Archive for the ‘Politik und Graswurzeln’ Category

24 essentielle Punkte

Tuesday, November 27th, 2007

Eigentlich hätte ich selbst was zu dem neusten Produkt der Kategorie »Papier, dass man besser als Klopapier hätte verwenden können« geschrieben, aber dann ist mir das hier in die Hände gefallen. Der Text stammt von afurnishedsoul/Jeff Hemmer und unterliegt seinem Copyright. Der Text steht also nicht unter der hier üblichen cc-Lizenz.

Von essentiellen Unterrichtsunterwanderungsmitteln und punktgenau rationierter Papierverschwendung…

Seit einigen Wochen entlädt sich ein wahrhaftiges Nachrichtengewitter über unserer friedlichen kleinen Heimat. Die Demokratisierung der Information schreitet wie auf Stelzen voran. Nach den jüngst erfolgten, durchaus rührenden Bemühungen einiger ReVisionäre um eine vertikale Demokratisierung elektronisch erfasster, persönlicher Daten bei unseren nahöstlichen Nachbarn (auch in der Hoffnung um eine langfristige Steigerung des seit Web 2.0 stark angeschlagenen Briefmarkenabsatzes durch die geschätzten 1.3 Millionen in Deutschland lebenden Terroristen sowie die, vom Bundesverfassungsschutz auf zirka 5000 bezifferten, sogenannten “Autonomen”) schicken sich nun hierzulande zwei konkurrierende Verlagshäuser an, die Demokratisierung der Information auch auf horizontaler Ebene - und vor allem, buchstäblich flächendeckend - voranzutreiben.

Dank L’essentiel und Point24 kommen spätestens seit heute morgen auch arbeitswütige, nimmer-ruhende Zeitgenossen in den Genuss des gefühlten Weltbürgertums - ein Privileg, das bisher nur höheren Funktionären, bekifften Studenten, bei Regen im geschlossenen Fahrzeug wartenden Busfahrern und klischeebewussten Lehrern vorbehalten war. Beide Zeitungen, gratis erhältlich an Hunderten von Abnahmestellen im ganzen Land, versprechen ein maximal gekürztes, dabei jedoch maximal breitgefächertes und reichhaltiges Angebot an News und Meldungen.

Die langfristigen Vorteile dieses neuen, selbst für progressiv-katholische Verhältnisse ausgesprochen revolutionären Service werden sich wohl erst in einigen Jahren in vollendeter Pracht offenbaren. Eine kurzfristige, überaus positive Bilanz lässt sich allerdings schon jetzt, anhand eines kurzen Besuchs im Lehrerzimmer einer x-beliebigen Bildungsanstalt unserer Nation, ziehen.

Besonders das bereits seit einigen Wochen erscheinende L’Essentiel erfreut sich bei Schülern und Lehrpersonal höchster Beliebtheit. Während Schüler insbesondere die Aerodynamik des handlichen Infozettels zu schätzen wissen, zeigen sich vor allem Civique- und Geschichtslehrer erfreut über das plötzliche Interesse ihrer Zöglinge am Weltgeschehen.

Die Selbstmordrate unter den Mathematiklehrern hat drastisch abgenommen. Das Sudoku des L’essentiel führt Schüler auf spielerische Art und Weise selbst an kompliziertere Zahlen wie 5, 8 oder 9 nahezu mühelos heran. So mancher Klimaschützer erliegt gar der voreiligen Hoffnung, in einigen Jahren könnten selbst die bei Eltern und Kindern gleichermassen verpönten Tafelrechungen eine Renaissance erleben und als wertvolle Waffe im Kampf gegen die in manchen Kreisen als äusserst CO2-intensiv und volksverblödend gewerteten Taschenrechner fungieren.

Selbst Sprachprofessoren, viele von ihnen seit der Geburt des SMS-Lingo zu geschätzten Kunden von Thymoleptika-Herstellern verkommen, sind verzückt angesichts des neuen Lernmaterials, welches im Gegensatz zu den traditionellen Schulbüchern auch für minderbemittelte Schüler durchaus erschwinglich ist, und zudem aktueller als so manches Schulprogramm.

