Archive for the ‘Reisen’ Category

Podcast: Angscht a Schrecken am botaneschen Gaart vu Marseille

Monday, July 14th, 2008

Spaziergänge durch einen botanischen Garten sollen nach dem Essen verdauensförderend und gesund sein. Aber wenn man dabei chinesische Propagandaprojekte und gigantische Insekten begegnet, kann sich einem der Magen schon mal umdrehen…

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Podcast: Angscht a Schrecken op enger Insel virun Marseille

Monday, July 7th, 2008

Wenn man auf eine Insel eingeladen wird, muss man die Einladung annehmen. Denn so schnell und günstig kommt man normalerweise nicht vom europäischen Festland weg, und wenn es nur 20 Minuten sind. Aber wie so oft entwickelte sich eine anfangs lustige Bootfahrt mit der Zeit zu einem wahren Horrortrip…

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Studentenleben (public beta)

Friday, July 4th, 2008

Ich liebe ja Blogs von Studenten über ihr Studentenleben. Also nicht, dass ich nur darüber lesen will, aber wenn man mit einer so typischen Studentenbloggerin wie Comme “aufgewachsen” ist, kann man wahrscheinlich gar nicht anders, als das, was da in Studentenwohnheimen, WGs und Hörsällen abläuft, klasse, lustig und erstebens- oder zumindests lesenwert zu finden.
Und ich selbst möchte ja auch irgendwann mal ein richtiger Student sein, auch wenn ich noch immer nicht so Recht daran glaube, dass das je passieren wird. Nicht, weil ich mir das nicht zutraue, sonder eher, weil ich im Gefühl habe, dass mich ein tonnenschwerer Laster beim unachtsamen Überqueren einer Strasse erwischen wird. Es ist schon viel zu lange gut gegangen, als ob ich immer so viel Glück haben könnte.

Aber das Praktikum in Marseille ist ja schon ein gutes Training für das Studentenleben, sollte ich es je haben. Ich wohne bekanntermassen auf dem Campus “Luminy”, in einem von 6 wunderschönen Studentenwohnheimen. Es gibt auch ein paar nett aussehende Gebäude mit Studios, die im Vergleich zu meinem Kabuff wahrscheinlich wie Paläste aussehen.
Gemeinsames Bad und gemeinsame Küche klingt eigentlich gar nicht so schlimm. Ich hatte mir so fünf bis sieben andere Personen vorgestellt, mit denen ich ein normal aussehendes Bad und eine normal aussehende Küche teilen würde. So wie man sich das halt so vorstellt, als naiver Pratikant.
In Wahrheit teile ich mir die Küche und das Bad mit ca. 20 Personen. Und die Räume sehen nicht aus wie man sich solche Räume normalerweise vorstellt, sondern eher wie ein einem.. na ja, Studentenwohnheim. Eklig.

Das Bad besteht aus drei Klokabinen mit Schüsseln ohne Brille, ohne Klopapier und es wundert mich, dass Bürsten vorhanden sind und die Spülung funktioniert. Am ersten Tag war eins der drei Klos vollgekotzt. Zum Glück bin ich am zweiten Tag auf ein anderes Stockwerk (höher!) umgezogen, dh. ich muss nie auf ein Klo setzen, von dem ich weiss, dass es mal mit eingetrockneter Kotze beschmiert war. Was wahrscheinlich jedoch bei jedem der Klos der Fall ist, aber was man nicht weiss, verursacht keine Verdauungstörungen.

Die Küche besitzt ganze zwei Herdsockel. Keine Herdplatten, wie jede normale Küche, sondern ca. 20 cm hohe Herdsockel. Ich habe sowas noch nie gesehen, weiss nicht, wieso das so ist und will es auch nicht wissen. Die Küche sieht öfters ähnlich aus wie das beschriebene Klo des ersten Tages, nur, dass die Nahrungsmittel noch keinem Verdauungsorgan hinzugefügt wurden. Obwohl man das manchmal gar nicht so genau sagen kann.
Meistens ist die Arbeitsfläche total versaut, es liegen kleine Tintenfischarme herum, abgefallenes Paniermehl von Fischstäbchen oder der eingetrocknete Schaum übergelaufener Milch bilden eine nette Kruste, die nicht nur für das allgemeine Kochvegnügen sorgen, sondern auch noch ein herrliches Biotop für Wesen bilden, über die ich mir lieber keine Gedanken machen.
Es gibt zwei Spülbecken. Mindestens eins davon ist ständig verstopft, in dem anderen befindet sich die Kruste von angebranntem Essen (oder verbranntem Rotkohl – so genau wollte ich es noch nicht untersuchen). Heute haben zwei junge Männer, die eine Sprache sprachen, die ich nicht verstand, aber für etwas in die Richtung “arabisch/türkisch” halte, einen Fisch ausgenommen. Und sich dabei lauthals darüber gestritten, wie man das richtig macht.
Ich wollte nicht fragen, ob die Fischstäbchenüberreste, die seit zwei Tagen auf der Arbeitsfläche liegen, von ihnen stammen.

