Schuhkarton

Sunday, July 17th, 2011

Ich hatte früher oft das Gefühl, in einem Schuhkarton zu leben. Das liegt daran, dass sich an gefühlten 300 Tagen eine graue Wolkendecke im Zeitlupentempo über meinen Heimatort schiebt. So eine Decke kann einem schon mal auf den Kopf fallen, vor allem dann, wenn der Heimatort eine Kleinstadt in Luxemburg ist, was die Freizeitmöglichkeiten relativ begrenzt.

Heute war wieder so ein Tag. Mein Zimmer in meinem Elternhaus, das ich momentan bewohne, sieht mehr oder weniger so aus, wie ich es verlassen habe. (Gut, aufgeräumter!) Fühlt sich an wie ein Museum meiner Jugend. Und in gewisser Weise ist es das auch, nur dass ich der einzige Besucher bin – oder gar ein Ausstellungstück.

Und dann sitze ich in diesem Museum, in diesem Schuhkarton und muss an Sonnenstrahlen denken, das durch die Blätter von Bäumen fällt, unter denen ich Äpfel gesammelt habe, um später daraus Saft zu pressen. Ich sitze zwischen all diesen Büchern und möchte zurück nach Hogwarts, nach Mittelerde, wohin auch immer. Ich vermisse die Leichtigkeit, mit der ich einst dieses Zimmer bewohnte. Ich vermisse die Schwere, die ich heute Pubertät nenne. Ich fühle mich fremd in diesem Zimmer, aber es gibt keins, das mit vertrauter sein könnte.

Könnte ich ein Buch, einen Ordner, ein Fotoalbum aufschlagen und ein, zwei Stunden in der Vergangenheit verbringen? Würde die Melancholie verschwinden?

Es gibt keine Rettung vor der Vergangenheit. Jeder Blick ins Regal: Gänsehaut.
Die Dinge um mich herum haben mich zu mir gemacht.
Ich weiß nicht, wie ich damit umgehen soll. Ich fasse den Plan, zwei Kisten zu machen, eine für Wien, eine für den Mülleimer. Auch das wird nicht funktionieren.

Und wie wird das erst in zehn Jahren sein?

Sternschnuppe

Wednesday, June 29th, 2011

Ich öffne die Balkontür, eine Grille zirpt mir entgegen und ich fürchte, in der Melancholie, die sich in mir anbahnt, ertrinken zu müssen. Ich muss an die Sommerstimmung Ende Oktober denken als ich in Gersthof auf die Straßenbahn wartete, an den düsteren November, in dem nicht einmal mehr Tee half, an die Hoffnungsschimmer, an die ich mich den ganzen Winter hindurch geklammert habe wie an unsichtbare Strohhalme. Die Ereignisse, Schweißnähte in der Erinnerung, jähren sich, ich hake sie in meinem geistigen Kalender ab. Zum Glück ist das Fensterbrett ein anderes, zum Glück steht ein Avocadobäumchen drauf, zum Glück ist der Winter, vor dem ich mich einst so fürchtete, längst vorbei.

Ich fuhr über den See, ganz alleine. Nur ich und mein Notizbuch. Über dem grauen See grauer Nebel, über dem grauen Nebel graue Wolken, aus den grauen Wolken grauer Nieselregen. Die Fähre als Eisbrecher, meine ewig kribbelnden Hände als Müller-Geigerzähler und in meinem Kopf nur die Gewissheit, dass dies keine Flucht war. Und ich schaffte es, ohne eine einzige Träne. Ich ließ mich am Ufer nieder, schlief unter den Sternen und wünschte mir, als ich eine Sternschnuppe sah einen so naiven Wunsch, dass er in Erfüllung gehen muss.

Auf dem Balkon, zu meiner Überraschung, keine Melancholie. Ich weiß nicht, wie ich damit umgehen soll. Ich weiß auch nicht, was ich davon halten soll, dass ich mich ein Stück weniger zu Hause fühle als noch vor einem Monat. Eine Grille zirpt ohrenbetäubend, es klingt wie weißes Rauschen, betäubend, fast schon still in seiner Lautstärke. Alles hat sich geändert und dennoch ist alles gleich geblieben. Der Sommer steht in seiner schwebenden Schwere als Wärme in der Nacht vor dem Balkon und flüstert verheißungsvoll. Ich frage mich, ob ich mich an Schwarzweißfotos erinnern werde, ob ich mir Gerüche merken werde. Ob ich das Meer sehen werde. Ich weiß es nicht. Manchmal ist das vielleicht das Beste.

photo cc by Luca Lorenzi

Fetzen, (un)zusammenhängende.

Monday, January 10th, 2011

Ich muss das alles aufschreiben, ehe ich es vergesse. Dies sind nur Eindrücke, die ich nicht zu einem Bild zusammensetzen kann, da die Geschichte dazu erst geschrieben wird.

