Archive for the ‘Politik’ Category

fuck your friends!

Saturday, June 12th, 2010

photo cc by Wrote

fuck your friends, fuck heteronormativity
Ich meine das durchaus wörtlich. Aber vielleicht sollte ich anders anfangen.

Immer, wenn ich über Feminismus, Homophobie, Sexismus oder sonstige Gender Issues rede, versuche ich zu betonen, dass auch Heterosexuelle und Männer unter den gängigen Rollenbildern und Gesellschaftsnormen, die so schön unter dem Begriff Heteronormativität zusammen gefasst sind, leiden. Männer werden als unmännlich betrachtet, wenn sie Gefühle zeigen. Und selbst wenn diese Rollenbilder so langsam aufweichen (vor allem am linken Rand der Gesellschaft), so scheinen sie im größten Teil der Bevölkerung immer noch fest zementiert. Erst heute las ich einen Facebook-Kommentar, der es als großes Wunder bezeichnete, dass zwei Männer kochen würden, während eine Frau Fußball (Vielleicht schreibe ich auch mal einen Artikel dazu, wieso ich die Weltmeisterschafts-Veranstaltung aus verschiedenen Perspektiven ziemlich nervig und nicht unterstützenswert finde) schaute.

Ein Aspekt, der meiner Meinung nach zu wenig Beachtung findet, sind nicht heteronormative Beziehungsformen. Insbesondere dann, wenn es sich um Beziehungen von Menschen handelt, die sich selbst als hetero identifizieren (oder so identifiziert werden). Gut, es mag den Begriff Polyamory geben, der vor allem auf Liebesbeziehungen mit mehren Menschen gemünzt ist. Ich bin der Meinung, dass Liebesbeziehungen zu mehreren Menschen möglich sind und es wohl vor allem die gesellschaftlichen Schranken in unseren Köpfen sind, die die meisten von uns davon abhalten, so etwas überhaupt zu versuchen. Ergebnis davon: Menschen werden unglücklich, weil ihre Beziehungen nicht so ablaufen, wie sie sich das erwarten – ohne zu hinterfragen, wieso sie sich das so erwarten.

Nicht alle sexuelle Beziehungen basieren auf Liebe/Verliebtheit. Manche basieren auf Freundschaft, Zuneigung, Sympathie oder auch “nur” sexueller Anziehung. Als jemand, der in solch einer “Beziehung” (selbst der Begriff riecht nach verliebten Pärchen!) steckt, nervt es mich enorm, mich immer wieder dafür rechtfertigen zu müssen. Das geht soweit, dass ich es eher vermeide, davon zu reden, um nicht wieder in Erklärungsnot zu geraten. Um nicht wieder erklären zu müssen, dass die Person, mit der ich regelmäßig schlafe, nicht “meine Freundin” (im Sinne einer auf Liebe basierenden, romantischen Beziehung ist), ich sie “trotzdem” (wieso trotzdem?) mag und den Status einer romantischen Beziehung auch nicht anstrebe.

Was fehlt? Eine Begrifflichkeit? Mir gehen alle Bezeichnungen à la “Freundschaft plus”, “Friends with benefits” oder gar “Fickbeziehung” nicht weit genug. Vor allem wird durch diese Bezeichnungen suggeriert, dass es sich bei Sex mit Menschen, zu denen man ein freundschaftliches Verhältnis hat, um eine abnormale Sache handelt und Sex nur bei Menschen in einer romantischen Beziehung vor zu kommen hat. “Offene Beziehung” suggeriert wieder Gefühle wie Liebe oder Verliebtheit, die ich jedoch nicht finden kann – was mich, wie bereits erwähnt, nicht sonderlich stört.

Ich weiß nicht, ob es eine Begrifflichkeit geben muss. Und noch viel weniger, wie diese lauten sollte. Mir wäre ein gesellschaftliches Bewusstsein ob der Tatsache, dass es neben (Zweier)beziehungen noch viel mehr gibt, wichtig. Es gibt wohl genug Menschen, die wegen ihres Sexlebens ein schlechtes Gewissen haben oder gar unglücklich werden, weil es nicht der gesellschaftlichen “Norm” entspricht. Oder noch schlimmer, sozialem Druck ausgesetzt werden, weil ihr Sexleben als “schlampenhaft” bzw. ablehnungswürdig betrachtet wird. Am liebsten möchte ich raus aus der Rolle, mich ständig dafür rechtfertigen zu müssen, nicht verliebt und trotzdem glücklich zu sein. Und das, ohne Schweigen zu müssen. (Was nicht heißt, dass ich jeder und jedem von meinem Sexleben erzählen muss. Das wäre ja noch schöner!)

