Montréal, revisited

January 19th, 2010 - 054

photo cc by abdallahh

Ich schlage die Augen auf. Montréal. Wieso auch nicht, immerhin habe ich noch einige dieser winzigen U-Bahntickets, mehr Papierschnipsel als ernst zunehmende Fahrkarte.
Irgendjemand hat mich in der Natur rund um die Stadt ausgesetzt. Arschloch. Auf der Karte sehe ich ganz genau, wo ich mich befinde. Und wenn ich aufschaue, ist es ein lichter Wald. Vor allem Nadelbäume. War klar, wir sind ja schließlich im hohen Norden. Muss so sein, denke ich mir und wundere mich gar nicht darüber, dass mich irgendwer, einfach irgendwo in der Gegend ausgesetzt hat. In meiner Tasche nur dieses Ticket.
Jetzt könnte ich eine Landkarte brauchen. Egal was für eine, sie könnte ruhig auch erfunden sein. Alles ist besser als die Wildnis vor Montréal. Wahrscheinlich werde ich bald an eins dieser Betonungetümer, die sie Autobahn nennen, stoßen. Riesig und rostig wird sie vor mir aufragen, wie die Pfeiler einer Alptraum gewordenen Achterbahn. Über einen Fluß wird sie führen, von dem die Kanadier sagen, es sei einer der kleineren Flüße ihres Landes. Und ich hielt ihn für ein Meer.

Eine Gruppe von Wandern, in neonfarbene Gewänder gehüllt, geschützt vor dem sauren Regen der 1990er Jahre, der sogar Gold auflöste. Sie lachen und erklären mir, sie würden den Weg auch nicht wissen. Und sie haben nicht einmal kanadische Bonbons dabei. Wahrscheinlich sind das die Leute, die die Ureinwohner mit geschmuggelten Zigaretten belieferen, die diese dann in Wohnwägen entlang der Autobahn verkaufen. “C’est tout de la contrabande!” Oder so ähnlich. Ich verstehe kaum ein Wort, denn das Französisch, was diese Menschen reden, ist so merkwürdig, dass der Marseiller Dialekt wie aus dem Mund eines Mitglieds der Académie française klingt.
Ich stolpere also weiter durch den Wald und hoffe, keinem sprechenden Fuchs zu begegnen, denn genau das wäre jetzt das, was ich nicht mehr aushalten würde.

Zum Glück stolpere ich aus dem Wald auf eine Straße. Ein Schulkamerad fährt mit einem VW Bus, bunt bemalt mit Flammen, vor und nimmt mich mit. Wieso gerade er, der immer nur Hohn und Spott für Hippies übrig hatte, so einen Bus fährt, wage ich nicht zu fragen. Wir sind hier auf dem nordamerikanischen Subkontinent. Unbequeme Fragen sind hier nicht so angebracht wie in Kontinentaleuropa. Er fragt mich, ob es in Montréal legal sei, Gras zu rauchen. Ich antworte wahrheitsgemäß, ich würde es nicht wissen, aber wenn wir ein wenig durch die Stadt fahren würden, ließe sich sicher ein Coffeeshop finden. Er grinst mich mit seinem breitesten Sonnenbrillengrinsen an und meint: “Klar, ist ja eine kleine Stadt, da geht das schnell!”

Ich sehe nach draußen. Montréal, das eher so aussieht, wie ich mir Los Angeles immer vorstelle, ist eigentlich gar nicht so klein.

Piraaaaaaaaaaaaaat_innen!

January 15th, 2010 - 1248

photo cc by Norman B. Leventhal Map Center

Wer hier öfters mitliest, weiß es sicherlich schon: Ich bin ziemlich aktiv bei dem luxemburgischen alternativen selbst-verwalteten Magazin Queesch. Ich schreibe Artikel, tue so, als würde ich layouten und verkaufe Magazine vor Bäckereien und lerne dabei Freunde kennen.

Die aktuelle Ausgabe geht um Wohnen und Wohnraum (nicht nur) in Luxemburg. Das Dossier ist eine gute Zusammenstellung und ich kann es nur jeder interessierten Person ans Herz legen!

Für die nächste Ausgabe haben wir uns das Thema “Piraterie” ausgesucht. Es geht nicht nur um säbelrassende Freibeuter_innen, sondern auch um Piraterie im Internet, im Äther und bei Produkten. Und wir suchen noch Artikel und andere Beiträge. Falls sich also jemand bereit erklären würde, etwas zu schreiben, bitte meldet euch hier oder bei der Queesch!

Natürlich nehmen wir auch Artikel, die nicht mit unserem Dossier-Thema zu tun haben, sondern auch so ziemlich alles andere. Das gilt auch für Reviews, Poesie oder Lyrik usw. Es ist übrigens nicht schlimm, wenn ein Beitrag schon in einem Blog erschienen ist.