Hippophae rhamnoides  cc-by-sa Jean Tosti

Ich stehe am Münchener Hauptbahnhof und rauche. Obwohl ich eigentlich gar nicht rauche, stehe ich am Rand von diesem Raucherquadrat, mit gelber Farbe auf den Boden aufgemalt und blase den Rauch heraus. In der linken Hand halte ich einen mittelgroßen Starbucks-Kaffee. Ich habe nur einen kleinen bezahlt. Der Kaffeeausgabefrau war es egal. Das viel zu süße Getränk des multinationalen Konzerns schmeckt gleich viel besser, wenn man weiß, dass man eben jenen multinationalen Konzern um ein paar Euro beschissen hat. Wohin geht meine Reise? Ich weiß nicht einmal wirklich, was ich in München tue. Was ich dort, wo ich hinfahren will, tun werde. Die ganze Unternehmung fühlt sich so hoffnungslos an, ich könnte gleich wieder nach Hause fahren.

Ich wache in einem fremden, zu kleinen Bett auf, entfernt von allen Fixpunkten. In diesem Zimmer, das die Traurigkeit eines gesamten Teenagerlebens atmet, wirkt plötzlich alles fremd, geradezu feindlich. Die Fenster sind leicht angelaufen, draußen Nebel. Einzig zu erkennen der Thuja. In seinen Wipfeln drei kleine Vögel. Ich kann nicht mehr schlafen, wahrscheinlich nie wieder.

Ich stehe auf meinem Balkon. Leichter Schnee fällt. Ich atme die kalte Winterluft ein. Vor meinem geistigen Auge sehe ich k. und Ky. gemeinsam im Bett. Im Hintergrund spielt Werner Herzog gets shot von Get Well Soon. Ich lächele. Alles ist in Ordnung.

Ich stehe in der Dusche und reibe die Sanddornseife an meinem Körper entlang. Mir wird erst während des Einseifens bewusst, dass der Geruch, der mir da in die Nase steigt, Sanddorn ist. Mein Mitbewohner trinkt morgens manchmal einen Cocktail aus Acidophilusmilch, Ahornsirup und Sanddornsaft. Es schmeckt, wie der Name klingt. Sanddorn. Wie Schleifpapier in der Kehle. Und dieser Schleifpapiergeschmack dringt in meine Nase, während ich in dieser Dusche stehe und mir nichts sehnlicher wünsche, als alles abwaschen zu können, vor allem Entfernungen.

In seltenen Momenten voller Klarheit, merkwürdig oft beim Zugfahren, denke ich, dass mir das alles egal ist, weil es Werte gibt, die wichtiger sind. Meistens ist es mir nicht egal. Meistens kribbeln irgendwelche Körperteile merkwürdig, das Nervenbündel unter meinem Magen meldet sich und ich weiß nicht, was ich damit anfangen soll. Rein rational ist ja alles in Ordnung. Aber kribbelnde Körperteile und Nervenbündel im Bauch lassen sich mit rationalen Gedanken kaum beruhigen. Und so taumele ich täglich zwischen Alpträumen, Wahnsinn und Klarheit.

In E. fühle ich mich, als würde ich in einem Museum leben. Ausstellungsstück in meinem eigenen Zimmer. Jedes Objekt erinnert an ewig weit weg scheinende Zeiten. Ich als Archäologe der eigenen Geschichte, noch ungeschrieben. Immerhin brauche ich weder Hut noch Peitsche. Ich soll die Sachen sortieren, in Dinge, die ich aufbewahren will und Abfall. Ich bringe die Kraft dazu nicht auf. Ich schaffe es ja schon kaum, das Archiv meines eigenen Blogs zu lesen, ohne mich wahlweise über mein früheres Ich zu ärgern oder “den guten alten Zeiten” nach zu trauern. Wie alt bin ich eigentlich? Ich muss über diese Frage kurz nachdenken. Das Internet weiß wie immer die Antwort, erschreckend genau. Zum Glück ist der Aufenthalt in E. nur temporär. Als die Flut kommt, flüchte ich.

Ich kann keinen Schlusspunkt setzen

photo cc by-sa Jean Tosti

Never love again.

Wednesday, December 22nd, 2010

Wenn ich in den Spiegel sehe, sehe ich nur Narben. Jetzt, da das große Seelenzeppelin so kurz davor ist, Segel zu setzen, muss ich mir diesen einen Satz hierhin schreiben, um mich daran zu erinnern, dass ich ihn – zumindest jetzt – für wahr erachte.
Never love again.
View in winter over Saltsjön (Salt water sea) from Katarinahissen (the Katarina Lift), built in 1883. The Old Town to the left and Skeppsholmen in the background.
Aber vielleicht stimmt das ja alles nicht. Aber in mir ist alles so voller Melancholie, die fast schon Verzweiflung ist, dass ich ein Dogma daraus machen will.

Seal my heart and break my pride,
I’ve nowhere to stand and now nowhere to hide,
Align my heart, my body, my mind,
To face what I’ve done and do my time.

