Zehn Jahre Schreiben

October 18th, 2011 - 2142

Zehn Jahre Bloggen heißt auch: zehn Jahre schreiben. Deshalb ein Überblick über die letzten zehn Jahre, über Schreibversuche und Stilfindungen. Eigentlich sollte das hier nur eine kurze Liste mit je einem Text pro Jahr werden. Es ist dann ein bisschen länger geworden. Aber im Netz ist ja Platz genug.

Ich behaupte ja gerne, dass ich schreibe, seit ich es kann. Meine erste “Publikation” war ein Heft über Waldsäugetiere, mit selbst gemalten Bildern. Mit dem ersten Computer im Haushalt kam dann auch Wordpad und damit wieder eine wildtierökologische Abhandlung. Aber hier soll es ja um die Texte im Blog gehen. 2001 habe ich ja nur drei Monate gebloggt, Anfang 2002 bis Juli hat das Blog dann geruht, ehe ich Tag für Tag etwas HTML strickte, es “Blog” nannte und mir unheimlich cool vor kam, nicht von blogger.com abhängig zu sein und ein eigenes Layout zu haben. Deshalb gibt es aus dieser Periode auch keinen Text, der nicht auch Tagebucheintrag wäre.

23.10. 2001 – Ohne Titel
Mir gefällt das. Die Schreibe ist natürlich unbeholfen, der Wunsch nach zwei Liter Kakao hätte wohl in Bauchweh geendet, aber ich kann ihn mit dem nahenden Winter im Genick durchaus nachvollziehen.

One Dead every day” habe ich wohl Anfang 2002 geschrieben – beachtet auch das lustige Vorwort, das ich drei Jahre später schrieb. Leider habe ich ziemlich viele längere und prosaische Texte nicht direkt im Blog, das ich damals wirklich als öffentliches Tagebuch verstand, sondern auf statischen Seiten daneben veröffentlicht, so dass es schwierig ist, sie zu datieren. (Beim Umzug auf ein CMS habe ich die Texte nach Gutdünken eingeordnet.) Wer sich ODED nicht antun will: Meine damaligen Lehrer_innen und Klassenkamerad_innen metzeln sich gegenseitig ab. Im Weltraum.

2002 und 2003 waren auch die Jahre von “NEON ODED”, eine Mischung aus einer Neon Genesis Evangelion-Fanfiction (deren Fanfictionhaftigkeit ich mir aber nicht eingestehen wollte!) und dem eben erwähnten, etwas älteren Text. Interessanterweise habe ich mit NEON ODED etwas getan, was ich sonst mit so gut wie keinem wichtigen Text getan habe: Ich habe ihn nie online veröffentlicht, sondern nur Freund_innen gezeigt. Was wohl auch sein Verhängnis ist. Ich habe ihn nämlich nicht mehr auf der Festplatte, bei irgendeinem Crash ging er verloren. Was eigentlich schade ist, denn er war ca. 60 Seiten lang und wäre sicherlich ein interessantes Dokument meines Schreiben-Lernens gewesen.

Sehr glücklich war ich damals nicht. Es fühlt sich nicht gut an, über diese Zeit zu lesen. Kein Wunder, dass der Löffelmörder in dieser Periode entstanden ist, ein Text, der offenbar nur noch auf ff.net zu finden ist. (Die Fortsetzung ist allerdings im Blog.) Ab Oktober 2003 wurde es besser. Ich lernte L. kennen, schreib merkwürdige Songtexte und solche Aufsätze in der Schule.

2004 schrieb ich an einer Fantasygeschichte, in der die verschiedensten Personen aus meiner damaligen Clique auftauchten. Ich glaube, auch dieser Text ist verloren, einen Ausschnitt gibt es hier. Ich finde es interessant, wie ich damals so bloggte. Das sind oft Tagebucheinträge, bei denen die Gedanken so derart hin und her springen, dass ich sie wahrscheinlich oft nur selbst verstanden habe. Ich muss wahrscheinlich nicht erwähnen, dass vieles von dem, was ich damals geschrieben habe, mir heute zumindest schleierhaft ist. Musik beschreiben konnte allerdings ich besser als heute, habe ich das Gefühl.

