Archive for the ‘Project:SEELE’ Category

Funkstille

Tuesday, April 29th, 2008

Montage waren schon immer die Tage, an denen ich am späten Nachmittag durch die Stadt geirrt bin und nicht wusste, was genau ich tun sollte. Zu früh, um heimzugehen oder sich zu besaufen, zu spät, um sich irgendwelche Nachmittagsaktivitäten auszudenken. Der Höhepunkt der Woche war vorbei und es blieb eine merkwürdige Leere, von der ich nicht wusste, wie sie ausfüllen.

Und auch heute, da der Regen uns wieder einmal verschlingt und seine giftige Säure auf die wenigen noch verbleibenden Wälder (Was für ein Blödsinn! In Luxemburg gibt es schon fast zu viel, zu alten Wald) schüttet, spüre ich eine Leere in mir. Gestern Lustlosigkeit, heute Leere. Alle Krüge sind gebrochen. Das Funkgerät an Bord des Zeppelins bleibt, bis auf die Meldung, es gebe nichts zu sagen, stumm. Ich schwebe einsam und alleine über der Nordsee. Luftpirat.

Ich bin ohne Ziel. Ã…land, Island, Kanada?
Ich lese freudige Nachrichten über und aus vergangenen, glücklicheren Tagen. Sie sind wertlos. Zerstört in nur einer Nacht. Und alles, was bleibt, sind Einmachgläser, die du nicht anfassen willst.
Ein Stapel Papiere fliegt aus dem Fenster, segelt langsam Richtung Meer. Es war notwendig, damit es nicht zu sehr schmerzt. Ein stechender, pochender Schmerz in der Stirn. Du siehst auf die Instrumente im Cockpit, Armaturenbrett deluxe, drückst ein paar Schalter, regelst einige Werte. Beschäftigung, damit es keine Auseinandersetzung gibt. Das gute als Rauf und Runter-Spiel. Dadaismus der Seele. Mindfuck. Du siehst jede Minute auf die Uhr, deren Zeiger zu schleichen scheint. Worauf wartest du eigentlich?

Auf nichts.
Darauf, dass die Leere sich wieder füllt.
»Aye, Aye, Captain! « und ne Buddel voll Rum.
Alles ist illuminiert und dennoch sehe ich rein gar nichts. Und sprich nur ein Wort und meine Seele stürzt sich in einen tiefen Abgrund. Selbstzitat.
Bin ich denn krank? War das eine Seuche? Ist das ein Verbrechen gewesen?

Vom Kurs abgekommen. Oder auch nicht. In der Ferne leuchten die Lichter von London.

[0804282015]

Ein dicker Strich aus schwarzer Kreide

Thursday, April 10th, 2008

Ich stehe überall und nirgendwo.
Ich bin ein Autor des Webs, der neuen Generation, immer online, immer erreichbar, nie da.
Ich habe mich verloren in den unendlichen Weiten des Internets, habe gesurft, gebrowst, habe in den großen Flammenkriegen gekämpft, in der Piratenbucht gerastet.
Ich habe mehr nackte Frauen gesehen als Casanova und habe dennoch nie eine von ihnen berührt.
Ich bin aufgewachsen mit dem Versprechen von vernetzen Kühlschränken, der ewigen Jugend und genetisch manipuliertem Gemüse, verlor meine Jugend in den dunklen Höhlen des IRCs und in Diskussionsforen, die mir wie erstrebenswerte Elfenbeintürme der eloquenten Diskussionskunst erschienen.
Ich bin umgeben von Technologie, spreche in mein mobiles Telefon, sende unsichtbare Botschaften durch den Äther, rede mit dem Mikrofon, fahre von A nach B mit Biozügen, höre Musik mit tragbaren Festplatten, haue Texte in Sekundenschnelle in die Tastatur, die fast zu langsam ist, um meinen Gedanken zu folgen.