Befindlichkeit (Drang)

Saturday, April 25th, 2009

befindlichkeit-kabel

Der Drang zu Schreiben überfällt dich bei dem Anblick des trostlosen Bahnhofs.
Eine Welt in Grautönen.
Pützen, Asphalt und Stahlbäume an denen die Früchte der Angst wachsen.
Wachsende Überwachung für wachsende Angst.
Darüber Kabelgewirr, dass diese Welt zusammenhält, dicke Nervenbündel, damit es stets hell für “Gottes” Auge ist.
Beruhigend nur, dass es keine Verschwörung gibt.
Aber: Schreiben wollen? Gerade jetzt? Es könnte so schön sein, alles könnte mit Ruhe und Ungemütlichkeit über die Bühne, die die Welt bedeutet, gehen. Vielleicht ist es auch mehr: Schreiben müssen.
Mit dem Hochdruckreiniger ins Ohr, den ganzen Schmutz und Dreck und Schleim und Schmalz, gelb, orange und blutig aus dem Gehirn pusten, auf dass er durch die Luft fliegt und auf der Straße landet, die sogleich in Flammen aufgeht und zu einem blutigen Teersee schmilzt, in dem kleine süße Exkremente mit Kulleraugen schwimmen.

Die Vegetationszeit ist eigentlich nur sehr kurz. Ich habe trotzdem immer noch Hoffnung, denn Totgesagte sterben zu letzt.
Die Chlorophyllmenschen des bizarren Planeten Endoplasmaretikulum haben ihre Invasion begonnen, und nur eine Gruppe kann die Erde retten: zwei Nerds, eine Whiskyflasche und ein gut gesinntes Weichtier aus outer space, das in einem alten Satelliten wohnt.

Schwärze zieht auf, ein Augenfleck verdeckt die Sonne.
Was ist die Befindlichkeit des Landes?

(Photo cc by megat)

Einschlafen

Sunday, December 7th, 2008

Meistens schlafe ich mit einem Hörbuch bzw. Podcasts mit Hörbuchcharakter ein. Ich bekomme nie sehr viel davon mit, höchstens zwei, drei Minuten, weshalb ich mit einer Folge von Dreiviertelstunde sehr lange komme. Allerdings heißt das auch, dass ich die Geschichte nicht unbedingt immer sehr aufmerksam verfolge.
Aber manchmal gibt es Nächte, da mag ich kein Hörbuch hören. Nicht, weil mich die Geschichte langweilt oder ich es nicht mag, mit einer Stimme einzuschlafen. Sondern weil ich mit meinen Gedanken alleine sein will.

Ich lege mir dann meistens ( ) von Sigur Ròs auf und meditiere beim Einschlafen und Betrachten der Bilder in meinem Kopf über meine eigene (Nicht)Einsamkeit nach.
Und darüber, dass es schon lange niemanden mehr gibt, an den ich vor dem Einschlafen denken könnte. (Es gibt wahrscheinlich keine Möglichkeiten, irgendwelche schmierigen Witze abzuwenden, deshalb bitte ich euch jetzt einfach so tun, als stünde hier etwas so mächtiges, das alle Zweifel über die Art des ” an-jemanden-denkens” auflöst.)

Und ich befinde dieses “Traurigsein”, diese Melancholie auf Kommando durchaus befreihend.

And all that could have been

Wednesday, August 6th, 2008

Du sitzt im Zug (mal wieder!) und denkst, dass du wieder etwas schreiben möchtest. Anderseits überwiegt das Gefühl, sich nicht mit der momentanen Situation beschäftigen zu wollen.

Dein Spiegelbild im Fenster wirkt fremd, eine andere Person, die du merkwürdigerweise auch bist. Eigentlich hattest du ein Hörspiel hören wollen, um nicht denken zu müssen und von einer menschlichen Stimme getröstet zu werden. Und dann: iPod auf shuffle, Entdeckungsreise durch die Musikgeschichte.

Bedeutet ein Frisurenwechsel irgendetwas? Vielleicht repräsentiert ein kahler Kopf auch die Leere in dir, unbewusst, unterbewusst, gewusst?
Wobei »leer« vielleicht auch nicht das richtige Wort ist.

Es ist einfach das Gefühl, das da etwas fehlt, die Sophia, die Muse, ein mythologischer Nordpol, zu dem du dich drehen kannst, während du deine atheistischen Gebete sprichst.
Als ob das erstrebenswert wäre. In Wahrheit sind doch da ganz andere Dinge, die sich viel mehr gewünscht werden. Oder? Eigentlich weißt du das selbst nicht so genau. Alles sind lose Enden und Puzzlestücke und Scherben und Blut und Gedärme.

Ich möchte mein Universum wieder aufbauen und lustige, einfache Sci-Fi schreiben, aber ich kann das nicht, weil weil weil…
(Notiz an mich selbst: Zar enthaupten. Vielleicht auch Mond und Sterne.)

Das foucaultsche Pendel im Conservatoire des Arts et Metiers in Paris

Du hast das Pendel gesehen und bist davor zurück geschreckt. Alles, was bleibt, sind grobkörnige Fotos und die Gewissheit, dort gewesen zu sein, es gesehen und gespürt zu haben.

Vielleicht ist das auch der Grund. Nachdem du die allerheiligste Reliquie deiner Mythologie gesehen hast, bleibt da nichts mehr. Es sei denn, du könntest die Welt im Innern eines gigantischen Kampfroboters retten.