Ich stach meine unschuldigen und immer noch halbrohen Kartoffeln testweise mit meinem Taschenmesser und verschwand wieder in mein Zimmer. Hatte ich erwähnt, dass auf der guten Kochplatte derzeit etwas brodelte, das offensichtlich niemand gehörte? Das passiert auch öfters. Leute kochen etwas und lassen es so lange stehen, bis es vollständig karbonisiert ist. Wahrscheinlich zu Testzwecken. Ich will auch gar nicht wissen, wie viel Crack in der Küche schon gekocht wurde.

Als ich wieder kam war ein Waschbecken überschwemmt und die Innereien des Fisch taten das, was sie sein ganzes Leben lang getan hatten, nur jetzt halt ohne seine Hülle: Sie schwammen. Nur dies mal im Waschbecken.
Das ganze hat den Vorteil, dass ich kein schlechtes Gewissen haben muss, wenn ich ein paar Reiskerne, die mir beim Wasserabschütten ins Waschbecken fallen, dort drin lasse. Die Brühe dort drin ist sicher das Experiment für die Abschlussarbeit von irgendwem, genau wie der Fischkopf letztens auf der Aussentreppe…

Über die merkwürdige Lärmbelastung erzähle ich dann ein anderes Mal. Entgegen all dem, was ich jetzt erzählt habe, bin ich übrigens ziemlich glücklich hier. Es fühlt sich ein klein wenig an wie Urlaub. Mit dem Unterschied, dass ich manchmal auch arbeiten muss. Und sonnig ist es.

Mehr Fotos aus den Calanques

Tuesday, July 1st, 2008

Calanques
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Calanques

Friday, June 27th, 2008

Calanaques sind Mittelmeerfjorde. Wegen der erhöhten Brandgefahr darf man sie bei windigem (=angenehmen) Wetter nicht betreten. Deshalb kann ich heute nicht das arbeiten, was eigentlich vorgesehen war, aber so schlimm find ich das eigentlich gar nicht, muss ich sagen. Hier noch ein paar Fotos:
calanques

calanques

Und so sieht es aus, wenn ich aus dem Fenster von meinem Kabuff Zimmer schaue (falls ich die Rollläden dann mal hochziehe, was wegen der Hitze nicht so oft passiert.)
Aussicht
(Alle Fotos sind mit einer relativ schrottigen Kompaktdigitalkamera gemacht worden, aber seis drum.)

Quelle horreur

Thursday, June 26th, 2008

Was für ein Horror, grob übersetzt, meinte gestern eine Frau im Supermarkt, als zwei Mädchen Hand in Hand an ihr vorbeigingen. Ich war mir erst nicht sicher, ob die Person mit dem Kurzhaarschnitt weiblich sei, aber als ich näher war, sah ich dann, dass es sich offensichtlich um ein lesbisches Päarchen handelte. Ich fühlte mich merkwürdig, weil ich die erschreckende Aussage der Frau mitbekommen hatte und gleichzeitig irgendetwas in meinem Gehirn so geschaltet ist, dass ich Lesben erstmal “süß” finde. Also eine komische Mischung von grundlosem Anhimmeln und einer Solidarität, die ich nicht kommunizieren konnte (oder nicht wusste, wie.)

Und dann stell ich mir Fragen. Nicht nur über mein eigenes Verhalten, sondern auch darüber, wie solche Äusserungen zustande kommen. Wieso wird Homosexualität als etwas “schlimmes” oder ekliges empfunden? Und wieso finde ich das bei Mädels “süß” und bin zumindest der Meinung, dass es sich hierbei um eine Art Verbundenheit, vielleicht ausgelöst durch relativ intime persönliche Erfahrungen mit Lesben/Bi-Mädchen und nicht um ein Pornoklischeedenken handelt?

