondern auch eine fliegende Propagandamaschinerie. Man stelle sich bloss die Möglichkeiten vor.
Und die düsteren Szenarien. Momentan sind alle Kriegsgeräte weit von uns, schwimmen in den Weltmeeren herum oder werden an streng bewachten Basen aufbewahrt – was jedoch passiert, wenn sie über uns schweben, als Mahnung?
Vielleicht eine Idee für EVA. (Plottbunnie, so nennt man das doch, oder?)

Ich hab heute meinen einsamen Spaziergang durch den Regen gebraucht.
Und ihn bekommen.

(Symbolic photo by Fakk0 Some rights reserved.)