Anfang 2005 versuchte ich zu dichten. Lustigerweise habe ich 2005 meine immer noch existierende Rubrik “fiktive Gespräche” begonnen, in der ich, wenn ich das richtig sehe, immer nur Gespräche mit A. geführt habe, zum Beispiel dieses hier. Gedichtet habe ich immer noch, allerdings für ein Mädchen. “When I come arround” war ziemlich beliebt bei den Leser_innen, so dass es sogar eine vorgelesene Version gibt. Nach meinem Rant über die luxemburgische Blogosphäre nahmen mich die Eingeborenen gut auf und wählten mich zu ihrem König. (Oder so ähnlich.) *fucker war wohl der Anfang zu dem, was so was wie “mein Stil” werden würde. Ich würde den Text heute anders schreiben, aber ich finde ihn immer noch sehr spannend. Beschreibungen von Zärtlichkeiten und Sex, wie feeling so unholy fand ich damals aber wohl noch spannender.

Anfang 2006 lernte ich L. kennen und schreib AIDYLL, das ich mit Scribus zu einem pdf machte und als Heftchen fotokopieren ließ und verteilte. Es folgten oben erwähnte Beschreibungen wie Steg oder FrühlingsErwachen. Für Schwalbenhimmel gab es immerhin einen Anlass. Heute finde ich Texte wie days of war, nights of love oder den Sci-Fi Versuch Weltraum Blues ja wesentlich interessanter, ich würde die Kuschelprosa aber nicht unterschätzen, immerhin habe ich sogar noch 2007 einen solchen Text öffentlich vor Publikum vorgelesen. Weltraum Blues stammte übrigens aus einer Sci-Fi-Serie, die als Wiki angelegt war. Das Wiki war auf einem unglaublich tollen Wikisystem aufgebaut, das alle Funktionen hatte, von denen MediaWiki wahrscheinlich heute noch träumte: nur updaten konnte man es nicht. So sind auch dort viele Texte verschwunden. Achherje. Stelle ich die Texte nicht online, verschwinden sie, stelle ich sie online, verschwinden sie erst recht.

2007 war voller interessanter Texte: XX/Y. Oder das Gedicht Tränen, das mir einfach so auf der Straße einfiel. Ich schreib an einem Text namens EVA, immer noch inspiriert von Neon Genesis Evangelion und L. Ich würde EVA auch heute noch Potential geben. Irgendwann vielleicht. Bei meinem ersten Freewriting-Text habe ich Ina entdeckt. 2007 haben wir les jeunes melancoliques gegründet und im Dezember das erste mal im D:qliq vor Publikum gelesen. Mit Hoffnung habe ich die Arbeit an Kuchenbaum begonnen, unwissend, was da kommen würde.

Anfang 2008 fühlte ich mich wortlos und pflanzte den Wunsch, mit den jungen Melancholiker_innen in einem VW-Bus nach Skandinavien zu fahren. Was wir übrigens nie getan haben. Ich war 2008 trotzdem viel unterwegs und kam nicht immer ganz damit zurecht. Ich glaube, Ein dicker Strich aus schwarzer Kreide ist der erste Text, in dem das Zeppelin erwähnt wird, sicher bin ich mir allerdings nicht. Im September begann mein letztes Jahr in der Schule und ich kritzelte rote Zeichen in meinen Kalender. Übrigens die Daten der Examen.

Im Februar 2009 verliebte ich mich richtig heftig, das erste Mal in meinem Leben. Fühlte sich an wie ein Tumor in meinem Kopf, der sich dann verflüssigte und schließlich platzte. Im Sommer war dann nicht nur die Schulzeit vorbei, sondern ich fand das Zentrum des Universums. Ein Gefühl, das ich eigentlich gerne mal wieder hätte.

2010 vermisse ich k. auf meinem Fensterbrett, habe Kopfschmerzen und rieche Benzingeruch. Wien hat mein Schreiben verändert. Das Tagebuchartige ist wieder da, aber in einer prosaischen Form, die mir immer noch sehr gut gefällt. Ich wartete auf Dr. Kroko und warf Gewehre über Bord. Der Herbst war emotional sehr anstrengend, was ################################# und Yogaübung klar zeigen.

2011: Kälteeinbruch im März. Ich wünsche mir mehr verfickte Poesie in meinem Leben und finde sie im April beim Duschen. Noch bevor der Sommer richtig begonnen hat, versuche ich mir vorzustellen, wie ich ihn erinnern werde. Natürlich kam alles ganz anders als geplant.

Wow. Zehn Jahre. Ich staune immer noch über diese Zeit. Ich tue mir schwer mit vielen Texte, die im Blog stehen. Ich könnte sie höchstens aus heutiger Sicht kommentieren, aber wie lächerlich würde das in ein paar Jahren erst wirken. Löschen ist keine Lösung, also müssen sie stehen bleiben, als Zeugen von dem Joël, der sie vor sieben, acht, neun, zehn Jahren schrieb.