Die Beiden sahen auf jeden Fall glücklich aus, und im Nachhinein freut mich das vielleicht am meisten.
Das alles sind Fragen, die mich beschäftigen, hier in Marseille, wenn ich nicht gerade durch Landschaften wie diese hier stolpere:

Calanches de Marseille et Cassis

Ina Marseille Sessions – Session 1

Monday, June 23rd, 2008

Ich habe das hier gestern in/außerhalb einem Strassencafé geschrieben, und wie der Titel verrät, hat das hier etwas mit meinem Ina-Epos zu tun. Es ist ein Entwurf, aber ich mag nicht nur “Es ist sooo heiß”-Postings schreiben und gerade dieses Stück kann auch für sich stehen. Aber es ist nicht meine Schreibe und ich weiß nicht, ob ich es gut finde. Ich bin da wirklich ohne Meinung. Ich hatte zwei süße Mädchen gegenüber sitzen und habe mich mehr auf das Lippenpiercing der Einen konzentriert als wirklich auf das Gedicht zu achten. Aber es ist eine Richtung. Und weil Schreiben auch immer mit Verbessern zu tun hat, bitte ich heute mal ausdrücklich um Feedback. Harte Bandagen. Wegen mir auch Rechtschrebfehler, wenn euch sonst nichts einfällt. Und ja, es ist von zwei Verliebten geschrieben, also darf es schmalzig sein. Und ja, Ginsberg hallt immer noch in meinem Kopf nach.

[Session #1 – 0806221904 Marseille, irgendwo in der Nähe des alten Hafens]

Sanfter Sommerwind wispert einsame Botschaften der Sterne
in die Ohren engumschlugener Körper, stöhnend und nassgeschwitzt
Sprache nur aus Bassnoten lässt Trommelfelle vibrieren
gemeinsamer Takt verbindet über Körpergrenzen
das, was zusammengehört in dunkler Nacht

an der Küste, Grenze zur Unendlichkeit des Ozeans
an der Küste, Ziel der mystischen Reise
an der Küste, voll der Liebe und des Schweisses
an der Küste, Anfang, nicht Ende der Reise
an der Küste, wo nur Sand ein Bett bildet
an der Küste, Ursprung der gemeinsamen Gedanken

Körper nur aus Zungen und Fingern und Löchern
Alles hier ist Liebe und Zärtlichkeit und Sex und Extase
Alles hier ist Inpiration und Idee
Alles hier ist Schwermut und Euphorie und Melancholie und Sinnlichkeit
Alles hier vibriert im Lied der Sterne

Kein Brunnen, in den man hinabsteigen muss
alles liegt offen, alles Geheimnisse gelüftet
kein Fluss, der die Geschlechter trennt
alle Teile fügen sich nahtlos zusammen
kein Käfig, die Vögel zu bewahren
alle Geister fliegen hoch unter diesem Himmel

Dieser Moment gehört den Verbundenen
auf ewig festgehalten auf Papier und im Geiste
Geheimniss für alle Uneingeweihten
verschlossen im Herzen des vereinten Körpers

Alles zerfliesst in Sinneseindrücken
Geist und Körper zu oranger Masse
lieblicher Stoff der Extase
erstarrt zum Denkmal für diesen Moment

Verlassen

Monday, June 2nd, 2008

[0806011709]
Ich verlasse diese Stadt und fühle mich nicht gut dabei. Nach längeren Reisen überwiegt meistens dann doch die Freude, mal wieder nach Hause zu können. Aber heute ist das das erste Mal überhaupt nicht so. Da in T. sind Freunde, ehemalige Affairen, »liebe Menschen «, mit denen man sich verbunden fühlt und es schmerzt, nach so kurzer Zeit wieder zu gehen und zu wissen, dass ein Teil von einem dort bleiben wird.
Vielleicht ist es auch einfach, weil kein Zuhause mehr da ist, weil ich andauernd auf Reisen bin.
[Ich schreibe lieber auf meinen Knien als auf dem Tisch, irgendwie.]

Mein Magen rebelliert. Aber wogegen eigentlich? Das Essen war gut, ich habe genügend und abwechlungsreich getrunken und habe auch nicht an suspekten Dingen rumgeleckt.
Psychosomatisch, möglicherweise.
Ich möchte jetzt eigentlich noch weiter mit meinen Freunden aus T. auf der Terrasse sitzen, Limo oder Kaffee schlürfen und über alles mögliche diskutieren.
Irgendwann mal wiederkommen. Am liebsten im Sommer, am liebsten sofort, am liebsten überhaupt nicht wegfahren.

Und dann sagst du deiner rebellierenden Verdauung und deinem kribbelnden Körper, dass du die Erinnerung bewahren musst, die Luft, die du geatmet hast, die Bilder, die du gesehen hast, die Musik und die Worte, die du gehört hast, jede Berührung und Umarmung, die du gefühlt hast musst du in deinen Zellen und deiner DNA abspeichern, damit du sie nie vergisst.

Und das ist das Schöne. Die Fähigkeit, Erinnerungen zu bewahren wie mystische Einmachgläser. Die Inspiration, die über sämtliche Nervenbahnen kriecht und neue Verbindungen schafft und dass neues entsteht.
Fast wie die Vögel, wie Seemöwen.