Also: macht was! Anstatt immer nur über die schlechte und heruntergekommene Medienlandschaft (in Luxemburg) zu meckern; einfach selbst Medien sein! (Oder auf englisch, weniger konkret, dafür aber schöner: Don’t hate the media – be the media!)

2009 revisited

December 29th, 2009 - 2141

photo cc by Gwenael Piaser

(2006. 2008.)

1. Zugenommen oder abgenommen?
Zugenommen. Wobei ich insgeheim immer noch hoffe, dass ich in Wahrheit schwanger bin.

2. Haare länger oder kürzer?
Länger. Und dann wieder kürzer. Und dann wieder länger. Bald wohl wieder kürzer. Es ist so ein vierteljährliches Auf- und Ab.

3. Kurzsichtiger oder weitsichtiger?
Gleichgeblieben. Wobei ich es ja geschafft habe, den Rückflug einen Tag vor meinem Augenarzttermin zu legen.

4. Mehr Kohle oder weniger?
Mehr zur Verfügung. So richtig meins ist das auch nicht.

5. Mehr ausgegeben oder weniger?
Mehr. Hey, ich bin jetzt Mieter und kaufe für mich selbst ein und so.

6. Mehr bewegt oder weniger?
Eher weniger. Ich bin allerdings auch ganz schön herumgekommen. Münster, Groede in den Niederlanden, Paris, Amsterdam Kopenhagen, Wien und auch manchmal so interimsweise Bratislava.

7. Der hirnrissigste Plan?
Na ja, meine Pläne bezüglich Wohnungssuche in Wien waren wohl etwas blauäugig. So etwas richtig hirnrissiges habe ich nicht getan, würde ich sagen.

8. Die gefährlichste Unternehmung?
Mein praktisches Examen im Wald war sicherlich ziemlich gefährlich, was die Chance, zu scheitern, anging. Ansonsten sass ich reichlich benebelt einem russischen Geländewagen, der von ähnlich benebelten Personen durch den Wald gekarrt wurde, mitten in der Nacht. Das hätte wahrscheinlich auch schief gehen können.

9. Der beste Sex?

10. Die teuerste Anschaffung?
Ich hab die Wohnung ja nicht gekauft, ansonsten wär es das wahrscheinlich. Ich kaufe wahrscheinlich einfach nicht viele teuere Sachen.

11. Das leckerste Essen?
War bestimmt selbstgekocht. Oder das halbe Buffet, das KollegInnen von einem Empfang in die Boku-Protestzentrale gebracht haben, weil es dort niemand mehr gegessen hat.

12. Das beeindruckendste Buch?
Ich habe dieses Jahr gefühlsmäßig viel zu wenig gelesen, auch wenn ich nicht einmal weiß, ob es denn tatsächlich weniger war als 2008. Lebensraum Wald von Heinrich Hofmeister hat mir viel über Waldgesellschaften beigebracht. Vor allem, das ich das ein wenig merkwürdig finde.

13. Der ergreifendste Film?
Ich war unglaublich viel im Kino und habe mir sehr sehr viele Filme angesehen, vor allem vor den Oskars, die ich mit meiner kleinen Schwester zusammen gesehen habe. Insofern natürlich schwierig. Antichrist hat mich ergriffen, aber nicht unbedingt auf eine schöne Art und Weise. Vielleicht Man On Wire. Oder Milk.

14. Die beste CD?
Irgendwie halte ich 2009 nicht wirklich für ein starkes Musikjahr. We were promised Jetpacks. Obwohl ich die neue Editors und die neue Therapy? auch sehr gut finde.

15. Das schönste Konzert?
Nine Inch Nails in der Rockhal.

16. Die meiste Zeit verbracht mit …?
Lernen. Und das hat sich auch gelohnt. Aber protestiert habe ich auch viel. Und überhaupt, eigentlich war 2009 zwei Jahre. Einmal bis zu meinen Examen und einmal die Zeit danach.

17. Die schönste Zeit verbracht mit …?
jetzt-ex-Klassenkameraden. Wir hatten eben die Welt erobert, den Sommer vor uns und einen endgültigen Sieg errungen. Ich mag euch, Jungs.

18. Vorherrschendes Gefühl 2009?
Aufbruch. Durch die Hölle und – nicht zurück, sondern ganz wo anders hin.

19. 2009 zum ersten Mal getan?
Gewählt. Wohnung gesucht. Mich inskribiert. Umgezogen. Miete bezahlt.

20. 2008 nach langer Zeit wieder getan?
In den Niederlanden gewesen.

21. Drei Dinge, auf die ich gut hätte verzichten können?
Harddiskausfall, Deppendiskussionen, Wahlsieg gewisser Parteien.

