Ein dicker Strich aus schwarzer Kreide

Thursday, April 10th, 2008

Ich stehe überall und nirgendwo.
Ich bin ein Autor des Webs, der neuen Generation, immer online, immer erreichbar, nie da.
Ich habe mich verloren in den unendlichen Weiten des Internets, habe gesurft, gebrowst, habe in den großen Flammenkriegen gekämpft, in der Piratenbucht gerastet.
Ich habe mehr nackte Frauen gesehen als Casanova und habe dennoch nie eine von ihnen berührt.
Ich bin aufgewachsen mit dem Versprechen von vernetzen Kühlschränken, der ewigen Jugend und genetisch manipuliertem Gemüse, verlor meine Jugend in den dunklen Höhlen des IRCs und in Diskussionsforen, die mir wie erstrebenswerte Elfenbeintürme der eloquenten Diskussionskunst erschienen.
Ich bin umgeben von Technologie, spreche in mein mobiles Telefon, sende unsichtbare Botschaften durch den Äther, rede mit dem Mikrofon, fahre von A nach B mit Biozügen, höre Musik mit tragbaren Festplatten, haue Texte in Sekundenschnelle in die Tastatur, die fast zu langsam ist, um meinen Gedanken zu folgen.

Und dennoch sind meine Gedanken und Bilder zu tiefst organisch. Ein dicker Strich aus schwarzer Kreide ziert meine Stirn, darunter steht in kleinen Lettern »open here«.
Das getan, quellen Nervenstränge aus dem unter Druck stehenden Schädel. Wie organische Kabel verknoten sie sich um die Hände, fesseln den Körper, während die entsetzten Augen weit geöffnet zusehen, wie man sich selbst verschlingt. Das letzte, was sie sehen, sind die dicken Enden der Nervenstränge, die sich fühlerartig in die Augenhöhlen bohren, um sich mit dem Gehirn zu verbinden.

Man fällt kopfüber in flüssiges Silizium und wird zum Cyborg, Widerstand ist zwecklos. Unter den Achselhöhlen wachsen USB-Anschlüsse, Aus der Leber wird eine Festplatte. Ein Elektromotor ersetzt das Herz, zum endlichen Dynamo verpflichtet. Einzig das Gehirn wird nicht ersetzt, sondern mit Prozessoren durchwuchert. Geschlechtsteile werden durch Kabel bzw. Anschlüsse ersetzt. DNA wird künftig nur noch binär ausgetauscht. Human 2.0.

Ich schreie laut »Nein!« und renne mit laufender Kettensäge auf die Straße, um diesen Wahnsinn zu stoppen. Niemand hört mich, aber es ist auch niemand da, denn alle sind dabei, ihre cybernetischen Träume zu träumen, während ich als einziger in das Auge der Kamera und der Pyramide geblickt habe und weiß, dass tote Menschen von der Decke hängen. Hier fängt es an kryptisch zu werden. Als wären deine eigenen Gedanken in einer unleserlichen Schrift verfasst.
Die Kettensäge verstummt.

Ich stehe auf einem Hochhaus, und I. ist bei mir. Sie brüllt mich an, während ich mich immer weiter der totbringenden Kante nähere. Ich habe ein wenig Höhenangst, wobei es sich vor allem um die Angst handelt, dass ich meine Brille verliere. Nichts wäre schlimmerer, als halbblind durch die Gegend zu torkeln und sich zu dem nächsten Optiker durchfragen zu müssen (außer vielleicht ein Genickbruch!). Alle Zähne der Kette sind stumpf, der Vergaser verstopft, der Kolben rostig.
Auf mich ist eine Pistole gerichtet, obwohl ich nicht sehe, vorher sie kommt.
Unten auf der Straße marschiert eine Armee von cybernetisch aufgerüsteten Menschen, während ein Verrückter aus einer Telefonzelle, in die ein altmodischer Sportwagen gekracht ist, fällt und sein Partner mit einem flammenbewehrten Gehstock auf die Veränderten einschlägt.
Diese Dinge sind nichts für mich, denn ich muss meinen eigenen Kampf ausfechten, bei dem ich zusehens die Waffen verliere. Alle Krüge brechen, aus ihnen fließt eine zähflüssige, rote Masse, die nach Sperma riecht und wie Blut aussieht. Kleine Insekten steigen an die Oberfläche, breiten ihre Flügel zum trocknen aus und schwärmen aus.