Unterwegs

Monday, June 2nd, 2008

[0805261822]Kryptische Symbole auf dem Tellerrand der Seele.
Ich bin nur noch unterwegs. Home is where your luggage is.
Und immer kommt Geld von irgendwoher, du verlierst die Perspektive. Stählerne Metawürmer verschlingen dich, verdauen dich in ihren rasenden Innereien zwischen Bordbistro und Dynamo. Transkontinentale Flüge, und du musst dir nur im Eilverfahren einen Pass ausstellen lassen.
Du verlierst die Perspektiv, fühlst dich irgendwie nicht mehr daheim, denn du bist ein Nomade.

Aber war das nicht dein Wunsch?

Die Perspektive zu verlieren über der kalten Nordsee, wo die feine Linie zwischen Horizont und Meer, zwischen Genie und Wahnsinn, zwischen Pepsi und Cola, zwischen Leben und Tod nicht zu erkennen ist?

War es nicht dein Wunsch, ein einsamer Wanderer zu sein, über dem Meer, ewig auf der Suche nach deiner Insel? Ich bin der Nemo der Lüfte! Call me Captain, Baby! Sub umbra alarum tuarum!

Du hast die Perspektive verloren und niemand ist da, dem du es erzählen könntest. Vielleicht hast du nicht nur die Perspektive verloren, sondern auch andere Dinge, Menschen, Gefühle.

An der Bahnsteigkante sitzt ein Jazz-Yogi und meditiert.
Auf den Leitungen sitzen Raben und trauern alten Zeiten nach.
Am Fahrkartenschalter verkauft ein Insektenwesen Zeit auf Raten
Pinkfarbene Mobiltelefone verbinden Kontinente auf der Metaebene.
Abstrakte Denkmuster fließen aus meinen Ohren.

Ich erwache in dem Plastiktraum.
Hier ist alles unsinnig, selbst meine Brustwarzen.
Die Sonne scheint und der Traum beginnt zu schmelzen. Entschuldigen Sie, Herr Schaffner, aber meine Fahrkarte ist geschmolzen!
Plastikturbinen heulen auf, während Ken und Barbie eine wilde Knuschterei beginnen. Er hält ihren Kopf und reißt ihn von ihrem angeschmolzenen Hals. Ihr letzter Plastikschrei erstickt und es spritzt Plastikblut und -gedärme aus ihrem Halsstummel. Der ganze schöne Teppich ist ruiniert. Ein unwissender Greis setzt sich mit seinen Plastikhintern auf den beschmierten Sitz. Er ist inkontinent und so schmilzt er auf dem Sonnenplatz zu einer breiigen Masse aus Blut und Urin.

Meine Augen öffnen sich ein weiteres Mal. Ich stehe in einem dichten, dunkeln Nadelwald. Es ist absolut still. Paranoia kommt auf. Alle unterdrückten Kindheitstraumata vom bösen Wolf und kannibalischen Frauen stemmen meine Schädeldecke auf und schöpfen meine grauen Zellen mit Metaleimern aus meinem Kopf. Ich taumele blind und taub durch diesen Alptraum, um schlussendlich einzuschlafen, während ich mich langsam verpuppe.
Ich verwandele mich in einen ewigen Tausendfüssler, der von unten Frauen auf die Brüste stiert, die er nicht versteht, weil er ihre Sprache nicht spricht, und überhaupt – die meisten von ihnen mögen keine Männer!

Wärst du doch nur eine Schnecke geworden, die sind Zwitter und haben homo- und heterosexuellen Sex zugleich, sozusagen.
Dir fallen die Beine ab. Der Waldboden löst sich, krümmelt unter deinen Füßen, die du nicht mehr hast. Mädchen fassen sich gegenseitig ohne Scham an die Brüste und gewinnen offenbar Befriedigung davon, eine Zigarette nur zu halten.
Meine Hornhaut hat sich gelöst, ich sitze gesichtslose in großen Sälen und sage nicht.

Eine lose Sommerbrise.
Alles wird gut, sagt die Frau im Fernsehen.
Es ist warm. Ich bin ein Mensch. Sauerstoff füllt meine Lungen.
Hello, World!

Angst und Schrecken in der Assemblée Nationale du Québec

Tuesday, May 13th, 2008

[0805091715CET-6, irgendwo zwischen Québec und Montréal, Autobahn]
»Es gibt nichts besseres, als aus dem Fenster eines Busses, der mit 100 Meilen in der Stunde fährt, zu kotzen «, meinte einmal ein Mitglied der Guns’n'Roses.

Ich habe dazu keinerlei Erfahrungen, aber auf kanadischen Schotterautobahnen zu schreiben lässt nicht wirklich Freude aufkommen. Aber was soll’s? Vor uns liegen noch eine ganze Reihe Kilometer, die Sonne scheint, die Straße ist zwar voller Schlaglöcher, aber gerade, und wir fahren in einem dieser gelben (Schul)busse.