Die allgemeine Euphorie angesichts des neuen Gratisangebots wird auch vom Reinigungspersonal der Schulen geteilt. In einer wahrhaft solidarischen Geste, welche herzerwärmende Erinnerungen an das traute 1968er Miteinander von Studenten und Arbeitern wachruft, überlassen viele Schüler ihre gelesenen Gratiszeitungen den von ihnen hoch geschätzten “Botzfraen” bevor sie nach Hause ziehen. Einige knüllen sie sogar noch taschengerecht zusammen und legen ein Kaugummi hinzu. Fast wie der Kleeschen.

Das von ISP veröffentlichte Point24 wird dem L’Essentiel wohl kaum lange hinterherhinken. Mit einer gleichwertigen Zusammensetzung aus 50% Weltgeschehen und 50% Kaufundservicerauschmitteilungen trifft es den konsumorientierten Nerv der Zeit wie eine Halloweenpostkarte aus Macy’s in New York. Jeweils links mit Text anödend, rechts mit ganzseitigen Werbeanzeigen aufgemotzt, ist Point24 nahezu fetter als die ebenfalls von ISP gedruckte Wort-Wochenbeilage JobSearch, und eignet sich vorzüglich zum Unter-dem-Arm-tragen auf dem Bürgersteig, dem Laufsteg intellektuell-geschäftig tuender Zeitgenossen.

Zyniker und hoffnungslos sarkastische, bösartige Menschen versuchen zur Zeit noch zu argumentieren, jeder halbwegs normal funktionierende Geist wäre imstande, auch aus einer “herkömmlichen” Zeitung das Wichtigste - sozusagen das Essentielle - durch simples Überfliegen der Zeilen und Titel herauszufiltern. Grüne Dauernörgler und Miesmacher - als hätte ihnen die UN in letzter Zeit nicht mehr als genug Aufmerksamkeit geschenkt - lästern über den “scheusslichen Papiermissbrauch” und ketten sich erneut an unschuldige Bäume im Stadtpark, während linke Chaoten ohnmächtig behaupten, dass diese Projekte auf nichts anderes als künstliche Nachfrageerzeugung auf dem Anzeigen- und Pressemarkt abzielten.

“Production for production’s sake”, meinte dazu jüngst ein einheimischer Künstler, und zeigte sich angesichts der angeblichen Popularität der neuen Zeitungen verwundert über den öffentlichen Aufschrei gegen Wim Delvoye’s Cloaca Maschinen, die doch “auf ihre Art und Weise ebenfalls nur das essentiellste über den Menschen und seine Welt aussagen” würden.

Den fulminanten Siegeszug der Fast Food Zeitungen werden solch ewig Gestrige allerdings - allein schon aufgrund ihrer beispiellosen Flüssigkeit - glücklicherweise nicht mehr zu stoppen vermögen. Experten sagen jetzt bereits die vollständige Einmottung sämtlicher Druckpressen voraus. Rezente Forschungsprojekte kamen unabhängig voneinander zur Schlussfolgerung, dass jede Art von geschriebener Information (inklusive Literatur und Sachbücher) in absehbarer Zukunft nur noch in Form von Myspace Comments oder SMS überliefert und verbreitet werden wird - vielleicht schon Ende 2008!