Das Gefühl der Ungewissheit ist der Gewissheit des Ungefühlten gewichen. Einsame Autofahrten durch dunkle Wälder, wütend-traurige Gespräche über Sinn und Zweck und Schmerz und Narben und die Dinge, die hätten sein können.

Immer, immer wieder dieses Bild der Wegkreuzung irgendwo am Waldesrand in M., die stellvertretend dafür steht, dass man immer nur einen Weg gehen kann und dir Geschichten, die hätten sein können, Bände in unsichtbaren Universitäten füllen und jedes Mal ein Paralleluniversum bevölkern.

Alle Bibliotheken sind voll mit Büchern, die du nie lesen können wirst, voll mit Geschichten, die dein Herz nie berühren, deine Inspiration nie nähren werden.
Und dennoch möchtest du nur noch welche schreibe, um ein weiteres Regal zu füllen.

Lichter funkeln in der Dunkelheit. Tote Sterne oder weit entfernte Städte? Vielleicht letzten Endes das Gleiche: Orte, die du nie besuchen wirst.

Und dennoch geht die aussichtslose Reise zum Fixpunkt des Lebens weiter.

[0808042250]

Vergessen.

Sunday, January 13th, 2008

»Ich bin gekommen, weil ich bei quasi allem, was ich tue, an dich erinnert werde, weil jeder Gedanke an dich noch immer so schmerzt wie kurz danach. Ich könnte dich nicht einmal hassen, denn das würde bedeuten, dass ich diesen Sommer, den wir gemeinsam erlebt haben, vergessen müsste.«
Seine Stimme klang kratzig, als hätte er seit Stunden nichts getrunken. Dabei hatte er einen Moment davor kurz an seinem Tee genippt.

Er wollte nicht vergessen. Und gleichzeitig hatte er den Wunsch, eines Tages aufzuwachen und sich an nichts mehr zu erinnern, sie aus seiner persönlichen Geschichtsschreibung auszulöschen. Ein weißer Fleck auf der Landkarte in seinem Kopf. Aber das konnte nicht die Lösung sein. War es die Lösung gewesen, hierher zu kommen und ihr das alles zu erzählen?

Ina strich sich über die Arme. Hatte sie eine Gänsehaut? Sie sah ihn nicht an, während sie sprach, und ihre Haare verdeckten seine Sicht auf ihre Augen.

»Was aber willst du, dass ich dir sage? Was soll ich bitteschön tun? Wenn ich mich nach dir sehnen würde, hätte ich dir das gesagt, aber eigentlich war ich froh darüber, dass du aus meinem Leben verschwunden warst. Du warst weit weg, wie ein böser Alptraum am nächsten Tag, und das fühlte sich…«
Sie stockte einen Moment, strich sich wieder mit den Händen über die verschränkten Arme, holte Luft, ehe sie weiterfuhr: »Das fühlte sich richtig an.«

»Wieso?«
Die Frage kam aus ihm herausgeschossen, ohne dass er es wollte, scharf und mit naiver Wut und Unglauben.
Aber hatte er nicht bis vor letzter Nacht das gleiche gedacht und gefühlt? War er es nicht gewesen, der für sich entschieden hatte, keinen Kontakt mehr mit ihr zu haben?

Ina sah ihn verwundert an. Sie hatte sich wohl keinen so scharfen Ton erwartet. Die Anklage, die in seiner Stimme gelegen hatte, traf sie. Dann blickte sie wieder auf ihre Füße, weiter ihre Arme verschränkt, langsam mit ihren Zehen spielend.

cc by Meredith Greenwood

»Wahrscheinlich, weil ich nicht wollte, dass es weh tat, wenn ich an den Sommer dachte. Vielleicht wollte ich auch überhaupt nicht mehr daran denken, dass du je existiert hast, dass wir Zeit miteinander verbracht hatten, um keinen Schmerz zu spüren. Manchmal scheint es doch das Beste zu sein, alles zu vergessen.«

Vor unendlich langer Zeit hatte es eine Ina gegeben, die gesagt hatte, dass man nichts vergessen dürfe, auch nicht die schlechten Erfahrungen. Das war die Ina gewesen, in die er sich damals verliebt hatte. Eine Ina, die er noch nicht verletzt hatte.

Inas Freundin hatte sich bisher still verhalten, das Gespräch der beiden beobachtet und von Zeit zu Zeit geräuschlos einen Schluck Tee getrunken, vor allem während den Pausen, die dem ganzen etwas quälendes verliehen, als würde jeder den anderen mit einem Moment der Stille foltern wollen.
Doch jetzt sagte auch sie etwas, mit ruhiger, fast schon heiserer Stimme:
»Vergessen ist schlecht. Alte Menschen vergessen Teile ihres Lebens. Ihnen haftet eine Traurigkeit an, eine Melancholie des Nicht-Vergessen-Wollens. Auch wenn Erinnern Schmerz bedeutet, so ist es besser, als überhaupt nichts mehr zu wissen. Das, was wir erlebt haben, wird zu einem Teil von uns, und wenn wir es mit einem Menschen zusammen erlebt haben, wird dieser Mensch somit auch ein Teil von uns. Wie die Splitter eines Hologramms immer das ganze Bild enthalten, so enthält die Erinnerung immer ein Bild, eine Momentaufnahme dieses Menschen.«

Sie errötete leicht, weil Ina und er auf sie starrten und sie fragend ansahen. Sie wich den Blicken peinlich berührt aus und starrte weiter, wie beim Reden schon, aus dem Fenster, wo sich ein weißer Flaum vom Schneeregen auf die Welt legte, um dann wieder so schnell zu verschwinden, wie er gekommen war.