Eine Straße in Kanada

Sobald wir in Montréal sind, wird die große Abschiedsorgie losgehen. Die Leute sind alle nett, freundlich und haben teilweise gute Ideen. Menschen, mit denen man ruhig ein oder mehrere Biere trinken gehen könnte.
Die Straße wird besser, die Schlaglöcher kommen nur noch alle 10, 20, 50 Meter. Oh, zu früh gefreut.

Für einen Trip wie diesen gibt es nur drei Möglichkeiten:
*Busreise mit iPod und evtl. Lektüre, viel Landschaft ansehen und Nachdenken
*Autofahren (selbst oder Beifahrer) in einer kleinen Nussschale, mit melancholischer Musik (Sigur Rós, Mountain Goats, Bright Eyes), am besten über Landstraßen
*Gefährt egal, schnelle und laute Musik, Alkohol, oder, noch besser, ein Wäschekorb voll mit psychoaktiven Drogen, vielleicht in LSD-getränkte Meskalinkugelnbälle.

Ich habe weder Drogen noch Musik, also versuche ich das Beste daraus zu machen und schreibe.

Ich werde bald meine Notizen aus der Sitzung im québecanischen Parlament auspacken und sie zu Text verarbeiten. Das ganze fand im roten Salon statt, was nicht der normale Plenarsaal ist, aber trotzdem sehr hübsch und nett. Wie zu vermuten war alles rot, rote Ledersessel, roter (oder rotbraun) Tisch, Plüschtapete, usw.
An der einen Wand hing eine gigantische Uhr, gegenüber das Siegel der kanadischen Königin (Elisabeth II), insofern ich die Inschrift HONIT SOIT QUI MAL Y PENSE richtig gedeutet habe. Darüber ein noch gigantischeres Ölgemälde mit irgendwelchen wichtigen toten Québecianern mit ihrer Flagge (Grund blau, weißes Kreuz, in jedem der vier Ecken eine Fleur-de-Lis)

Ich war nicht nett beim Notizennehmen, aber wieso sollte ich? Das ist halt reiner Gonzojournalismus. Und jemand muss den Leuten ja »die Wahrheit « sagen. Denke ich.

Zuerst hatten die 3 Abgeordneten, Diamond (Konservative), Trottier (Seperatisten) und Sklavounos (Liberale) für fünf Minuten das Wort. Die Zeit war genau geregelt, was gut war, denn am Anfang gab es nur Gebrabbels. Québec hat 3% der weltweiten Trinkwasserreserven. Ich finde das gefährlich. Eine Provinz, die es nicht fertig bringt, Autobahnen aus seinen Schlaglochreihen zu machen und zudem auch noch voller Seperatisten ist, sollte nicht über so viel Wasser verfügen. Ich meine, was würde passieren, wenn diese Verrückten sich unabhängig erklärten und dann das Wasser mit LSD versetzten? Eine Katastrophe unerschöpflichem Ausmasses? Wäre das nicht, würde ich die Seperatisten unterstützen. Ein Volk, das so eine lustige und merkwürdige Sprache spricht, wäre eine echte Bereicherung für Dinge wie die UNO oder die NATO. Sie könnten auch der EU beitreten, wieso denn nicht? Ein unabhängiges Québec könnte jede Hilfe gebrauchen.

Der Regierungsparteiabgeordnete erzählte was von 30 Millionen kanadischen Gummidollar, die für’s Wasser ausgegeben werden (oder so). Politiker reden auch immer gerne von bürgerlichem Engagement, was alles und nichts heißt.

[0805101502CET-6, Trudeaux Airport, Montréal, Québec, Kanada]
Ich hörte auf diesem Punkt dann auf mit Schreiben, weil wir in Montréal angekommen waren. Es gab die vorausgesagte große Abschiedsorgie mit Küssen und Umarmen. Und ja, die Leute waren alle nett, also schon ein wenig Trauer. Mit dem Kopf auf dem Fenster fuhren wir dann mit dem Bus ab, bis zu dem alten Viertel von Montréal, wo das Büro des Internationalen Büro für Wasser liegt. Ein netter Bau, von dem ich hauptsächlich das Klo sah. Ich würde zusammen mit Swetlana, der deutschen Präsidentin vom Jugendparlament für den Rhein in einem Hotel schlafen. Das stellte sich als Hippieherberge heraus, was ich sehr sympatisch und liebenswürdig fand. Billiges Ferienwohnen für Leute, die auch mal ein gemeinsames Bad oder Küche benutzen können. Nach zwei, drei, vier Bier und Essen verließ uns die Organisatorin Marianne, und nachdem die Kellnerin herausgefunden hatte, dass ich aus Luxemburg bin, eröffnete sie uns, sie hätte Familie dort und verwies uns ins Les Deux Pierrots, wo ich noch ein Bier trank.