Affaire à suivre…
(more…)

Markus Kavka über Überwachung

Sunday, November 18th, 2007

MTV Moderator Markus Kavka bei polylux über Überwachung:

Polylog Kolumne markus Kavka @ www.polylog.tv/videothek
(via metronaut)

Die alten Medien und ihre »Blogs« (Zweiter, dafür aber nicht weniger schmerzhafter Teil)

Wednesday, October 24th, 2007

Nachdem RTL ihre Blogs und Podcasts hatten, musste das zweitgrößte Revolverblatt Luxemburgs dann auch nachziehen: Das Tageblatt, auch bekannt als sozialistische Gewerkschaftszeitung des Großkapitals, hat jetzt auch sein Blog. Das ganze nennt man sinnigerweise »Tageblog« und wird auf der Homepage des Tageblatts mit den Worten »Kommentare & Leserreaktionen« beworben.
Symbolfoto: Erklärung für ein Klo
Symbolfoto: Japanische Erklärung für eine westliche Toilette. Passt auch zum Tageblog.(cc by Hilly)

Seit dem 3. September bloggt wird beim Tageblatt. Beteiligt sind die Damen und Herren Danièle Fonck, Francis Wagner, Fränk Hary, Guy Kemp, Helmut Wyrwich, Jean-Marie Backes, Léon Marx, Lucien Montebrusco, Philip Michel, Robert Schneider, Roger Infalt und Tom Wenandy. Alles Tageblattredakteure, die auch in dem gedruckten Blättchen manchmal ihre Meinung loslassen. Einen sogenannten Kommentar schreiben. Oh. Gibt es da etwa einen Zusammenhang? Hat man den gleichen Fehler wie RTL begangen?
Man hat. Vielleicht noch einmal schnell das positive: für das Tageblog gibt es einen seperaten RSS-Feed, jedoch nicht für die einzelnen Autoren, und man kann Kommentare schreiben. Was jedoch nichts am Inhalt ändert: Die Blogeinträge sind die Kommentare des gedruckten Tageblatts. Genau wie RTL versucht man auch hier, bestehenden Inhalt als etwas neues zu verkaufen, vor allem aber täuscht man etwas vor, was man nicht ist: ein Blog. Ein Blog hat nämlich eigenen Inhalt, es ist persönlicher als die Kommentare, die nur dann wirklich eine Meinung vertreten, wenn es um Fußballstadien geht, (edit) und vor allem: die Inhalte wurden für das Blog geschrieben. (/edit)
Und vielleicht, liebes Tageblatt, versteht ihr jetzt auch, wieso sich kaum jemand erbarmt, euch einen Kommentar unter die halbgaren Meinungen eurer Redakteure zu schreiben: Sie interessieren niemanden. Wieso auch? Dem Tageblattleser wird nichts Neues geboten, und wer sonst sollte eurer Internetangebot benutzen? Lieblos gemacht ist das ganz dann auch noch, denn die verpixelten und im Halbschatten aufgenommenen Autorenfotos wirken nicht so, als würde man es wirklich ernst meinen. Aber wenn die Agentur sagt, das sei klasse, dann ist es bestimmt auch klasse.
Das Ganze fällt mal wieder klar in die Kategorie »Nichts verstanden!«. Ich kriege selbst dann mehr Kommentare als ihr, wenn ich darüber schreibe, was ich auf dem Klo mache!
Es gibt gute Journalistenblogs. Aber momentan wage ich sehr zu bezweifeln, dass dies je in Luxemburg der Fall sein wird.
Fazit: Es schmerzt. Nicht nur, weil es zeigt, wie wenig die luxemburgische Presse von Web2.0 verstanden hat, nein, es zeigt auch, wie tot sie ist.
(Danke an E. für den sachdienlichen Hinweis!)

Die alten Medien und ihre »Blogs«

Friday, October 12th, 2007

Ich wundere mich nun schon ein paar Tage lang, wieso die RSS-Feeds von rtlnews.lu und wort.lu auf dem luxemburgischen Blogverzeichniss Blogbuerg (An dieser Stelle noch einmal Kudos an pa!) auftauchten. Wort.lu hat kein Blog, aber, und das habe ich eben erst entdeckt, rtlnews hat welche. Anders als bei der lächerlichen Podcastsektion wird der Begriff nicht erklärt und es gibt auch keine Erläuterungen, wie man die Blogs in seinen RSS-Feed aboniert.
Symbolfoto: Erklärung für ein Klo
Symbolfoto: Japanische Erklärung für eine westliche Toilette. (cc by Hilly)