Und dennoch sind meine Gedanken und Bilder zu tiefst organisch. Ein dicker Strich aus schwarzer Kreide ziert meine Stirn, darunter steht in kleinen Lettern »open here«.
Das getan, quellen Nervenstränge aus dem unter Druck stehenden Schädel. Wie organische Kabel verknoten sie sich um die Hände, fesseln den Körper, während die entsetzten Augen weit geöffnet zusehen, wie man sich selbst verschlingt. Das letzte, was sie sehen, sind die dicken Enden der Nervenstränge, die sich fühlerartig in die Augenhöhlen bohren, um sich mit dem Gehirn zu verbinden.

Man fällt kopfüber in flüssiges Silizium und wird zum Cyborg, Widerstand ist zwecklos. Unter den Achselhöhlen wachsen USB-Anschlüsse, Aus der Leber wird eine Festplatte. Ein Elektromotor ersetzt das Herz, zum endlichen Dynamo verpflichtet. Einzig das Gehirn wird nicht ersetzt, sondern mit Prozessoren durchwuchert. Geschlechtsteile werden durch Kabel bzw. Anschlüsse ersetzt. DNA wird künftig nur noch binär ausgetauscht. Human 2.0.

Ich schreie laut »Nein!« und renne mit laufender Kettensäge auf die Straße, um diesen Wahnsinn zu stoppen. Niemand hört mich, aber es ist auch niemand da, denn alle sind dabei, ihre cybernetischen Träume zu träumen, während ich als einziger in das Auge der Kamera und der Pyramide geblickt habe und weiß, dass tote Menschen von der Decke hängen. Hier fängt es an kryptisch zu werden. Als wären deine eigenen Gedanken in einer unleserlichen Schrift verfasst.
Die Kettensäge verstummt.

Ich stehe auf einem Hochhaus, und I. ist bei mir. Sie brüllt mich an, während ich mich immer weiter der totbringenden Kante nähere. Ich habe ein wenig Höhenangst, wobei es sich vor allem um die Angst handelt, dass ich meine Brille verliere. Nichts wäre schlimmerer, als halbblind durch die Gegend zu torkeln und sich zu dem nächsten Optiker durchfragen zu müssen (außer vielleicht ein Genickbruch!). Alle Zähne der Kette sind stumpf, der Vergaser verstopft, der Kolben rostig.
Auf mich ist eine Pistole gerichtet, obwohl ich nicht sehe, vorher sie kommt.
Unten auf der Straße marschiert eine Armee von cybernetisch aufgerüsteten Menschen, während ein Verrückter aus einer Telefonzelle, in die ein altmodischer Sportwagen gekracht ist, fällt und sein Partner mit einem flammenbewehrten Gehstock auf die Veränderten einschlägt.
Diese Dinge sind nichts für mich, denn ich muss meinen eigenen Kampf ausfechten, bei dem ich zusehens die Waffen verliere. Alle Krüge brechen, aus ihnen fließt eine zähflüssige, rote Masse, die nach Sperma riecht und wie Blut aussieht. Kleine Insekten steigen an die Oberfläche, breiten ihre Flügel zum trocknen aus und schwärmen aus.

100 Meter unter dir: Kampflärm und Medikamentenmissbrauch.
Alles Gesagte mutiert zu grässlichen, fleischfressenden Dinosauriern, die in ihrer eigenen, heiseren Sprache rappen und sich gegenseitig verletzen. Ein Urmonster nach dem anderem wird aus den Dingen, die einst heilig waren.
Nicht einmal mehr das ewige Feuer brennt, wo ihr einst saßt und über Rasur gesprochen habt.

Es gibt keinen Grund mehr, zu kämpfen. Es gibt überhaupt keinen Grund für das Ganze. Man hätte diese Worte nie sprechen dürfen, nicht einmal denken. Du stehst auf dem Rand. Eine kleine Mauer, 5 cm höher als das Dach. Hinter dir der Abgrund, aus dem noch immer merkwürdig futuristischer Lärm zu hören ist.

