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	<title>enjoying the postapocalypse &#187; Aline</title>
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		<title>Mischkonsum</title>
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		<pubDate>Tue, 02 Nov 2010 17:23:21 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Joël</dc:creator>
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Dies ist ein neuer Teil der Kuchenbaum-Geschichte. Der Artikel hat ein eigenes Layout, deshalb nicht erschrecken, wenn die Seite erst einmal ungewohnt aussieht. Besondere Geschichten haben auch eine besondere Präsentation verdient.

&#60;&#60; enjoying the postapocalypse
Mischkonsum

Dies ist ein Teil der Geschichte Kuchenbaum um ein Mädchen namens Ina, ihren Exfreund, ihre Freundin, Zoë, und deren Exfreundin, Aline.
Was ...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div class="teaser"><img src="http://www.joeladami.net/wp-content/uploads/2010/11/introbild.jpg" alt="" title="introbild" width="754" height="320" class="aligncenter size-full wp-image-3198" /></p>
<p>Dies ist ein neuer Teil der Kuchenbaum-Geschichte. Der Artikel hat ein eigenes Layout, deshalb nicht erschrecken, wenn die Seite erst einmal ungewohnt aussieht. Besondere Geschichten haben auch eine besondere Präsentation verdient.</p></div>
<p><span id="more-3185"></span></p>
<div class="backlink"><a href="http://www.joeladami.net">&lt;&lt; enjoying the postapocalypse</a></div>
<div class="titel">Mischkonsum</div>
<div class="lead">Dies ist ein Teil der Geschichte <a href="http://joeladami.net/kuchenbaum">Kuchenbaum</a> um ein Mädchen namens Ina, ihren Exfreund, ihre Freundin, Zoë, und deren Exfreundin, Aline.<br />
Was bisher geschah lässt sich <a href="http://joeladami.net/kuchenbaum">hier</a> nachlesen.</div>
<div class="smoke">
<div class="story1">
Fünfunddreissig Leute sangen &#8220;Happy Birthday&#8221;, wobei die meisten halbherzig jede zweite Silbe betonten und jene, die das Lied inbrünstig intonierten, nur jeden zweiten Ton trafen. Aber war nicht genau das die Botschaft jenes Liedes? &#8220;Wir wünschen dir einen schönen Geburtstag und sind uns nicht zu Schade, dafür unseren schlechten Gesang zu offenbaren.&#8221;</p>
<p>Die etwas mehr als Zwanzig Kerzen waren rasch ausgeblasen und mit dem Licht kamen auch Teller und Löffel. Irgendjemand &#8211; Zoë sah nicht, von wo der Witz kam, fragte &#8211; ob &#8220;da was drin sei&#8221;. Zoë grinste. Sie schmeckte allerdings nichts. Solche Aktionen waren sowieso zu gefährlich, um sie in so einer offenen Runde auszuprobieren. Drogenkonsum sollte immer bewusst passieren, so jedenfalls ihre Meinung. </p>
<p>Ein wenig später, sie hatte gerade wieder zum Bier gewechselt und die Dose geleert, tippte ihr jemand auf die Schulter. Das Geburtagskind.<br />
&#8220;Komm mal!&#8221;, meinte er. Er sah ernst aus.<br />
Was wollte er?<br />
Zoë hatte schon immer Angst davor gehabt, Leuten einen Korb geben zu müssen. Besonders Männern. Es hatte da einige unangenehme Erfahrungen gegeben. Nicht jeder kam so gut mit Homosexualität klar, wie er es sich selbst wünschte. Vor allem dann nicht, wenn die große Liebe einen aus diesem Grund ablehnte. Aber auch rein menschlich war es immer schwierig, &#8220;Nein&#8221; zu jemanden sagen zu müssen, egal aus welchen Gründen. Vor allem dann, wenn man die Person mochte.<br />
Ob er wirklich der Mensch wäre, der einem die Liebe in einem Nebenzimmer auf einer lauten Party gestünde?<br />
All dies ging ihr während der wenigen Sekunden, die es dauerte, vom Sofa aufzustehen und das Zimmer zu verlassen, durch den Kopf. </p>
<p>Wortlos führte er sie in die Küche, in der ein heilloses Durcheinander herrschte. Ein halb aufgegessener Kuchen, drei verschiedene angeschnittene Brote, schmutzige Kaffeetassen, Krümel.<br />
&#8220;Sehr morantisch.&#8221;, dachte Zoë und hoffte inständig, ihre Vorahnung würde nicht erfüllt werden.<br />
&#8220;Ich dachte &#8230;&#8221;, begann er und zog etwas aus seiner Tasche, &#8220;&#8230; du würdest vielleicht gerne mitrauchen?&#8221;<br />
Er hielt ihr ein Tütchen Gras vors Gesicht. </p>
<p>&#8220;Klar.&#8221;, grinste sie ihm entgegen.<br />
Er kannte sie offenbar schon besser als sie ihn. Und ihre eigene kleine romantische Traumwelt, in der sie alle paar Tage eine Liebeserklärung gemacht bekam, hatte sich wohl als fehlerhaft erwiesen. Zum Glück.<br />
Sie setzte sich auf einen ungemütlichen Klappstuhl und sah zu, wie der Joint gebaut wurde. Sie bewunderte immer wieder die Fingerfertigkeit von Menschen, die es auch unter widrigsten Bedingungen — oft war der eigene Rausch daran nicht unschuldig — innerhalb weniger Minuten kleine Kunstwerke aus Papier rollten.<br />
Immer mal schaute irgendjemand in die Küche, ohne sich groß um den angehenden Drogenkonsum zu kümmern. Zoë fühlte sich nicht ganz gut dabei. Bisher war Drogenkonsum für sie etwas gewesen, was sich immer im Verborgenen, in einem eingeweihten, geheimen Kreis abspielte. Die Erfahrung, dass es jemanden ganz egal war, dass andere Menschen ihre Bewusstsein mit illegalen Mitteln erweiterten, war neu für sie. Sie schluckte kurz. Hatte sie sich nicht oft gewünscht, dass es genau so normal sein sollte, einen Joint zu rauchen, wie eine Flasche Wein zu trinken?<br />
Bald war alles vorbereitet. Mittlerweile war die Runde auf sechs Personen angewachsen. Zoë versuchte, sich an die Namen zu erinnern. Nur Alex&#8217; Name, der sie mit der merkwürdigen Geste begrüßt hatte, fiel ihr noch ein. Meistens vergaß sie Namen bereits dann wieder, wenn sie die Hand, die sie gerade geschüttelt hatte, los ließ. Langsam bewegte sich die Gruppe lachend vor die Tür.<br />
Das Geburtstagskind mahnte zur Ruhe.<br />
&#8220;Es wäre wohl ziemlich unangenehm, von den Nachbarn beim Kiffen erwischt zu werden, weil wir denen zu laut sind.&#8221;<br />
Schweigende, nickende Zustimmung. Zoë wurde der Joint gereicht. Sie konnte das.<br />
Joint in den Mund, Hand in die Tasche, Feuerzeug rauskramen. Feuerzeug an, kräftig ziehen, Feuerzeug in die Tasche, Joint aus dem Mund, Rauchwolke ausatmen. Bloß nicht husten.<br />