Und wieder einmal wird es deutlich: Die alten Medien verstehen weder Blogs, Podcasts noch Web 2.0. RTL wiederholt bloß ihre tendenziell fremdenfeinlichen und dazu noch schlechten Witzereisser sowie die Nachrichten über die Erfolge der Männer in Blau und Kühe auf den Straßen als Podcasts und das, was da als »Blogs« verkauft wird, sind die Texte der vier Kommentarrubriken, die RTL hat: »Carte Blanche«, »Commentaire«, »Carte Blanche économique« und »Rapport économique«. Eine Mogelpackung sozusagen. Den Inhalt gab es auch schon auf der alten RTL-Seite, nur wurde es dort nicht als Blogs verkauft. Da sieht man auch schnell, wieso das mit RSS nie erklärt wird: es ist überhaupt nicht möglich, einzelne Sektionen der RTLnews-Seite zu abonieren. Endweder alles oder nichts, so die Devise. Zeigt wieder einmal sehr viel Verständniss und Nutzerfreundlichkeit.
Sowas bringen nicht mal deutsche Tageszeitungen fertig. Da schreiben die bloggenden Journalisten wenigstens noch Inhalte, die sie nicht in ihrem regulären Medium veröffentlichen. Ich weiß nicht, ob ich RTL das empfehlen würde. Vielleicht sollten sie das mit Bloggen einfach sein lassen. Wissen die Autoren überhaupt, dass sie bloggen, oder wird das einfach so auf die Seite gestellt?

Endweder, die Journalisten/Redakteure/Moderatoren bei RTL fangen von selbst an, zu bloggen, oder sie werden dazu gezwungen und bringen nur ein halbgares Blog fertig, wie wir das schon oft bei anderen Medien erlebt haben. Insofern mag es ehrlicher sein, einach bestehenden Inhalt als Blog zu verkaufen, aber sehr viel Verständniss von der Sache zeigt es nicht. Und ich weiß auch nicht, ob ich mich eher aufregen oder nur darüber lachen soll. Aufregen deshalb, weil wohl viele Luxemburger zum ersten mal bei RTL auf den Begriff stoßen werden, Lachen, weil es einfach nur so herrlich dämlich ist. (Neue Medien braucht das Land!)

Klopapier (aka »Der Niedergang des Journalismus in der freien Welt«)

Wednesday, October 10th, 2007

Heute ist dann die erste Ausgabe des »l’essentiel« herausgekommen, und gleich heute kündigte Saint-Paul, die die größte luxemburgische Tageszeitung, »d’Wort«, herausgeben, in eben dieser an, auch eine Gratiszeitung verteilen zu wollen. Die nennt sich »point24«, kommt in einem Ton des dem Katholizismus nicht fremden lila daher und will sich wohl hip und modern geben.
Ich habe den »l’essentiel« gesehen, aber nicht gelesen. Das Format ist wirklich mini, wie wohl auch der Inhalt. Auf der ersten Seite: Aufreger über die hohen Mietpreise und ein Bild eines halbnackten weiblichen B-Promis. Das Wesentliche halt. Im Inneren erspähte ich dann auch noch ein uraltes Bild von einem Gebäude in Hakenkreuzform. Sieht ja nach richtigem Qualitätsjournalismus aus. Vielleicht holt man sich für »point24« ja Jean Nicolas, den Herausgeber von Letzebuerg Privat, die mit »Schlagzeilen wie Moslems greifen nach unsern Kindern« es bisher noch schafft, das Niveau der Gratiszeitungen zu unterbieten.

Ich werde mir wohl eine Ausgabe beider Gratiszeitungen vornehmen müssen, sobald auch das Saint-Paul-Machwerk publiziert wird, weissage aber jetzt schon, dass die beiden Blättchen jenes Papier verschwenden, dass man sehr viel besser für die Produktion von Klopapier hätte verwenden können. Egalwaat sieht eine Neuauflage des Kölner Zeitungskrieges in Luxemburg heraufbeschworen und assistedthinking ruft der Stadt Luxemburg zu, größere Mülleimer aufzustellen. I ch überlege mir ernsthaft, meine Drohung für ein neues Sturmgeschütz der Demokratie wahrzumachen!