100 Meter unter dir: Kampflärm und Medikamentenmissbrauch.
Alles Gesagte mutiert zu grässlichen, fleischfressenden Dinosauriern, die in ihrer eigenen, heiseren Sprache rappen und sich gegenseitig verletzen. Ein Urmonster nach dem anderem wird aus den Dingen, die einst heilig waren.
Nicht einmal mehr das ewige Feuer brennt, wo ihr einst saßt und über Rasur gesprochen habt.

Es gibt keinen Grund mehr, zu kämpfen. Es gibt überhaupt keinen Grund für das Ganze. Man hätte diese Worte nie sprechen dürfen, nicht einmal denken. Du stehst auf dem Rand. Eine kleine Mauer, 5 cm höher als das Dach. Hinter dir der Abgrund, aus dem noch immer merkwürdig futuristischer Lärm zu hören ist.

Du stellst eine letzte, verzweifelte Frage.
In der Zeit zwischen deiner letzten Silbe und ihrer Antwort schwingt das Pendel in Paris einmal in und her. Du kannst es hören, vor einem innerem Auge sehen, die Luftbewegung spüren, du fühlst es in jeder Zelle deines Körpers. Vom Chor der Abteikirche von Saint-Martin-des-Champs im Conservatoire des Arts et Métiers in Paris bis zu dir, auf diesem gottverlassenen Dach hoch oben über der Stadt voller Tod und Mikrochips dringt die Botschaft der völligen Klarheit. Du erkennst, wirst erleuchtet, atmest mit einem Male alles ein, was zu wissen gilt. Dein Gehirn kristallisiert für einen Moment zu einem vollkommenen Diamanten, und für diese kurze Sekunde ist für dich alles so schrecklich und furchtbar durchsichtig, dass du ihre Antwort nicht einmal mal abzuwarten bräuchtest.

Das einzige, was jetzt noch bleibt,
Nachdem sie den Mund geschlossen hat, springst du.

Ein Zeppelin fängt dich auf. Du fühlst dich wie Luke S., die Szene sieht in deinem Kopf so aus, als hättest du auch gerade deine Hand verloren. Dabei warst du kaum fünf Minuten bewusstlos.
Das Pendel wird schwächer. Der Kurs ist nach Island gesetzt.

Badezimmer

Sunday, March 2nd, 2008

Das Badezimmer ist viel zu hell jetzt. Früher waren die Fliesen rosa und das warme, aber schwache Licht über dem Spiegel ließ einem das eigene Spiegelbild wie ein Polaroidfoto erscheinen, wie weich gezeichnet.
Es ist warm, als du herein kommst, einen großen Krug Tee in der Hand, obwohl du sie erst vor wenigen Minuten eingeschaltet hast. Du fragst dich kurz, wieso das Badezimmer so schnell heiß wird, während die Heizung in deinem Zimmer nur blubbert, das Zimmer aber ewig kalt bleibt.

Die Gedanken wirbeln wild durcheinander. Unerfülltes Sexualleben prallt gegen wiedergefundene Gedichte. Du liegst im Bett und wünschst dir, sie würde neben dir liegen, obwohl dort überhaupt kein Platz ist. Merkwürdige Flugblätter über vermisste Hunde. All deine Wünsche bedeuten nichts, denn du wünschst sie nicht wirklich. »Es ist einfach nur langweilig.«, meint sie und du weißt nicht, was du sagen sollst. Dazwischen die Flucht vor den eigenen Eltern, wie aus einem dieser Drogenbücher, die man in der Schule lesen musste. Unwirklich, ihre Stimme am Telefon. Du wolltest vorlesen. Die Sterne verschwinden im Regen, der alles verschluckt. Jetzt ist der Winter schon wieder fast vorbei. Sie spielt mit dem Gedanken, dir Texte zu zeigen. Das ist fast so gut wie Sex. Mit Zwanzig hat niemand mehr Illusionen. Du weißt noch, dass du geträumt hast, aber die einzige Erinnerung ist eine karamellfarbene Pampe, die wie aus einem Fleischwolf gepresst durch deinen Kopf zieht. Ein verwischtes Bild, auf in Großbuchstaben mit eben dieser Pampe »SEX« geschrieben steht. Alles unklar. Vielleicht ging es auch nur um Geld. Der Frühling, der Sommer, er wirkt bedrohlich. Unfälle auf den Vogelfelsen irgendwo am Mittelmeer. Wie lange kannst du dir das alles noch anhören?