Es klappte. Sie nahm noch ein paar tiefe Züge, versuchte den Rauch so lange wie möglich in ihren Lungen zu halten, bis ihr vor Sauerstoffmangel fast schlecht wurde, atmete wieder aus, wobei kaum Rauch aus ihren Lungen kam, dann gab sie den Joint weiter. </p>
<p>Ein roter Lichtpunkt beschrieb langsam einen Kreis im Halbdunkel des Treppenhauses.<br />
Zoë, die ihren Zustand vor einigen Minuten höchstens als &#8220;angeheitert&#8221; beschrieben hätte, war überrascht vom heftigen Effekt. Ihr Gehirn versuchte mit den falschen Informationen, die die Droge ihm übermittelte, fertig zu werden. Ihr wurde etwas schwindelig, sie fühlte sich gut, wenn auch sehr verwirrt ob der Tatsache, dass ein paar Züge sie so verwirrten. Das war irgendwie keine besonders logische Feststellung. Oder? Gebannt starrte sie auf die glühende Spitze des Joints, der immer näher kam. Genüsslich sog sie die rauchgeschwängerte Luft ein.<br />
Ein paar weitere kurze, aber tiefe Züge. Diesmal hatte sie das Gefühl, die Wirkung stelle sich sofort ein. Einen verwirrten Moment lang starrte sie den schon sehr kleinen, glühenden Stummel in ihren Hand an und überlegte, was sie zu tun hatte. Ein letzter, langer Zug.<br />
Sie drückte den Joint in einem großen Aschenbecher aus dünnem, grünen Porzellan aus. GRASHOPPER AMSTERDAM stand drauf. Was waren das für Menschen, die sich aus Amsterdam einen Aschenbecher mitbrachten?<br />
Durst. Ein Blick in das Badezimmer verriet, dass das Bier, das in der Badewanne gelagert hatte, ausgetrunken war. In Zoë war das Bedürfnis gewachsen, sich hin zu setzen und eventuell noch ein kleines Stück Kuchen zu essen. Nur so, um die nun empfindlicheren Geschmacksnerven ein wenig zu stimulieren.<br />
Sie bemerkte, dass sie einige Zeit ganz still vor der leeren Badewanne gestanden und in das eiskalte Wasser, das ohne Bier seltsam zwecklos wirkte, gestarrt hatte. Noch immer war sie dabei ihren Handrücken mit zwei Fingern zu streicheln. Das fühlte sich gut an. Fast so, als würde jemand anderes sie streicheln. Oder als würde sie jemand anderen streicheln.<br />
Es schien niemanden zu kümmern.
</p></div>
<p><!-- end div story 1 -->
</div>
<p><!-- end div smoke --></p>
<div class="story2">
Noah wachte unter einer fremden Zimmerdecke auf. Er wusste nicht, wo er war. Die Decke lag immer noch schwer auf ihm. Er bewegte sich nicht, sondern verharrte regungslos im Bett. Der Schleier der Müdigkeit, nebelhaft und watteballförmig hatte sich über sein Gesicht gelegt und war noch nicht verschwunden. Er schloss die Augen.<br />
„Na, bist du aufgewacht?“</p>
<p>Als Noah die Augen wieder öffnete, saß Zoë auf dem Ende seines Bettes. Sie hatte immer noch nur seine Shorts und ein lockeres T-Shirt an. Ihre Brüste schienen ihm jetzt, aus dieser merkwürdigen Perspektive – er schaute mit nur leicht erhobenem Kopf zu ihr – noch größer, ihre sportlichen Beine  unglaublich begehrenswert. Er konnte seinen Blick nicht von ihr abwenden.</p>
<p>„Du hast Ina vermisst, nicht wahr?“ </p>
<p>Die Augen fielen ihm zu, als er nickte.<br />
Zoë strich die Decke glatte, berührte dabei seine Beine. Das fühlte sich gut an. Da war eine Zärtlichkeit in ihren Bewegungen, die Noah bisher noch bei niemandem erlebt hatte.<br />
„Ich will, dass du dich hier bei uns wohl fühlst. Du bist mir sympathisch. Auch wenn du Inas Ex bist und ich jetzt ihre Freundin, das sollte nicht zwischen uns stehen. Gibt es etwas, was ich für dich tun kann, damit du dich besser fühlst?“<br />
Ihre Stimme klang dumpf, als spräche sie durch einen dicken Teppich. Wieder strich sie über seine Beine, diesmal auch über die Oberschenkel. Obwohl kaum zu spüren, elektrisierte ihn diese Berührung. Er versuchte, seine schweren Augenlider wieder zu öffnen, um zu sehen, was sie genau machte, welche magischen Bewegungen sie vollführte, die ihm so den Atem raubten. Als er sie ansah, zog sie gerade ihr T-Shirt aus. Langsam wurde zuerst ihr Bauch, nicht zu dünn, dann ihr Oberkörper sichtbar. Sie war tätowiert. In der Leiste ein Schriftzug, den er nicht lesen konnte und vom Rücken her eine Pflanze, die sich bis unter ihre Brüste wandte. Ihre Haut war blass, gesprenkelt mit kleinen hell braunen Muttermalen und Sommersprossen. Sie zog das T-Shirt langsam über ihre Brüste, als wüsste sie, dass er sie beobachtete. Der Anblick überwältigte ihn. Fast so, als sähe er zum ersten Mal seit in seinem postpubertärem Leben Brüste. </p>
<p>Zoës große Nippel standen.</p>
<p>Wieder streichelte sie über seine Beine, massierte seine Oberschenkel.<br />
„Fühlst du dich besser so?“<br />
Die Müdigkeit überrannte ihn wieder. Seine Augen fielen zu und er konnte nur noch „Hmmm“ antworten. Mit einem Ruck zog sie die Decke weg. Es dauerte nicht lange, da streichelte sie wieder seine Oberschenkel. Er berührte ihren Rücken, fuhr mit zwei Fingern über ihre Wirbelsäule, während sie sich immer tiefer über ihn beugte. Sie drückte ihr Becken gegen eins. Seine Hände verharrten auf ihrem Rücken, er traute sich nicht, ihre Bewegungen zu stören. </p>
<p>Zoë küsste ihn auf die Stirn, strich über seine Wangen bis zu seinem Hals. Einen Moment lang hielt sie seinen Hals so, als wolle sie ihn würgen.<br />
Wieder riss er die Augen auf, sah Zoë über sich, durch die Perspektive verzerrt, lächelnd. Er bewegte seine Hände zu ihren Brüsten, aber sie entzog sich ihm, wandte sich seinen Schenkeln zu, schob ihre Hand in seine Boxershorts und umklammerte sein Glied. Er atmete tief ein und schloss die Augen. </p>
<div style="text-align: center;">~</div>
<p>Eine fremde Zimmerdecke.<br />
„Ina darf nie etwas davon erfahren.“ Wie in einem Film, wenn ein Traum dargestellt werden soll, hallte dieser Satz durch seinen Kopf, jetzt frei von jeder Watte, eine leere gotische Kathedrale, in der dieser eine Satz wieder und wieder von jeder Wand reflektiert wurde.<br />
Schmerzhaft klebte sein Glied an seinen Shorts. Zoë musste ihn wieder zugedeckt haben, denn die Decke, obwohl jetzt leicht und luftig, lag glatt über ihm. </p>
<p>Das Licht drang nur gedämpft durch das schneebedeckte Fenster.