Medienkritik und Ideen für ein neues Sturmgeschütz der Demokratie

Wednesday, October 3rd, 2007

Ehe ich ein »Wortblog« oder generell pressekritisches Blog für Luxemburg, vorausichtlicher Titel wäre »Papier, das man viel besser zum Arschabwischen benutzt haben könnte« im Stile von bildblog eröffene, möchte ich mich dann einem ein wenig höherwertigem Medium, nämlich der Woxx widmen.

Früher hieß die Woxx mal “GréngeSpoun” und war ein wenig sowas wie ne Hippiezeitung. Wahrscheinlich ähnlich wie Radio ARA, nur mit einer mehr oder minder festangestellten Redaktion. Die Woxx ist die luxemburgische Taz, zumindest von der politischen Richtung her. Allerdings ist die Woxx ein Wochenmagazin, was ja auch irgendwie in dem Namen drin ist. Die Woxx hatte wahrscheinlich auch damals kein Geld, gegen Vox, den Mobilfunkanbieter, zu klagen, wegen Namesgleichheit. Aber darüber wollte ich jetzt eigentlich auch gar nicht lästern.

Die Woxx hat sich relauncht und erscheint jetzt im Magazinformat. Ein neues Format auf den Markt bringen ist momentan ja modern. Ein Grund, wieso ich die ZEIT cool finde: In Zeiten der Tabloidisierung der Zeitungslandschaft das Monsterformat einfach beibehalten. Das neue Logo sieht modern genung aus und ist nicht Web 2.0. Man hat wohl von etwas unschöneren Farben Abstand genommen. Aber eigentlich habe ich bisher nur die Webseite gesehen, und will auch nur die bewerten. Die sieht nämlich eigentlich sehr gut aus. Besser als das neue rtl.lu, das ebenso hässlich wie zuvor ist und übersichtlicher als wort.lu. Das Design ist gelungen, manche Dinge sehen noch nicht so ganz rund aus, so zB. die Doppelung von deutsch und französisch auf jedem Artikel. Genial finde ich, dass man ein pdf-Archiv aufbauen will. Ich hoffe doch sehr, dass es gratis sein wird!

Und Artikel gibt es. Das ist an und für sich ja mal gut. Aber, und das ist der Grund, wieso ich dies schreibe: Die Artikel öffnen in einem Pop-Up. Ich finde das schrecklich. Es ist weder modern noch alternativ, sondern einfach nur störend. Und liebe Woxx, wenn ihr das ändert, dann fügt bitte auch eine Kommentarfunktion für eure Artikel hinzu. Ihr wärt die erste luxemburgische Zeitung, die das tun würde. Wahrscheinlich aber auch die einzige, die es sich trauen würde. Wenn ihr das tut, und das verspreche ich jetzt hier vor all meinen Lesern, aboniere ich die Woxx und lese sie auch immer ganz. Sogar das Agenda. Womit wir wieder beim Thema sind: Das könnte auch irgendwie übersichtlicher aussehen.

Ich frage mich, ob ich das jetzt als Leserbrief einschicken oder einfach darauf hoffen soll, dass die mitlesenden Woxx-Redakteure das weiterreichen?

Zensur und Überwachung

Tuesday, September 11th, 2007

sind die Geißeln des 21. Jahrhunderts. Oder werden es sein, wenn die Dinge so und so weitergehen.

Apotheose der Atombombe

Sunday, September 9th, 2007

world, my finger, is on the button
push the button
the time has come to…
galvanize!

Atombombe
Es wird Zeit, dass ich endlich schreibe, was ich schon so lange angekündigt habe. Nach meinem Plädoyer für die Postapokalypse dann nun die Apotheose der Atombombe.