Ich war müde und das Gesinge auf der Bühne der großen Trinkhalle riss mich nicht wirklich mit. In der Nacht wachte ich auf, als zwei (ich vermutete das jedenfalls) Lesben in der Küche laut schwatzten. Ich hatte einen Flashback an jene Nacht in der berüchtigten »Schifflinger WG «, die ich auf einem Schlafsofa verbrachte hatte und ebenfalls von Leuten in der Küche geweckt worden war. Ich hatte damals gefährliche Drogen vermutet, was wahrscheinlich nicht ganz der Wahrheit entsprach. Ich machte mich auf’s Klo und las auf dem Rückweg meine Mails.

Heute dann lief ich durch das alte Viertel von Montréal und aß danach mit der Präsidentin in Chinatown. Ich verstand die Anweisungen zum Flughafen falsch, lief wie ein Blöder auf der falschen Metrostation herum und nahm schlussendlich ein Taxi. Ich gab dem Fahrer ein großzügiges Trinkgeld von fünf kanadischen Gummidollar. Check-In und Sicherheitskontrolle verliefen großartig, bis auf den Fakt, dass ich mein Déo hierlassen musste. Ich meine, solange es keine Drogenkontrollen oder Leibesvisitationen sind, ist alles in Ordnung.

Nun sitze ich hier in einem Flughafenrestaurant, von dem aus ich eine herrliche Sicht auf eine 747 von Air France habe. Was ja nicht übel ist. Mein Flug geht in zwei Stunden, aber mir wurde gesagt, hier solle man drei Stunden früher dran sein. [Anmerkung der Redaktion: Tatsächlich hatte der Flug zwei Stunden Verspätung, ging also also erst um 19 Uhr] Der Kaffee hier ist unglaublich sauer. Ich frage mich, welches meiner zwei Getränke Kaffee oder Orangensaft ist. Schmeckt fast gleich.

Fires Notizheft am Montréaler Flughafen

Aber ich war eigentlich bei der Plenarsitzung im Parlament gestern. Während einer seiner Kollegen antwortete, trank Denis Trottier vom Parti Québecois (Seperatisten) eine urinfarbene Flüssigkeit aus einer Plastikflasche. Ich fand das ziemlich eklig. Jeder Politiker hatte nur eine bestimmte Zeit zur Verfügung, ein Prinzip, welches man viel öfter anwenden sollte, vor allem in der Politik. Wer mehr als fünf Minuten zum Reden braucht, hat halt keine so guten Argumente. Ok, fünf Minuten sind vielleicht sehr wenig, aber ich bin dem Prinzip wohlgesonnen.

Als nächstes war Mr. Diamond von den Konservativen dran. Er hatte einen schlimmen québecanischen Akzent, der Französisch wie eine Bauernsprache eines Volkes von Syphilliskranken klingen lässt. Außerdem sieht er ein wenig aus wie ein Schwein, das eben erst der Pubertät erwachsen ist. Der jüngste Abgeordnete der québecanischen Geschichte sprach von Jurisdiktion, die man ändern müsste, aber was nützt die, wenn nichts getan wird?

Ein durchschnittlicher Québecianer verbraucht 400 L (!) Wasser am Tag. Wie um alles in der Welt tut man sowas? Ich stelle mir das sehr schwierig vor, aber vielleicht trinkt so ein sperationshungriger Québecer einfach nur unglaublich viel und duscht alle 45 Minuten.

Trottier sagte, er möge keine Kritiker. Er roch nach alten Leuten und sprach von alten Dingen. Obwohl er nicht so wirkte, war er doch ein Politprofi und wusste, dass es nur Phrasen dreschen musste, Globale Erwärmung, Vergleiche mit seiner Heimat, usw. Er sprach auch von Wasserkriegen – die Kanadier fürchten sich, vielleicht zurecht, echt davor, dass die USA sie wegen dem Wasser angreift, was ihr Ende wäre. Mit Ahornsirup kann man sich nicht verteidigen. Im Québec waren, wahrscheinlich auch deshalb, an diesem Tag alle Freunde. Es roch ein wenig nach Dorfpolitik.
Trottier hielt seine Zeit genau ein – ein Profi halt.

Temblay, der Direktor des pädagogischen Dienstes, der die ganze Session leitete, wirkte ein wenig zu sehr ironisch, als ob das ganze ein Spiel sei. Er nannte die Fragtsteller »Deputés «, also Abgeordnete. Ich fand das sehr sehr merkwürdig.