</p></div>
<p><!-- end div story 2 --></p>
<div class="credits">
photos <a href="http://creativecommons.org/licenses/by/2.0/">cc-by</a>:<br />
smoker by <a href="http://www.flickr.com/photos/morgacito/">Morgacito</a><br />
smoke by <a href="http://www.flickr.com/photos/geishaboy500/">geishaboy500</a><br />
snow by <a href="http://www.flickr.com/photos/hawksanddoves/">recursion_see_recursion</a>
</div>
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		<title>Kaffee und Kuchen</title>
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		<pubDate>Mon, 24 May 2010 15:45:43 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Joël</dc:creator>
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Dies ist ein neuer Teil der Kuchenbaum-Geschichte. Der Artikel hat ein eigenes Layout, deshalb nicht erschrecken, wenn die Seite erst einmal ungewohnt aussieht. Besondere Geschichten haben auch eine besondere Präsentation verdient.
 
&#60;&#60; enjoying the postapocalypse
Kaffee und Kuchen
Dies ist ein Teil der Geschichte Kuchenbaum um ein Mädchen namens Ina, ihren Exfreund, ihre Freundin, Zoë, und ...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div class="teaser"><img src="http://www.joeladami.net/wp-content/uploads/2010/05/kaffeundkuchen.jpg" alt="" title="kaffeundkuchen" width="755" height="273" class="aligncenter size-full wp-image-2887" /><br />
Dies ist ein neuer Teil der Kuchenbaum-Geschichte. Der Artikel hat ein eigenes Layout, deshalb nicht erschrecken, wenn die Seite erst einmal ungewohnt aussieht. Besondere Geschichten haben auch eine besondere Präsentation verdient.</div>
<p><span id="more-2863"></span> </p>
<div class="backlink"><a href="http://www.joeladami.net">&lt;&lt; enjoying the postapocalypse</a></div>
<div class="titel">Kaffee und Kuchen</div>
<div class="lead">Dies ist ein Teil der Geschichte <a href="http://joeladami.net/kuchenbaum">Kuchenbaum</a> um ein Mädchen namens Ina, ihren Exfreund, ihre Freundin, Zoë, und deren Exfreundin, Aline.<br />
Was bisher geschah lässt sich <a href="http://joeladami.net/kuchenbaum">hier</a> nachlesen.</div>
<div class="story">
Zoës Hand verkrampfte sich für einen kleinen Moment, als sie den Griff der Schublade umklammerte. Dann schmiss sie die Schublade mit aller Kraft zu. Sie konnte nicht nur den lauten Knall, gefolgt vom Geschepper des bunt zusammengewürfelten Besteckes, das etwas verzögert die Kräfte der Schwerkraft zu spüren bekam, hören, sondern den Aufprall regelrecht spüren.<br />
Sie blickte ein weiteres Mal ungläubig auf ihr Mobiltelefon.<br />
&#8220;Ich liebe dich&#8221; stand da. Ein Satz, der keines Satzzeichens bedurfte.<br />
Am liebsten hätte sie die Schublade noch einmal zugeschmissen. Diesmal noch fester. Am besten so fest, dass die ganze Einbauküche zusammengefallen wäre. </p>
<p>Sie stützte sich auf die Arbeitsfläche, auf der ihr Telefon lag, übte so starken Druck aus, dass die fürchtete, die Tasten würden sich in ihrem Handteller abzeichnen. Stumm blickte sie auf den grau gesprenkelten Kunststoff. Eine einzige, kleine Brotkrumme lag dort. </p>
<p>Gänsehaut im Nacken. Sie wusste instinktiv, dass jemand sie beobachtete. Und sie wusste, dass Ina sah, wie es ihr ging. Ina konnte jede noch so kleine Änderung ihres Gemütes sehen. Sie verstand es die kleinen Anzeichen zu sehen. Ina sah die Gänsehaut, die angespannten Rückenmuskeln, die verkrampften Hände. Und Ina würde wissen, was los war. </p>
<p>&#8220;Hast du meinen Schal gesehen?&#8221;, fragte sie und ärgerte sich, dass ihre Stimme nicht so beiläufig klang, wie sie es gerne gehabt hätte. Immerhin schaffte sie es, Inas Blick nicht auszuweichen. </p>
<p>&#8220;Er hängt auf der Garderobe. Willst du etwa raus? Wir sind quasi eingeschneit!&#8221;<br />
&#8220;Mit der Schneehöhe könnte man nicht mal Skifahren. Ich meine den Grünen, mit den merkwürdigen Mustern. Dieses Hippieteil.&#8221; </p>
<p>Ina seufzte. Einen Moment lang öffnete sie den Mund, wie um etwas zu sagen. Sie nahm Luft, verschluckte sich fast und als die Wörter ihr auf der Zunge tanzten, schluckte sie sie wieder hinunter. Statt dessen meinte sie trocken:<br />
&#8220;Er liegt auf meinem Nachttisch. Ich mag deinen Hals lieber nackt.&#8221;</p>
<p>Ein Grinsen.<br />
Und noch eins, allerdings ein kürzeres.</p>
<p>Ina musste nicht wissen, dass Aline ihr wieder geschrieben hatte. Sie wurde immer auf eine sehr merkwürdige Art und Weise eifersüchtig, als ob Zoë noch irgendetwas an ihrer Exfreundin liegen würde. Als ob Zoë dafür könnte, dass Aline ihr immer wieder Nachrichten schrieb. Digitale Liebesbekundungen, die Aline verzweifelt auf die Reise schickte, wahrscheinlich ohne Recht zu wissen, was sie tun würde, antwortete Zoë positiv. </p>