Es ist das große Defizit meiner Generation, kulturell genauso wie politisch, dass die Atombombe nicht gefallen ist. Vielleicht ist auch einfach nur ein menschliches Defizit, dass wir uns noch nicht selbst ausgerottet haben. Je mehr ich über die Menschheit nachdenke, je mehr Schrecklichkeiten ich erfahre, umso mehr werde ich zum Misanthropen.
Ich gehe bei dem ganzen Atombombenabgewerfe nicht davon aus, dass es zu einem nuklearen Krieg kommt, bei dem die gesamte Menschheit oder zumindest die westliche Halbkugel ausgerottet wird. Ich nehme einfach mal an, dass es zumindest auf einer Seite noch immer Menschen gibt, die irgendwie überlebt haben. Vielleicht auch bloß, weil die gegnerische Seite Gnade hat walten lassen.
Es gibt, natürlich mehrere Szenarien, was meine Generation angeht. Wenn ich »meine Generation« sage, dann sind das wohl Westeuropäer in den Jahrgängen 85-91, also Menschen, die unter den historischen Umständen nicht mit der Angst vor der Bombe groß geworden sind, den Abwurf aber noch erleben hätten können. Da ich keine andere Generation, weder von den Jahrgängen, noch vom geographisch-kulturellen Einfluss her kenne, muss ich zwangsläufig meine eigene behandeln, und um diese geht es hier auch. Vielleicht ist es auch noch wichtig, dass die genannte Generation bei einem angenommenen Atomkrieg im Laufe der Achtziger Jahre des Zwanzigsten Jahrhunderts »unschuldig« wäre oder sich so sehen würde, weil sie noch nicht alt genug war, um den Lauf der Dinge zu ändern oder den Knopf zu drücken. Ich hebe auch nicht den Anspruch, dass die von mir aufgeführten Szenarien politisch und strategisch korrekt oder logisch sind. Denkbar sind sie, soweit wie ich das beurteilen kann, und zum Rest geht es mir mehr um eine soziologische Betrachtung. Vielleicht teilweise auch mit einem zwinkernden Auge. Ach, und das sind alles nur persönliche Einschätzungen, die man sehr wohl angreifen und wohl kaum belegen kann.

Szenario 1: Die totale Zerstörung
Westeuropa wird bei einem Atomkrieg in Schutt und Asche gelegt, es gibt kein oder nur noch vereinzelt Leben hier, das es durch die sich ausbreitende Strahlung auch immer schwerer hat. Dieses Szenario wird vor allem den Misanthropen gefallen, da meine Generation hier nie existiert hat. Die Überlebenden flüchten, sofern das möglich ist. Die Sterblichkeitsrate ist wegen strahlungbedingten Erkrankungen enorm hoch. Meine Generation ist die erste der Mutanten, falls sie überhaupt je geboren wird. Was wohl vor allem vom Grad der Zerstörung abhängt, aber wir gehen hier davon aus, dass Westeuropa unbewohnbar ist. Politisch denke ich, dass sich die Überlebenden in der Idealvorstellung in basisdemokratisch organisierten Gruppen zusammenschließen und so lange und gut wie möglich zu überleben versuchen. Vorstellbar sind auch patri- oder matriarchalisch organisierte Familienbanden, wobei in Westeuropa ob der kulturellen Prägung das Patriarchat wohl wahrscheinlicher wäre. Regierungen auf Basis von Staaten gibt es nicht mehr, da wohl vor allem die Hauptstädte das Ziel der Bomben waren und ohne intakte Kommunikation und Transportwege die Anarchie unumgänglich ist.
Kultur? Ich gehe davon aus, dass die meisten Dinge zerstört sind, die kulturell irgendeine Bedeutung haben. Mit den Erzählungen der Überlebenden werden aber wohl nicht nur die neuen Geschichtsbücher, sondern auch die neue Nachkriegsliteratur geschrieben.