22. Die wichtigste Sache, von der ich jemanden überzeugen wollte?
Sich Gedanken um die Wahlen zu machen. Weil irgendetwas wählen nicht die Lösung ist.

23. Das schönste Geschenk, das ich jemandem gemacht habe?
Eine CD mit eigenen, selbst eingesprochenen Texten. Fand ich ziemlich toll.

24. Das schönste Geschenk, das mir jemand gemacht hat?
Anerkennung und Respekt von Leuten, von denen ich ebenfalls eine hohe Meinung habe.

25. Der schönste Satz, den jemand zu mir gesagt hat?

26. Der schönste Satz, den ich zu jemandem gesagt habe?
Bien!

27. 2009 war mit einem Wort …?
Veränderung.

28. Noch Fragen?
Mehr Fragen beantworte ich gerne bei formspring:

State of the onion

December 25th, 2009 - 1724

photo cc by Darwin Bell

Seit ein paar Tagen Wochen geistert formspring.me, eine Mischung zwischen Kontaktforumlar und twitter vor allem durch die twitterosphäre. Auch viele luxemburgische Netzpersönlichkeiten haben sich den Fragen, die sie vor allem anonym gestellt bekommen haben, gestellt. Die Ungewissheit, wer da eigentlich gefragt hat und die Möglichkeit, anonym Fragen stellen zu können machen den Reiz von formspring.me aus, obwohl es leider so scheint, als habe sich der erste Hype schon wieder gelegt. Ich konnte mich zumindest nie darüber beklagen, uninteressante Fragen gestellt zu bekommen, habe aber auch schon seit einer guten Woche keine Frage mehr beantworten dürfen.

Vor zwei Wochen wurde Chris die Frage gestellt, was in der luxemburgischen Blogosphäre fehlen würde und nachdem er sie beantwortet hatte, stellte er mir die gleiche Frage. Hier und hier sind unsere Antworten. Und die sind durchaus lesenswert. Und so am Jahresende kann man sich schon Gedanken über den Zustand unseres kleinen, feinen Blogklumpens machen. Chris fehlen Kommentare von Nicht-Bloggern, ein gehobenes Niveau in Kommentaren und gute Blogs. Ich wünsche mir einen höheren Frauenanteil, LGBTQ-Blogs, mehr Gendersensibilität, mehr Vernetzung mit MigrantInnenblogs und mehr Blogs. Es nervt mich ungemein, dass viele Geschichte halböffentlich und unausgesprochen in Galerien und Kommentaren auf Facebook herumliegen, wo sie im allgemeinen Blödsinnsstrom untergehen.

Ich würde mir also wünschen, dass mehr Menschen damit anfangen, zu bloggen. Ihre Geschichten erzählen, ihre Meinungen kundtun, ihre Fotos zeigen. Und wenn ein Blog nur einmal im Monat einen kleinen, aber feinen Beitrag hat, dann ist es halt nur einmal im Monat. Besser so, als auf Facebook unter den neusten Highscores von Farmville unterzugehen. Bleibt die Frage, wie man den Leuten das sagt und beibringt. Immerhin ist ein Account auf Facebook immer noch einfacherer als ein Blog bei wordpress.com. Vor allem fehlt bei wordpress.com die Community. Das ist wohl nicht zu unterschätzen, immerhin kann ich mir bei Facebook sicher sein, dass ich zumindest einen “Like” kassiere, wenn ich Inhalt online stelle. Für ein Blog muss ich mir erst Publikum erarbeiten, das dann auch noch oft genug undankbar oder gar beleidigend ist. Also nicht nur technisch, sondern vor allem was das Publikum angeht ist ein Blog komplizierter und unbequemer. Aber vielleicht kann man ja Möglichkeiten schaffen, das zu vereinfachen? Vor allem im luxemburgischen Blogklumpen, der doch sehr überschaubar ist, fällt es relativ leicht, sich mit vielen BloggerInnen zu vernetzen und somit schneller an LeserInnen zu kommen. Bleibt halt nur die Frage, wie man die Leute ans Bloggen und ans Lesen bekommt.

Was denkt ihr? Was fehlt euch in der luxemburgischen Blogosphäre? Was wünscht ihr euch?

Winterruhe.

December 19th, 2009 - 1646

foto cc by glenngould

Es wird jetzt ruhiger werden die nächsten zwei bis drei Wochen. Ich fahre “nach Hause”, werde den Winter genießen und mich nur von Weihnachtskeksen und heißer Schokolade ernähren. Und da mein Computer in Wien bleiben wird, wird es wohl so sein, dass ich nicht viel online sein werde. Wer mich sehen will, und ich lade euch alle dazu ein, kann sich ja per Telefon oder Brief melden. Adresse steht ja irgendwo hier auf der Seite, die Telefonnummer im Telefonbuch.