Du stellst eine letzte, verzweifelte Frage.
In der Zeit zwischen deiner letzten Silbe und ihrer Antwort schwingt das Pendel in Paris einmal in und her. Du kannst es hören, vor einem innerem Auge sehen, die Luftbewegung spüren, du fühlst es in jeder Zelle deines Körpers. Vom Chor der Abteikirche von Saint-Martin-des-Champs im Conservatoire des Arts et Métiers in Paris bis zu dir, auf diesem gottverlassenen Dach hoch oben über der Stadt voller Tod und Mikrochips dringt die Botschaft der völligen Klarheit. Du erkennst, wirst erleuchtet, atmest mit einem Male alles ein, was zu wissen gilt. Dein Gehirn kristallisiert für einen Moment zu einem vollkommenen Diamanten, und für diese kurze Sekunde ist für dich alles so schrecklich und furchtbar durchsichtig, dass du ihre Antwort nicht einmal mal abzuwarten bräuchtest.

Das einzige, was jetzt noch bleibt,
Nachdem sie den Mund geschlossen hat, springst du.

Ein Zeppelin fängt dich auf. Du fühlst dich wie Luke S., die Szene sieht in deinem Kopf so aus, als hättest du auch gerade deine Hand verloren. Dabei warst du kaum fünf Minuten bewusstlos.
Das Pendel wird schwächer. Der Kurs ist nach Island gesetzt.

Badezimmer

Sunday, March 2nd, 2008

Das Badezimmer ist viel zu hell jetzt. Früher waren die Fliesen rosa und das warme, aber schwache Licht über dem Spiegel ließ einem das eigene Spiegelbild wie ein Polaroidfoto erscheinen, wie weich gezeichnet.
Es ist warm, als du herein kommst, einen großen Krug Tee in der Hand, obwohl du sie erst vor wenigen Minuten eingeschaltet hast. Du fragst dich kurz, wieso das Badezimmer so schnell heiß wird, während die Heizung in deinem Zimmer nur blubbert, das Zimmer aber ewig kalt bleibt.

Die Gedanken wirbeln wild durcheinander. Unerfülltes Sexualleben prallt gegen wiedergefundene Gedichte. Du liegst im Bett und wünschst dir, sie würde neben dir liegen, obwohl dort überhaupt kein Platz ist. Merkwürdige Flugblätter über vermisste Hunde. All deine Wünsche bedeuten nichts, denn du wünschst sie nicht wirklich. »Es ist einfach nur langweilig.«, meint sie und du weißt nicht, was du sagen sollst. Dazwischen die Flucht vor den eigenen Eltern, wie aus einem dieser Drogenbücher, die man in der Schule lesen musste. Unwirklich, ihre Stimme am Telefon. Du wolltest vorlesen. Die Sterne verschwinden im Regen, der alles verschluckt. Jetzt ist der Winter schon wieder fast vorbei. Sie spielt mit dem Gedanken, dir Texte zu zeigen. Das ist fast so gut wie Sex. Mit Zwanzig hat niemand mehr Illusionen. Du weißt noch, dass du geträumt hast, aber die einzige Erinnerung ist eine karamellfarbene Pampe, die wie aus einem Fleischwolf gepresst durch deinen Kopf zieht. Ein verwischtes Bild, auf in Großbuchstaben mit eben dieser Pampe »SEX« geschrieben steht. Alles unklar. Vielleicht ging es auch nur um Geld. Der Frühling, der Sommer, er wirkt bedrohlich. Unfälle auf den Vogelfelsen irgendwo am Mittelmeer. Wie lange kannst du dir das alles noch anhören?

Der Spiegel wirkt wie ein scharfes Messer, das die unbarmherzige, haarige Realität hervorzeigt. Vielleicht sehen alle anderen durch deine Kleider hindurch, erkennen das Monster, das sich darunter verbirgt, und das ist der wahre Grund. Das wäre nett, immerhin kannst du wenig dafür und bist dennoch Schuld. Das warme Badewasser lässt dich alles vergessen. Ein Krug voller Tee und ein Buch mit melancholischen Kurzgeschichten.
Dies ist der Himmel. Für kurze Zeit.