Szenario 2: Brandflecken
Der Krieg hat nicht lange gedauert. Irgendwann hat einer eingesehen, dass das ganze Atombombenwerfen zu nichts außer Tod führt und aufgehört. Zumindest in Westeuropa. Die großen Städte und Militärbasen sind zerstört, es sind viele Toten zu beklagen und nuklearer Fallout bringt Krankheit und noch mehr Tote. Aber viele haben überlebt und gebären neue Kinder, auf denen das Laster der Hoffnung liegt. Diese Generation ist die erste, die Mutanten hervorbringt, mit denen wohl wie mit jeder Randgruppe und/oder wie mit Behinderten (was sie teilweise wohl auch sind) verfahren wird. Oder auch nicht, das hängt wohl wieder von der Schwere der Mutation und/oder der Zerstörung liegt. Ich gehe einfach mal davon aus, dass eine reduzierte Population, der es schlechter geht, freundlicher mit Mutanten und Kranken umgeht als eine wenig geschwächte, wohlhabendere Gesellschaft.
Die Politik ist also mit den Aufgaben des Wiederaufbaus, der Sperrung der verstrahlten und verseuchten Gebiete und letztendlich auch einer Beilegung der internationalen Streitigkeiten vertraut. Hier kann sich der Hurra-Wachstum-Kapitalismus kaum bewähren, da die Weltmärkte zusammengebrochen sein dürften und die Konsumgüterproduktion wenig Erfolg bei der Nachkriegsgesellschaft hat. Die führenden Parteien werden wohl pazifistische sein, denn wer will nach einem Krieg noch einmal Krieg? Ich könnte mir auch vorstellen, dass nach einer derartigen Katastrophe die noch relativ jungen Grünen einen starken Aufwind kriegen. Meine Generation wächst also auf mit Mutanten, dem Wiederaufbau und der häufigen Existenz von verstrahlten Zonen, die niemals wieder betreten werden dürfen. International wird man wohl irgendwie versuchen müssen, die Ideologien zu besänftigen. Vielleicht passiert das mit einer Annäherung beider, vielleicht gibt es aber auch eine friedliche Koexistenz mit Abrüstung. Eine utopische Vorstellung wäre, dass durch den Krieg die UNO neuen Aufwind bekommt und nach und nach Aufgaben einer Weltregierung übernimmt, die eventuell auch sogar eine gerechte Verteilungspolitik durchsetzt. Gibt es jetzt mehr Perspektive als Hurra-Wachstum-Kapitalismus? Da dieser genauso wie der Kommunismus versagt hat, indem er die Menschheit an den Rande der Vernichtung gedrängt hat, wird wohl Platz für neues entstehen. Protestbewegungen meiner Generation sind stärker, da eine allgemeine Auflehnung gegenüber jenen, die für den Abwurf »verantwortlich« waren, vorhanden ist. Allgemein könnte man sich vorstellen, dass der Mensch mehr Respekt gegenüber der Natur hat, da schon viele Landstriche verseucht sind und da nicht noch mehr hinzukommen müssen.
Kulturelle Veränderungen kommen eine ganze Menge. Ich gehe stark davon aus, dass die Medien noch immer eine starken Einfluss auf die Menschheit haben, jedoch die Massenware Kultur, wie sie heutzutage existiert, keine Überlebenschance hat, da nicht genug Geld da ist um ständig neue CDs, DVDs, Romane von Dan Brown, usw. zu kaufen. Gleichzeitig kommt mit dem Internet, das ja auch schon vor dem Wurf der Atombombe existiert hat, die Chance, Kultur ohne Beschränkungen zu verteilen, was dieser trostlosen Welt eine neue Perspektive bringt. Auch hier entsteht eine Art Nachkriegsliteratur, die sich mit dem Schicksal der Toten des Krieges und vor allem mit den Schuldgefühlen der Überlebenden beschäftigt. Die Fiktion beschäftigt sich wohl mehr mit Heile-Welt-Szenarien als mit der Realität der Postapokalypse. Musikalisch wird die Depression des Grunge wohl länger andauern, Stile wie Industrial, Gothic bleiben länger aktuell.