Also: Es ist nichts dabei, Sex mit Freund_innen zu haben. Niemand muss sich an das Ideal von Zweierbeziehungen halten. Nicht mal an das Ideal von romantischen Beziehungen. Und umgekehrt kann es genauso romantische Beziehungen geben, in denen kein Sex vorkommt. Aus welchen Gründen auch immer.
Wichtig ist meiner Meinung nach, mit Sexualpartner_innen zu kommunizieren, Wünsche, Vorstellungen und Ängste mit zu teilen. Und selbst glücklich zu sein.
Und genau deswegen gehört der gesellschaftliche Druck aufgehoben.

boys and girls

Sunday, November 1st, 2009

boysandgirls

For every girl who is tired of acting weak when she is strong,
there is a boy tired of appearing strong when he feels vulnerable. For every boy who is burdened with the constant expectation of knowing everything, there is a girl tired of people not trusting her intelligence. For every girl who is tired of being called over-sensitive, there is a boy who fears to be gentle, to weep. For every boy for whom competition is the only way to prove masculinity, there is a girl who is called unfeminine when she competes. For every girl who throws out her E-Z Bake oven, there is boy who wishes to find one. For every boy struggling not to let advertising dictate his desires, there is a girl facing the ad industry’s attacks on her self-esteem. For every girl who takes a step toward her liberation, there is a boy who finds the way to freedom a little easier.

(text via crimethink)
Photo cc by wishuponacupcake

life is boring

Friday, October 30th, 2009

lifeisboring

take it all back.
Life is boring, except
for flowers, sunshine,
your perfect legs.
A glass of cold water
when you are really thirsty.
The way bodies fit together.
Fresh and young and sweet.
Coffee in the morning.
These are just moments.
I struggle with the in-betweens.
I just want to never stop loving
like there is nothing else to do,
because what else is there to do?
- Unknown

Ich habe im Moment leider keine Zeit, viel zu bloggen, denn die Uni brennt. Und es fühlt sich gut an.

Märchen aus dem Pleistozän

Monday, October 5th, 2009

evolutionspsychologie

In Grommels Post über die luxemburgische Piratenpartei kam es, und das nicht wirklich unprovoziert (Edit 6/10/09: die entsprechenden Posts sind merkwürdigerweise verschwunden?) von mir, über eine Diskussion über Sexismus und Geschlechterrollen. Ich war ein wenig erstaunt über Blödsinn wie “Fußballhormone” und die Theorie, dass Homosexuelle während der Schwangerschaft “zu viele Hormone” vom “anderen Geschlecht” bekommen haben. Und lange konnte es natürlich auch nicht dauern, bis jemand kam, der etwas von Höhlenmenschen und Jägern und Sammlerinnen schrieb.

Ich hatte das Gefühl, dass die Diskussion ein wenig aus dem Ruder geriet habe deshalb entschlossen, einen Artikel über meine Sicht der evolutionären Psychologie zu schreiben. Einerseits, weil es einfacherer ist, als in der Hitze des Gefechts einen Kommentar zu schreiben, den ich aber noch abschicken muss, ehe ich zum Zug muss, den ich fast verpasste, weil ich so lange schreibe und der dann glücklicherweise ein paar Minuten Verspätung hatte und zweitens, weil ich keine Lust habe, darüber zu diskutieren, ob “Homosexuelle das dritte Geschlecht” sind oder ob ich persönlich lieber mit Puppen gespielt hätte oder aus der Emma vorgelesen bekommen habe, als ich jünger war. Sprich: Ich will bei einem Thema bleiben und es nicht durch wortergreifungsstrategieähnliche Manöver ersetzen lassen.

