Schuhkarton

Sunday, July 17th, 2011

Ich hatte früher oft das Gefühl, in einem Schuhkarton zu leben. Das liegt daran, dass sich an gefühlten 300 Tagen eine graue Wolkendecke im Zeitlupentempo über meinen Heimatort schiebt. So eine Decke kann einem schon mal auf den Kopf fallen, vor allem dann, wenn der Heimatort eine Kleinstadt in Luxemburg ist, was die Freizeitmöglichkeiten relativ begrenzt.

Heute war wieder so ein Tag. Mein Zimmer in meinem Elternhaus, das ich momentan bewohne, sieht mehr oder weniger so aus, wie ich es verlassen habe. (Gut, aufgeräumter!) Fühlt sich an wie ein Museum meiner Jugend. Und in gewisser Weise ist es das auch, nur dass ich der einzige Besucher bin – oder gar ein Ausstellungstück.

Und dann sitze ich in diesem Museum, in diesem Schuhkarton und muss an Sonnenstrahlen denken, das durch die Blätter von Bäumen fällt, unter denen ich Äpfel gesammelt habe, um später daraus Saft zu pressen. Ich sitze zwischen all diesen Büchern und möchte zurück nach Hogwarts, nach Mittelerde, wohin auch immer. Ich vermisse die Leichtigkeit, mit der ich einst dieses Zimmer bewohnte. Ich vermisse die Schwere, die ich heute Pubertät nenne. Ich fühle mich fremd in diesem Zimmer, aber es gibt keins, das mit vertrauter sein könnte.

Könnte ich ein Buch, einen Ordner, ein Fotoalbum aufschlagen und ein, zwei Stunden in der Vergangenheit verbringen? Würde die Melancholie verschwinden?

Es gibt keine Rettung vor der Vergangenheit. Jeder Blick ins Regal: Gänsehaut.
Die Dinge um mich herum haben mich zu mir gemacht.
Ich weiß nicht, wie ich damit umgehen soll. Ich fasse den Plan, zwei Kisten zu machen, eine für Wien, eine für den Mülleimer. Auch das wird nicht funktionieren.

Und wie wird das erst in zehn Jahren sein?

Zwischenrufe

Sunday, April 17th, 2011

Ich darf mal kurz auf einige Dinge aufmerksam machen:

Es gibt ein interessantes neues literarisches Blog einer jungen Luxemburgerin: weit weg, das mir sehr gut gefällt. Die luxemburgische Blogosphäre ist zwar in den letzten Jahren und Monaten durchaus stark gewachsen, blogbuerg zählt fast 400 existierende und 160 aktive Blogs, aber die Vernetztheit hat nicht unbedingt zugenommen und es scheint mir, als stünden vor allem neue Blogs oft ziemlich alleine da. Zum Glück bin ich nicht der einzige, der sich darum kümmert.
Und wenn wir schon beim Thema “aktiv” sind: Gedibbers ist nach fast einem Jahr wieder da. In zehn Minuten werden wir eine neue Episode aufnehmen, so dass es was zu hören gibt. Zumindest für Menschen, die Luxemburgisch können.

Des weiteren:
Die taz hat eine Lobrede auf das Radio geschrieben, was mich sehr freut.

Write Out Loud wurde von Thorben auf pianocktail kritisiert bzw. gelobt. Ich weiß nicht, ob das unmittelbar miteinander zu tun hat, aber die erste Auflage nähert sich dem Ende zu. Also zugreifen, wenn ihr euch für wirklich exzellente (und meine) junge luxemburgische Literatur interessiert! Wie bereits erwähnt, können Menschen, die in Wien leben, sich gerne bei mir melden, dann spart ihr euch das Porto!