(Photo cc by Meredith Greenwood)

Ina.

Friday, January 4th, 2008

[Der Autor sitzt vor dem Bildschirm, löscht das Licht. Alles um den Text herum ist dunkel. Die Musik, god is an astronaut, vielleicht noch ein wenig lauter. Und dann lehnt sich der Autor zurück, ist mit den Gedanken wieder in der Badewanne. Der Text schreibt sich selbst.]

Wieso hatte sie ihn das alles gefragt? Wieso war sie freundlich, wieso stellte sie ihm solche Fragen? Sollte sie sich nicht bedroht fühlen und eifersüchtig ob seiner bloßen Anwesenheit hier sein? Er wusste, dass er so reagieren würde.
Er mied ihren Blick, schaute stattdessen auf den Grund seiner Teetasse. Ina mochte schwarzen Tee, sie trank nur diesen, in der kalten Jahreszeit oft literweise, hatte sie immer gesagt. Aber auch im Sommer hatte sie ihre Morgen so begonnen, noch vor der Morgentoilette.

Schritte im Treppenhaus. Nackte Füße auf Holzfußboden. Er sah Inas Füße wie in einem Film vor seinem inneren Auge, erinnerte sich genau daran, wie sie aussahen, wenn sie sie über diese Treppe, die er auch kannte, bewegten und wie sie, die hier jeden Quadratmillimeter kannte, alleine durch die Art ihrer Bewegungen die Herrschaft über dieses Haus bewies.

Er wusste, dass er die Konfrontation jetzt nicht mehr herauszögern konnte. Aber wieso war er jetzt noch hier? Wieso saß er mit seiner »Nachfolgerin« an einem Tisch und trank schweigend Tee? Er hätte schreien, toben, fluchen sollen, eine Szene machen, die Ina aus ihren sicherlich wohligen Träumen gerissen hätte – nur um dann wieder zu verschwinden, diesmal mit einer Flasche Tequila auf dem Beifahrersitz.

Das blutige Bild seiner eigenen Leiche in einem Autounfall zuckte für einen Moment vor seinem geistigen Auge. Er schüttelte sich wie nach einem zu großen Schluck hochprozentigem Alkohol.

Inas Freundin sah unschlüssig zu der geöffneten Küchentür. Sie überlegte wohl, ob sie die Überraschung ankündigen sollte oder nicht. Allem Anschein nach entschied sie sich für dagegen. Vielleicht wollte sie, dass Ina ihm eine Szene machte. Ihre Motive waren wie von Nebel umhüllt. Vielleicht hatte sie ihm deshalb Tee gekocht und ihm Fragen gestellt, um selbst wie im Wasserdampfnebel zu verschwinden, vor seinen Fragen zu flüchten. Er hatte ja nicht mal Gelegenheit gefunden, sich nach ihrem Namen zu erkundigen, so sehr hatte sie ihn überrannt.

Das Knarren der zweitletzten Stufe. Oder die zweite, wenn man hochstieg. Die Treppe zum Himmel knarrt auf der zweiten Stufe, hatte Ina ihm einmal während einer seiner ersten Besuche ins Ohr geflüstert. Es muss mitten in der Nacht gewesen sein. Einen Moment lang fragte er sich, was mehr schmerzte: Die Erinnerung oder das langsame Vergessen, bei dem alles neblig wurde, zu einem Brei aus Sätzen, Bildern, Sinneseindrücken, auf die man sich keinen Reim mehr machen konnte, die irgendwann keinen chronologischen Sinn mehr ergaben und schlussendlich zerbröckeltes wie uraltes, vergilbtes Pergament.

wooden stair cc by van Ort

Ina übersprang die erste Stufe nicht, wie sie es in Momenten der Euphorie oft getan hatte. Dann war das Klatschen ihrer nackten Fußsohlen auf den glatten Dielen des Flures deutlich zu hören gewesen. Sie musste noch müde sein. Eine lange Liebesnacht? Wieso war ihre Freundin denn schon auf? Gleich nach diesem Gedanken tat er ihn wieder als dumm weg. Als müsse man als Liebespaar immer gleichlang schlafen.

Er hielt die Luft an. Zählte die Schritte.

»Guten Morgen, Maus!«
Und dann stand sie da, im Türrahmen, mit dem Blick, mit den er so oft in ihrem Gesicht gesehen hatte, den er so geliebt hatte. Es war Hingebung und Verliebtheit, vielleicht sogar ein wenig Libido in diesem Blick.