Es gibt sehr viele gute Argumente gegen Evolutionspsychologie. Aber fangen wir vorne an, nämlich bei der Methode. Die ist nämlich schon sehr kritisch, da die Annahmen der Evolutionspsychologie oft auf tönern Füßen stehen. Es gibt nämlich sehr wenige Fakten aus dem Pleistozän, der Zeit der evolutionären Entwicklung des Menschen. Es gibt keine verlässlichen Daten zur Population, Habitat, Lebens- und Essgewohnheiten, was bedeutet, dass die meisten evolutionspsychologischen Annahmen eben genau das sind: Annahmen. Und auch die wenigen Knochenfunde sind nicht immer sehr aufschlussreich. So herrscht bis heute Streit drüber, ob Lucy nicht eher Luca war und ob frühe Hominiden überhaupt gejagt haben oder nicht eher zum größten Teil Aasfresser waren.

Außerdem können keine Kausalzusammenhänge geschlussfolgert werden, denn dafür müssten experimentell eine Variable manipuliert und ihre Auswirkungen auf eine andere Variable erfasst werden, und das in einem experimentellen Rahmen, der möglichst wenige andere Einflüsse zulässt – und das ist, es sei denn, die Evolutionspsychologen erfinden eine Zeitmaschine, nicht möglich.

Viele evolutionspsychologische Hypothesen sind sogenannte “Just-So-Stories“. Das heißt, die Verhaltensunterschiede in heutiger Zeit werden erklärt, in dem man die Verhältnisse vor tausenden Jahren hin gebogen werden. Damit lässt sich so ziemlich alles erklären, auch widersprüchliche Beobachtungen. Solche Geschichten sind nicht falsifizierbar.

Was wäre zum Beispiel, wenn man in psychologischen Tests ein besseres räumliches Erinnerungsvermögen bei Männer feststellen würde? Evolutionspsychologen würden auch dazu eine “evolutionäre” Erklärung finden, bspw., dass Männer sich sehr genau die Wasserstellen merken mussten, an denen sie ihre Jagdbeute wieder finden konnten.

Oft sind die “Erkenntnisse” von Evolutionspsychologen über angeblich universelle Wesenszüge von Menschen sehr stark von ihrem eigenen kulturellen und sozialen Kontext abhängig. So wurde Steven Pinkers Buch “The Blank State” vorgeworfen, die Mainstream-Sicht der Clinton-Ära wieder zu geben. Wobei auch viele Evolutionspsychologen versuchen “universelle” Modelle zu entwickeln.

Reduktionismus ist ein weiteres Argument gegen die Methodik der evolutionären Psychologie. Man geht hierbei davon aus, dass die Biologie zwangsläufig die Psychologie mit sich bringt. Hierbei wird vergessen dass unsere Gehirne sich nicht nur aus den “Bauplänen” der genetischen Information entwickeln, sondern sehr sehr mehr durch die Entwicklung, die dieses Gehirn durchmacht. Übrigens sind vollständig entwickelte Gehirn ohne sonstige Anhaltspunkte selbst für Neurobiologen nicht als männlich oder weiblich zu bestimmen. Stoffwechsel, Durchblutung, und Strukturen sind so identisch – und innerhalb der Geschlechtergruppen wiederum so verschieden – dass die Frage nach dem Geschlecht nicht anhand eines Gehirns beantwortet werden kann.

Evolutionspsychologie geht davon aus, dass unser Gehirn modular aufgebaut ist und es für jede Situation ein Modul gibt, das die richtige Reaktion darauf hervorruft. Jedoch zeigen empirische Studien, dass viele Reaktionen eben nicht vorprogrammiert sind, sondern von der Situation, der Umgebung und wahrscheinlich auch der Prägung des kulturellen Umfeldes abhängen. So ist beispielsweise längst bewiesen, dass der Mythos, Männer würden sich am Meisten von Frauen mit “Sanduhrfigur” angezogen fühlen, Unsinn ist und das, was als attraktiv empfunden ist, von Kultur zur Kultur ändert.

Als Evolutionspsychologie erfunden wurde, ging man übrigens davon aus, dass die menschlichen Gene quasi identisch mit denen von vor 50.000 Jahren sei. Genetiker haben herausgefunden, dass es scheint, als seien manche Gene nur 10.000 Jahre alt – oder sogar jünger. Aber Geschichten vom Ackerbauer- und Viehzüchter in der U-Bahn sind sicherlich genauso spannend wie Jäger und Sammler in der Vorstadt …