Zugunglück

Saturday, March 1st, 2008

[0802192011] Schwarze Materie verschlingt mich. Was für ein Alptraum.
Der Zug, in dem du sitzt, bleibt auf dem Abstellgleis stehen und bewegt sich nicht mehr.
Mit einem Male fällt dir auf, wie unrasiert du bist. Aber so lange es nicht kratzt, ist alles in Ordnung. Oder es stört dich dann auf jeden Fall nicht.
Netwon schlägt mit all seinen Gesetzen gleichzeitig auf dich ein, was dir das Bewusstsein einimpft, dass Physik ein schwieriger Begleiter für Texte ist. Immer und immer wieder Fahrten durch das Dunkle. Als bestünde das Leben nur aus einem schwarzen Rohr, durch das du ständig hindurch fährst, hin und zurück, hin und zurück, immer wieder. Der Nachtzug als Ersatz für die U-Bahn. Urbanes Leben in der Einöde.
Nachrichten fliegen ratternd durch den Äther, knistern in den Ampliflikatoren und Transistoren unterwegs, während du nur Sender/Empfänger bist. Kommunikation ist niemals selbst reisen. Still beneidest du die elektromagnetischen Wellen für ihre Reisefreiheit.

Getriebe

Thursday, February 28th, 2008

Dies ist die beste aller Zeiten – dies ist die schlechteste aller Zeiten.
Es regnet ohne Unterlass. Es wird nie wieder aufhören. Sommer und Winter werden Erinnerungen sein, zu Legenden werden und einzig das Sterben und Wiederauferstehen der Pflanzen wird uns daran erinnern, dass es sie einmal gegeben hat.
Eine Welt ohne Jahreszeiten. Die Wirklichkeit verschwindet unter einem Schleier aus ewig währendem Regen, gefüllt mit den Gerüchen nasser Haare und Hunde. Alles wird unwirklich.

Plötzlich stehst du am Flughafen, hast irgendeine wichtige Lieferung abgegeben, und redest noch ein wenig mit den Leuten dort. Ein Flugzeug dröhnt über dich hinweg. Reisende, Flüchtlinge, irgendwohin, egal wo, Hauptsache weg. Fast wünschst du, das Flugzeug explodiere, um die Hoffnungslosigkeit der Flucht zu metaphersieren.
Du kannst nichts tun als hier zu stehen und kleine, wohl dosierte Päckchen ins Paradies zu schicken. Ob es etwas bringt?
Manchmal kommen Postkarten zurück.
Irgendwo im Dunkeln verschwindet eine Telefonzelle.

Du gehst zurück durch den Regen, und wünschst dir, der Hund wäre da, damit du wenigstens einen Gefährten hättest. So bleiben bloß deine Gedanken, groß und erschreckend. Zahnräder greifen ineinander, d1/d2 = n2/n1, krächzend, ächzend, beginnt die Falle dich zu verschlucken. Der Bürgersteig versinkt mechanisch im Boden, du weißt vor Schreck nicht, was zu tun ist. Das letzte, was du siehst, ist die Explosion eines abgeschossenen Satelliten, voll mit giftigem Treibstoff.

Es begrüßt dich der Bombenleger im Atombunker. Nachdem er seine grotesken Sätze gesagt hat, verschwindet er in der Kanalisation, wo er mit drei Schildkröten in einer Peace&Love-WG wohnt.
Alles schmilzt um dich herum. Ein grünlicher Schleim entsteht und verkrustet zu bizarren Formen. Dein Unterbewusstsein hält dich gefangen. Selbsterkenntnis brennt in deinen Augen.
Dies ist die Hölle.