Euch alle eine besinnliche Wintersonnenwende und einen fröhlichen Start in eine neue Runde um den Stern, den wir Sol nennen! Feiert, denkt nach und genießt das Leben!

Gender Check

December 16th, 2009 - 2358

gendercheck1Foto: © MUMOK

Wenn ich schon in Wien wohne, kann ich mir auch ab und an ein wenig Kultur gönnen. Immerhin gibt es hier unglaublich viele interessante Museen. Die meisten davon hat man im sogenannten Museumsquartier versteckt, damit Leute wie ich, die nach freistehenden Museen suchen und denken, sie würden das wohl schon entdecken, erst nach längerer Suche am Ziel ankommen. In dem “Innenhof” der ehemaligen Hofstallungen hat man die Kunsthalle, das Leopoldmuseum und das MUMOK gesteckt. Das muss man ja auch erst einmal wissen. Andererseits hätte ich auch fast meinen seit lang gehegten Plan, einen Tag lang mit den Straßenbahnen Wiens zu fahren, unfreiwillig wahr gemacht, weil ich zu doof war, die Richtung zu checken. Aber ich habe ja schon einmal festgestellt, dass das gonzojournalistische Prinzip des auf-alles-vorbereitet-seins meistens bedeutet, dass man überhaupt nicht vorbereitet ist.

Gender Check ist eine Ausstellung über – Überraschung! – Geschlechterollen in Osteuropa. Bzw. die Auseinandersetzung der Kunst mit Geschlechterollen in Osteuropa. Interessanterweise wurde im Sowjetkommunismus ja eine “geschlechterlose” Gesellschaft propagiert, die aber nicht wirklich umgesetzt wurde, wobei sehr viel mehr Frauen Lohnarbeit verrichtet haben als im Westen. Natürlich spiegelt sich dieser Umstand auch in der Kunst wieder, vor allem im sowjetischen Realismus bis 1960. Im ersten Teil der Ausstellung sind heroische Darstellungen von arbeitenden Frauen zu sehen, erstaunlich oft als Bauarbeiterinnen. Aber auch hier ist eine Arbeitsteilung und damit Rollenbilder zu erkennen. Die meisten Bilder zeigen Frauen in Webereien, in der Lebensmittelindustrie, während die Stahlarbeiter allesamt Männer sind. Trotzdem: die Bauarbeiterinnen bleiben im Gedächtnis. Diese Werke sind Teil der offiziellen Kunst gewesen und damit Teil der Staatspropaganda, die von inoffizieller Kunst als Märchen enttarnt werden.

gendercheck2Michails Korneckis (Lettland) – Mädchen, packen wir es an, 1959 © Normundus Braslins

Vor allem ab den 1970er Jahren beginnen Künstlerinnen, Selbstdarstellungen anzufertigen und decken hier in der offiziellen Kunst nicht vorhandene “Weiblichkeit” auf. Ein Bild mit einer über die Kloschlüssel gebeugten Schwangeren trägt den simplen Titel “Eine Frau”.

Und so staunte ich mich durch die Ausstellung, schaute kurz in einige Filme rein, die ich immer ein wenig sinnlos finde, wenn sie länger als zehn Minuten dauern, denn sie reißen einen oft aus der eigentlichen Ausstellung und ganz ehrlich, eine Stunde auf einem Hocker in einem Museum sitzen bleiben, das halte ich nicht wirklich aus. Es fällt mir schon schwer genug, in meinem Zimmer eine Folge “X-Files” anzusehen, ohne zu schauen, was gerade bei twitter passiert. Nach einigen Versuchen ließ ich die Filme also Filme sein und bedauerte, nicht über mehr Zeit und Auffassungsfähigkeit zu haben. Außerdem ärgerte ich mich darüber, kein real-life-ffffound zu haben und dass es offensichtlich auch in großen Museen Gang und Gäbe ist, Glasrahmen so zu beleuchten, dass man die Ausstellungsstücke gut als Spiegel benutzen kann, jedoch das Werk selbst kaum sieht.

gendercheck3Wojciech Fangor (Polen) – Figures / Postaci, 1950 © Wojcieh Fangor

Die sexuelle Revolution gab es, Überraschung, nicht nur im Westen. Perfomances, Videoinstallationen, Body Art und die Fotografie waren nicht nur neue Medien, sondern auch Ausdruck einer neu erlebten Sexualität. Feminismus wird angedeutet. Auch die klassischen männlichen Rollenbilder, allen voran der Soldat, werden gekonnt dekonstruiert. Auch andere Sexualitäten und Beziehungsformen als die das durch Propaganda geprägte heterosexuelle Norm werden dargestellt.