Natürlich ist es schwer, alle Argumente gegen Evolutionspsychologie aufzulisten, außerdem bin ich werder Archäologe oder Psychologe und kann mich eigentlich nur auf die Quellen, die ich im Netz finde, verlassen. Hier noch ein paar Bemerkungen von Comme, (danke übrigens!) die sich durchaus auskennt:
1) deskriptiv != präskriptiv: selbst wenn es biologisch begründete Geschlechtsunterschiede gibt, müssen daraus noch lange keine Vorschriften für das menschliche Zusammenleben erwachsen.
2) Bisher belegte Unterschiede sind wesentlich kleiner, als das in den Medien so dargestellt wird; die Varianz innerhalb der Gruppen ist größer als die zwischen den Gruppen.
3) Kausalrichtungen: z.B. muss nicht sein, dass ein höherer Testosteronspiegel bei Männern zu höherer Aggression führt, der Spiegel kann vielmehr auch ein Korrelat des Aggressionslevels sein.

Zum Abschluss noch eine Liste von guten Artikeln zum Thema:
Freitag: Wird man als Frau geboren?
Skeptic.com: Sex, Jealousy & Violence
Michael Lenz: Evolutionspsychologie – Kritische Einwände aus interdisziplinärer Sicht
Newsweek: Why Do We Rape, Kill and Sleep Around?

Photo cc by Stefan Kloo

Die große Kopiermaschine

Tuesday, June 16th, 2009

kopiermaschine

Eigentlich wollte ich nach so langer Abwesenheit etwas Schönes bloggen. Oder einen gigantischen Rundumschlag über all das, was mir in dem letzten Monat im Internet so begegnet ist. Ich hätte auch lustige Examensanekdoten erzählen können. Dann habe ich gestern früh das Tageblatt aufgeschlagen und diesen Leitartikel von Roger Infalt mit dem seltsamen Titel “Wie illegal ist legal?” gelesen. Ich wollte eigentlich sofort darauf antworten, konnte mich aber den ganzen Tag davon abhalten. Und heute kribbelt es mir noch immer in den Fingern. Da müssen wir jetzt wohl alle durch.

Werter Herr Infalt,

Ich habe mir gerade eine Kopie ihres Artikels mit ihrem Foto heruntergeladen. Das klingt vielleicht jetzt schockierend und äußerst kriminell, aber das tut jeder, der die Webseite des Tageblatts besucht und ihren Leitartikel anklickt. Denn so funktioniert das Internet.

Das Internet, werter Herr Infalt, ist eine gigantische Kopiermaschine. Alles, was sie auf ihrem Computerbildschirm “im Internet” sehen, ist in Wahrheit eine Kopie, die ihr Browser zur Anzeige auf ihren PC heruntergeladen hat. Das Internet kann also gar nicht anders, als kopieren. Deshalb ist es auch falsch, vom “privatem Eigentum anderer Leute” zu reden, wenn man von runterladen spricht. Ihr Leitartikel ist nämlich, obwohl mittlerweile sicherlich schon von Hunderten heruntergeladen, immer noch auf dem Server der Tageblatt-Webseite. Sie sind, obwohl hunderte von perfekten Kopien angefertigt wurden, nicht um einen Buchstaben ärmer geworden.
Bitte versuchen Sie, das zu verstehen. Vielleicht hilft es auch, sich den folgenden Satz einmal laut vor zu lesen:
Das Internet ist eine gigantische Kopiermaschine.

Als die Schrift eingeführt wurde, haben sich die griechischen Philosophen beschwert, das wäre der Verfall aller Kultur, jetzt müsste niemand mehr auswendig lernen, sondern könne alles immer nachlesen. Als die Druckerpresse eingeführt wurde, wurde ebenfalls behauptet, jetzt könnte jeder jede Schmiererei unters Volk bringen. Mit der Erfindung von Tonträgern wurde befürchtet, kein Mensch würde mehr Konzerte besuchen. Vielleicht erinnern Sie, werter Herr Infalt, sich auch noch an die Einführung der Musikkassette, welche damals ebenfalls zum tödlichen Instrument für die Musikindustrie stilisiert wurde. Das gleiche geschah mit der Videokassette. Und was geschah?