<p>Der Schal lag auf dem Nachtisch, wie Ina es beschrieben hatte. Auf Inas Nachtisch. In Inas Zimmer. Das zugleich auch ihr Zimmer war, denn obwohl sie ihr angeboten hatte, eins der vielen leeren Zimmer in dem großen, leeren Haus inmitten des großen, weiten Nichts zu beziehen, war sie realistisch geblieben und hatte nur das Bett des Nebenzimmers als Kleiderablage verwendet.<br />
&#8220;Wir werden doch sowieso immer in einem Bett schlafen&#8221;, hatte sie gesagt. Ina hatte gegrinst und ihr einen Kuss auf die Stirn gegeben. </p>
<p>Jetzt saß sie auf ihrem Bett und zog sich Socken an. Dicke, flauschige Wollsocken, mit denen sie auf den Treppenstufen unheimlich aufpassen musste, damit sie nicht ausrutschte und auf dem Hintern die Treppe runterrutschte. Dabei hatte sie das als Kind gerne getan. Aber es bestand wohl ein großer Unterschied zwischen dem Körper eines Kindes, der einem selbst immer unzerstörbar vorkommt, das eine Treppe runterrutscht und dem unabsichtlichen Fallen. Nicht nur das Steißbein, sondern auch der Kontrollverlust schmerzte.</p>
<p>Kontrollverlust. Das klang ein klein wenig nach dem Abend, an dem sie Aline kennengelernt hatte. Damals hatte sie auch die Kontrolle verloren, sie sogar freiwillig abgegeben …</p>
<p>Eine Geburststagsparty in einer Dachwohnung hoch oben über der Stadt. Vor der Tür hatten noch nicht viele Schuhe gestanden, als Zoë angekommen war. Sie war oft zu pünktlich, konnte sich aber auch nicht angewöhnen, absichtlich zu spät zu kommen, denn das ergab in ihren Augen auch sehr wenig Sinn. Irgendwer musste ja den Anfang machen, musste der oder die Erste sein, damit der Gastgeber nicht mehr alleine in der aufgeräumten Wohnung stand und dem Bier in der Badewanne zusehen musste, wie es langsam wieder warm wurde. </p>
<p>Neben ihr war das Geburtstagskind, ein Bekannter, den sie gerade dabei war, näher kennen zu lernen, dessen Freundin und ein paar seiner Mitbewohnerinnen anwesend. Während er Kaffee kochte, unterhielten sie sich über Politik und merkwürdige, exotisch wirkende Wahlsysteme, von denen sie noch nie etwas gehört hatte. Im Hintergrund lief Drum&#8217;n'Bass, was ein wenig surreal wirkte, wo sie ganz ruhig Milchkaffee tranken, die Tasse mit dem hell braunen, bitter-süßen Getränk neben der halb leeren Bierdose, die es zur Begrüßung gegeben hatte, abgestellt, auf weitere Gäste wartend, die langsam eintrudelten und das Zimmer füllten, bis das Gespräch immer weiter wuchs und so groß und unübersichtlich wurde, dass es schließlich zerfiel und sich in kleinere Einzelgespräche aufteilte. Ina diskutierte mit einer Freundin, die gerade gekommen war, über deren Kurzurlaub.<br />
Sonnengebräunt und den Kopf voll mit erlebten Abenteuern auf Südseeinseln.<br />
Zoë betrachtete ihren eigenen Arm.<br />
Bleich. Auch sie brauchte mal wieder ein Abenteuer. Sie setzte die Bierdose an und bat eine ihr unbekannte Person, die gerade Nachschub holte, ihr doch noch eine mitzubringen. &#8220;Auf ein Abenteuer!&#8221;, prostete sie sich selbst zu, als sie die Dose mit einem lauten Zischen öffnete, um sie dann gegen die des unbekannten Getränkelieferanten zu stoßen.
<div class="tasse">
&#8220;Alex.&#8221;, stellte dieser sich vor und hielt ihr seine linke Hand hin. </p>
<p>Ein wenig verwundert über die für sie eher ungewohnte Begrüßungsform sagte sie halblaut &#8220;Zoë&#8221;, lächelte verlegen und nahm erst mal einen großen Schluck Bier. Wieder fiel ihr Blick auf die Südseetouristin, die gerade von einer Bootsfahrt erzählte, bei der sie angeblich Delphine gesehen hatte. Sie setzte die Bierdose auf den kleinen Tisch, der vor dem Sofa stand, auf dem sie saß. Ihr Blick fiel auf die Tasse, noch zu einem Drittel gefüllt mit lauwarmen Kaffee.<br />
Als sie nach dem Gefäß griff, ging das Licht aus.</p></div>
</p></div>
<div class="credit"><small><a href="http://www.flickr.com/photos/andilicious/4302609345/">snow photo</a> <a href="http://creativecommons.org/licenses/by/2.0/deed.en">cc</a> by <a href="http://www.flickr.com/people/andilicious/">Andi Licious</a><br />
<a href="http://www.flickr.com/photos/dnorman/4565203215/">coffee photo</a> <a href="http://creativecommons.org/licenses/by/2.0/deed.en">cc</a> by <a href="http://www.flickr.com/people/dnorman/">D&#8217;Arcy Norman</a></small></div>
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		<title>Erinnerung.</title>
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		<pubDate>Tue, 04 Aug 2009 21:38:34 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Joël</dc:creator>
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		<description><![CDATA[

Dies ist der vierzehnte Teil einer Geschichte um ein Mädchen namens Ina, ihren Exfreund, ihre Freundin, Zoë, und deren Exfreundin, Aline. 