Nach 1989 veränderte sich so einiges. Der Teil Gender und Kapital zeigt, dass mit dem Kapitalismus/der Wende auch Prostitution, Menschenhandel und die Pornoindustrie verstärkt nach Osteuropa gekommen sind. Milchtüten für Brustmilch, ein Menschenhandel-Monopoly und mutmaßliche Bankangestellte, die “Money Money” von ABBA singen bildeten meiner Meinung nach einige Highlights von diesem Teil, der mich im Großen und Ganzen sehr begeistert hat. Ob das daran liegt, dass “Sex sells”, oder ob ich auf neueres Material einfach besser anspreche, weiß ich nicht. Immerhin ist Pornografie ja heute auch allgegenwertig.

gendercheck4Eva Filova (Slovakei) – Without Difference, 2001 © Eva Filova

Allgemein scheinen die Kunstwerke nach 1989 freier, aber auch wesentlich stärker am Westen interessiert. Das Projekt einer polnischen Künstlergruppe, die eine virtuelle Präsidentschaftskandidatin zur Wahlen stellen lassen wollten, inklusive Wahlkampagne, wirkt dann doch sehr “westlich”. Wobei ich die Idee ziemlich gut fand und sie auch super ausgeführt war.
Natürlich gibt es auch eine Abrechnung mit den Diktaturen und ihren Geschlechterrollenbildern vor 1989 in der Kunst. Nicht nur die DDR-Künstlerin, die die Stasiakten über sich selbst mit Fotos zu den Beobachtungen der Spitzel spickt, sondern auch viele Werke, die die Rolle der Armee und der Männer in ihr beleuchten und karikieren.

Insgesamt ist Gender Check sehr sehenswert. Ein wenig hat mich gestört, dass das ganze ein wenig zu sehr wie ein “Best Of” wirkte. Von manchem hätte ich gerne mehr gesehen, anderes fand ich dann nicht so umwerfend, aber ich würde jeder Person, die ein klein wenig was mit Gender, Kunst oder Osteuropa anfangen kann, dringend empfehlen, das MUMOK zu besuchen. Die Ausstellung läuft noch bis zum 14. Februar 2010. Die Ausstellung hat auch eine eigene Webseite.

In All My Dreams, it Never is Quite as it SeemsRovena Agolli (Albanien) – In All My Dreams, it Never is Quite as it Seems, 2002 © Rovena Agolli

die innere Landkarte

December 2nd, 2009 - 1359

[Alternativtitel: Der geographisch-psychologisch-metaphysische Komplex] Wobei … auf jeden Fall etwas mit “geographisch-” und “Komplex”. Vielleicht hat ja von euch, liebe BlogleserInnen, eine Idee?

innerelandkarte1

Landschaften sind immer ein Abbild gesellschaftlicher und herrschaftlicher Verhältnisse.
Das klingt recht einfach und logisch, war für mich aber eine große Offenbarung. Einer jener horizonterweiternden Momente, von denen ich heuer(=dieses Jahr. Praktisches Wort, oder?) schon eine ganze Menge hatte.

Ich fahre mit dem Finger über meine innere Landkarte und gehe in Gedanken durch, wo ich schon überall gelebt habe, wo ich schon überall war und wo ich noch alles hin will. Am Samstag habe ich mir schon relativ spontan Gedanken darüber gemacht, ob Wien jetzt mein “Zuhause” ist, am Sonntag sah ich den wunderbaren Film Away We Go von Sam Mendes in einem zauberhaften kleinen Kino am Schottenring und am Montag war die erste Vorlesung über Landschaftsplanung (LAP), bei der das oben erwähnte “Offenbarung” gemacht wurde und es mir wie Schuppen von den Augen fiel. “Raum” beschäftigt mich gerade sehr. Vielleicht gerade deswegen, weil ich sehe, was in Freiräumen, ob besetzt oder “geduldet”, möglich ist, eventuell aber auch, weil ich als großer heiter scheitern-Fan auf Raumfragen geeicht bin. Und dann schreibt Kathrin auch noch über Queering Gentrification! Da scheint sich mir gerade ein weiteres Lieblingsthema aufzutun. (Nebenbei sehe ich mit großem Entsetzen, dass ich anfange, Statistik interessant zu finden. Ich meine, ich spiele ernsthaft mit dem Gedanken, Umweltstatistik als Wahlfach zu belegen. Werde ich erwachsen?)

