Religion, die Trennung und andere gesammelte, jedoch ungeordnete Gedanken

Thursday, November 29th, 2007

Momentan kocht es ja ein wenig zum Thema Religion. Nicht nur der luxemburgische Blogklumpen hat immer öfters Diskusionen, Videos, etc. über (bzw. gegen) das Thema, sondern auch gesamtgesellschaftlich bewegt das Bündniss zur Trennung von Kirche und Staat sowie die Debatte über Werteunterricht anstatt Religionsunterricht die Gemüter in Luxemburg.

Ich bin römisch-katholisch erzogen worden, war Messdiener und bin sogar gefirmt. Irgendwann nach meiner Firmung habe ich meinen Glauben verloren bzw. bemerkt, dass da eigentlich nichts war. Ich habe dann meine eigene Religion gegründet, den Zeroismus. Gut, damit konnte man auch prima Leute beeindrucken, was nicht unherblich dazu beitrug, dass ich diese Religion propagierte. Sehr ernst habe ich das aber nie genommen.
Ich habe mich trotzdem weiter mit Religion beschäftigt, weil ich es einfach nett finde, über diese Mythen und Legenden und Geschichten zu lesen. Okay, ich mag vielleicht einfach über Mythologie im Allgemeinen lesen, ob das jetzt Geschichten über Engel mit Feuerschwertern sind oder siebenärmige Götter, macht wenig Unterschied.
Sehr interessant fand ich auch die Diskordianer, und mittlerweile auch das Spaghettimonster.

Im Allgemeinen kommt meine Skepis zu allem, was irgendwie spirituell ist, nicht nur aus eigener Erfahrung, sondern hängt auch sehr viel mit der wiederholten Lektüre von Das foucaultsche Pendel von Umberto Eco, wo vieles davon seziert wird. Das bleibt natürlich hängen: Die Neigung, das alles »nett« zu finden mit der Gewissheit, nicht glauben zu können.
Der Katholizismus hat den Vorteil, dass er sehr hübsch metaphysisch ist und für jeden Scheiß seinen Schutzpatron hat. Man betet nicht nur zu einem Gott, sondern zu einem dreigeteilten Gott, seiner Mutter, einem ganzen Herr von Heilgen und Seeligen und einer Armee von Engeln, mit ihrer eigenen Hierarchie. Alles sehr nett zum darüber Schmunzeln, aber dran glauben mag ich nicht mehr. Bzw. tue es einfach nicht mehr.

Mit dem Atheismus bzw. Agnostizismus kommt dann auch die Frage nach dem »Danach«, die wir einfach nicht beantworten können. Ich fände es doof, wenn es wirklich vorbei wäre, aber hey, davor schützt auch ein Glaube nicht.

Die Trennung ist dann sowas, wo ich lange gedacht habe, mhmm, ist das nicht eigentlich in Ordnung so, wie es ist bzw. mir wenig Gedanken darüber gemacht habe. Ich habe auch erst erfahren, dass der Islam keine Konvention hatte, als es hieß, die würden jetzt auch eine bekommen. Im Allgemeinen habe ich eher eine »Lasst die doch ihren Glauben haben«-Einstellung, als dass ich jetzt stark antireligiös wäre. Anderseits gibt es mir einfach viel zu viele Irre im Namen irgendeines Gotts. Stellt sich die Frage, ob es die nicht mehr gibt - oder ob es weniger sind, wenn man den Religionsgemeinschaften ihren finanziellen Topf wegnimmt. (Die Frage, inwiefern Zuschüsse zu Krankenhäusern und Schulen gerechtfertigt sind oder im Falle eines Falles verstaatlicht werden sollten)

Im Allgemeinen ist in Luxemburg die ganze Geschichte doch sehr politisch, und es geht um die Wurst, bzw. es geht vor allem auch um die CSV. Wenn die christlich-konservative Partei seit Jahren an der Macht ist, dann hat das einen Einfluss auf den Einfluss der Kirche auf das Bildungsystem, das soziale Leben, usw. Und darin liegt vielleicht auch ein (verstecktes) Ziel des Trennungsbündniss: der (in meinen Augen längst überfällige) Fall der CSV. Im Grunde genommen brauchen wir keine konservativen Kräfte im eigentliche Sinne, denn die Welt ändert sich ständig, sie ist nicht zu konservieren - ein ständiger Kampf gegen die Windmühlen des Fortschritts und des freien Denkens. Es sei nochmal daran erinnert, dass die einzige Nicht-CSV-Regierung seit Kriegsende von Vielen als die beste luxemburgische Regierung überhaupt bezeichnet wird. Was nicht heißt, dass ich unbedingt für eine sozialdemokratische-liberale Koalition wäre, aber vielleicht würde sie dem Land besser tun als das ewige Herumklettern an den Hämoriden des Jean-Claude Junckers, weil in einem Hintern schon kein Platz mehr ist.
(gut, dieser Abschnitt hatte jetzt nicht viel mit Religion zu tun)