1. Teil: Hoffnung. 2. Teil: Entmut. 3. Teil: Überwindung.  4. Teil: Türschwelle 5. Teil: Ina. 6. Teil: Vergessen. 7. Teil: Mullbinde.  8. Teil: Entscheidungsfindung 9. Teil: Dachboden. 10. Teil: Cercidiphyllum japonicum ...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img src="http://www.joeladami.net/wp-content/uploads/2009/08/erinnerungen-straße.jpg" alt="erinnerungen-straße" title="erinnerungen-straße" width="755" height="197" class="aligncenter size-full wp-image-2406" /></p>
<p><em>Dies ist der vierzehnte Teil einer Geschichte um ein Mädchen namens Ina, ihren Exfreund, ihre Freundin, Zoë, und deren Exfreundin, Aline.<br />
1. Teil: <a href="http://www.joeladami.net/2007/11/08/hoffnung/">Hoffnung.</a> 2. Teil: <a href="http://www.joeladami.net/2007/11/12/entmut/">Entmut.</a> 3. Teil: <a href="http://www.joeladami.net/2007/11/25/uberwindung/">Überwindung.</a>  4. Teil: <a href="http://www.joeladami.net/2007/12/18/turschwelle/">Türschwelle</a> 5. Teil: <a href="http://www.joeladami.net/2008/01/04/ina/">Ina.</a> 6. Teil: <a href="http://www.joeladami.net/2008/01/13/vergessen/">Vergessen.</a> 7. Teil: <a href="http://www.joeladami.net/2008/04/04/mullbinde/">Mullbinde.</a> </em> 8. Teil: <em><a href="http://www.joeladami.net/2008/04/21/entscheidungsfindung/">Entscheidungsfindung</a></em> 9. Teil: <a href="http://www.joeladami.net/2008/06/11/dachboden/"><em>Dachboden.</em></a> 10. Teil: <a href="http://www.joeladami.net/2008/07/08/cercidiphyllum-japonicum/"><em>Cercidiphyllum japonicum</em></a> 11. Teil: <a href="http://www.joeladami.net/2008/09/13/meeresrauschen/"><em>Meeresrauschen</em></a> 12. Teil: <a href="http://www.joeladami.net/2008/12/28/baumkuchen/"><em>Baumkuchen</em></a> 13. Teil: <a href="http://www.joeladami.net/2009/02/22/zimmerdecke/">Zimmerdecke</a></p>
<p>Seit Zoë sie verlassen hatte, wirkte alles grau. Es gab nichts Weißes mehr in ihrer Welt.<br />
Wie hatte sie ihr so etwas antun können? Für Aline war ihre Beziehung zu Zoë immer perfekt gewirkt, ein Bilderbuchpärchen. Beide nur an Frauen interessiert und seit einiger Zeit auch nur an der jeweils anderen. Sie hatten sehr selten gestritten und wenn, dann hatte es auch nie lange gedauert, ehe eine von ihnen wieder mit einem Versöhnungsangebot zurück gekrochen kommen war. </p>
<p>Das Ende war für sie aus heiterem Himmel gekommen.<br />
Im Nachhinein waren die Zeichen natürlich zu sehen gewesen.<br />
Aber im Nachhinein war immer alles logisch und klar und man fragte sich, wieso man es nicht schon viel früher kommen gesehen hatte.Aber man lebte nun mal nicht im Nachhinein, sondern in der Gegenwart mit all seinen Träumen, Gedanken und vor allem lebte Aline in ihrer konstruierten Wirklichkeit, in der sie es blendend schaffte, alle möglichen Anzeichen und Probleme auszublenden und nur das sah, was sie sehen wollte. Zumindest im Bezug auf Zoë war es so gewesen.<br />
Aber wie sollte man auch anders leben? Sollte man sich etwa den ganzen Tag Sorgen um Kleinigkeiten und Dummheiten machen, um später fest zu stellen, dass es sich bei diesen um genau das: also Kleinigkeiten und Dummheiten, die keinerlei Relevanz hatten, handelte? Sollte man etwa jede verdammte Andeutung ernst nehmen und sie bis zur letzten Silbe interpretieren?<br />
Das war doch auch kein Leben.<br />
<span id="more-2400"></span><br />
Aline war gut darin, sich selbst zu täuschen. War ihr immer wieder gesagt worden. So oft, dass sie es selbst glaubte. Wahrscheinlich war es auch so. Also: Wahrscheinlich war Aline sehr gut darin, sich selbst zu täuschen.<br />
Oder aber es war wirklich so gewesen, wie sie es erlebt hatte. Zoë hatte zwar ein wenig abwesend gewirkt, hatte sich nicht wie sonst alle 2 Stunden gemeldet, war aber in ihren gemeinsamen Momenter so wie immer  gewesen. Und war es nicht normal, dass die euphorische Verliebtheit nach einer Zeit abschwang und man nicht mehr den Drang hatte, sich dauernd bei seiner Freundin zu melden?<br />
Das war bei ihr immer so gewesen und sie hatte sich deswegen keine Sorgen gemacht. Keine Sorgen machen wollen. Sie hatte sich überhaupt keine Sorgen machen wollen, denn immer, wenn sie zusammen waren, war es so wie immer gewesen. Zoë war genauso liebenswürdig und zärtlich wie immer gewesen. Aber vielleicht war genau das der Fehler gewesen. Vielleicht hatte sich Zoë einfach nur gelangweilt, hatte etwas Neues gebraucht? </p>
<p>Das konnte und wollte sie nicht so Recht glauben. Hatte sie noch nie gekonnt. Sie war der festen Überzeugung, dass sie das gemerkt hätte. Dass Zoë, hätte sie den Drang nach was Neuem, was auch immer das gewesen wäre, mit ihr darüber gesprochen hatte. Aber sie hatte noch nicht einmal eine Anmerkung gemacht, die darauf hätte schließen lassen. </p>
<p><img src="http://www.joeladami.net/wp-content/uploads/2009/08/erinnerungen-bett.jpg" alt="erinnerungen-bett" title="erinnerungen-bett" width="750" height="261" class="aligncenter size-full wp-image-2404" /></p>
<p>Nein, sie glaubte – oder wollte lieber glauben, dass Zoë sich in einer Art kleiner Sinnkrise befunden hatte, einen Moment lang düstere Gedanken gehabt hatte und genau in dem Moment die falsche – bzw. die richtige Person getroffen hatte. Und das war eben diese Ina gewesen, von der sie ihr auch erzählt hatte, als habe es sie interessiert, mit wem ihre Zoë jetzt ein Bett teilte, als wolle sie wissen, wer anstatt ihrer jetzt Zoës Liebe bekam!<br />
Natürlich hatte sie es wissen wollen. Natürlich hatte sie wissen wollen, was das für ein Mensch war, der Zoë verführt hatte. Von dem sie sich verführen hat lassen. Oder war es umgedreht gewesen? Das hatte sie nicht glauben wollen.<br />
Das wollte sie immer noch nicht glauben. </p>
<p>Ihr Bett ächzte bei jeder noch so kleinen Bewegung. Früher hatte es das nicht getan, oder es war ihr nie aufgefallen. Vielleicht achtete man nicht auf solche Kleinigkeiten, wenn die Welt in den Wattebausch einer funktionierenden Beziehung, also einer größeren Sache gepackt war? Vielleicht waren dann solche Nebensächlichkeiten wie ächzende Betten, die ihr jetzt den letzten Nerv raubten, ganz egal und fielen einem nicht einmal mehr unterbewusst auf? </p>
<p>Sich einfach überhaupt nicht mehr bewegen. Einfach für immer in diesem Bett liegen bleiben und die graue Zimmerdecke anstarren. Vielleicht war das die beste Lösung für alle. Für sie, für Zoë und damit auch für diese Ina.</p>