[Der Autor zündet ein Räucherstäbchen an, löscht wieder das Licht und nimmt sich vor, wie ein Irrer zu tippen. Ob es er schafft, auch den bereits geschriebenen Text zu überarbeiten? Außerdem Husten und ein wenig Halsweh.]

»Wir haben Besuch, Ina.«, antwortete die Angesprochene in einem ziemlich schroffen Tonfall.
Inas Blick änderte sich ziemlich schnell. Es war nicht Wut, sondern eher Trauer, die sich zeigte. Sie sah nicht glücklich aus.

»Was machst du denn hier?«, fragte sie, emotionslos, geradezu kalt, während ihre Freundin ihr Tee ausschenkte und sie sich setzte. Sie trug ein übergroßes T-Shirt und Boxershorts.

Was sollte er antworten? Er wusste ja selbst nicht einmal mehr, wieso er überhaupt noch hier war. Wahrscheinlich, um seine Liebe zu ihr zu gestehen – aber was für eine Liebe war das, und welche Ina liebte er? Denn er wusste, dass sie nicht mehr jene Person war, die in seinen schlaflosen Nächten in seinem Kopf herumgespuckt war, dieser mystifizierte Engel, der nichts mit der Realität zu tun hatte, sondern ein normaler Mensch aus Fleisch und Blut, mit seinen Schwächen und Stärken.

»Ich weiß es eigentlich selbst nicht.«
Seine Stimme zitterte.
»Ich bin die ganze Nacht gefahren, um dich zu sehen. Ich wusste nicht, dass du mittlerweile eine Freundin hast. Tut mir Leid. Ich hätte das nicht tun sollen, ich hätte nicht einfach so hier auftauchen sollen.«

Ina trank Tee, setzte ihre Tasse nieder. Ein Geräusch in der Stille der Küche, beinahe schon erlösend. Mit jeder Sekunde ihres Schweigens verhallten seine Wörter weiter, so, als ob er nie gesprochen hätte.

Schweigen. Zwischen ihm und Ina hatte es manchmal Situationen gegeben, in denen Schweigen wie ein Heilmittel gewirkt hatte. In den seltenen Fällen, in denen sie an das Ende eines Gespräches gelangt waren, alle möglichen Gedankenfäden abgesponnen hatten und alle Diskussionen geführt hatten – das war meistens nur am Ende einer langer Nacht der Fall gewesen, hatten sie sich angeschwiegen. Es war ein durchaus behagliches Schweigen gewesen, ganz anders als das, was jetzt herrschte.

Er erinnerte sich an eine Autofahrt, die mit viel Gespräch begonnen hatte, und dann, als jedes Wort zu schwer und jeder Satz zu lang erschienen hatte, war das Schweigen ihre Medizin gewesen. Sie hatte mitten im Satz aufgehört zu sprechen, als sie gemerkt hatte, dass sie sich nur noch wiederholten, und er hatte nichts mehr gesagt. Nicht einmal mehr Musik war gelaufen. Das Ende der Kassette, das Ende der Wörter, nur noch Stille und Motorenlärm.

Ina hatte später gesagt, sie brauche das Schweigen manchmal, einfach nur, um nicht das Gefühl zu bekommen, reden zu müssen. Und sie wäre glücklich darüber gewesen auch einfach einmal die Stille genießen zu können. Anfangs hatte er das Gefühl nicht uneingeschränkt geteilt, vor allem da ihr Abbrechen mitten im Satz ihn im ersten Moment irritiert hatte. Im Nachhinein hatte er das Gespräch mit sich selbst geführt, sich auf seine eigenen Gedankengänge während der Fahrt geantwortet.
Auf die Frage, woran sie dann während dem Schweigen gedacht hatte, hatte sie damals nur mit einem Schulterzucken antworten können. Sie hatte es nicht mehr gewusst. Wie weiße Flecken auf der Landkarte ihrer Erinnerung. Vielleicht hatte sie sich so sehr auf die Landschaft konzentriert, dass sie überhaupt nicht mehr gedacht hatte.

Sie schwiegen noch immer. Die Geräusche des Frühstücks brachten eine merkwürdige Banalität in die Situation, ohne einen von ihnen in die Normalität zurückzuholen. Während eines kurzen Augenblicks blickte er Ina in die Augen. Sie hielt seinem Blick stand.
Fast kam es ihm vor, als zählte sie innerlich die Sekunden.
Eins, Zwei, Drei, Vier, Fünf.
Dann senkte er wieder seinen Kopf und sah in die Tiefen seiner Teetasse.
Sie biss in ein Brötchen, um sich kurz danach einen Rest Haselnusscreme mit der Zunge vom Mundwinkel zu lecken. Fast hatte er grinsen müssen. Manche Dinge änderten sich nie.

»Du spinnst.«
Das war das erste Wort nach diesem langen Schweigen. Sie sprach es nicht wütend aus, sondern fast liebevoll, als würde sie ihn necken wollen.