Hättet ihr andere Texte für diese Retrospektive ausgewählt? Gibt es Texte, die euch besonders am Herzen liegen, die euch berührt haben?

photo: some rights reserved by Thomas Fisher Rare Book Library

Zehn Jahre Bloggen

October 17th, 2011 - 2242

Krass. Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll. Zehn Jahre! Ein Jahrzehnt! Dabei bin ich noch nicht mal drei Jahrzehnte auf diesem Planeten. Ich habe mit vierzehn angefangen zu bloggen, damals noch bei blogger.com. Ich weiß nicht, ob es noch eine Ruine der ersten paar Monate bei blogger.com gibt, ich schätze nicht.

Gerade sitzt ein Kumpel bei mir und wir lesen und gegenseitig Blog- und Tagebucheinträge vor und lachen über unsere damaligen Schreibversuche. Wenn ich Sachen wie “One dead every day” lese, weiß ich nicht, ob ich über meinen Versuch, Dragonball, Sci-Fi und meinen offensichtlichen Hass auf meine Lehrer_innen zu einer Fortsetzungsgeschichte zu verbinden, lachen, weinen oder mir ernsthafte Gedanken über meinen damaligen geistigen Zustand machen sollte.

Aber gerade das ist das spannende. Ich habe die letzten zehn Jahre meiner Entwicklung ziemlich genau dokumentiert. Von 14 bis 24, wahrscheinlich eine der einflussreichsten Dekaden meines Lebens. Passenderweise habe ich mein Blog kurz nach meinem Geburtstag begonnen.

Wie alles anfing …
Eigentlich wollte ich ein Bildbearbeitungsprogramm. Damals gab es in Luxemburg noch kein DSL, oder es war so teuer, dass meine Eltern sich das nicht leisten wollten. Über ISDN war es nicht möglich, sich GIMP herunter zu laden. (Heute dauert der Download weniger als eine Minute) Zumindest war die .exe immer defekt, warum auch immer. Die Lösung bot Martin, eine meiner längsten Internetbekanntschaften, mit der ich noch immer in Kontakt – über Facebook, ironischerweise – bin. (Danke für die Karte aus Brasilien, übrigens!) Auf einer Heft-CD gab es GIMP. Und in dem Heft einen Artikel über Blogs.

Natürlich hatte ich davor eine Homepage. Zusammengebastelt mit dem damals schon veralteten Netscape Composer, gehostet auf tripod, das damals Lycos gehörte. Das war eine Suchmaschine, die Fernsehwerbung mit einem schwarzen Labrador schaltete. (Fernsehwerbung für Suchmaschinen! Überhaupt: Suchmaschinen! Plural!) Ich glaube, darauf standen Dinge über mich und Harry Potter. Überhaupt hat meine Netzsozialisation viel mit Harry Potter zu tun gehabt, auch Martin kannte ich aus dem Phoenixfeder/Expertenrunde-Forum. Er hat mich dann auch animiert zu bloggen: “Das wäre doch was für dich!”

War es dann auch, wie wir alle gemerkt haben. Der erste Artikel ist typisch für den vierzehnjährigen Joël: “ICH WILL ES ALLEN ZEIGEN !”. Das ich irgendwie “anders” war wie die meisten Menschen, die mir bis dorthin begegnet waren, war mir klar. Ob mein doch sehr stark nerdhaftiges Benehmen immer zu dem gewählten Ziel geführt hat, wage ich zu bezweifeln. Aber es ist leicht, über Vierzehnhjährige und ihre Vorstellungen und vermeintliche Naivität zu lachen. Es ist auch merkwürdig, diese Dinge zu lesen. Zu Wissen, dass ich die mal geschrieben habe. Der Joël, der vor zehn Jahren schrieb, dass er es allen zeigen will, hätte sich wahrscheinlich nicht vorstellen können, dass er mal in Wien sitzt, studiert, Referent für Öffentlichkeitsarbeit ist, immer noch bloggt, auf einer Hörbuch-CD veröffentlicht wurde, usw. Der Gedanke macht mich ein wenig wirr.

Zehn Jahre Bloggen heißt auch: Zehn Jahre interessante Menschen kennen lernen. In den ersten Jahren habe ich mich so gut wie nicht vernetzt, ich habe sicher ein Jahr oder noch länger gebloggt, ohne je ein anderes Blog zu lesen. Wenn ich mich richtig erinnere, war das Blog von Doc Rollinger unter den Ersten, die ich gelesen habe, mit dem Herrn Stardustlyricer zusammen. Viele Blogs von “damals” sind verschwunden oder wurden eingestellt, manche haben einfach aufgehört, ganz still. Andere sind dazu gekommen und stellen sich immer wieder als wunderbare Freundschaften und Bekanntschaften heraus.