<p>Wieder diese Armbewegung. Wieder der Schmerz. Es war wie ein Reflex, alle paar Minuten auf das  Handy zu schauen, obwohl sie ganz genau wusste, dass sie es mitkriegen würde, wenn eine Nachricht kommen würde. Sie würde es hören, denn sie hatte ihr Handy am Abend zuvor auf die größtmögliche Lautstärke gestellt, um von Zoës Antwort, sollte sie denn je kommen, geweckt zu werden. Aber trotzdem schaute sie auf ihr Handy, nur um zu sehen, dass sich außer der Uhrzeit auf dem Display nichts geändert hatte.</p>
<p>Es gab nichts Farbiges mehr in ihrer Welt. </p>
<p style="text-align:center">~</p>
<p>Ina wusste nicht, wie ihr geschah. Sie hatte sich plötzlich zwischen zwei Fronten wiedergefunden. Im Kriegsgebiet der Gefühle, im Schützengraben, ununterbrochen unter Feuer von ihm und von Zoë. Zwei Geschlechter, wie zwei Nationen im Kampf um ein Land, das Ina hieß. Ein kalter Krieg, ausgetragen mit Nettigkeiten und ausweichenden Blicken.<br />
Was war das überhaupt, Geschlecht?<br />
Oder Gender, wie man wohl besser sagte? Sie war „weiblich“, denn sie hatte eine Vagina und eine Gebärmutter und Brüste. Aber sie mochte weder rosa noch hohe Schuhe. Konnte man nicht einfach ein Mensch sein, ohne Etikettierung mit Vorurteilsetiketten? Was machte es aus, ob ein Mensch einen Penis oder eine Vagina hatte? Letzten Endes waren andere Dinge doch viel wichtiger und machten einen Menschen mehr aus als seine Biologie. Und auch die Biologie war veränderbar. Niemand musste sich dem Diktat seiner Gene unterwerfen. Traurig genug, dass sich jeder dem Diktat der Gesellschaft unterwerfen musste. Wobei es „die Gesellschaft“ als Gebilde oder Wesen mit eigenem Willen auch nicht gab. Den Druck, den sie verspürte, war ja nur gefühlt, geradezu eingebildet, weil sie glaubte, aus den vielen Einzelmeinungen und den Medienberichten eine generelle, gesellschaftliche Stimmung ausmachen zu können. </p>
<p><img src="http://www.joeladami.net/wp-content/uploads/2009/08/erinnerungen-ordner.jpg" alt="erinnerungen-ordner" title="erinnerungen-ordner" width="750" height="169" class="aligncenter size-full wp-image-2403" /></p>
<p>Wobei es dennoch auch feste Anzeichen dafür gab, dass „die Gesellschaft“ nicht gut auf homosexuelle Lebensweisen zu sprechen war. Sie würde Zoë nicht heiraten können. Und wenn, dann würde es trotzdem etwas besonderes, etwas ungewöhnliches, in den Augen von Vielen wohl etwas verbotenes sein. Aber vielleicht war das einfach noch so. Wie lange hatte die Menschheit gebraucht, um zumindest in einigen Ländern Monarchien und Diktaturen zu stürzen? Und wie lange würde es wohl noch dauern, bis wirklich alle Menschen gleich waren und sich gleich fühlten? Gleich im Sinne von gleichberechtigt, nicht „gleich geschaltet“. </p>
<p>Leise ging sie die Treppe wieder hinunter. Nicht nur, dass er Fragen auf warf, die sie gerne in der Einsamkeit ihres Hauses vergaß, weil sie das tägliche Leben zu unangenehm machten, er wirbelte zusätzlich auch noch sämtliche Erinnerungen an diesen Sommer auf, den sie bisher wie an ein Märchen, an das man nur durch den dichten Nebel der Kindheitserinnerungen erinnerte, gesehen hatte. Nicht umsonst hatte der Ordner hoch oben auf dem dunklen Dachboden gestanden. Sie konnte sich noch ganz genau daran erinnern, wie sie ihn hastig zwischen die Steuerordner ins Regel gesteckt hatte. Fest hatte sie ihn geschoben, bis das Regal leise gestöhnt hatte unter dem Druck, der so plötzlich auf es einwirkte. Hastig, und ohne Licht an zumachen war sie durch das Dickicht der Erinnerungen und des Staubs gestolpert. Den schweren Schlüssel hatte sie so oft in der Tür umgedreht, wie es nur ging, um den Ordner und damit den Sommer, der in seiner süßen Schwere wie ein zu dick aufgetragenes Parfum durch die Ritzen der Tür drang, so heftig und symbolisch wie möglich einzusperren. </p>
<p>Und jetzt war er hier und hatte sie irgendwie dazu gebracht, Zoë zu bitten, den Ordner holen zu gehen. Und jetzt lag der Sommer und damit ihre Beziehung auf dem Küchentisch. Sie wollte nicht, dass Zoë zu viel davon sah. Gewisse Dinge sollte ein Geheimnis bleiben. Sie hatte das Gefühl, dass ein Einblick in diese Intensität ihre Freundin verletzten könnte. Und das, ohne dass sie es selbst merken würde. Was ihre Beziehung unweigerlich verändern würde.<br />
Und Ina wollte keine Veränderung. Alles war gut so, wie es war. Eine ruhige, heile Welt zu zweit, die niemand stören sollte. </p>
<p><img src="http://www.joeladami.net/wp-content/uploads/2009/08/erinnerungen-schublade.jpg" alt="erinnerungen-schublade" title="erinnerungen-schublade" width="750" height="204" class="aligncenter size-full wp-image-2402" /></p>
<p>Unten, in der Küche, öffnete jemand mit Wucht eine Schublade. Ein lautes Quietschen, Knarren und wenig später ein lautes Scheppern.</p>
<p>Nur leise knarrte die erste Stufe der Treppe unter Inas Füßen.</p>
<p><small><a href="http://www.flickr.com/photos/baronsquirrel/3291538914/">drawer photo</a> <a href="http://creativecommons.org/licenses/by-nc-sa/2.0/deed.en">cc</a> by <a href="http://www.flickr.com/people/baronsquirrel/">baronsquirrel</a>. <a href="http://www.flickr.com/photos/njj4/3335984285/">folder photo</a> <a href="http://creativecommons.org/licenses/by-nc-sa/2.0/deed.en">cc</a> by <a href="http://www.flickr.com/people/njj4/">Nicholas Jackson</a>. <a href="http://www.flickr.com/photos/cmcgphotography/3339305634/">Bed photo</a> <a href="http://creativecommons.org/licenses/by/2.0/deed.en">cc</a> by <a href="http://www.flickr.com/people/cmcgphotography/">Ciaran McGuiggan</a>. <a href="http://www.flickr.com/photos/sixteenmilesofstring/3762644861/">Sky photo</a> <a href="http://creativecommons.org/licenses/by/2.0/deed.en">cc</a> by <a href="http://www.timothyvollmer.com/">Timothy</a> <a href="http://www.flickr.com/people/sixteenmilesofstring/">Vollmer</a></small></p>
<p class="wp-flattr-button"></p>]]></content:encoded>
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		<title>Zimmerdecke</title>
		<link>http://www.joeladami.net/2009/02/22/zimmerdecke/</link>
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		<pubDate>Sat, 21 Feb 2009 23:37:43 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Joël</dc:creator>
				<category><![CDATA[literarische Spielwiese]]></category>
		<category><![CDATA[Aline]]></category>
		<category><![CDATA[Beziehung]]></category>
		<category><![CDATA[Hoffnung]]></category>
		<category><![CDATA[Ina]]></category>
		<category><![CDATA[Liebe]]></category>
		<category><![CDATA[Zoë]]></category>

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		<description><![CDATA[Dies ist der dreizehnte Teil einer Geschichte um ein Mädchen namens Ina, ihren Exfreund und ihre Freundin. 