Nacheinander entstanden Bibliotheken, in denen Wissen gesammelt wurde, Pressegesetze, die die Verteilung von Schmierereien regulierten und das Recht auf Privatkopie wurde eingeführt. Die Gesetzeslage wurde also an die technischen Neuerungen angepasst. Und hier kommt der Punkt, wo sie wie ein ewig Gestriger, einer jener Kulturpessimisten, die ich eben aufgezählt habe, klingen. Ich kann das bis zu einem gewissen Punkt nachvollziehen. Ihr Geschäft ist der Verkauf von toten Bäumen, auf dem ihre Geschichten gedruckt sind. Nun muss aber niemand mehr das Papier kaufen, sondern kann ihre Artikel bequem im Internet lesen – und anscheinend auch unter falschen Namen. (Gibt es eigentlich Beispiele hierfür?) Sie müssen sich also mit dem Argument, dass das Recyclingpapier, auf dem ihre Geschichten gedruckt sind, fast genau umweltfreundlich wie das Internet sei, gegen Dinge wie die “Dageszeitung” von RTL.lu wehren. Das klang für mich schon ziemlich verzweifelt, immerhin gehen andere Medien in anderen Ländern noch so weit und behaupten, die Geschichten auf den toten Bäumen hätten eine größere Qualität als das, was da im Internet stünde.

Und woher kommen eigentlich ihre Artikel? Die Geschichte mit dem Jungen, der im Supermarkt einen Apfel klaut, haben Sie die selbst erlebt? Hat sie ihnen jemand erzählt? Vielleicht sollte man sich besonders als Journalist bewusst sein, dass man immer auf den Schultern von Giganten steht und auf tausende Jahre Kulturgeschichte aufbaut. Nothing is original, wie Jim Jarmusch einst so schön sagte.

Nein, werter Herr Infalt, unsere Gesellschaft muss nicht “im Kampf gegen diesen großen Klau sehr schnell Strategien entwickeln”, sondern die Rechtslage muss sich der technologischen und gesellschaftlichen Entwicklung anpassen. Es gibt auch schon Ansätze.
Zum Beispiel Creative Commons. Künstlerinnen und Autoren können ihre Werke unter eine spezielle Lizenz stellen, unter der ihre Werke verbreitet werden dürfen, ihre Name aber immer genannt werden muss und wahlweise Bearbeitung und kommerzielle Nutzung erlaubt oder verboten werden kann.
Dann gibt es schon etwas länger die Idee der Kulturflatrate. Man bezahlt, genau wie bei CD-Rohlingen, Kopiermaschinen, leeren Blättern und sonstigen Leermedien eine Gebühr auf seinen (Breitband-)Internetzugang. Dieses Geld wird dann unter den Künstlern und Autorinnen verteilt und File-Sharing und die Privatkopie von Musik, Filmen, etc. wird legalisiert. Sogar die sonst so internetferne SPD prüft momentan die Möglichkeit der Einführung einer Kulturflatrate. Auf Politikercheck.lu haben sich mehere luxemburgische Politiker positiv zu der Idee geäußert. Weitere Informationen zu dem Thema finden Sie, werter Herr Infalt, in diesem zweistündigen Podcast der Seite Netzpolitik.org.

Bliebe vielleicht noch zu erwähnen, dass es durchaus viele Menschen gibt, die ihr “geistiges Eigentum” gerne teilen und es deswegen für die freie Verwendung ins Internet stellen, sei es unter einer CC-Lizenz, sei es sofort in das sogenannte “public domain”. Die Wikipedia ist sicherlich ein gutes Beispiel hierfür – ihre Zeitung zitiert ja auch oft und gerne daraus. So ist zum Beispiel das Bild, das diesen Artikel ziert, unter einer Creative Commons-Lizenz und darf von mir benutzt werden, solange ich den Fotografen, Michael Pereckas, als Urheber des Fotos nenne. Und es gibt Seiten und Dienste, bei denen man bezahlen muss und dann ganz legal Musik oder Filme runterladen darf. Den Begriff “iTunes Music Store” dürften sie sicherlich schon einmal gehört haben. Nicht jeder Download ist also ein Verstoß gegen das Urheberrecht. Eigentlich sind es die wenigsten, denn wie schon gesagt, jede Seite, die wir besuchen, jedes Bild, das wir uns ansehen, landet als perfekte Kopie auf unserem Rechner. Das Internet ist eine gigantische Kopiermaschine.