Die erste Frage ging über die Einführung eines Sensibilisierungskurses zum Thema Umwelt/Wasser. Skavounos erzählte sturr sein Programm, las seine vorgeschriebene Rede weiter. Er hatte ein Lächeln und ein Charisma wie ein Talkshowmoderator, oder noch eher, ein Wagenhändler. Sympatisch, aber absolut schleimig. Zur Frage antwortete er nicht viel, vielleicht, weil er keine Antwort wusste.

Diamond konnte nichts dafür, dass er klang wie ein Bauerntrottel, wenn er sprach, aber der Inhalt seiner Antwort war in Ordnung. Viel Geschwafel und Allgemeinplätze, nichtsdestotrotz. Schwach für einen 23-jährigen, selbst für einen Politiker.

Trottier sprach wieder über alte Dinge und war weit weg vom Thema, Toiletten statt Schule. Die Kanadier haben allerdings auch gigantische Klos. Es gibt ja bekanntlicherweise zwei Arten von Klos: Flachspüler, bei denen das Geschäft auf einem Art Teller landet, wo man sich von ihm verabschieden kann, ehe es in das kleine Wasserloch gespült wird und Tiefspüler, in der das Geschäft sofort ins Wasser fällt. Die Kanadier haben Tiefspüler, die ungefähr 12 Liter fassen. Die Scheiße fühlt sich darin wahrscheinlich so, wie ich mich im Bodensee fühle.

Danach, für die zusätzliche Frage wieder dieses »Deputé «-Spiel. Die Frage ist eher schwach, Sklavonous hatte nicht zugehört, was die Spielregeln anging. Er wirkte merkwürdigerweise jünger und souveräner als Diamond und sprach über’s Netz.

Sensibilisierung machte keinen Sinn für Diamond, der lieber Taten sieht (als ob das keine wäre!) und spricht zu lange. Trottier sah die Medien als guten Weg und wollte Beihilfe als Lockmittel für’s Wassersparen einsetzen.

Die zweite Frage lockte aus Diamond nur das gleiche Gesabbel heraus. Gab es am Morgen nur Haferflocken für ihn? Trottier ließ auch nur Allgemeinplätze von sich, obwohl er mal Bademeister war, wirkte aber besser. Ein Profi halt.

Die Frage ging über Quecksilber, das sich im Grand Nord in vielen Fischen findet und als Niederschlag aus Osteuropa und Asien kommt. Sklavounos hatte nicht zugehört, oder die Frage nicht verstanden und brabbelte was von Wasserwegen. Abgesehen davon war seine Antwort allerdings gut und er ging auf konkrete Dinge ein, die realisiert wurden/werden, aber für ihn war das auch leicht, als Regierungsparteimitglied.

Technologietransfer, Inhalt der dritten Frage, brauche Kompetenz, Reichtum und Demokratie, meinte Trottier. Er wolle einen québecanischen Staat, der Leader auf dem Wassertechnologiegebiet sei.
Sklavounos sprach hingegen die ganze Zeit über Verschmutzung, die keinen Pass zum Überschreiten von Grenzen braucht. In der EU braucht man auch als Mensch keine Pässe, Blamann! Sehr zum Lachen auch: das SIE ist im Québec, das sei ein Anfang, was der Québec mache. Ha! Ha! Haha! Umwelt sollte der Wirtschaft dienen war eine weitere schwache und zweifelhafte Aussage aus der Kiste der Standardplattitüden.

Diamond schwaffelte wieder nur. Sehen, was man selbst an Technologie habe und dann schauen, was man international machen können. DAS war doch die Frage! Mein Gott, wieso wiederholte der Mann ständig nur die Thematik der Frage, ohne irgendetwas zu sagen?
Dazu hätte ich auch keine Zusatzfrage gehabt.

Alle aus dem Québec wurden Députés genannt, die ausländischen Fragensteller jedoch nicht. Es hingen übrigens aus irgendeinem merkwürdigen Grund altertümlich wirkende (70er Jahre) Mikrofone von der Decke, obwohl jeder Sitzplatz mit einem Mikrofon ausgestattet war.

Sklavounos sprach immer wieder von Geld. Der Statt kann doch Geld erschaffen, drucken, verdammt! Ist man denn so von diesem merkwürdigen »Markt « beherrscht?
Trottier hingegen hatte kapitalismuskritischere Ansätze, sprach davon, man müsse lernen, weniger Fleisch zu essen (!), stellte Biokraftstoffe in Frage und sah Cellulosekraftstoffe als Alternative. Eine überraschend kompetente Profiantwort.
Diamond ließ durchscheinen, dass er weiß, dass Québec ein Bauernland ist. Wo liegt sein Heimatort Maguertie-D’Yanville eigentlich? Bestimmt weit weg im Hinterland. Er wolle eine Landwirtschaft des 21. Jahrhunderts, was auch immer das sein sollte. Klingt für mich nach GMO.