Ich hoffe, ich habe euch, meinen Leserinnen und Lesern die letzten zehn Jahre über zumindest etwas unterhalten, anregen und sogar inspirieren können. Ich freue mich auf die nächsten zehn Jahre. Und werde in den nächsten Tagen noch ein bisschen darüber bloggen, wie das so war, in den letzten zehn Jahren und wie es weiter gehen soll. Dank euch!

photo: AttributionSome rights reserved by Thomas Fisher Rare Book Library

Tanzen/Schwimmen/Schreiben

October 5th, 2011 - 1902

Es gibt zwei Situationen, in denen meine Gedanken laut und klar sind. Im Schwimmbad, unter Wasser und bei lauter Musik. Letzteres ist ziemlich blöd. Mich auf Konzerten konzentrieren zu müssen, um nicht völlig abzudriften und mich irgendwann zu fragen, wie viele Lieder ich “verpasst” habe, ist nicht sehr entspannend. Vielleicht geht es allen Menschen so und ich kann nur nicht so gut damit umgehen. Das macht auch das Tanzen schwierig. Ich tanze eigentlich gerne, aber ich komme sehr schwer “rein” und lasse mich auch sehr leicht wieder “raus” katapultieren. Vielleicht fehlt auch nur die richtige Musik. Oder irgendetwas anderes.

Ich stelle mir vor, wie ich in einem sterilen Schwimmbad meine Bahnen schwimme. Ich muss an die Szene in Neon Genesis Evangelion denken. Als ich die Folge “Magmadiver” zum ersten Mal gesehen habe, hatte ich ein merkwürdiges Déja-Vue. Als sei ich schon mal in diesem Schwimmbad gewesen. Was nicht sein kann, weil das Schwimmbad gezeichnet ist und ich mich recht selten in gezeichneten Schwimmbädern aufhalte. Letztendlich ist es egal, wer da seine Runden zieht: die Helden meiner Jugend, Don Draper oder ich halt. Das Schwimmen wäre nebensächlich. Wichtig ist das helle Aquamarin, der Chlorgeruch und die sterilen Fliesen, auf denen wahrscheinlich ganze Fußpilzzivilisationen wachsen. Vielleicht würde das alles auch überhaupt nichts werden. Meine Kondition ist so gut wie nicht existent, ich sehe ohne Brille kaum etwas und die lauten Gedanken lenken vom Schwimmen genauso ab wie vom Tanzen.

Beim Schreiben sind meine Gedanken auch oft sehr klar und laut. Aber da stört es nicht.
(Nein, das ist keine Lösung.)

photo cc by jayhem

In den Brunnen

September 30th, 2011 - 2249

Gespräche in der Dunkelheit. Bis beide weinen. Einsamkeit hängt nicht davon ab, wie viele Menschen um dich rum sind. Diese Dunkelheit schützt vor nichts. Es ist nicht so dunkel, weil es Nacht ist, sondern weil wir in den Brunnen gestiegen sind, so tief, dass kein Licht der Welt uns mehr erreicht. Ich habe schon lange keine so lange Reise mehr unternommen. War ich überhaupt schon einmal so tief? Es tut weh. Ich stelle mir vor die Schmerzen seien wie Blutegel, die Wunden reinigen. Jeder Satz hallt in mir nach, lange noch. Wahrscheinlich werde ich mich Jahre später noch an diese Gespräche erinnern, so wie immer, so wie damals, als wir über pochierte Eier und Harry Potter redeten. Ohne zu weinen.

Ich träume von Reptilienmenschen und Zügen, in denen zusammengewürfelte Sofalandschaften stehen. Der Zugführer erklärt mir den neusten lokalpolitischen Skandal.
Bald beginnt die Uni wieder und ich weiß nicht, ob ich mich freuen soll. Treffe viele Menschen wieder. Das fühlt sich gut an.

Und es ist noch ein wenig Herzesbrecherkäse im Kühlschrank. So schlimm kann es also gar nicht sein.
« C’est tellement mysterieux, ce pays de larmes. »

Und plötzlich weiß ich, welches Lied ich jetzt hören muss.

Photo: Kunstschatten in de Sint Pietersberg

Mondschein

September 14th, 2011 - 2339

Der Mond ist so hell in letzter Zeit. Ein milchiges Glasauge, das auf die Erde starrt. Tröstendes, melancholisches Licht in langen Nächten.

Ich stehe im Gang und suche mit der Hand nach dem Lichtschalter. Einen Moment lang ist es völlig dunkel um mich herum. Ich erlaube meinen Augen nicht, sich anzupassen. Genieße die Dunkelheit. Pitch black. Fast wie meine Träume.