Der Spiegel wirkt wie ein scharfes Messer, das die unbarmherzige, haarige Realität hervorzeigt. Vielleicht sehen alle anderen durch deine Kleider hindurch, erkennen das Monster, das sich darunter verbirgt, und das ist der wahre Grund. Das wäre nett, immerhin kannst du wenig dafür und bist dennoch Schuld. Das warme Badewasser lässt dich alles vergessen. Ein Krug voller Tee und ein Buch mit melancholischen Kurzgeschichten.
Dies ist der Himmel. Für kurze Zeit.

[0402082008]

Wednesday, February 6th, 2008

»Musik«, denkst du, »Ich kann keine Musik mehr hören!«, und der Gedanke klingt als würdest du über irgendetwas reden, mit dem du dich überfressen hast.
Trotzdem ziehst du sofort die Kopfhörer an. Abschottung um jeden Preis. Eine dünne Schicht Geräusch umgibt dich wie eine schützende Fruchtblase. Abkapslung von der akustischen Realität. Vor allem kein Geschwätz mehr. Nur noch stumme Bandansagen im Zug, stumme Klingeltondiskos von Halbstarken, stummes Großmüttergeschnatter und stumme Stammtischparolen. Die Welt ist sehr viel erträglicher so. Wie immer, wenn man sich seine eigene Realität formt ?

Als du in den Zug gestiegen bist, hat dich ein Mädchen angesehen. Auf den ersten Blick zu jung, und du kannst nicht einmal sagen, was dieser Blick denn jetzt heißt. Auf jeden Fall scheint da irgendeine Form von Interesse zu sein. Aber du siehst dir auch immer die Junkies am Bahnhof mit einer gewissen Form von Interesse an. Du könntest dich sofort setzen, es gibt genügend freie Plätze, aber nein, du musst an ihr vorbei. Nur, um diesen Blick nochmal zu sehen. Egal, was er heißt. Das ist weder romantisch, noch neugierig, das ist einfach nur furchtbar egozentrisch ? und damit schon fast wieder arm.

Das Klicken von elektronisch per Chipkarten gesteuerten Türen. Schließen.
Déja-Vue. Déja-Entendu wohl eher. Kurze Haare, orange Rahmenbrille.
Das Bett gegenüber. Wieder eine Erinnerung. Die schlimmste Nacht deines Lebens.
Du hast die Brücke über den See damals nicht gefunden gehabt.
Dieses Mal sollte alles anders sein. Keine Versuchung, kein Drama.

Und all die Sinnlosigkeit summiert sich in einem einzigen langen Tunnel, durch den der Metawurm sich frisst. Diesmal ist es eher eine Made. Die Dunkelheit wirkt nicht einmal mehr bedrohlich. Alles ist so seltsam klar, als ob man die Welt durch eine frisch gewaschene und auf Hochglanz polierte Scheibe sieht. Oder wie mit eklig glänzender Gelatine überzogen.
Im Hintergrund artikuliert jemand laut Buchstaben, die Musik wirkt immer unheimlicher, während die Realität zu Kunstharz zerfließt und erstarrt. Geschmolzene Bakelittelefone pflastern den Weg des Autors, der jetzt völlig übergeschnappt ist.

Gibt es Einhörner?

Tuesday, January 8th, 2008

Ich sitze in einem Konzertsaal und lausche einem klassischen Musikstück. Musik, von der ich nichts verstehe, die mich aber trotzdem irgendwie beflügelt. Außer mir ist niemand hier. Ich sitze alleine in diesem riesigen Raum, während das Orchester spielt, als wäre der Saal voll. In Neonbuchstaben leuchtet der Name des Komponisten und des Stückes über der Bühne. Ich kann mit dieser seltsamen Mischung aus Symbolen und Zahlen nichts anfangen – der Name des Komponisten scheint nur aus Sonderzeichen zu bestehen. Hier sollte meine Bühne sein.
Hier sollte ich als Hamlet, Othello, Kaufmann, Tod, Orpheus stehen.
Hier sollte mein Blut vergossen werden, hier sollte ich heiraten, hier sollte mein Drama stattfinden.