Die Zeit hat einen interessanten Artikel über erneuerbare Energien und das dafür benötigte Stromnetz. Schade allerdings, dass der wichtigste Faktor, nämlich das Stromsparen und Senken des Energieverbrauchs, gar nicht angesprochen wird. Auch die “Batterie Europas” (ich nehme an, Österreich wäre tendenziell auch eine solche?) sollte nicht als Wunderlösung gesehen werden, denn Pumpspeicherkraftwerke sind große Eingriffe in die Natur. Vielleicht sollte ich mal einen Artikel über erneuerbare Energien, Klimawandel und den ganzen Rest schreiben und dieses diffuse Gefühl, dass wir uns sehenden Auges in eine Katastrophe stürzen, nicht nur literarisch verwursten.

photo: A papier-mache cow on Mrs Mellor’s car, 1944Australian War Memorial’s collection

Choucroute garnie

Friday, September 3rd, 2010

Fleisch auf dem Gehsteig von E.
Wenn du jetzt gehst, ist mein Sommer vorbei!“, sagst du und schaust mich verzweifelt an. Ich kann aber nicht anders. Ich muss gehen. Ich verlasse die Wohnung, die nur mehr aus zusammengerückten Möbeln und Umzugskisten besteht, ihr winkt noch ein letztes Mal. Ich muss gehen, nicht weil ich es will, sondern weil der letzte Bus kommt, Ökoheiligenschein, Gendapol, blabla.
(more…)

Gen Osten

Saturday, July 17th, 2010

Blick aus dem Fenster, morgens.
Gen Osten, dort wo die Stadt entlang der Donau erstreckt, lassen sich am Horizont bereits die ersten Vorboten des Sonnenaufgangs ausmachen. Mit einem Mal wird die Sphärenartigkeit der Erde mir bewusster. Ich sehe, wie sich mit etwa 1666 km/h um ihre eigene Achse rotiert und mich aus dem Schatten ins Licht schiebt. In einer Stunde wird es wieder taghell sein und ich in den letzten Vorbereitungen für die große Reise.

Im Hintergrund liebliche Musik. Entertainment for the Braindead. Coming home. Das Lied habe ich zum ersten Mal gehört, als ich im Januar, im tiefsten Winter, nach ein paar Wochen im Großherzogtum wieder in Wien war.

Es ist das gleiche Ritual, seit etwa einer Woche. Ich begrüße den neuen Tag aus dem Fenster gelehnt. Die Zeitungsausträger fahren stumm und einsam auf ihren Rädern mit den großen Marktkisten auf dem Gepäckträger vorbei. Kaputte Feierende kehren heim, mühen sich, den Schlüssel zu finden. Taxis brausen vorbei, kaum andere Fahrzeuge. Die Stadt erwacht, ich gehe schlafen. Mir fällt jetzt erst ein, dass es ein Lied der Neubauten gibt, das sehr gut dazu passt. Ironischerweise habe ich es lange zum Einschlafen gehört.

Einen kleinen Moment lang der Gedanke: Ich will hier nicht weg. Die Stadt hat mich an sich gefesselt, ich fühle mich hier dahoam, ohne sie zu kennen, ohne großartige Verbindung. Und ich vermisse den Park, in dem ich gefühlt alle Tag seit es einigermaßen warm ist, verbrachte habe, den großartigen Türkenschanzpark, in dem ich zu meiner Verzückung einen Kuchenbaum gefunden habe, jetzt schon.

Fahre ich nach Hause oder nur zu meiner Sommerresidenz? Es gibt wohl keine gute Antwort auf diese Frage. Wäre Winter und Nebel, ich könnte dem Wetter hervorragende Metaphern für meine Gedankenwelt abringen. Klarheit wird nur die Reise bringen, denn das Ziel und der Weg sind der Weg und das Ziel.
Ein neuer Morgen bricht an. Es verspricht ein klarer, sonniger Tag zu werden.

Das Foto stammt von der kleinen Göttin. Vorzügliches Dankeschön!

Die große Reise

Thursday, July 15th, 2010

Am Samstag ist es soweit.

Europa aus der Luft

Über 1000 Kilometer.
Optimistisch geschätzte 13 Stunden von Haustür zu Haustür.
Ich trete mal wieder die große Reise an. Meine ganz persönliche Nord-Süd-Passage, von der Stadt der Musik hinter den Alpen in das Großherzogtum.
Und soll ich euch was sagen? Ich freue mich. Luxemburg ist genau so ein guter Flecken Erde wie Wien, aber die Menschen die sich auf diesen Flecken aufhalte, sind andere. Und ich freue mich, einige wiederzusehen. Und ganz besonders freue ich mich, dass ich am Montag schon wieder im Radiostudio sitzen werde und _endlich_mal_wieder eine Livesendung fahren werde.