Wohin also?
Ich habe einen großen Schuhkarton, den ich mit vielen kleinen Erinnerungsstücken gefüllt habe: Kinokarten, Presseausweise, Zug- und Flugtickets, Postkarten und weiteren Nippes, den ich über die Jahre gesammelt habe. Es gehören auch einige Karten dazu. Neben einer völlig zerschlissenen Wienkarte, auf der nur das Weltcafé eingetragen ist, das auch schon in meinem Wien-Moleskine eingezeichnet ist, gibt es eine Karte von Amsterdam, auf merkwürdigerweise das Stück rund um den Bahnhof fehlt (was so einiges erklärt!) und das Programmheftchen von Quattro Stazioni, jene Radiorundreise, die mich das erste Mal nach Wien gebracht hat. Das Deckblatt bildet ein Ausschnitt aus einer Karte, die irgendeine non-existente Landschaft abzubilden scheint. Strange Map. Vielleicht bildet diese Karte genau jenen Ort ab, den ich suche.

innerelandkarte2

Inas Heimat
Obwohl es immer wieder Gerüchte gibt, die Geschichte rund um Ina würden bei A. zu Hause spielen, obwohl tatsächlich nur ihre Küche Vorbild für Inas Küche stand, gibt es diesen Ort nicht. Ich habe ihn mal “Chicago, Dänemark” genannt, aber das ist auch kein guter Name. Gefühlsmäßig lag der Ort irgendwo in der Einöde der (theoretischen) dänisch-luxemburgischen Grenze, heute würde ich sogar ein dänisch-österreichisch-luxemburgisches Dreiländereck daraus machen. Vielleicht gibt es in Dänemark, in Luxemburg und in Österreich genau solche Orte, wie ich sie mir vorstelle, wenn ich an Inas Haus denke – wahrscheinlich gibt es sie in jedem Land. Aber genauso wie es wichtig ist, dass Inas Haus irgendwo in einer Einöde steht, so ist es auch unabdingbar, dass dieser Ort in einem “Grenzgebiet” (nicht nur von Nationalgrenzen!) liegt und eben gerade nicht existiert, dass der Nebel und der Schnee nicht nur Kälte vermitteln, sondern ihn auch unwirklich – im besten Sinne des Wortes, machen.

Und so ist auch mein Header zu verstehen. Mit ein wenig Fantasie lässt sich die Überbelichtung in das gleißende Licht einer Atombombenexplosion umdeuten. Das Foto ist somit das erste Abbild der postapokalyptischen Welt, durch die wir unseren ganz persönlichen Roadtrip veranstalten.

Insofern ist dieses Blog auch ein Reiseblog.
Und sei es nur für Reisen mit dem Finger über die innere Landkarte.

first photo cc by Manitoba Historical Maps and second photo cc by Toshiaki Zushi. Ich hätte diesen Artikel übrigens gerne wie Ben es letzens so wunderschön macht, einzeln gelayoutet. Leider fehlt mir nicht nur die Zeit, sondern auch ein klein wenig die Motivation und die Sattelfestigkeit in HTML und CSS, um sowas in angemessener Zeit umsetzen zu können.

Nicht nur Glühwein.

November 29th, 2009 - 007

Na endlich. Seit ich meinen ersten Spaziergang durch Wien, genauer durch meinen eigenen Bezirk gemacht hatte, wusste ich, dass diese Stadt unglaublich/verdammt/sehr inspirierend sein kann. Und nachdem ich schon fast angefangen hatte, über einen Asiaten, der in Wirklichkeit ein Vampir oder zumindest ein Mystiker sei, zu schreiben, fing die Uni an zu brennen und ich stürzte mich erstmal in einen Monat voll Protest. (Der übrigens immer noch anhält und über den ich auch gerne mal mehr schreiben werde.) Aber endlich habe ich wieder dieses Kribbeln in den Fingern. Merkwürdig auch, wie das sich ankündigt, wie ich immer wieder öfters in Backend wechsele, nur um mir die Statistiken anzusehen, wie ich darüber nachdenke, zu schreiben, ohne es wirklich zu tun, wie ich dann unwillkürlich auf den Link zum Backende klicke, nur um jetzt darüber zu schreiben, dass ich wieder Lust habe, zu schreiben. Und so was kann man ja einfach “meta” nennen, es kursiv setzen und anfangen.

nichtnurgluehwein

Hier im Osten wird es viel zu früh dunkel. Ich werde mich daran wohl nie so richtig gewöhnen, genauso wenig wie da hier sein soll und dort da. Aber nicht umsonst komme ich aus dem Land, das den Mörtel für den großen Turm zusammen mischte. Fast unvorstellbar, zurückzukehren. Hier ist eine gute Fliehburg, ein sicherer Hafen für das Luftschiff während des Winters.
Aber ist hier “Zuhause”? Ein Ort, der dir immer noch so fremd ist? Glaubst du überhaupt daran, dass du je ein Zuhause haben wirst? Ist es nicht eher so, dass dein Leben ein ewiges Roadmovie sein sollte? Hast du dir die Flucht vor der Apokalypse nicht auf die Fahnen geschrieben? Sesshaft werden ist für Menschen, die an die Ewigkeit glauben.
Poetische Landschaften entfalten sich vor meinem geistigen Auge, und ich weiß nicht, wie ich sie beschreiben soll, ohne sie zu zerstören. Einfache Worte können unglaublich glücklich machen, sie können aber auch der vernichtende Strahl des Todessterns sein, der Planeten in Milliarden Stücke zerspringen lässt wie billiges Porzellan. An der Bushaltestelle atme ich – wieder einmal, jene Luft ein, die nach Winter und Frost schmeckt und frage mich, wann er wohl endlich kommt und dieser Stadt einen weißen Mantel anlegt. Vielleicht habe ich ihn auf vertrieben mit Fackel und Feder?