Irgendwo dröhnt ein billiger Kühlschrank. Vielleicht ist es auch nur das Surren eines Fernsehers auf dem Videokanal ohne Signal.
Hintergrundrauschen aus dem All. Die Verbindung zu Alpha Centauri ist schlecht, ich höre ständig meine eigene Stimme. Das andere Ende der Leitung versteht mich kaum. Im Radio: Billiger Telefonsex, während die Moderatoren auf den Tischen tanzen.
Diesmal rettet dich keine Atombombe. Diesen Alptraum musst du ganz alleine austrinken. Wie Bier mit zu viel Schaum.
Wollte sie dich betrunken machen? War das ihr Plan? Deine Zunge lockeren, um sie letztendlich zu verschlingen?
Dieses Blasinstrument sollte mit furzen aufhören, das würde ihm gut tun. Blähungen sind ein ernsthaftes gesundheitliches Problem, dem in unserer Gesellschaft viel zu wenig Achtung geschenkt wird. Verkaufen sie deshalb noch heute ihre Seele und erhalten sie ein zweites Gehirn gratis dazu!

Ist dies eine Folter, oder soll ich tatsächlich noch länger in diesem Traum bleiben? Der diabolische Dr. Faust hat sich mit anderen Superschurken verbündet, um meinen Schädel mit ihren antiken Folterinstrumenten zu öffnen und mein Gehirn zu untersuchen. Vielleicht pflanzen sie Chips ein, um meine Hände zu steuern, während ich schlafe?

Der Held der Oper tritt vor, fällt auf die Knie und bittet seinen Gott um Erlösung.
»Dein Wille komme, oh Spongebob!«
Statt mir trifft ihn eine Erscheinung und sein Geiste klärt sich auf. Große Schuppen fallen ihm aus den Augen. Ein Team von Sanitätern stürzt von beiden Seiten auf die Bühne, wischt den Schaum vor seinem Mund mit einer übergroßen Klobürste ab und zieht die Schuppen mit chromglänzenden Apparaturen aus dem Auge des Heldens. Es stellt sich heraus, dass er ebenfalls seine Kontaktlinse verloren hat.
Ein Gott fällt aus der Reinigungsmaschine, die irrtümlicherweise schon auf der Bühne stand. Er torkelt, offensichtlich betrunken, in den Orchestergraben und fällt in die Tuba, die dennoch nicht ihren Einsatz verpasst. Pflichtbewusst bis zum Ende.
Der Tumult auf der Bühne löst sich auf. Der Held, nun erleuchtet, kleidet sich in nacktes Segeltuch. Es scheint nicht zu kratzen.

Wieder flammen Buchstaben über der Bühne auf. Ich verschlucke mich an einer Erdnuss. Dies sollte meine Bühne sein!
Hier sollte mein Drama stattfinden!
Der schwarze Block erklärt sich solidarisch und stürmt den Konzertsaal. Im Orchestergraben leichter Applaus, ohne dass jemand seinen Einsatz verpasst. Einzig die Musik ist nicht wahnsinnig geworden. Dr. Schiwago spielt Simultanschach mit einer Herde Einhörner, während der Held noch immer von seiner Erleuchtung singt. Großartige Landschaften überlappen sich mit dem Gemetzel aus einem Sandalenfilm. Man projeziert zwei, drei, vier Filme über- und nebeneinander, um den Zuschauer zu verwirren. Aber war ich je nur Zuschauer?
Die Sitze beginnen zu brennen, der schwarze Block hat die Philharmonie zum Einsturz gebracht. Säule um Säule kracht dumpf im Hintergrund. Das Orchester spielt weiter. The show must go on. Der Held, einsam wie ich selbst, ein Spiegelbild nunmehr, singt noch immer, während die Ruinen um die Bühne zu wuchern beginnen. Ich muss keine Angst haben um meinen Kragen, man hat ihn mir chirurgisch entfernt.
Ich warte. Auf das Ende. Auf einen weiteren Gott aus dem Nassstaubsauger.
Die Tage der Wut beginnen.
[Notiz des Autors an sich selbst: Eigentlich wollte ich ein Gedicht schreiben. Sei's drum.]