Ich mag mein Leben in Wien derzeit. Ich fühle mich wunderbar wohl in dieser Stadt und ertrage die Hitze mit dem stoischen Rezept: viel Eistee und wenig Bewegung. Ich weiß, dass ich nach einer Woche wieder über “Ferien in Disneyland” und unzureichenden öffentlichen Transport lamentieren werde. Aber in mir drin drängt etwas.

Vielleicht war es nur Jack Kerouac, der meine Reiselust angetrieben hat. Und da tausche ich Kerouacs scheinbare Unendlichkeit des nordamerikanischen Kontinents doch glatt gegen tausend Kilometer durch Europa ein, das auf dem Bild so saftig und waldig aussieht. Auf geht’s!

State of the onion

Friday, December 25th, 2009

photo cc by Darwin Bell

Seit ein paar Tagen Wochen geistert formspring.me, eine Mischung zwischen Kontaktforumlar und twitter vor allem durch die twitterosphäre. Auch viele luxemburgische Netzpersönlichkeiten haben sich den Fragen, die sie vor allem anonym gestellt bekommen haben, gestellt. Die Ungewissheit, wer da eigentlich gefragt hat und die Möglichkeit, anonym Fragen stellen zu können machen den Reiz von formspring.me aus, obwohl es leider so scheint, als habe sich der erste Hype schon wieder gelegt. Ich konnte mich zumindest nie darüber beklagen, uninteressante Fragen gestellt zu bekommen, habe aber auch schon seit einer guten Woche keine Frage mehr beantworten dürfen.

Vor zwei Wochen wurde Chris die Frage gestellt, was in der luxemburgischen Blogosphäre fehlen würde und nachdem er sie beantwortet hatte, stellte er mir die gleiche Frage. Hier und hier sind unsere Antworten. Und die sind durchaus lesenswert. Und so am Jahresende kann man sich schon Gedanken über den Zustand unseres kleinen, feinen Blogklumpens machen. Chris fehlen Kommentare von Nicht-Bloggern, ein gehobenes Niveau in Kommentaren und gute Blogs. Ich wünsche mir einen höheren Frauenanteil, LGBTQ-Blogs, mehr Gendersensibilität, mehr Vernetzung mit MigrantInnenblogs und mehr Blogs. Es nervt mich ungemein, dass viele Geschichte halböffentlich und unausgesprochen in Galerien und Kommentaren auf Facebook herumliegen, wo sie im allgemeinen Blödsinnsstrom untergehen.

Ich würde mir also wünschen, dass mehr Menschen damit anfangen, zu bloggen. Ihre Geschichten erzählen, ihre Meinungen kundtun, ihre Fotos zeigen. Und wenn ein Blog nur einmal im Monat einen kleinen, aber feinen Beitrag hat, dann ist es halt nur einmal im Monat. Besser so, als auf Facebook unter den neusten Highscores von Farmville unterzugehen. Bleibt die Frage, wie man den Leuten das sagt und beibringt. Immerhin ist ein Account auf Facebook immer noch einfacherer als ein Blog bei wordpress.com. Vor allem fehlt bei wordpress.com die Community. Das ist wohl nicht zu unterschätzen, immerhin kann ich mir bei Facebook sicher sein, dass ich zumindest einen “Like” kassiere, wenn ich Inhalt online stelle. Für ein Blog muss ich mir erst Publikum erarbeiten, das dann auch noch oft genug undankbar oder gar beleidigend ist. Also nicht nur technisch, sondern vor allem was das Publikum angeht ist ein Blog komplizierter und unbequemer. Aber vielleicht kann man ja Möglichkeiten schaffen, das zu vereinfachen? Vor allem im luxemburgischen Blogklumpen, der doch sehr überschaubar ist, fällt es relativ leicht, sich mit vielen BloggerInnen zu vernetzen und somit schneller an LeserInnen zu kommen. Bleibt halt nur die Frage, wie man die Leute ans Bloggen und ans Lesen bekommt.

Was denkt ihr? Was fehlt euch in der luxemburgischen Blogosphäre? Was wünscht ihr euch?

Beijing – Luxemburg

Friday, May 1st, 2009

Ein Luxemburger geht zu Fuß von Beijing nach Luxemburg und bloggt darüber. Find ich klasse.