Der Mond regt meinen Kopf an. Ich stehe auf dem Balkon, auf dem bereits der Herbst wie ein düsterer Lehnsherr mit Knochenzepter herrscht. Die Wolken um unseren natürlichen Satelliten sind gefärbt. Gelb und violett. Vielleicht bilde ich mir das nur ein. Sieht ein wenig aus wie das Cover von “Dark Side Of the Moon”, nur nicht ganz so bunt. Die Wirklichkeit bietet weniger als der Traum.

Ich mag die Dunkelheit. Langsam gewöhnen sich meine Augen doch an sie. Das Badezimmerlicht blitzt auf, flackert, noch während ich mein Wasserglas fülle. Ich schaue meinen Kopf an, der im Spiegel viel zu groß wirkt. Ich schneide Grimassen. Hilft nichts, mein Kopf bleibt zu groß, wie bei einer dieser Karikaturen, die Leute in Tourismusorten in einer Viertelstunde auf der Straße von jemanden malen. Vielleicht ist das eine Metapher.

Letztes Jahr hat der Herbst viele Hoffnungen gesät. Und ich habe Sturm geerntet, der wie ein gigantisches Ungeheuer über das Land zog und die Ernte vernichtete. Der Mond greift nicht in kosmische Geschicke ein. Ein neutraler Gesteinshaufen, um die Erde torkelnd. Sein Licht ist nicht wertend. Er ist ein zutiefst demokratischer Fels.

Er hört nicht hin, wenn die Spaßguerilla mit ernster Mine verkündet: “Wir müssen dafür sorgen, die Albedo der Erde nicht noch weiter herabzusetzen. Mach mit, spucke deinen Kaugummi auf den schwarzen Asphalt oder verschütte einen Eimer weiße Farbe. Besonders jetzt, im Sommer!” Er kümmert sich nicht einmal. Denn er weiß: seine Einsamkeit trifft alle. Der kalte Wind scheint direkt aus seiner Umlaufbahn zu kommen.

Es ist egal, ob es die Kühle des Herbstes oder die Traurigkeit des Mondes ist, die diese resignierten Erwartungen bei mir aufrufen. Oder ob das alles nur Annahmen sind. In der Dunkelheit ist es angenehmer als im Licht. Sie schützt mich vor Dingen, die ich nicht sehen will. Und, wie ich es mir einbilde, vor Geräuschen, die ich nicht hören will. Zumindest für den kurzen Moment, bevor ich den Lichtschalter gefunden habe.

in aller Demut

September 10th, 2011 - 1432

Ich weiß nicht genau, seit wann ich ben_s Blog Anmut und Demut lese. Vielleicht drei, allerhöchstens vier Jahre. Das ist nicht so lange, denn Anmut und Demut wird heute zehn Jahre alt. Damit haben ben_ und ich was gemeinsam: wir haben 2001 mit bloggen angefangen. Denn auch die ältesten Posts in diesem meinem (nicht immer so ganz bescheidenen) Blog werden dieses Jahr zehn Jahre alt. Herzlichen Glückwunsch, ben_! Ich habe bei Anmut und Demut viel gelernt. Über das Internet, über Literatur, über mich selbst. Darüber, wie ich bloggen will. Ich weiß auch ncht, wie ich auf anmut und demut gestoßen bin. Vielleicht über wirres, vielleicht auch ganz anders. ben_ schafft es, die Dinge, die ihn interessieren, die er in den Weiten des schäumenden Ozeans den wir Internet nennen, findet, so zu präsentieren, dass ich mich sofort heimisch fühle in dem kleinen anmutigen Garten, den er angelegt hat.
Danke dafür!

Und alle, die anmut und demut noch nicht lesen: Schaut euch das Blog an, klickt euch durch! Kein anderes Blog ist so darauf angelegt, durchgestöbert zu werden. Wie ein schönes Antiquariat: du ziehst ein Buch heraus und entdeckst wieder drei neue, die du auch noch lesen willst.

photo cc by Yves Cosentino

Fuckfurt am Main

September 1st, 2011 - 2233

Gestrandet in Frankfurt. Wir sitzen auf dem Boden des Bahnhofsvorplatzes und überlegen, was wir tun sollen. Den Zug nach Wien haben wir gerade davonfahren sehen, es war der letzte an diesem Tag. Eine andere Möglichkeit gäbe es nicht mehr, meinte die freundliche Dame am Schalter, über unser Unglück bestürzt. Mitfahrgelegenheiten gibt es, zumindest auf die Schnelle, keine. Der Schalter der eurolines-Buslinien hat nicht einmal einen Fahrplan.