Wirre Gedanken, Layoutverbesserungen und Poesie

Tuesday, January 8th, 2008

Ich will von keinem, der nicht Naked Lunch oder ein ähnlich wichtiges Buch der Beat Generation gelesen hat, irgendetwas über Interpunktion hören. Vor allem nicht bei fremden Texten. Ich persönlich bin nach wie vor nicht glücklich, wenn man meine Texte auf ihre Rechtschreibfehler oder orthographischen Ungenauigkeiten reduziert – oder diesen Eindruck erweckt, weil man nur darüber kommentiert, aber ich bin eigentlich froh über jede Hilfe und Hinweise, sollte ich irgendwelche Fälle falsch benutzen, Kommataregeln missachten oder sonstwie nicht ganz richtig schreiben, aber wenn ich um Kekse und Fairness bitte und das erste, was kommt, sind Hinweise auf Kommata, dann macht mich das als der, der da eine Plattform zur Verfügung stellt, ein wenig traurig. Über Lesbarkeit und Abschnitte kann man diskutieren, generell sollte man aber erst einmal davon ausgehen, dass ein/e AutorIn weiß, wieso ein Text so aussieht, wie er aussieht.

Ich frage mich, ob der Abschnitt da oben gerechtfertigt ist oder nicht. Darf ich Kritik an meinen Gästen kritisieren? Es ist ja nicht so, als ob diese Dinge nicht »gerechtfertigt« wären oder nicht gesagt werden dürften. Mich stört es nur, wenn es das einzige ist, was man zu einem Text zu sagen hat oder dieser Eindruck erweckt wird. Gute Intentionen können so leider oft in dem sprichwörtlichen falschen Hals landen, vor allem klingen nett gemeinte Ratschläge manchmal so, als würde man die Person nicht ernst nehmen oder für ein Kind halten – was dann eher kontraproduktiv ist. Anderseits habe ich oft genug Texte, zu denen niemand etwas sagt, wieso auch immer.

Vielleicht sollten wir uns alle jeden Morgen nicht nur das hier sagen, sondern auch dieses Video hier ansehen. Vielleicht würde das uns alle daran erinnern, dass wir alle nicht ganz normal sind und wir uns darauf konzentrieren sollten, Neues und Schönes zu schaffen. Denn auch wenn dieses Blog auf den Grundfesten der Seelentherapie steht, so weiß ich, dass es kurze Momente gibt, in denen ich schöne Dinge erschaffe, vielleicht gerade deshalb, weil ich mich selbst therapiere, disassembliere, verschlüssele, permutiere, mit den Wörtern und Metaphern jongliere, würfele und wie so lange schüttele, bis etwas dabei herauskommt, was mir gefällt. Vielleicht wäre eine Welt, in der jeder, wenn er aufsteht, sich sagt, dass er an diesem Tag etwas Schönes schaffen will, eine bessere.

Bleibt noch die Meldung, dass ich die Textbreite geändert hat. Die Magie von CSS sollte jetzt bewirken, dass die Textbreite immer 60 Prozent der Fensterbreite ist, was die aufgetretenen Probleme bei kleineren Auflösungen und Nichtvollbildmodus lösen sollte. Zumindest, bis ich eine Smallscreen-Version bastele.

Eigentlich wollte ich ein Gedicht schreiben, aber das habe ich einfach mal gestrichen. Ja, ich beschließe, ein Gedicht zu schreiben und mache dann ein Wordpressfenster auf und beginne zu tippen.

In the shadow of the war propaganda machine

Friday, December 21st, 2007

Ich sitze im Schatten der großen Kriegspropagandamachine, sammele leere Patronenhülsen und stelle sie wie russische Puppen ineinander. Ist mein Leben wie diese Schalen? Ineinander verschachtelte Hüllen einer einst tödlichen Mischung? Irgendwo spielt ein schlechter Pianist auf einem ungestimmten Flügel Weihnachtslieder. Ich war schon einmal an diesem Ort. Déja-Vue ohne Déja. Ich überlege, ob es Hitze oder Kälte ist, die mich umbringt. Meine Gefühle kleben an mir wie ein schweißnasses, braunes T-Shirt. Ob es mir besser geht, wenn ich meine Gedärme an einer langen Angelschnur aus mir rausziehe?