Wortlos/Muselos/Endlos

Saturday, February 23rd, 2008

Du fühlst dich wortlos ob des leeren Formulars, in das du deine Texte reinhaust. Du hast dich quasi entfremdet von dem Ding, was du am liebsten tust, was dir so viel Freude bereitet, und das du nie aufgeben willst, weil es für dich quasi so wichtig ist wie atmen. Und deshalb quälst du dich durch die ersten Zeilen, drückst die ersten Worte heraus wie jemand, der Verstopfung und schweren Stuhlgang hat, bemerkst aber dann, dass die Wörter wieder zu fließen beginnen, sobald du dabei bist. Es ist das Anfangen, was dir so verdammt schwer fällt dieser Tage, aus welchem Grund auch immer.

Eine Muse würde dir fehlen, hast du gesagt. Du weißt, dass das teilweise stimmt und teilweise auch wieder gelogen ist. Es gibt doch eine, die als Muse funktionieren könnte, die in deinen Träumen auftaucht und sich dort ohne Probleme an deinen Körper schmiegt. Als würden Träume irgendetwas aussagen. Leise hegst du den Verdacht, dass die Muse wohl eher Johnnie Walker heißt. Jetzt werden sie wieder alle kommen, mit ihren guten Ratschlagen betreffend Magenschleimhaut und Leber. Überhaupt, all diese guten Ratschläge!

Du möchtest ihr sagen, dass du dir vorstellen könntest, sie zu lieben.
Aber was ist das für eine Aussage? Als ob das irgendetwas bedeuten würde! Du könntest dir auch genauso gut vorstellen, mit A. in einem Haus mit zwei großen Hunden irgendwo in der südamerikanischen Pampa zu leben und den ganzen Tag Rum zu saufen. (Prost!) Man kann sich so ziemlich alles vorstellen. Deshalb sind solche Aussagen eigentlich nichtig. Aber nur eigentlich.
Denn das, was du mit den Worten, die nichts aussagen vermögen, auszudrücken versuchst, ist etwas großes, gewaltiges. Ein Schritt von umgekehrt-armstrongischen Ausmaßen, der eigentlich heißt: Ich könnte mich in dich verlieben. Ich wäre sogar bereit dazu, wenn es passieren würde. Und ich glaube, ich würde es nicht bereuen.

Ein Jahr, fünf Monate und anderthalb Wochen später:
Sieben Personen fahren in einem alten VW-Bus durch Skandinavien, vorbei an Seen, die den Landratten erscheinen wie kleine Meere. Im Autoradio läuft Sigur Rós. Man genießt das wunderbare Gefühl des Erlebens, des Lebens in der Gegenwart, die Gemeinschaft und vielleicht auch die Gewissheit, an der Spitze von etwas Neuem zu stehen. Beat-Generation, die Beatles und Yoko Ono, ein beliebiger Tourbus einer erfolgreichen Band, LJM. Während du auf deinen Knien dein momentanes Lebensgefühl notierst, in ein noch jungfräuliches Exemplar deiner berühmt-berüchtigten grauen Bücher, A. Witze macht, eine Flasche mit Biowein herumgeht, was dich an andere, vom Gefühl her ähnlichen Zeiten erinnert, T., L. und S. sich halb flüsternd – aus welchem Grund auch immer, über ein Buch, das sie alle drei in der Schule lesen mussten, unterhalten, hat sie ihren Kopf auf deine Schultern gelegt und ist eingeschlafen.
Du bist glücklich.
Dies ist das Ende der Welt.

Schaumschläger

Monday, February 11th, 2008

[Dieser Beitrag ist nicht in dieser Reihenfolge entstanden, wie ich ihn hier zusammenstückele.]

Wild schäumen die verwischten Traumerinnerungsfetzen ins Unterbewusstsein zurück, als du diese Zeilen liest. Dein Körper ist wie elektrisiert – deine Hände kribbeln mal wieder.
Dir ist, als hörst du das Pendel wieder kurz über deinem Kopf schwirren – was du selbst nicht wahrnehmen willst. Damokles ist blind für Schwerter. Du hast geglaubt, aufschreiben würde wegsperren bedeuten, aber vielleicht musst du auch veröffentlichen. Und dann ist die Gefahr, dass diese Bilder ein noch stärkeres Eigenleben führen könnten, egal.
Immer wieder diese Berührung. Finale Bestimmung?