#twittbuerg

Friday, March 6th, 2009

Ich habe die Liste der luxemburgischen twitterer ein wenig aktualisiert. Es fehlen sicher immer noch Leute. Ich finde es aber sehr interessant zu sehen wer außerhalb von unserem netten kleinen Blogklumpen noch twitter benutzt.

Die adr und ihr “City-Tunnel”

Thursday, February 19th, 2009

Wäre es nicht so traurig, würde ich seit einigen Minuten lachen und nicht mehr damit aufhören. Denn das, was ich eben gesehen habe, kann doch gar nicht ernst gemeint sein. Pure Realsatire.

Die alternative demokratische Reformpartei (früher “Aktionskomitee für Demokratie und Rentengerechtigkeit” (früher “Aktionskomitee 5/6″ (früher “Aktionskomitee 5/6 Rente für jeden”))) hat schon im späten August eine Pressereise nach Leipzig organisiert, um den dortigen City-Tunnel zu besichtigen. Damals schon wurde der City-Tunnel zur Lösung aller Transportprobleme erklärt und den Tram, den man in Luxemburg-Stadt bauen will verdammt.
Ich weiß nicht, wie ich zum Tram in Luxemburg-Stadt stehe. Das ist sicherlich ein schwieriges Projekt, das aber realisierbar ist. Realisierbarer als eine Untergrundbahn, aber dazu komme ich noch.
Der City-Tunnel in Leipzig ist vor allem als Eisenbahntunnel gedacht, nicht so sehr als U-Bahn. Ironischerweise hat die Stadt Leipzig nämlich ein sehr weit ausgebautes Straßenbahnnetz (16 Linien).

Auf ihrer neuen Webseite maachmat (mach mit), die merkwürdigerweise sehr viel besser aussieht als die Homepage der Partei selbst, wird das Projekt “City-Tunnel” in einem durchaus professionel gemachten Video vorgestellt. Wir lernen: die adr will Tunnel unter die Stadt bauen, von der man aus zB. aus Bettemburg sofort zur Messe auf dem Kirchberg fahren kann. In 18 Minuten. Ein Zug von Bettemburg nach Luxemburg-Stadt braucht heute übrigens acht bis zehn Minuten. Klingt ja alles sehr schön, ich würde auch gerne ohne umzusteigen von E. ins Stadtzentrum fahren.
Wenn man sich das so auf einer Straßenkarte ansieht, sieht es wunderbar aus. Eine gerade Trasse vom Bahnhof zum Stadtzentrum, von da aus weiter zum Glacis und von dort auf den Kirchberg (was übrigens ziemlich genau der Trasse des geplanten Trams entspricht!).

Wäre da nicht ein kitzlekleines Problem.
Luxemburg-Stadt ist nicht sehr flach.
Luxemburg-Stadt ist auf zwei (oder drei) verschiedenen Felsen gebaut, die durch ein ziemlich tiefe und schmale Täler voneinander getrennt sind. Verschiedene Stadtteile liegen in diesen Tälern
Vom Stadtzentrum aus sieht das Richtung Bahnhof so aus:
cc by David Evers
(Foto cc David Evers)

Der Höhenunterschied vom Tal zur Oberstadt beträgt ca. 70 Meter.
Eigentlich könnte ich jetzt aufhören, denn endweder müsste man sehr sehr tief bohren, um die Strecke ganz unter Tage bauen zu können oder eine weitere Brücke für den “City-Tunnel” bauen, damit dieser das Petrustal überqueren kann. Und das noch viel tiefere Tal zwischen Oberstadt und Kirchberg, das momentan die “rote Brücke” überspannt:

roud Breck

Dann stellen sich weitere Probleme:
Zum einen sind Bohrungen im Luxemburger Sandstein sind normalerweise ziemlich kritisch, da es sich meistens um Trinkwassergebiete handelt, zum anderen ist Luxemburg-Stadt schon sehr weit unterhöhlt.
Die berühmten Kasematten, die unsere nationalistisch-faschistoiden Freunde vom adr eigentlich mit Stolz erfüllen sollten, bilden ein großes Gewirr von Tunneln und Gängen unter der Stadt. Außerdem wurde von 1960 bis 1963 ein Tunnel quer unter die Oberstadt gegraben, der als Atombunker dienen sollte, jedoch nie seiner Bestimmung übergeben wurde. Was die Geschichte mit der Tunnelbohrung wohl nicht nur kulturtechnisch zum No-Go macht, sondern auch noch zum Sicherheitsrisiko.