Wärme könnten wir gerade alle gut gebrauchen. Nicht nur Glühwein.

photo cc by ethan lindsey

Auf Wohnungssuche in Wien

November 26th, 2009 - 2313

wohnungssucheinwien

Dieser Artikel erscheint Mitte Dezember in der neusten Print-Ausgabe der Queesch. Da ich meine BlogleserInnen aber besonders liebe und hier schon viel zu lange nichts mehr geschrieben habe, dürft ihr ihn schon jetzt lesen. Ach, und falls es jemand noch nicht mitgekriegt haben sollte: die erste Folge des neuen luxemburgischen Podcasts Gedibbers ist online.

Freitag Abend. Ich steige aus der U-Bahn, mir schlägt kalte Luft entgegen. Sie riecht nach Winter. Ich versuche, mich zu orientieren, was mir aus zwei Gründen nicht leicht fällt: Erstens bin ich ein ganz klein wenig angetrunken, zweitens befinde ich mich in Wien, einer Stadt, die mir zu diesem Zeitpunkt noch nicht sehr bekannt ist. Später werde ich merken, dass ich eine U-Bahnstation zu früh ausgestiegen bin, aber immerhin ist mir der Weg hier bekannt. Ich bin im Zeitdruck, denn vor ungefähr zwanzig Minuten hat mich Jan, dessen Zimmer in einer WG ich haben will, angerufen und mich gefragt, ob ich nicht noch einmal vorbeikommen könnte, da jetzt mehr Mitbewohner da seien, die sich gerne mit mir unterhalten würden. Aus Angst, zu spät zu kommen und eine Mitbewohnerin, die nur kurz da sein wird, zu verpassen, laufe ich sogar ein Stück. Lieber verschwitzt ankommen und zeigen, dass ich den WG-Platz wirklich will, als zu spät kommen.

Ich geb’s ja zu: Ein klein wenig habe ich mich schon um die Wohnungssuche gedrückt. Eigentlich hätte ich viel früher damit anfangen können, mir etwas zu suchen, immerhin kannte ich auch schon vor meiner Ankunft hier in Wien einige Leute. Und es ist ja nicht so, als würde man Wohnungen heutzutage in Zeitungen oder auf schwarzen Brettern suchen. (Obwohl das vielleicht die beste Methode ist, immerhin GIBT es noch Anzeigen auf den schwarzen Brettern dieser Welt!) Ich habe also ein paar FreundInnen angeschrieben, ob sie niemanden kennen würden, der/die einen Mitbewohner aus Luxemburg sucht. Vielleicht würde die Traumimmobilie ja einfach so ohne weiteres Zutun zu mir kommen und ich müsste nur noch „Ja!“ sagen.

Als dann nach und nach klar wurde, dass dem wohl nicht so sein würde, sah ich mir einige Mitbewohner-Gesuche im Internet an, schrieb Dutzende Mails, von denen nur die wenigsten beantwortet wurden und buchte einen Flug nach Wien. Vier Tage gab ich mir Zeit vor Ort, eine Wohnung oder eine WG zu finden. Währenddessen würde ich bei einem Kumpel unterkommen.

Fünf Minuten nachdem ich den Flug gebucht hatte, schrieb mich eine Freundin aus Wien an und fragte, ob ich nicht zusammen mit ihr in eine WG ziehen wollte. Natürlich wollte ich. Das Problem war nur: Für die WG gab es noch keine Wohnung. Schlagartig änderten sich also meine Suchkriterien von „Ich will ein Zimmer, möglichst abschließbar“ zu „eine Wohnung mit drei getrennt begehbaren Zimmern in guter Lage“. Vor allem die drei getrennt begehbaren Zimmer sind in Wien schwierig. Es scheint früher durchaus gang und gäbe gewesen zu sein, Leute in Durchgangszimmern einzuquartieren. Was natürlich blöd ist, denn solche Zimmer muss man immer aufgeräumt und sauber halten, Freundinnen und Drogen sind möglichst unauffällig zu platzieren. Will sagen: Nichts für Studierende.