Szenario 3: Glück gehabt
Westeuropa war nur ein Nebenschauplatz des atomaren Krieges. Während der Ostblock und die USA fast vollständig zerstört, gibt es in Westeuropa nur sehr wenige Tote. Die werden allerdings noch nachkommen, in Form von Mutationen und Krebskranken durch den radioaktiven Niederschlag. Meine Generation wächst auf mit den schrecklichen Bildern von West und Ost, falls überhaupt noch jemand lebt, der Bilder gemacht hat. Die kollektive Schuld derjenigen, die überlebt haben, wirkt natürlich bedrückend auf die Atomsphäre. Politisch ist das große Leitbild Amerika am Ende und auch die Sowjetunion existiert nicht mehr. Wirtschaftlich ist Europa also zu einem stärkeren und wahrscheinlich auch fairerer Handel mit der sogenannten dritten Welt und mit Japan gezwungen. Das große Feindbild ist verschwunden und man muss sich neue Ziele und eine neue Orientierung suchen. Natürlich ist die Bandbreite der Möglichkeiten sehr groß und man kann wohl nur raten, wie es weitergeht. Wahrscheinlich wird man hier am repressivsten mit mutierten Personen umgehen und der Ausbau der Festung Europa wird schneller vonstatten gehen als in der realen Welt, die wichtigste Grenze ist aber diesmal im Osten, da man keine kontaminierten Menschen in Europa möchte. Eine Europäische Föderation ist ebenfalls möglicher.
Kulturell erwarte ich mir die gleichen Auswirkungen wie unter Szenario 2, nur dass sich die Fiktion des davongekommenen Europas sich stärker mit den Geschehnissen in den radioaktiv verseuchten Gebieten beschäftigt und durchaus postapokalyptische Szenarien bereithält. Auch die Nachkriegsliteratur wird hier eine andere sein als unter Szenario 2.

Wäre das jetzt besser?
Natürlich ist es gut, dass die Atombombe nicht gefallen ist, und ich wünsche mir auch nicht, dass sie fällt.
Manchmal habe ich das Gefühl, dass es wohl besser für die Gesundheit des Universums wäre, wenn die Atombombe gefallen wäre, und anderseits denke ich, dass so ein Ende des kalten Krieges aufhorchen gelassen hätte. Ein letztes Mal gut durchschütteln, damit wir uns bewusst werden, was wir eigentlich tagtäglich tun. Ich muss da keine Stichworte nennen.
Ich finde, das ganze wirkt sehr unkomplett, obwohl ich nun wirklich lange genug daran geschrieben habe. Vielleicht kommt man ja durch Kommentare weiter?

(Symbolbild ist übrigens ein Foto des Nuklearwaffentest »Operation Sandstone« vom 14. April 1948 auf dem Eniwetok-Atoll und public domain.)

Schwarze Löcher im Netz

Friday, August 31st, 2007

Black Holes of the Internet
Die schwarzen Löcher im Internet sind die Staaten, die ihren Einwohnern den Zugang zum weltweiten Netz verwehren, zensieren und gar sperren. Mehr dazu auf strange maps.

Gefährlicher als Faschisten

Thursday, August 30th, 2007

Typen wie Beuse, die aus der vermeintlich politischen Mitte heraus agieren, sich mit rechten und Stammtisch-Hetzern gemein machen, Rassismus und Misstände vertuschen und decken, sind genau jene, die Ausschreitungen wie in Mügeln salonfähig machen. Eigentlich sind Typen wie Beuse gefährlicher als die Faschisten von der NPD. Denn Leute wie Beuse geben den Menschen das Gefühl von Normalität.
Metronaut.de über den Bürgermeister von Mügeln. Vollste Zustimmung von mir. Und ich musste eben an Luxemburg denken. Ja, an Luxemburg.