a.synchron

Monday, June 21st, 2010

photo cc by Alex Barth

Kopfschmerzen.
Die Tür der Bahn schloss sich hinter Greg. Er lächelte innerlich darüber, dass die „Untergrundbahn“ auf dieser Strecke in Wirklichkeit über den Dächern der niedrigen Althäuser fuhr. „2 Stationen, dann umsteigen“, projizierte ihm sein Retinadisplay auf die Netzhaut. Noch hatte sich sein Körper nicht auf den Takt der Stadt eingestellt. Alles hier schien fremd, in ungewohnter Geschwindigkeit. Obwohl die städtischen Taktgeber ständig Signale abgaben, würde er mindestens noch einen halben Tag brauchen, um sich wieder intuitiv durch die Transportsysteme zu bewegen. Sein Herzschlag war noch zu schnell, seine Atmung zu langsam.
Ob die ständig geringer werdende Asynchronität jemandem auffallen würde?

Er selbst hatte schon Menschen beobachtet, die tagelang den Synchronisationsschock in einer fremden Stadt nicht verkraftet hatten. Schlechte Hardware und möglicherweise Restalkohol im Blut ließen diese traurigen Gestalten ihre Antennen ständig neu ausrichtend durch dunkle Gassen torkeln, ohne je den Puls der Stadt zu fühlen. Er wusste, dass die Baummenschen, die Hunderte von Jahren in den Wäldern lebten und sie pflegten, in der Stadt kaum zu Recht kamen, vor allem nicht in den schnellen Städten Südostasiens. Zu sehr waren sie an ihre hölzernen Gefährten gewohnt, deren Lebensrhythmus sie imitierten, um sie versorgen zu können. Er erinnerte sich an einen grünhäutigen, bärtigen Mann, der unglaublich klare und wohl formulierte Worte gesprochen hatte, es aber nie geschafft hatte, auch sich auch nur ansatzweise dem Stadtpuls zu nähern.

Verwirrt starrte er auf die graue Stadt, die an ihm vorbei zog. Klare Gedanken fassen war schwer, vor allem in seinem Zustand. Die Müdigkeit noch im Endoskelett, Giftstoffe abbauend – und als wäre das noch nicht genug kam auch noch dazu, dass er bewusst darauf achten musste, rechtzeitig aus zu steigen und die richtigen Wege zu gehen.

Er fasste sich an den Kopf. Als ob das die Kopfschmerzen irgendwie lindern würde. Seine linke Hand glitt währenddessen in seine Hosentasche. Bis auf einen Fetzen Papier, der wohl mit gewaschen worden war, war sie leer. Außerdem hatte sie ein Loch. Genau wie seine Unterhose, wie er peinlich bemerkte, als sein Finger seinen Hoden berührte.

Der pochende Schmerz hinter seiner Stirn schien langsam den Takt der Stadt anzunehmen, als er, so gerade nicht stolpernd auf den Bahnsteig ins Freie stieg.

Watchtower (IV)

Thursday, July 30th, 2009

watchtower4

Lange ist es her, dass ich einen Beitrag in der Watchtowerserie veröffentlicht habe. Schön, dass sich jetzt dank sterbender Harddisk alle Blogbeiträge, hinter die ich ein Sternchen gesetzt habe, verschwunden sind. Aber jeder Neuanfang birgt auch Chancen. Ich mag es, frische Betriebssysteme mit meinen Erkenntnissen aus früheren Desastern neu zu bestücken und nur Software zu installieren, die ich wirklich brauche. Was Blödsinn ist, denn schon bald wird meine Festplatte wieder zugemüllt sein mit Entwicklerversionen von Firefox oder modifizierten Chromeversionen, die keine Daten an Google übermitteln.

Obwohl es eigentlich schon fast unmöglich war, es zu übersehen, möchte ich das wunderbare Blog Fancy Fast Food dennoch verlinken. Weil ich es subversiv finde. Nicht immer unmöglich: Science Fiction. Über die Physik des Unmöglichen schreibt Michio Kaku, Luxemburgern bestens bekannt aus ihrem ersten oder zweiten Englischbuch.

Über das Blog I heart digital life habe ich heute zwei interessante Links gefunden, einmal Wie vermeide ich es, rassistische Artikel (für die Wikipedia) zu schreiben, über den man sicherlich diskutieren und nachdenken kann und sollte, und Hacking the spaces über Hackerspaces und ihre Rolle im Kapitalismus beziehungsweise der Gegenkultur.
Wer könnte sinnbildlicher für den Kapitalismus stehen als Mickey Mouse? Wie Disneyland in einer dystopischen Steampunkrealität aussehen würde, kann man hier bei boing boing offworld sehen.

Ich habe gestern neue Schuhe bekommen und habe mir blöderweise die Achillesferse (oder so) aufgeschrubbt, weil ich der Meinung war, es wäre eine super Idee, ohne Socken den Initiallauf zu absolvieren. Dumme Idee. Da gefällt mir dieses Paar, mit dem man einen MIDI-Controller kontrollieren kann, doch schon viel besser. Passend dazu: Kokosnuss-Kopfhörer!

Als letztes dann noch ein Link für Liebhaber der Typografie: Ein Schriftartenerkenner.

Photo cc by Rutger Blom

Befindlichkeit (Drang)

Saturday, April 25th, 2009

befindlichkeit-kabel

Der Drang zu Schreiben überfällt dich bei dem Anblick des trostlosen Bahnhofs.
Eine Welt in Grautönen.
Pützen, Asphalt und Stahlbäume an denen die Früchte der Angst wachsen.
Wachsende Überwachung für wachsende Angst.
Darüber Kabelgewirr, dass diese Welt zusammenhält, dicke Nervenbündel, damit es stets hell für “Gottes” Auge ist.
Beruhigend nur, dass es keine Verschwörung gibt.
Aber: Schreiben wollen? Gerade jetzt? Es könnte so schön sein, alles könnte mit Ruhe und Ungemütlichkeit über die Bühne, die die Welt bedeutet, gehen. Vielleicht ist es auch mehr: Schreiben müssen.
Mit dem Hochdruckreiniger ins Ohr, den ganzen Schmutz und Dreck und Schleim und Schmalz, gelb, orange und blutig aus dem Gehirn pusten, auf dass er durch die Luft fliegt und auf der Straße landet, die sogleich in Flammen aufgeht und zu einem blutigen Teersee schmilzt, in dem kleine süße Exkremente mit Kulleraugen schwimmen.

Die Vegetationszeit ist eigentlich nur sehr kurz. Ich habe trotzdem immer noch Hoffnung, denn Totgesagte sterben zu letzt.
Die Chlorophyllmenschen des bizarren Planeten Endoplasmaretikulum haben ihre Invasion begonnen, und nur eine Gruppe kann die Erde retten: zwei Nerds, eine Whiskyflasche und ein gut gesinntes Weichtier aus outer space, das in einem alten Satelliten wohnt.

Schwärze zieht auf, ein Augenfleck verdeckt die Sonne.
Was ist die Befindlichkeit des Landes?

(Photo cc by megat)