Die Stühle dieses Saals waren sehr sehr bequem, was mich meine Entscheidung, nicht in die Politik zu gehen, nochmal überdenken ließ. Inzwischen brillierte Diamond mit der wunderbaren Idee, Leute ihre Verschmutzung bezahlen zu lassen. Oh! Was für ein Witz! Zum Totlachen. Oder halt zum Weinen, noch eher.

Sklavounos sprach wirres Zeug über kommende Gesetze, Nationalisierung des Wassers? Enteignung? Und immer hatte er dieses Autohändlergrinsen, das ganz schrecklich war.
Trottier wollte, dass die Leute ihre Verantwortung wahrnehmen, was alles und nichts heißt. Neue Technologien seien dazu ein Mittel, auf das man stolz sein könne. Hach, da schien der kleine alte Seperatist in ihm wieder durch! Ich mochte diese Momente. Auch wenn ich nicht in allem seiner Meinung war, so musste ich ihn respektieren, er war konsequent und sein Herz bei der Sache, die er für wahr und richtig hielt, ohne dabei faschistisch zu wirken.

Auch bei der nächten Frage war das wieder bei ihm zu sehen. Er redete von der ganzen Welt, dann vom Québec, das Leute zusammenbrachte. Fast wie Nokia.

Diamond hingegen suchte nach Worten, erzählte von seiner noch nicht lange vergangenen Schulzeit, dachte eher, dass die Konsumenten zuerst, dann der Staat verantwortlich sei. Und Québec solle mehr machen in Sachen Entwicklungshilfe, worum es eigentlich ging. Hach, eine Aussage zum Thema? Das war ungewöhnlich!

Und Sklavounos sagte, dass Québec fast unabhängig sei. Bzw., dass Québec in Sachen Diplomatie quasi unabhängig sei. Ich fand das lustig. Vor allem das Glänzen in den Augen von Trottier, der übrigens neben mir saß, als Wörter »Québec « und »Independence « fielen.
Sklavounos wird auch nach Bonngehen, zu einer Biodiversitätskonferenz. Außerdem klatschte er wie ein Affe auf XTC. Hatte in dem Moment das dumme Gefühl, sein ganzes Gehabe sei nicht gespielt, sondern echt und wirklich und er würde sich immer so benehmen, was ich ein erschreckendes Szenario gefunden hätte, rein menschlich gesehen.

Da dies die letzte Antwort auf die letzte Frage gewesen war, kamen jetzt die Schlusswörter dran. Jeder der drei Abgeordneten durfte nochmal einige Minuten lang etwas sagen, und Trottier fing damit an. Man solle an die Zukunft glauben und Politik sei das beste Mittel, um Dinge zu ändern. Aber alle erfochtenen Rechte und Ideen, die er aufzählte, waren nicht von den Politikern gekommen, sondern von der Straße (die er allerdings auch erwähnte.) Alles nur Trahaha und Politblabla, seine entäuschenden Schlusswörter endeten mit den Worten »Ihr müsst das Unmögliche tun können!«. Das machte vieles von dem guten Eindruck, den er bei mir gemacht hatte, wieder zunichte.

Diamond dankte, wirkte aber nicht so, als wüsste er, wovon er redete. Währenddessen nickte Skavounos wie ein Wackeldackel. Diamond sah… irgendetwas, leere Sätze ohne Sinn, dankte und beglückwünschte wieder.

Sklavounos sagte »Bravo! « zu allen, fand, dass Versagen keine Option sei. Er sprach auch von Leuten mit Schildern – war der je auf einer Demo gewesen? Hatte er je Tränengas gerochen? Bla! Aber schöne Metaphern hatte er drauf. Wahrscheinlich hat man ihm das Gehirn rausoperiert und einen Grinsomaten eingesetzt, der Dinge wie »Schickt Massenmails! Macht was! Oh ja! Blabla! « ganz logisch und gut erscheinen lässt.

Assembée Nationale du Québec

Dann sprach Raymond Jost, Generalsekretär des SIE und meinte, was ich schon festgestellt hatte: Alles Freunde hier, wie im Dorfcafé bzw. wie in der Dorfpolitik.
Symbolisch wurden Pflanzen für die Abgeordneten verteilt, was die alle sehr überraschte – jetzt sollten sie auch noch was tun? Die Jugendlichen hatten Aktionspläne erarbeitet, die ebenfalls überreicht wurden. Und da sprangen alle Abgeordneten auf zum Händeschütteln, wie trainierte Äffchen!
Was was das nur für eine Show gewesen! Aber ich bitte die Leser, meine Kommentare, die vielleicht ein wenig hart geworden sind, nicht immer all zu ernst zu nehmen. Denn, obwohl wie alle wissen, d’Politik, Madame, ass kee Spill, so darf man dabei durchaus seinen Spaß haben.