Er starrte sie an, unfähig, irgendetwas zu antworten. Zuerst einmal, weil er nicht wusste, wie ihre Worte genau gemeint waren, und auch, weil er keine Ahnung hatte, wie er auf solch eine Äußerung, egal, wie sie gemeint war, reagieren sollte.

[Der Autor hat einen bösen Hustenanfall und denkt sich, er sollte aufhören, ständig seinen Zustand zu beschreiben.]

»Ich weiß überhaupt nicht, was ich sagen soll. Du meldest dich über Monate lang überhaupt nicht, wohl auch, weil wir gesagt haben, wir würden das mit dem Kontakt erst mal eine Weile ruhen lassen, und dann stehst du an einem verregneten Morgen hier in meiner Küche und erzählst mir, du seist die ganze Nacht zu mir gefahren und wüsstest selbst nicht, warum. Du spinnst. Aber ich kann dir nicht einmal wütend sein.«

»Du hättest aber guten Grund dazu. Ich bin einfach hierher gekommen, ohne mich anzumelden, störe euch beide beim Frühstück und erwarte auch noch, dass du mir die Antwort lieferst, wieso ich denn zu dir gekommen bin.«

Ina blickte ihn mit großen Augen an. Er mochte ihre Augen, besonders wenn sie irgendwelche Grimassen damit schnitt. Sie hatte eine besondere Art in der Beherrschung ihrer Mimik, was sie immer besonders ausdrucksstark erscheinen ließ.

»Ich kann dir nur sagen, was ich vermute. Ich denke mal, du bist noch nicht wirklich über diese lange Zeit und ihr abruptes, unschönes Ende hinweg. Genauso wenig wie ich. Und du hast wahrscheinlich keine Arme gefunden, in denen du Zuflucht suchen kannst. Und jetzt bist du gekommen, um mich erneut in den Arm nehmen zu können.«

Mit einem Male fühlte er sich sehr behaglich und zugleich merkwürdig unerwünscht auf diesem Stuhl in dieser Küche, die so voller Erinnerungen und Gewürze war. Er fühlte sich durchschaut und unverstanden zugleich.

(Photo cc by van Ort)

Türschwelle

Tuesday, December 18th, 2007

Sie hatte also eine Freundin.

Das war neu für ihn. Er hatte schon immer gewusst, dass sie bisexuell war und auch schon mit Frauen zusammen gewesen war, aber für ihn war das mehr ein reizvolles Geheimniss gewesen als eine Tatsache, der er viel Beachtung geschenkt hatte. Er war nie auf andere Mädchen eifersüchtig gewesen, sondern immer nur dann, wenn sie einem anderen Typen zu lange in die Augen gesehen hatte.

Das Mädchen, oder die Frau – er hatte noch nie gewusst, wie er die beiden Begriffe voneinander trennen sollte, da es für ihn eine Gefühlssache war, wie er diese beiden Wörter verwendete, und Frau passte einfach nicht – es war aber das Wort, das beschrieb, wie die beiden sich wahrscheinlich sahen: als Frauen, sprach:
»Hallo? Du willst bestimmt zu …«
In ihrer Stimme lag Wärme, und trotzdem fiel er ihr ins Wort. Er war unbeherscht, er wollte sie sehen, er wollte vor ihr auf die Knie fallen, er wollte sein verrücktes Vorhaben in die Tat umsetzen. Das Mädchen war dabei bloß ein weiteres Hinderniss auf seiner Odysee.
»Ja. Wo ist sie?«
»Sie schläft noch. Komm doch rein, du hast bestimmt eine lange Reise hinter dir?«

Wusste sie, wer er war? Wieso war sie so freundlich zu ihm? Er hätte jeden Verehrer vor die Tür geschmissen, ihm gesagt, er solle seine Verrücktheiten unter der kalten Dusche oder im Schneeregen noch einmal überdenken. Und sie, dieses Mädchen, das jeden Grund gehabt hätte, misstrauisch zu sein, liess ihn einfach so herein? Noch dazu in ein Haus, das nicht ihr gehörte?

»Sie hat mir Fotos von dir gezeigt, deshalb weiß ich, wer du bist. Mit langen Haaren hast du übrigens besser ausgesehen.«
Wieder dieses Lächeln. Wäre die Situation nicht so absurd gewesen, wäre er vor diesem Mädchen ebenso dahingeschmolzen wie damals, im Frühling, als er das Ziel seiner Reise kennengelernt hatte.

Er trat wortlos ein, versuchte, zu Lächeln und bemerkte, wie ihm unwillkürlich ein wohliger Schauer über den Rücken lief. Die wunderbare Wärme dieses Hauses löste fürs Erste keine Erinnerungen aus, sondern Wohlbehagen. Er mochte die hellen, warmen Farben, den knarrenden Holzfußboden und die alten Möbel, wie die Kammode, die im Flur stand, und wo er, ohne es Recht zu bemerken und seiner alten Gewohnheit folgend, seine Schuhe auszog.

Dann erst setzte der Schmerz wieder ein. Es fühlte sich an, als ob man nach langem Aufenthalt in der Kälte in ein warmes Zimmer kommt und die Fingerkuppen zu schmerzen beginnen.