Vielleicht sollte man Träume einfach deshalb aufschreiben, damit sie einem aus dem Kopf verschwinden. Wie man sich einen Dorn oder Splitter aus dem Finger zieht, weil er einen ständig enerviert.
Man kann bei diesem Traum nicht wirklich von stören reden. Im Endeffekt, im Rückblick sozusagen, bleibt ein wohliges Gefühl der Geborgenheit. Zu den Tatsachen: I. und ich auf irgendeinem Konzert. (Mal wieder.) Es muss Sommer sein, denn I. trägt, wie alle Mädchen auf dem Konzert, nur ein Top. Und das ist auch schon bezeichnend für diesen Traum: Hitze, gepaart mit leichter Kleidung (die du an ihr noch nicht gesehen hast, soweit du dich erinnern kannst.) und dieses seltsame Gefühl, in der Menschenmenge eingeschlossen zu sein. Sie steht vor dir – und du nimmst sie in den Arm, deine Hände auf ihrem Bauch.
Die Umarmung ist intim, zu intim für Freundschaft. Das ist es, was den Traum so merkwürdig erscheinen lässt, weil trotz irgendeiner Story mit unwichtigen Nebenfiguren und ungewollten(?) Berührungen nur dieses Gefühl der Geborgenheit bleibt, nicht mal, wie sonst üblich, ein Kopfschütteln oder das berühmte »Blub«.

Traumdeutung?
Schnelle, skizzenhafte Gedanken: Du schreibst über Ina, als du zu einem Konzert mit I. fährst. Schlimmer noch: Du bekommst auf dieser Fahrt seit langem wieder Lust, zu schreiben. Da scheint es irgendwo also eine Verbindung zu geben (Als ob das nicht offensichtlich wäre!) Ina = I.? Nee.
Merkwürdig, dass deine Hände kribbeln, wenn du in deinem Heft liest, wann du jenen Text geschrieben hast, was nur in einer kleinen Randnotiz vermerkt ist. Was heißt das jetzt?

Eigentlich weißt du nur, dass es keine Antworten gibt. Und das auch diese Antwort ein klein wenig Selbstbetrug ist.

[0402082008]

Wednesday, February 6th, 2008

»Musik«, denkst du, »Ich kann keine Musik mehr hören!«, und der Gedanke klingt als würdest du über irgendetwas reden, mit dem du dich überfressen hast.
Trotzdem ziehst du sofort die Kopfhörer an. Abschottung um jeden Preis. Eine dünne Schicht Geräusch umgibt dich wie eine schützende Fruchtblase. Abkapslung von der akustischen Realität. Vor allem kein Geschwätz mehr. Nur noch stumme Bandansagen im Zug, stumme Klingeltondiskos von Halbstarken, stummes Großmüttergeschnatter und stumme Stammtischparolen. Die Welt ist sehr viel erträglicher so. Wie immer, wenn man sich seine eigene Realität formt ?

Als du in den Zug gestiegen bist, hat dich ein Mädchen angesehen. Auf den ersten Blick zu jung, und du kannst nicht einmal sagen, was dieser Blick denn jetzt heißt. Auf jeden Fall scheint da irgendeine Form von Interesse zu sein. Aber du siehst dir auch immer die Junkies am Bahnhof mit einer gewissen Form von Interesse an. Du könntest dich sofort setzen, es gibt genügend freie Plätze, aber nein, du musst an ihr vorbei. Nur, um diesen Blick nochmal zu sehen. Egal, was er heißt. Das ist weder romantisch, noch neugierig, das ist einfach nur furchtbar egozentrisch ? und damit schon fast wieder arm.

Das Klicken von elektronisch per Chipkarten gesteuerten Türen. Schließen.
Déja-Vue. Déja-Entendu wohl eher. Kurze Haare, orange Rahmenbrille.
Das Bett gegenüber. Wieder eine Erinnerung. Die schlimmste Nacht deines Lebens.
Du hast die Brücke über den See damals nicht gefunden gehabt.
Dieses Mal sollte alles anders sein. Keine Versuchung, kein Drama.