Diese Maschine macht mich verrückt. Irgendwo liegt ein automatisches Gewehr.
Es ist entsichert, nur für den Fall, wo.
Wenn alle Stifte versagen, muss ich mit meinem Blut weiterschreiben. Aber oxidiert das Eisen darin nicht sofort? Die Türen schliessen zwei Minuten früher, luftdicht. Dann werden die Passagiere mit dem Geruch von billigem Essen betäubt, bis sie ihre Sünden gestehen und sich in neun Klassen (nach Dante) setzen. Es wäre wirklich schade um das Papier, wenn das Blut oxidieren würde. Braunes Geschmiere, ohne wirklichen Sinn und Zweck, und das alles, weil der Autor einen an der Waffel hat/sich keine Tinte leisten kann/das für ein nettes Motiv hält.
Die Iraner haben waffenfähiges Plutonium aus Zigaretten angereichert. Wie schlimm kann das sein, wenn wir nicht einmal Türen auf und zu machen können? In einem Radius von 2 Metern vom Epizentrum, Ground Zero, schmilzt alles zu Gold, meldet das Radio mit stoischer Beharrlichkeit. (Gibt es zu, du wirst “stoisch” nachschlagen müssen, ehe du publizierst!) Die Ketten der Maschine sind ruhig, aber sie wird weiterfahren. KA-BOOM, mein einziger Glaube. 92: die heilige Zahl. Alle Generäle sind Priester, der Gott ist kein rachsüchtiger, sondern bloß totbringend.

Ein Lichterfaden in der Dunkelheit. Sie testen neue Flugzeuge. Diesmal werden sie mich erwischen. ich muss mich meiner Därme entledigen. Ohne Verdauung riechen mich ihre Sensoren nicht. Die Idee für zukünftige Dikatoren: den Chip in sensibles Nevengewebe einpflanzen. Da helfen auch keine langen Nägel mehr.
Zurück zu mir. Ich spiele weiter mit den Patronenhülsen, wie ein kleiner Junge. Alles nur noch Symbole. Jede Begegnung birgt neue Hoffnung. An das Ende des Gespräches kommen. Antarktis. Der strahlenfreie Kontinent. Pinguinfleisch und Schmelzwasser. Das beste Essen der Welt, zubereitet von zwei Roboterhänden in einem Wohnwagen. Winnie Pooh war ein Gin Tonic. Wie, sie haben keinen Kirschsaft? Drecksäcke! Ich fackele die Bude ab!

Mir bröckeln Stücke aus der Nase. Rohes Muskelfleisch quillt aus meinem After. Die Machine hat mich von Innen aufgelöst, wie mit Säure. Ein Mann mit Stock rettet mich im letzten Moment. Es ist Gandalf, der Sänger dieser Popband, der ständig Kaugummi schluckt. oder habe ich ihn mit jemanden verwechselt? Pass auf, dass dir kein Horn as der Stirn wächst, sagt er zum Abschied. Ich prüfe jeden Tag im Spiegel, aber am Morgen ist das Licht so fahl, dass ich lieber nicht zu oft daran kratze. Elektrisches Blitzen. Sie werden die Bombe werfen, ich werde zu Gold schmelzen und ewig davon träumen, zwischen Grabsteinen zu küssen.

Eine Allee aus Obelisken. Gigantische Phalli, voller Symbole der alten Götter und Helden. Ich will einer von ihnen werden. Apotheose. Schmelzen zu Gold. Zwei Engel heben dich empor, formen dich nach dem goldenen Schnitt. Du bist Adonis, du bist Venus, du bist Herakles, du bist Odysseus. Du bist Tim und Yoda. Der Gang über den roten Teppich, dabei Blitzlichtgewitter. Jeder einzelne so hell wie eine Atombombenexplosion. Abbdrücle deiner Hände, Füße und Genitalien in Gips für den Walk of Fame. Er ist geothermiegeheizt. Alle knien vor dir nieder. Du erblickst unter ihnen auch Einstein und Hendrix, beide mit einer Fender Stratocaster. Zeichen und Gesten der Ehrfurcht überall. Zwei pausbäckige, nackte Engel mit kurzen Flügeln krönen dich mit einem Lorbeerkranz aus kristallisiertem Uran.

Als ich erwache, bin ich noch im Vollbesitz meiner Gedärme. Ich sehe nur Schatten. In der Ferne dröhnt ein Dieselmotor.