Das spricht alles nicht sehr für ein City-Tunnel-Konzept. Vielleicht habe ich auch noch ein paar Faktoren vergessen oder mich in verschiedenen Sachen geirrt. Aber eigentlich verbietet ja schon der gesunde Menschenverstand die Idee, sowas in Luxemburg-Stadt bauen zu wollen.
Und ich darf jetzt ernsthaft glauben, dass in der adr offenbar alle zu doof sind, das zu bemerken? Gut. Denn so lange sie sich mit solchem Blödsinn beschäftigen und ihr Geld dafür zum Fenster rauswerfen, müssen wir uns wahrscheinlich keine Sorgen machen.
Edit: Übrigens hat sich Philip Schockweiler in seinem Blog auch an die adr gewendet und meint “Es riecht nach brauner Scheiße”. Ich möchte auch nochmal auf mein legendär gewordenes “Wenn man hellbraun mit Scheiße mischt, was kommt denn da raus?” verweisen.

Jagd

Saturday, December 20th, 2008

DieJulia hat mich mit ihrem kulinarischen Schüttelreim zur Jagdsaison daran erinnert, dass ich schon etwas länger plane, etwas über das Thema Jagd zu schreiben.
Ich möchte anmerken, dass ich mir aufgrund meiner Ausbildung einbilde, relativ viel Ahnung von den Thema zu haben und keiner extremer Ideologie nachzueifern. Ich werde auch vor allem auf die Situation in Luxemburg eingehen, da es die ist, die ich am besten kenne.

Aber das ist ja eigentlich schon das große Problem: Jeder, der eine Meinung zur Jagd hat, bildet sich ein, furchtbar viel Ahnung zu haben. Was dann oft nicht so sehr der Fall ist.

Ist Jagd notwendig?
Um es kurz zu machen: Ja, Jagd ist notwendig. Es gab immer schon Tiere, die Jagd auf das heute gejagte Wild gemacht haben. Diese Super-Prädatoren wie der Wolf und der Luchs sind größtenteils verschwunden und werden auch so schnell nicht zurück kommen. Die Populationen von Rehwild und Schwarzwild (Wildschweinen) sind in den letzten Jahren enorm gestiegen. Es ist quasi unmöglich, Rehe und Wildschweine im Wald zu zählen und auf brauchbare Zahlen zu kommen. (Auf der dänischen Halbinsel Kalø wurden unter größten Anstrengungen 70 Rehe gezählt, als man einen Totalabschuss durchführte, zählte man 213 Tiere.) Die hier genannten Populationsanstiege berufen sich also auf die einzigen Zahlen, die zur Verfügung stehen: die Zahl der abgeschossenen Tiere.

Die Wildschweine haben sehr viel bessere Lebenskonditionen, seit intensiver Maisanbau betrieben wird. Was wiederum zu sehr viel Wildschaden führt. Schädigen die Wildschweine in den Wäldern selbst kaum Bäume (höchstens einzelne Stämme, an denen sie sich nach einem Schlammbad abreiben, was aber wirtschaftlich absolut verträglich ist), so sind die Schäden in der Landwirtschaft relativ groß.
Wildschweine haben keine “eingebaute” Populationskontrolle wie beispielsweise Füchse, bei denen bei hoher Populationsdichte nur ein Α-Weibchen Junge gebärt, dh. aus einer kleinen Rotte Wildschweine kann sehr schnell eine sehr große werden, welche natürlich auch sehr viel mehr Futter braucht. Wildschweine haben unter den momentanen günstigen Bedingungen eine Vermehrungsrate von 150 bis 200% pro Jahr. In den letzten Jahren kommt verstärkt das Problem der vielen aufeinander folgenden Mastjahre hinzu, dh. die Wildschweine leben quasi im Schlaraffenland – und vermehren sich dementsprechend.
Weitere mögliche Ursachen der Populationsexplosion der Wildschweine sind die starke Fütterung durch Jäger, die gezielte Hege der Bachen (man schießt keine weiblichen Tiere, um mehr Nachwuchs zu erhalten), milde Winter und der naturnahe Waldbau – welcher natürlich auch für mehr Nahrung sorgt.