1. Teil: Hoffnung. 2. Teil: Entmut. 3. Teil: Überwindung.  4. Teil: Türschwelle 5. Teil: Ina. 6. Teil: Vergessen. 7. Teil: Mullbinde.  8. Teil: Entscheidungsfindung 9. Teil: Dachboden. 10. Teil: Cercidiphyllum japonicum 11. Teil: Meeresrauschen 12. ...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>Dies ist der dreizehnte Teil einer Geschichte um ein Mädchen namens Ina, ihren Exfreund und ihre Freundin.<br />
1. Teil: <a href="http://www.joeladami.net/2007/11/08/hoffnung/">Hoffnung.</a> 2. Teil: <a href="http://www.joeladami.net/2007/11/12/entmut/">Entmut.</a> 3. Teil: <a href="http://www.joeladami.net/2007/11/25/uberwindung/">Überwindung.</a>  4. Teil: <a href="http://www.joeladami.net/2007/12/18/turschwelle/">Türschwelle</a> 5. Teil: <a href="http://www.joeladami.net/2008/01/04/ina/">Ina.</a> 6. Teil: <a href="http://www.joeladami.net/2008/01/13/vergessen/">Vergessen.</a> 7. Teil: <a href="http://www.joeladami.net/2008/04/04/mullbinde/">Mullbinde.</a> </em> 8. Teil: <em><a href="http://www.joeladami.net/2008/04/21/entscheidungsfindung/">Entscheidungsfindung</a></em> 9. Teil: <a href="http://www.joeladami.net/2008/06/11/dachboden/"><em>Dachboden.</em></a> 10. Teil: <a href="http://www.joeladami.net/2008/07/08/cercidiphyllum-japonicum/"><em>Cercidiphyllum japonicum</em></a> 11. Teil: <a href="http://www.joeladami.net/2008/09/13/meeresrauschen/"><em>Meeresrauschen</em></a> 12. Teil: <a href="http://www.joeladami.net/2008/12/28/baumkuchen/"><em>Baumkuchen</em></a></p>
<p>Zoë stoppte diesen Film. Ihr Stimme schaffte es ohne weiteres, den Projektor in seinem Kopf anzuhalten. Die geschlossene Tür vor seinem inneren Auge, die sich jeden Moment geöffnet hätte, wurde zu einem halb durchsichtigen Dia.<br />
„Bleibst du eigentlich zum Mittagessen? Ihr beide habt euch doch sicher viel zu erzählen?“<br />
Wieder dieser leicht aggressive Unterton in der Stimme, wieder dieser Blick zu Ina, der eigentlich gar keiner war, nur ein Flackern in den Augenwinkeln. Als wollte sie, dass Ina ihm alles von ihr erzählen würde, als hätte sie ihm am liebsten selbst die Geschichte ihrer Liebe erzählt.<br />
Dabei war sie doch eigentlich überhaupt keine eifersüchtige Person. Zumindest hatte sie das immer geglaubt. </p>
<p>„Klar bleibt er. Erstens muss er erstmal ein wenig schlafen, um überhaupt wieder fahren zu können. Und zweitens &#8230;“<br />
Sie stocke mitten im Satz.<br />
Er hatte eine abrupte Bewegung gemacht, als wolle er ihr Angebot, bei ihr schlafen zu können, ausschlagen, als bräuchte er keine Ruhe, obwohl die Müdigkeit ihn, wenn er ganz ehrlich war, fest im Griff hatte, seit Zoë den Film in seinem Kopf gestoppt hatte. Das Gedicht hatte ihn vielleicht in einen kurzen Moment der verwirrten Klarheit versetzt, aber jetzt griff Hypnos wieder nach ihm. Oder war es Morpheus?<br />
Und auch das war ein Zeichen seiner Müdigkeit, die auf ihm lag wie ein schweres Tuch, das seinen Verstand belastete und ihn griechische Götter mit japanischen Pokémon – und umgekehrt verwechseln ließ.</p>
<p>„Jetzt sag nicht, dass du SO fahren willst?“<br />
In Inas Stimme, obwohl wütend, schwang Besorgnis mit. Er hatte das schon lange nicht mehr gehört. Und sie machte ihn, genau wie früher immer, kleinlaut:<br />
„Nein. Natürlich nicht. Du hast Recht.“<br />
Er sah sie nicht an, starrte auf die Oberfläche des Tisches.<br />
„Ich werde mich wohl besser ein wenig hinlegen. Und ja, ich würde auch gerne hier zu Mittag essen. Wenn das euch nicht zu sehr stört.“ </p>
<p>Ina hatte noch immer eine unglaubliche Macht über ihn. Nur ein Wort von ihr, und er war wieder der kleine, schüchterne Junge, der er mal gewesen war, vor Äonen in seiner persönlichen Zeitrechnung. Auch das war ein Teil der Magie, die in ihrer Stimme lag. </p>
<p><img src="http://www.joeladami.net/wp-content/uploads/2009/02/zimmerdecke1.jpg" alt="zimmerdecke1" title="zimmerdecke1" width="752" height="195" class="alignnone size-full wp-image-2141" /></p>
<p>„Nein, natürlich nicht. Zoë kocht eh immer so viel, dass wir für ein paar Tage davon haben, da ist es eigentlich sogar besser, wenn noch jemand mit isst.“<br />
Sie grinste in Richtung Zoë.<br />
Und Zoë lächelte zurück. Es wirkte ehrlich, nicht genervt, nicht wütend, sondern rein und verliebt. Auch sie war Ina verfallen, aber das schien auf Gegenseitigkeit zu beruhen. Ein merkwürdiges Gleichgewicht der Emotionen. Vielleicht war er aber auch zu müde, um sich noch über diese Dinge richtig Gedanken machen zu können. Oder aber es war überhaupt nicht möglich, aus einem halben Gespräch über Kochgewohnheiten eine Beziehung zu analysieren &#8230;<br />
„Ich zeig dir das Gästezimmer, ja?“<br />
Als wüsste er nicht genau, wo das Gästezimmer war. Als habe er früher nicht selbst Leuten den Weg dorthin gezeigt. Als sei er noch nie in diesem Haus gewesen.</p>
<p>Langsam ging sie vor ihm die Holztreppe hoch. Er versuchte nicht mehr, einen klaren Kopf zu bekommen, denn das einzige, was ihm jetzt noch helfen würde, war Schlaf. Tiefer, dunkler Schlaf in Inas Gästezimmer. Dort, wo sonst immer nur andere geschlafen hatte, während er in Inas Zimmer gelegen hatte, mit ihren Kopf auf seiner Brust. </p>