Ich denke laut über die Möglichkeit nach, ein Auto zu mieten. Und stelle mir vor, wie wir durch die Nacht nach Wien brausen, wie die Kilometerzahl auf den Schildern immer kleiner wird. Das Radio würde laufen, weil natürlich niemand CDs dabei hat. Ich würde mir vorkommen wie damals, in dieser Oktobernacht, als ich umgezogen bin. Wien hat mich damals mit leichtem Schneefall begrüßt. Ich stelle mir vor, wie wir erst aufgeregt reden und uns über die Landschaft und die zu sehenden Gebäude an beiden Seiten der Autobahn freuen würden, dann immer müder würden. Es würde still werden im Auto, bis ich schließlich mit dem Kopf gegen der Scheibe einschlafen würde, das Dröhnen des Motors im Hinterkopf, die sanfte Vibration des Fensters als Einschlafhilfe.
Es riecht nach Abenteuer, aber so wirklich begeistert die Idee niemanden.

Am Serviceschalter haben wir unglaubliches Glück. Der Bahnbedienstete drückt laut eigener Aussage durch “alle Hühneraugen zu” und macht uns einen Stempel auf die Tickets. Kostenlose Weiterfahrt am nächsten Tag. Bei den Touristeninformationen ein Zettel mit Hostels. Ohne Stadtplan schwierig, denke ich, als uns jemand anspricht. Ob das Luxemburgisch sei, was wir da reden würden. Wir bejahen.

Er ist mit einem Sohn, Skateboardfahrer und begeistert von Hochhäusern, unterwegs. Sie sind aus Düsseldorf, fahren umsonst und brauchten nur eine Stunde nach Frankfurt, deshalb spontan ein Ausflug. Wir erzählen unsere Geschichte. Eigentlich erzählen A. und M. unsere Geschichte, ich bleibe bis auf ein paar Lacher still, entdecke während dem Gespräch das Plakat eines Hostels gleich gegenüber vom Bahnhof.

Der Aufzug ist das einzige fahrbare Spiegelkabinett Europas. Ich sehe tausende müde Gesichter. Das Hostel ist nicht zu teuer für eine Nacht, wir nehmen ein Dreibettzimmer, erholen uns kurz und beschließen nach einem kurzen Blick ins Internet, Frankfurt auf eigene Faust unsicher zu machen.

Wir gehen die Straße entlang, lachen über die Namen der Sexshops und wundern uns über die Hochhäuser. Der Skateboardervater und sein Sohn kommen uns mit einem Eis entgegen und erzählen uns, dass sie auf einem Hochhaus waren. Dort wird jetzt der Wetterbericht gedreht. Die Ampel, die wir überqueren wollen, wird dreimal grün, ehe wir schlussendlich gehen.

Irgendwann stehen wir vor der europäischen Zentralbank. Ein hässliches Eurozeichen aus blauem Kunststoff steht davor. Mit gelben Sternchen. Während dem späteren Verlauf der Reise wird öfters die Frage aufkommen, warum sich reiche Menschen oft schrecklich hässlich kleiden oder schmücken. Ich wage zu behaupten, dass in Banken ganz oft ein bis zwei Menschen mit Geschmack und Sinn für Kunst sitzen, die sich relativ geschmackvolle Werke vor oder in das Bankgebäude stellen. Das blaue Eurozeichen scheint nur für Symbolbilder in den Massenmedien gedacht zu sein. Eurozeichnen vor blauem Himmel. Eurozeichen vor grauem Himmel. An diesem Tag wäre wohl ob der wirtschaftlichen Lage am passendsten: Eurozeichnen wird vom Blitz getroffen, im Hintergrund regnet es Blut.

Wir machen trotzdem Fotos von dem Eurozeichen und der Zentralbank, so etwas kann man immer gebrauchen. Und sei es nur für eine drittklassige Fotomontage, die man in einem sozialen Netzwerk postet.

Wir suchen ein Restaurant und finden den wohl besten Döner der Stadt. Wir essen und reden über Wien, versuchen zu planen, was wir uns so ansehen wollen. Der Inhaber fragt, ob er sich zu uns setzen kann. Wir trinken den Tee, den es freundlicherweise umsonst gibt, rauchen und sprechen Luxemburgisch, was den Mann sichtlich verwirrt. Immer, wenn ein Wort Deutsch klingt, sieht er uns verwirrt an – zu fragen traut er sich aber offensichtlich nicht.