Die Population des Rehwildes ist seit den 60er Jahren steigend. Wurden 1960 noch etwas über Tausend erlegte Rehe gezählt, so waren es um 2000 über 7000. Beim Reh ist allerdings zu bedenken, dass der Populationszuwachs wesentlich geringer ist als beim Schwarzwild, da eine Rehgeiß meistens zwei Kitze auf die Welt setzt. Eine Überpopulation, die weniger Nahrung bietet, bedingt auch, dass weniger Kitze durchkommen.
Rehe verursachen eine ganze Reihe von Schäden, vor allem im Wald. Man unterscheidet zwischen Fegeschäden und Verbissschäden. Fegeschäden werden von Böcken verursacht, die die anfänglich vorhandene Haut über ihren Geweihen an Bäumen abfegen, was wirtschaftlich wenig von Bedeutung ist. Die Verbissschäden sind jedoch schwerwiegender und werden mit steigender Rehpopulation schlimmer.

Da Rehe sogenannte Konzentratselektierer (Artikel vom Hirsch verlinkt, da sich hier der Begriff erklärt wird – Rehe und Hirsche haben aber sehr wenig gemein!) sind, d.h. energiereiches Futter benötigen, fressen sie vor allem die energiereichen Knospen von jungen Bäumen (da kommen Rehe besser dran!). Entfernt man den Terminaltrieb (die Knospe, die später einmal der Stamm wird), kommt es zur Bildung von Bonsaibäumchen.
Bei wenigen Rehen stellt das noch kein großes Problem dar, in der waldbaulichen Planung rechnet man immer mit Verlust und pflanzt deshalb mehr – wenn es Naturverjüngung gibt ist das Problem bei einzelnen Pflanzen nicht sonderlich schwerwiegend. Fehlt jedoch nun andere Äsung (Nahrung) und ist die Rehdichte hoch, kann der Schaden von den einzelnen Pflanzen schnell auf den kompletten Ausfall einzelner Baumarten (Eiche und Kirsche werden bevorzugt) bis hin zu einer Situation, in der nicht einmal mehr Naturverjüngung ohne Schutzmaßnahmen mehr möglich ist, reichen. Rehe können sogar verschiedene Pflanzen lokal ausrotten, z.B. die Türkenbundlilie.
Anzumerken vielleicht noch, dass der Vebissdruck auf eine Pflanzung (Kulturfläche) in einem äsungsarmen Gebiet (also ein Gebiet, in dem es sehr wenig andere Pflanzen gibt, an denen sich Rehe bedienen können) trotz geringer Rehdichte sehr hoch sein kann. Waldbaulich kann man Rehen begegnen, indem man artenreiche Mischwälder und gut strukturierte Waldränder gestaltet und fördert – was natürlich Arbeit bedeutet!

Übrigens ist die Winterfütterung von Rehen ziemlich Unsinn, da Rehe im Winter normalerweise ihren Magen so umstellen, dass sie mit sehr wenig Nahrung zurechtkommen (die Entwicklung der Föten steht ebenfalls still). Füttert man sie, so stellt sich der Magen nicht um und man muss bis ins späte Frühjahr weiter füttern, da die Rehe sonst eingehen.

Was ist denn mit den Prädatoren?
Der einzige Super-Prädator, der in Luxemburg vorkommt, ist der Uhu. Und das auch nicht gerade in atemberaubenden Zahlen. Vor allem ist ein Ein-Meter-Vogel auch nicht unbedingt das Tier, das unsere riesigen Reh- und Wildschweinpopulationen dezimiert.

Der Luchs wird oft als möglicher Superprädator in Luxemburg zitiert. Nun, auch wenn Luchse nicht, wie das oft angenommen wird, riesige Wälder brauchen und sich nur auf 500 Meter vom Waldrand entfernen (ein telemetrisch beobachteter Luchs ist zwei mal durch Zürich gelaufen), so brauchen Luchse dennoch ein ziemlich großes Territorium. Man könnte sich durchaus einige Tiere in den Ardennen, dem Ösling und der Eifel vorstellen. Gerüchten zufolge gibt es auch schon einige wenige Luchse in Belgien. Allerdings wäre der Luchs eher ein Gast in Luxemburg, der alle paar Wochen oder Monate mal ein Reh erlegt und sonst wenig zur Verkleinerung der Populationen beitragen würde. Fazit: Schön wärs, aber der Nutzen ist eher klein.