<p>„Hier ist es.“<br />
Ina flüsterte nur noch. Als schliefe schon jemand im Haus, den man nicht wecken dürfte.<br />
Behutsam öffnete sie die Zimmertür. Geräuschlos. Ohne zu warten, ob er ebenfalls das Zimmer betrat, schritt sie zum Fenster, zog die langen Vorhänge zu, was den kleinen Raum in ein gedämpftes, hellgelbes Licht tauchte. Sie drehte an der Heizung.<br />
Ein leises Knacken war zu hören, dann ein wenig Blubbern.</p>
<p>Es war frisch in dem Zimmer, aber nicht zu kalt. Trotzdem fühlte sich die Bettdecke geradezu eisig an. Ina öffnete den großen, alten Eichenschrank, der am anderen Ende des kleinen Raums stand.<br />
Er zog seinen Pullover aus, kroch in das gemachte Bett und öffnete seine Hose erst unter der Decke. Sorgfältig stopfte er seine Socken in seine Schuhe. Sie waren leicht feucht.</p>
<p>Er strecke seine Beine aus. Ein gutes Gefühl, so flach in einem Bett zu liegen. Obwohl es ein wenig zu kalt war, aber das würde die Heizung ja bald regeln.<br />
Ina brachte ihm eine zweite Decke. Eine Wolldecke. Behutsam deckte sie ihn damit zu, zog sie fast über sein Kinn, wo sie in seinen Bartstoppeln kratze. Sie lag schwer auf ihm, was leicht unangenehm war, aber immerhin wurde ihm wärmer. Er hatte auch keine Kraft, noch etwas an seiner Situation zu ändern. </p>
<p>Müde starrte er an die fremde Zimmerdecke.</p>
<p style="text-align:center">~</p>
<p></p>
<p>Aline wachte auf. Die bekannte, immer gleiche Zimmerdecke.<br />
Sie wirkte grau, obwohl sie eigentlich weiß war.<br />
Irgendwie wirkte seit einiger Zeit alles grau. Als wäre Schimmel über die Welt gewachsen, oder zumindest über ihre Welt, denn außer ihr schien niemand mitbekommen zu haben, wie düster und eklig alles aussah. Andere freuten sich über den Schnee, während sie nur den dreckigen Matsch sah, den er auf den Straßen hinterließ. Sie kannte Menschen, die sich jeden Tag über eine Kleinigkeit freuten. Sie selbst hatte Schwierigkeiten, einmal in der Woche etwas zu finden, was ihr Herz erwärmte. </p>
<p>Ihr Arm fühlte sich schwer an. So, als sei sie eben einen Marathon auf den Händen gelaufen. Aber das war nichts Neues. So fühlte sich ihr Körper seit viel zu langer Zeit an. Sie strecke ihn trotzdem auf seine volle Länge aus, um ihren Nachttisch zu erreichen. Ohne den Blick von ihrer Zimmerdecke zu wenden tastete sie nach ihrem Handy. Als sie es gefunden hatte, ob sie es vor sich, entsperrte es während der Bewegung und sah auf es.<br />
Nichts. Nur die Uhrzeit, Netzbetreiber, Batteriestatus und Empfangsanzeige. Aber keine neue Nachricht, kein Anruf in Abwesenheit, nichts.<br />
Als wüsste niemand, dass sie lebte. </p>
<p>Sie wusste, dass das Quatsch war. Natürlich gab es genug Menschen, die wussten, dass sie noch lebte. Natürlich hatte sie Freunde und Familie, die sich auch mehr oder weniger regelmäßig bei ihr meldeten. Aber um die ging es nicht. Es ging um eine ganz spezielle Person.<br />
Und die meldete sich nicht mehr, antwortete ihr nicht mehr, rief nie zurück und &#8230; ja, sie tat so, als gäbe es Aline nicht und jede ihrer Botschaften sei nichts als ein Irrtum, eine falsch gewählte Nummer, als gehe sie nichts von alledem, was Aline ihr schrieb, etwas an. </p>
<p><img src="http://www.joeladami.net/wp-content/uploads/2009/02/zimmerdecke2.jpg" alt="zimmerdecke2" title="zimmerdecke2" width="760" height="163" class="alignnone size-full wp-image-2143" /></p>
<p>Aufstehen? Gab es denn einen Grund dazu? Es gab seit Wochen keinen Grund mehr dazu. Trotzdem raffte sie sich immer wieder auf, gab die Hoffnung nie ganz auf. Vielleicht war die Hoffnung in der Nacht gestorben, als sie geschlafen hatte. Jeden Tag wurde es etwas schwieriger, aufzustehen und sich klar zu machen, dass, auch wenn man es nicht sofort sah, es immer irgendetwas gab, für das es sich aufzustehen lohnte.</p>
<p>Sie sah wieder auf ihr Handy, öffnete den Ordner mit den gesendeten Nachrichten. Ja, sie hatte ihr gestern Abend noch eine Nachricht geschickt und sie war auch angekommen. Das tötete wieder ein wenig Hoffnung in ihr. Hätte sie die Nachricht aus Versehen nicht abgeschickt, hätte sie sie nochmal schicken können und auf eine Antwort warten können. So wusste sie, dass wahrscheinlich keine kommen würde. </p>
<p>Wieder diese Armbewegung. Wieder dieser Schmerz. Nichts half dagegen. Sie wusste das ganz genau, auch wenn sie noch überhaupt nichts probiert hatte. Ihr Körper benahm sich in emotional belastenden Situationen so. Und bisher hatte sie noch immer damit umgehen können. Die Schmerzen, die sie spürte, waren psychosomatisch. Nichts ungewöhnliches. Bisher hatte es nur noch nie so lange angehalten, aber bald würde es weniger werden, immer weniger, bis sie nichts mehr spüren würde, ohne es recht zu merken.<br />
Mit einem leichten Klacken des Plastikgehäuses legte sie das Handy zurück auf den Nachtisch.<br />
Langsam drehte sie ihren Kopf und sah die Wand an.</p>
<p>Auch sie wirkte grau.</p>
<p>(Photo <a href="http://creativecommons.org/licenses/by/2.0/deed.en">cc</a> by <a href="http://flickr.com/people/dantaylor/">Dan</a> <a href="http://www.fabricoffolly.com/">Taylor</a>)</p>
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