Richtung Main, irgendeine Brücke, Harndrang. Am anderen Ufer eine Kirmes.
Ein Feuerwerk wird aufgebaut, wir können nicht mehr direkt am Wasser gehen. Also wechseln wir wieder das Ufer, gehen über die Kirmes, die uns nicht interessiert, die uns nichts angeht. Merkwürdiger Anblick: eine bunte Saftbar hinter einem halb abgerissenen Haus. Wir drehen uns um und sehen die Altstadt von Frankfurt. Das, was noch davon übrig ist. Die sprichwörtlichen 180 Grad also.

Wir kaufen uns ein Eis. Im Eisladen gibt es riesige Plasmafernsehschirme, auf denen eine Dokumentation über Luxemburg läuft. Ironie des Schicksals oder nur schlechtes Fernsehprogramm? Aber wir sind ja wegen dem Eis dort. Also, eigentlich sind wir nur dort, weil wir den Zug verpasst haben und jetzt Beschäftigung brauchen, aber jetzt noch der Geschichte herum zureiten bringt ja auch nichts.

Das Maggie-Kochstudio. Oder ein Laden, der das zumindest vorgibt. Ich verstehe das nicht, aber ich verstehe diese merkwürdigen halbfertig-Pulverkochbeutel auch nicht. Manchmal muss es halt schnell gehen. Und im Nobelrestaurant dauert es immer so lange. Wer will das schon, nach einem anstrengenden Börsentag?

In den Sexshops rund um den Bahnhof kennt niemand einen bestimmten Pornodarsteller, nach dem meine Begleiterin sucht. Wir werden an den “King of Porn” verwiesen. Er stellt sich als sportlich gekleideter junger Typ mit Baseballcap heraus. Der Name sagt ihm aber auch nichts. Ersatzbeschäftigung: Wir schauen uns Dildos an. Und Plastikvaginas. Es gibt merklich weniger Plastikvaginas als Dildos und Vibratoren. Ich versuche, nicht darüber nachzudenken, welchen Grund es dafür geben könnte. Würde nur in merkwürdigen Klischees enden. Wie in dem Aufklärungsbuch. “Jungs können viel besser zielen.” -”Mädchen können dafür besser zielen”. Hab ich nie verstanden. Der Sexshop steht direkt neben unserem Hostel. Dennoch rauchen wir noch eine, ehe wir wieder in den psychedelischen Aufzug steigen müssen.

Noch ein Bier in der Bar des Hostels. Es ist voll mit lauten, jungen Menschen. Was machen die in Frankfurt? So viele Leute können doch gar nicht ihre Züge verpassen. Englische Metalfans mit Wacken-Tshirts breiten sich auf dem Raucherbalkon neben uns aus. Wir führen Tagebuch, ich unterschreibe mit “Mr. Mietzekatze”.

Auf dem freien Balkon reden wir über Prostituierte. Es regnet. Macht die Stadt auch nicht schöner. Neben uns steht eine junge Frau. Ich frage mich, ob sie uns versteht. Sie lächelt nicht wirklich, aber unsympathisch sieht sie auch nicht aus. Vielleicht hätte sie gerne mit uns geredet. Über Prostituierte.

Im dunklen Zimmer wird ein Text über den amerikanischen Unabhängigkeitskrieg vorgelesen. Ich reise in Gedanken schon nach Wien, als der Schlaf mich überfällt.

Astrozoiden

August 19th, 2011 - 059

Stell dir vor, die Sterne am Himmel hätten kleine Geißeln, wie Bakterien oder Spermatozoiden. Die Sterne würden nicht durch ihre magisch scheinende Mechanik über den Nachthimmel gezogen, sondern bewegten sich aus eigener Kraft mit hypnotischem Geißelschlagen fort.

Die Welt sieht aus wie eine von diesen beeindruckenden Kameraeinstellungen in abendfüllenden BBC-Naturdokumentationen, auf der sie eine Kamera von tief unten im Meer gen Wasseroberfläche stellen. Tausende Fische, grazile Haie, mystische Rochen schwimmen über einem in Kreis. Und die Sonne zaubert ein freundliches Glitzern auf die sich bewegende Oberfläche. Im Meer fällt sie zerstreut von den vielen Schwebeteilen wie eine von einer esoterischen Modestudentin für IKEA entworfene Gardine.

Was wäre das für eine Welt? Wie würdest du denken und fühlen, wenn du in der Nacht den Eindruck hättest, tief unten in einem schwarzen Meer, in dem Astrozoiden schwimmen, zu leben? Und dennoch Luft zu bekommen. Wärst du die gleiche Person oder würdest du Beton mischen? Ein merkwürdiger Gedanke.