Der Wolf ist das nächste Kandidat auf der Prädatorenliste – und meiner Meinung nach der vielversprechenste. Definitiv auf dem Weg der weiteren Ausbreitung wird der Wolf wohl von alleine in den nächsten 50 Jahren irgendwann in Luxemburg ankommen. Dafür wäre er allerdings ziemlich effektiv, vor allem was die Rehpopulationen angeht. Schafherden können durch Hunde gut geschützt werden. Wildschweinrotten können größer werden, dh. mehr Schweine in einer Gruppe, wenn eine ständige Nahrungsquelle vorhanden ist (Maisfeld oder Futterstelle im Wald). Wölfe haben auch den Vorteil, dass sie, anders wie der Luchs, dessen Jagderfolg vom Überraschungseffekt abhängig ist, vor allem junge, kranke oder schwache Tiere angreifen.
Noch gibt es die Wölfe aber nicht – und es scheint mir zumindest auch nicht so, als gäbe es politischen Willen, welche auszusetzen.

Was kann man an der Jagd kritisieren?
Mein Problem mit Jagdgegnern/Jagdkritikern ist, dass sie oft ziemlich dämliche Argumente haben. Man kann einfach nicht mit “Die armen Bambis” und die angeblich brutalen Jagdhunde argumentieren. Auf jeden Fall dann nicht, wenn man sich ebenfalls für den Luchs oder den Wolf stark macht. Ich vermute jetzt einfach mal, dass ein Tod durch die Kugel, wenn sie denn sauber trifft (mit flüchtenden Tieren hat man selten die Chance für einen zweiten Schuss), “humaner” ist als von einer Meute Wölfe kilometerweit gehetzt zu werden und dann totgebissen zu werden. Überhaupt frage ich mich, ob die Tiere den Schuss hören, denn die Kugel ist ja schneller als der Schall.

Fütterung von Wildtieren ist kontraproduktiv und gehört verboten, was im neuen Jagdgesetz ebenfalls der Fall sein wird. Wie es sich mit der Äsung (zum Anlocken) verhält, mag ich nicht genau sagen. Es kommt dort wahrscheinlich auch auf die Menge an.

Fuchsjagd bringt nicht sehr viel, aber es gibt auch außer “die armen Tiere” nicht wirklich viel Argumente dagegen. Man sollte sich als Jäger halt nur bewusst sein, dass es wegen Fuchsbandwurm auch noch gefährlich ist und man deshalb wohl sehr wenig davon hat, einen Fuchs zu schießen. Aber das ist ein Punkt, den man sicherlich kritisieren kann: Trophäenjagd anstatt Wildregulierung.
Auch das System in Luxemburg das, einen ja menschenrechtsverachtend dazu zwingt, als Grundstückbesitzer Mitglied in einem Jagdsyndikat zu werden, dh. in dem Club, der dafür sorgt, dass man Geld für die Jagdpacht und den Wildschaden bekommt, kann man sicherlich kritisieren. Es dürfte wohl auch kein Geheimnis sein, dass die Jägerzunft in Luxemburg oft aus der Oberschicht besteht, was zumindest bei mir einen merkwürdigen Beigeschmack erzeugt.

Ich kann nicht einschätzen, wie die Situation in Luxemburg momentan ist. Es gibt sicherlich einige schwarze Schafe unter den Jägern – vielleicht auch mehr, als man glauben mag, vielleicht aber auch weniger. Vielleicht kommt mit einer neuer Generation Jäger auch ein Wechsel der Methoden und vor allem des “Spirits”, mit dem die Jagd betrieben wird.

Falls ich jetzt irgendwo einen Fehler begangen habe – was bei der komplexen Materie sicherlich leicht der Fall ist, so bitte ich, mich darauf hinzuweisen. Und auf eine Diskussion freue ich mich schon!