Und all die Sinnlosigkeit summiert sich in einem einzigen langen Tunnel, durch den der Metawurm sich frisst. Diesmal ist es eher eine Made. Die Dunkelheit wirkt nicht einmal mehr bedrohlich. Alles ist so seltsam klar, als ob man die Welt durch eine frisch gewaschene und auf Hochglanz polierte Scheibe sieht. Oder wie mit eklig glänzender Gelatine überzogen.
Im Hintergrund artikuliert jemand laut Buchstaben, die Musik wirkt immer unheimlicher, während die Realität zu Kunstharz zerfließt und erstarrt. Geschmolzene Bakelittelefone pflastern den Weg des Autors, der jetzt völlig übergeschnappt ist.

Das Schönste auf der Welt

Tuesday, January 29th, 2008

And the way I feel tonight
I could die and I wouldn’t mind
And there’s something going on inside
[...]
Yeah, the world could die in pain
And I wouldn’t feel no shame
And there’s nothing holding me to blame

Pixies - Head On

Und plötzlich kommt es wieder über mich. Schreibenwollen. Schreibenkönnen. Lusthaben. Obwohl das mit dem Lust haben ja eher Quatsch ist, denn ich habe ständig Lust, ich habe immer den Drang, zu schreiben, aber es geht halt nicht immer. Manche mögen diesen Drang als unnatürlich ansehen, andere werden vielleicht verstehen, dass es einem sogar physisch schlecht gehen kann, wenn man längere Zeit nicht schreibt. Das gibt es übrigens auch mit vielen anderen Sachen. Ich könnte da Geschichten erzählen! Aber das hatte ich nicht vor, und deshalb schreibe ich diesen Artikel auch nicht. Ich wollte mich vielmehr der Frage stellen, die sich sundancer in diesem Posting gestellt hat und der sich Thierry ebenfalls schon angenommen hat. Und bei Sara ist das Thema ja auch schon angeklungen:
Was ist das Schönste auf der Welt?

Sundancer schreibt, das Schönste auf der Welt sei Freiheit, die Freiheit zu atmen. Das ist ein schöner Gedanke. Für mich war irgendwann einmal klar, dass wirkliche Freiheit nur innerhalb der wenigen Quadratzentimeter, die mein Kopf im Raum einnimmt, möglich ist. In und mit Hilfe von diesem Bündel von Nervenzellen, wo offensichtlich das haust, was ich als mein Ich, mein Geist, meine Seele bezeichnen würde, kann ich ganze Universen erschaffen, mir die irrwitzigsten Geschichten ausdenken und mit Personen reden, die nicht einmal existieren. Ich bin völlig frei, was nicht unproblematisch ist. Spitzfindige Gestalten werden mir jetzt sagen, dass auch mein Denken so sehr von äußeren Einflüssen gesteuert wird, dass ich wohl nie ganz frei sein werde. Aber immerhin ist man in Gedanken ein ganzes Stück freier als in der »realen Welt«. Was wiederum zur Frage führt, ob es die wirkliche und grenzenlose Freiheit denn nun überhaupt gibt, und wenn ja, ob sie überhaupt erstrebenswert ist.

Thierry meint, das Schönste auf der Welt sei das Glück, Menschen um sich herum zu haben, die einen lieben und die man selbst lieben kann sowie am Leben zu sein und es genießen zu können. Das ist auch schön. Aber wie genießt man das Leben? Wann kann man von sich behaupten, Menschen um sich herum zu haben, die einen lieben und die man lieben kann?