Religion ist Privatsache, und die Vermischung von Politik und Religion hat selten zu etwas Gutem geführt, so wie es im Allgemeinen selten zu etwas Gutem führt, wenn man sich an aus dem Kontext gerissene Regeln aus alten Büchern hällt und Dogmata aufbaut. Vielleicht wäre das ein guter Schlusssatz für diese wirre Gedankensammlung.

Die alten Medien und ihre »Blogs« (Zweiter, dafür aber nicht weniger schmerzhafter Teil)

Wednesday, October 24th, 2007

Nachdem RTL ihre Blogs und Podcasts hatten, musste das zweitgrößte Revolverblatt Luxemburgs dann auch nachziehen: Das Tageblatt, auch bekannt als sozialistische Gewerkschaftszeitung des Großkapitals, hat jetzt auch sein Blog. Das ganze nennt man sinnigerweise »Tageblog« und wird auf der Homepage des Tageblatts mit den Worten »Kommentare & Leserreaktionen« beworben.
Symbolfoto: Erklärung für ein Klo
Symbolfoto: Japanische Erklärung für eine westliche Toilette. Passt auch zum Tageblog.(cc by Hilly)

Seit dem 3. September bloggt wird beim Tageblatt. Beteiligt sind die Damen und Herren Danièle Fonck, Francis Wagner, Fränk Hary, Guy Kemp, Helmut Wyrwich, Jean-Marie Backes, Léon Marx, Lucien Montebrusco, Philip Michel, Robert Schneider, Roger Infalt und Tom Wenandy. Alles Tageblattredakteure, die auch in dem gedruckten Blättchen manchmal ihre Meinung loslassen. Einen sogenannten Kommentar schreiben. Oh. Gibt es da etwa einen Zusammenhang? Hat man den gleichen Fehler wie RTL begangen?
Man hat. Vielleicht noch einmal schnell das positive: für das Tageblog gibt es einen seperaten RSS-Feed, jedoch nicht für die einzelnen Autoren, und man kann Kommentare schreiben. Was jedoch nichts am Inhalt ändert: Die Blogeinträge sind die Kommentare des gedruckten Tageblatts. Genau wie RTL versucht man auch hier, bestehenden Inhalt als etwas neues zu verkaufen, vor allem aber täuscht man etwas vor, was man nicht ist: ein Blog. Ein Blog hat nämlich eigenen Inhalt, es ist persönlicher als die Kommentare, die nur dann wirklich eine Meinung vertreten, wenn es um Fußballstadien geht, (edit) und vor allem: die Inhalte wurden für das Blog geschrieben. (/edit)
Und vielleicht, liebes Tageblatt, versteht ihr jetzt auch, wieso sich kaum jemand erbarmt, euch einen Kommentar unter die halbgaren Meinungen eurer Redakteure zu schreiben: Sie interessieren niemanden. Wieso auch? Dem Tageblattleser wird nichts Neues geboten, und wer sonst sollte eurer Internetangebot benutzen? Lieblos gemacht ist das ganz dann auch noch, denn die verpixelten und im Halbschatten aufgenommenen Autorenfotos wirken nicht so, als würde man es wirklich ernst meinen. Aber wenn die Agentur sagt, das sei klasse, dann ist es bestimmt auch klasse.
Das Ganze fällt mal wieder klar in die Kategorie »Nichts verstanden!«. Ich kriege selbst dann mehr Kommentare als ihr, wenn ich darüber schreibe, was ich auf dem Klo mache!
Es gibt gute Journalistenblogs. Aber momentan wage ich sehr zu bezweifeln, dass dies je in Luxemburg der Fall sein wird.
Fazit: Es schmerzt. Nicht nur, weil es zeigt, wie wenig die luxemburgische Presse von Web2.0 verstanden hat, nein, es zeigt auch, wie tot sie ist.
(Danke an E. für den sachdienlichen Hinweis!)