Wer würde Geschichten über solch eine Welt schreiben?

photo by NASA [Public domain], via Wikimedia Commons

Schuhkarton

July 17th, 2011 - 2032

Ich hatte früher oft das Gefühl, in einem Schuhkarton zu leben. Das liegt daran, dass sich an gefühlten 300 Tagen eine graue Wolkendecke im Zeitlupentempo über meinen Heimatort schiebt. So eine Decke kann einem schon mal auf den Kopf fallen, vor allem dann, wenn der Heimatort eine Kleinstadt in Luxemburg ist, was die Freizeitmöglichkeiten relativ begrenzt.

Heute war wieder so ein Tag. Mein Zimmer in meinem Elternhaus, das ich momentan bewohne, sieht mehr oder weniger so aus, wie ich es verlassen habe. (Gut, aufgeräumter!) Fühlt sich an wie ein Museum meiner Jugend. Und in gewisser Weise ist es das auch, nur dass ich der einzige Besucher bin – oder gar ein Ausstellungstück.

Und dann sitze ich in diesem Museum, in diesem Schuhkarton und muss an Sonnenstrahlen denken, das durch die Blätter von Bäumen fällt, unter denen ich Äpfel gesammelt habe, um später daraus Saft zu pressen. Ich sitze zwischen all diesen Büchern und möchte zurück nach Hogwarts, nach Mittelerde, wohin auch immer. Ich vermisse die Leichtigkeit, mit der ich einst dieses Zimmer bewohnte. Ich vermisse die Schwere, die ich heute Pubertät nenne. Ich fühle mich fremd in diesem Zimmer, aber es gibt keins, das mit vertrauter sein könnte.

Könnte ich ein Buch, einen Ordner, ein Fotoalbum aufschlagen und ein, zwei Stunden in der Vergangenheit verbringen? Würde die Melancholie verschwinden?

Es gibt keine Rettung vor der Vergangenheit. Jeder Blick ins Regal: Gänsehaut.
Die Dinge um mich herum haben mich zu mir gemacht.
Ich weiß nicht, wie ich damit umgehen soll. Ich fasse den Plan, zwei Kisten zu machen, eine für Wien, eine für den Mülleimer. Auch das wird nicht funktionieren.

Und wie wird das erst in zehn Jahren sein?

Sternschnuppe

June 29th, 2011 - 2359

Ich öffne die Balkontür, eine Grille zirpt mir entgegen und ich fürchte, in der Melancholie, die sich in mir anbahnt, ertrinken zu müssen. Ich muss an die Sommerstimmung Ende Oktober denken als ich in Gersthof auf die Straßenbahn wartete, an den düsteren November, in dem nicht einmal mehr Tee half, an die Hoffnungsschimmer, an die ich mich den ganzen Winter hindurch geklammert habe wie an unsichtbare Strohhalme. Die Ereignisse, Schweißnähte in der Erinnerung, jähren sich, ich hake sie in meinem geistigen Kalender ab. Zum Glück ist das Fensterbrett ein anderes, zum Glück steht ein Avocadobäumchen drauf, zum Glück ist der Winter, vor dem ich mich einst so fürchtete, längst vorbei.

Ich fuhr über den See, ganz alleine. Nur ich und mein Notizbuch. Über dem grauen See grauer Nebel, über dem grauen Nebel graue Wolken, aus den grauen Wolken grauer Nieselregen. Die Fähre als Eisbrecher, meine ewig kribbelnden Hände als Müller-Geigerzähler und in meinem Kopf nur die Gewissheit, dass dies keine Flucht war. Und ich schaffte es, ohne eine einzige Träne. Ich ließ mich am Ufer nieder, schlief unter den Sternen und wünschte mir, als ich eine Sternschnuppe sah einen so naiven Wunsch, dass er in Erfüllung gehen muss.

Auf dem Balkon, zu meiner Überraschung, keine Melancholie. Ich weiß nicht, wie ich damit umgehen soll. Ich weiß auch nicht, was ich davon halten soll, dass ich mich ein Stück weniger zu Hause fühle als noch vor einem Monat. Eine Grille zirpt ohrenbetäubend, es klingt wie weißes Rauschen, betäubend, fast schon still in seiner Lautstärke. Alles hat sich geändert und dennoch ist alles gleich geblieben. Der Sommer steht in seiner schwebenden Schwere als Wärme in der Nacht vor dem Balkon und flüstert verheißungsvoll. Ich frage mich, ob ich mich an Schwarzweißfotos erinnern werde, ob ich mir Gerüche merken werde. Ob ich das Meer sehen werde. Ich weiß es nicht. Manchmal ist das vielleicht das Beste.

photo cc by Luca Lorenzi