Als sturköpfiger Individualist, der immer anders sein muss als alle anderen, habe ich natürlich meine eigene Antwort auf die Frage.
Für mich ist das Schönste auf der Welt wenn man nicht denkt. Ich meine damit nicht, dass man unbesonnen handelt, sondern jene seltenen Momente, in denen man einfach das vollkommene Glück spürt, und nicht mehr nachdenkt. Es ist schwierig, jene Momente überhaupt zu orten, da man sie nicht bewusst erlebt sondern einem nur im Nachhinein überhaupt auffällt, dass man an rein gar nichts gedacht hat.
Ich muss zugeben, meine Antwort klingt bei weitem nicht so poetisch oder so großartig und wahr wie die Antworten von sundancer und Thierry, aber es war das erste, was mir bei der Frage durch den Kopf ging. Und vielleicht kann man ja alle drei Antworten kombinieren: Das Schönste auf der Welt ist es, die Gewissheit zu haben, dass jemand da ist, den man liebt und der zurückliebt, die Freiheit zu atmen zu haben und Momente zu erleben, in denen man nicht mehr nachzudenken vermag oder braucht.

Monday, January 7th, 2008

tja..dann erst mal danke für die überaus hilfreichen comments der absatz- und interpunktionsgenies…trotz eines derart hohen wissensstandes, möchte ich die herren trotzdem darauf hinweisen, dass es schon menschen vor der ungehobelten gastbloggerin gegeben hat, die sich beider utensilien nicht bedient haben.. stream of consciousness nannte sich diese richtung…wohl eine ansammlung von leuten wie mir, die es das ein oder andere mal wagten die regeln nicht zu beachten und einfach loszulegen…

mea culpa…werde mich dann wohl doch auf die ästhetik des textes konzentriern müssen..

dass ich nicht lache…

jetzt hab ich bei all diesem irrelevanten zeug auch noch die absolut überflüssige diskussion mit nem menschen,der mir eigentlich schon was wert sein müsste,verdrängen können. wie kann man sich so schnell verliern…das gefühl von familiärer zusammengehörigkeit existierte nie wirklich und trotzdem wundert es mich irgendwie, dass ich mir noch immer ungewollt fragen stelle…fakten…diese art von verbundenheit war nie vorhanden. es tut nur manchmal weh mitzubekommen, dass man weniger als ein geduldeter gast aber dann zeitweise auch wieder mehr ist..fast zuviel…die mutter die ihr kind so sehr liebt, dass sie nie aktzeptieren können wird, dass es zu früh verschwand…doch dieses thema..diese liebe verdrängt man nur all zu oft…auch den weg den die eigenen eltern beschritten haben lernte man kennen, man verkraftete ihn nur nicht…auf der einen seite befreien solche informationen von der illusioun die eigenen eltern seien unantastbar, doch auf der anderen seite macht mir ihre verletzbarkeit die, wie sich herausstellte,überaus grösser ist, als ich es je einzuschätzen gewagt hätte, angst. ( ja wenn man den satz jetzt noch mal lies, ergibt er einen sinn und der syntax ist korrekt..)

hass-liebe passt in diesem kontext schon ziemlich gut und doch fühlt es sich immer wieder für einige minuten so an, als würde ich ersticken, wenn sie von ihrer –>verpflichtung für mich da zu sein sprechen…

in diesen momenten bricht die nacht manchmal unverhofft und zu früh über meinen spaziergang herein…und dann diese blockade, die einfach auf der tatsache basiert, dass gar keine verbindung mehr besteht und doch soviele vorwürfe im raum stehen,was diese stärke anbelangt

..ja..genau die person die sich wünschte, es würde ihr manchmal jemand folgen oder sie zumindest von weitem beobachten,wenn sie ihren weg geht, darf mit keiner hilfe rechnen,da sie anscheinend zu stark ist..wie kann jemand solch eine eigenschaft gegen einen verwenden? geduldet: ja, mit respekt darf man trotzdem nicht rechnen…

es fühlt sich sehr komisch dies hier niederzuschreiben, da man sich schämt hier rumzujammern, und trotzdem gibt es so viele andere menschen die auf diesem niveau auch versagen und es nie verkraften werden..ich werde jedoch versuchen in gemässigten abständen nach hinten zu blicken,tief luft holen, und trotzdem weitergehn…