Die Unbekannte ging in die Küche, und er folgte ihr, ohne sich etwas anmerken zu lassen. Er hatte wohl ihr Grinsen gesehen, als er seine Schuhe ausgezogen hatte, wollte aber nichts sagen. Was denn auch? Unwillkürlich starrte er ihr auf den Hintern und sah dabei wieder die Trainingshose.

Er konnte sich ganz genau an die Situation erinneren, wie diese Shorts den Besitzer gewechselt hatten. Normalerweise waren seine Erinnerungen an ihre wilden Nächte eher schwammig, er konnte sich nicht wirklich an viele Einzelheiten entsinnen, es sei denn, sie hatten an einem Abend etwas sehr spezielles ausprobiert oder waren an einem anderen Ort als dem Bett, das sich nun ein Stockwerk über ihm befand, gewesen. Aber mit dieser Nacht war es anders. Jedes noch so kleine Detail war haften geblieben, und mit dem Anblick der Shorts kam ihm wieder alles ins Gedächniss.
Er hatte die Gewohnheit, nach dem Akt seine Kleidung zu wechseln, und auch wenn nicht wirklich Grund dazu bestand, tat er es. So auch dieses Mal. Er war aufgestanden gewesen und hatte ihren Blick genossen, während er sich frische Unterwäsche angezogen hatte.
Und sie hatte sich seine Trainingsshorts, die für ihn fast zu kurz waren – und ihr deshalb auch nicht mal bis in die Mitte ihrer Oberschenkel reichten, genommen und angezogen. Ohne sonst etwas drunter anzuziehen. Er tolerierte diese Enteignung mit verliebter Verspieltheit und dem Wissen, dass sie wusste, wie sehr ihn seine eigene Kleidung an ihrem Körper anzog.

Das Mädchen schaltete einen Teekocher ein. Sie fragte, wieder mit dieser sanften, einladenen Stimme:
»Magst du einen Tee haben? Ich kann dir leider nur schwarzen anbieten! Und setz dich doch bitte.«
Er tat wie ihm geheißen und antwortete, ohne Recht zu Überlegen:
»Ja, gerne. Mit Zucker, bitte.«
Bald erfüllte der herliche Geruch von frischem, losen Tee die kleine Küche, die ungewohnt sauber und aufgeräumt wirkte. Aber er war es ja auch immer gewesen, der mit seinen Kochversuchen alles durcheinander gebracht hatte. Wie süße Nebelschwaden dampfte es aus dem Teekrug, als das Mädchen seine und ihre eigene Tasse füllte. Sie setzte sich zu ihm und sah ihm lange in die Augen.

cc by slambo_42

»Du bist aus gutem Grund hier. Aber irgendetwas sagt mir, dass du damit gerechnet hast, Ina alleine anzutreffen?«
Ina. Der Klang ihres Namens löste wieder Gänsehaut auf seinem Rücken aus.
Er nahm einen großen Schluck Tee, um nicht sofort antworten zu müssen.
»Ich wusste nicht, dass sie … dass sie eine Freundin hat.«
»Wusstest du nicht, dass sie bi ist, oder wusstest du nicht, dass sie vergeben ist? Ich meine, dass Ina das eine nicht unbedingt an die große Glocke hängt, weiß ich, aber ich dachte, sie hätte wenigstens den meisten Leuten erzählt, dass sie nicht mehr zu haben ist?«
Die Stimme des Mädchens klang verwundert, es schwang sogar ein klein wenig Verärgerung mit.

»Ich habe schon seit Monaten keinen Kontakt mehr mit ihr. Weder über Telefon, SMS noch über Internet. Ich hatte einfach angenommen, sie sei alleine. So wie ich.«
Sofort nach dem letzten Satz hätte er sich dafür am liebsten selbst auf die Zunge gebissen. Er wollte nicht vor Inas neuer Freundin die Mitleidstour ausprobieren. Sie wirkte nicht so, als ob sie auf so etwas anspringen würde und ausserdem … war sie vergeben.
Er schluckte bei dem Gedanken.

Sie lächelte wieder und fragte sanft, so, als hätte sie seinen letzten Satz nicht gehört oder eher noch, als sei ihre Frage die einzig gültige Antwort darauf:
»Wie war das eigentlich damals bei euch? Wie hast du Ina kennengelernt? Sie hat mir nie viel von euch beiden erzählt.«

Damals. Das Wort machte ihn wütend, obwohl es zu seinem Gefühl passte. Alles mit Ina schien ewig lange her zu sein, und alles was er jetzt noch in Verbindung mit ihr tat schien wie Archäologie zu sein. Trotzdem entfachte das Wort “damals” in ihm ein kleines Feuer, das er sich nicht anmerken lassen wollte, denn eigentlich entsprach es genau seinem Gefühl, das wie ein schweres Tuch über der hellen Küche lag.
Er öffnete den Mund, um ihr zu antworten, da war das laute Knarren einer Tür im Obergeschoss zu hören.

Sein Herz machte einen Sprung.

(Photo cc by slambo_42)