Weil die Aussicht auf einen Fund nicht so gut aussah und obwohl ich mich ziemlich daran klammerte, besuchte ich zwei WGs, die MitbewohnerInnen suchten. Auf dem Weg zur ersten Wohnung erzählte mir mein Kumpel, der mich zwecks Ortsfindung begleitete, dass Hitler, der ja auch irgendwann in Wien eine Wohnung gesucht hätte, bei der Wohnungssuche einer eventuellen Vermieterin wohl so sehr gefallen hätte, dass diese ihren Bademantel absichtlich fallen gelassen hätte. Wie hätte sich die Geschichte wohl verändert, wäre er nicht mit hochrotem Kopf aus dem Haus gerannt?

Bei meinem Besuch in der Sechser-WG gehen mir ganz andere Dinge durch den Kopf. Zum Beispiel, dass es eine ziemlich dumme Idee war, sich nur zwei WGs anzusehen und zu hoffen, dass eine geeignete Wohnung für die geplante WG-Gründung vom Himmel fallen würde. Ich habe gerade eine Absage für die andere Wohnung, die ich mir angesehen habe, bekommen. Die hätte etwas weniger gut gelegen, das Zimmer wäre aber größer gewesen. Dieses „Bewerbungsgespräch“ war also quasi meine letzte Chance, sollte ich doch am nächsten Tag wieder nach Hause fliegen. Es ist teilweise sehr verwirrend, in einer Großstadt, die man nicht wirklich kennt, eine Wohnung zu suchen. Zum Glück ist Wien in Bezirke eingeteilt, was sie Suche ein wenig erleichtert, vor allem, da es offenbar einige „Bad Bezirke“ (analog zu der „Bad Bank“) gibt, in denen man sich keine Wohnung suchen sollte. Außerdem kann man die Bezirke des historischen Stadtzentrums gleich mal weglassen, es sei denn, man hat im Lotto gewonnen. Gut, dass ich einen Menschen zur Seite hatte, der vor einem halben Jahr das gleiche Problem gehabt hatte und die Tücken des Wiener Wohnungsmarktes recht gut kannte.

Ich unterhalte mich also mit der Mitbewohnerin, halte zum gefühlten millionsten Mal ein Spontanreferat über Luxemburg und versuche wie ein guter WG-Mensch zu wirken, obwohl ich eigentlich überhaupt nicht weiß, wie das in einer WG so wirklich vor sich geht. Immerhin kann ich als erstes von fünf Kindern behaupten, ich wüsste, wie es ist, in einem Haushalt mit mehreren Personen zu leben. Jan, dessen Platz ich haben soll (das mit dem Zimmer ist nochmal komplizierter), bietet mir nach der ersten 0,5 l-Dose Bier ein merkwürdiges Getränk an, das, Zitat eines Mitbewohners, schmeckt „als ob man eine Distel“ trinkt. Und ein klein wenig wie „Tegel“, ein Gel, das in meiner Familie als Wunderwaffe gegen jede Art von kleinen Entzündungen im Mund verwendet wird.

Nach einiger Zeit ist das Gespräch beendet, ich achte darauf, mein Glas selbst zum Spülstein zu bringen und werde mit der Ankündigung, das Gitter zum Innenhof sei nun sicherlich zu und ich müsste wohl darüber klettern, verabschiedet.

Nachdem ich über das sicherlich zwei Meter hohe Gitter geklettert bin, was ich wahrscheinlich nur wegen des Alkohol in meinem Blut schaffe, laufe ich an einem Elektrofachgeschäft vorbei: „Nur Miele, Miele, sagte Tante, die alle Waschmaschinen kannte“ steht dort im Schaufenster. Ich muss grinsen und torkele zurück zu der Geburtstagsfeier, von der ich gekommen war.

Am nächsten Tag wache ich verkatert auf, dusche schnell und eile zum Bus, der mich zum Flughafen Bratislava fährt. Dort mahnt mich ein Schild, kein radioaktives Material mit an Bord zu nehmen. Dargestellt ist das radioaktive Material auf dem Schild durch eine Styroporbox, auf der das Radioaktivitätszeichen abgebildet ist. Nach dem kurzen Flug, während dessen ich glücklicherweise fast die ganze Zeit schlafe, mache ich mir bei meiner Ankunft in Hahn ernsthaft Sorgen. Was, wenn ich den Platz in der WG nicht bekomme? Wie soll ich von Luxemburg aus eine Wohnung finden?

Irgendwo zwischen Hahn und Luxemburg ruft mich Jan an und sagt mir, dass ich in die Wohnung einziehen darf. Ich mache einen Luftsprung. Nur innerlich, da ich ja in einem Auto sitze und angeschnallt bin und ich die Fahrsicherheit nicht beeinträchtigen will.

Zu Hause wartet eine Email mit einem weiteren Angebot für eine WG auf mich.

photo cc by problemkind

Net méi laang …

November 21st, 2009 - 1230

gedibbers
dann leeën mir lass!