Ein letztes noch, werter Herr Infalt: Ich finde ihren Artikel nur auf der Seite von Tageblatt. Ansonsten ist er nicht auffindbar. Ihre Prophezeiung hat sich also nicht bewahrheitet. Vielleicht, weil sie in ihrer Panik über das “neue” Medium Internet ein wenig übertrieben haben. Vielleicht war ihr Leitartikel aber auch einfach niemanden die Mühe wert, ihn zu kopieren und unter falschem Namen weiterzuverbreiten.

(Photo cc by Michael Pereckas)

Piraten in Luxemburg

Sunday, May 10th, 2009

piraten

Auch in Luxemburg, wo das Internet von der Politik weitgehend ignoriert wird, was wahrscheinlich eine glücklichere Situation als in Deutschland oder China ist, gibt es genug Gründe, die für mehr Aktivismus in Sachen Netzpolitik, Datenschutz und Überwachungsproblematik sprechen. Das sind einerseits die gleichen Gründe wie in anderen Ländern, anderseits wird es Überwachern wie Luc Frieden hierzulande eher leicht gemacht, da es so gut wie keine Organisation gibt, die Widerstand ausübt – von der löblichen Demonstration “Freedom not Fear” mal abgesehen. Und ich will ja meine Kulturflatrate. Ich habe Manuel Huss schon per Facebook angedroht, sollte er gewählt werden, ich ihm jeden Tag anrufen werde, bis die Kulturflatrate im Europaparlament gestimmt sei. Ich bin der Überzeugung, dass das die logische Fortführung dieser Kulturrevolution Internet ist und sie nicht nur den Nutzern, sondern vor allem den Erzeugern von Kunstwerken zu Gute käme. Ich will nicht sehr viel weiter darauf eingehen, aber ich denke nicht, dass man den Piratenparteien in Schweden oder auch in Deutschland vorwerfen kann, sie seien nur zu geizig, Musik zu kaufen.

Die Inspiration für diesen Artikels kam von Thorben, der mit der Idee kam, für 2013 eine Piratenpartei zu gründen. Eine Idee, die ja nicht gerade neu ist. Ich sah mich schon im luxemburgischen Parlament sitzen und mir mit Chamber-WLAN während der Sitzung mp3s runterladen, aber dann kamen auch schon die ersten Zweifel. Ist es wirklich nötig, eine Partei zu wählen? Brauchen wir eine dritte/vierte/fünfte (je nach Zählweise) Partei, die im “linken” Spektrum anzusiedeln wäre? Ist das überhaupt realistisch in Luxemburg, mit so einem spezifischen Thema Stimmen zu kriegen? Ich persönlich bin ja auch nicht so überzeugt vom Prinzip der repräsentativen Demokratie.

Also, erst einmal die Möglichkeiten durchgehen, ehe man eine Partei gründet. (Wie man das tut, erklären die Kollegen von RTL übrigens hier ganz gut, danke an Pa für den Link!). Ich sehe prinzipiell folgende drei Möglichkeiten:

persönlicher Aktivismus
Man schickt alleine Mails an Politiker, Abgeordnete und Mitglieder des Europaparlaments, spricht mit (potentiellen) Entscheidern, schreibt Artikel in sein Blog und versucht so viele Menschen wie möglich von seiner Idee zu überzeugen bzw. so lange zu nerven, bis sie resignieren und das tun, was man gerne von ihnen hätte. Das ist das, was ich jetzt auch schon tue. Es ist nicht viel, gibt einem aber ein gutes Gewissen. Jeder kann das tun, es besteht sehr wenig Risiko dabei, aber die Auswirkungen sind auch nicht gerade groß. Vor allem wird die Öffentlichkeit bzw. die Presse wohl kaum auf diese Form des Aktivismus aufmerksam, da sie sich eben in sehr kleinem Rahmen und ohne große Aufmerksamkeit oder Sichtbarkeit abspielt. Das ist OK, aber die Chance, dass ich meine Kulturflatrate dadurch kriege, ist ziemlich klein. (Es sei denn, die nächste Regierung besteht zu großen Anteilen aus Leuten, die ich persönlich kenne – was theoretisch möglich wäre.)

eine Organisation (asbl) gründen
(Eine asbl ist eine Gesellschaft ohne Gewinnzweck, in Deutschland entspricht das wohl einem e.V.) Eine Organisation, die sich für netzpolitische Themen einsetzt, fehlt in Luxemburg. Das könnte sehr wohl eine “Piratenbewegung” sein, die sich vor allem für Netzthemen und gegen Überwachung einsetzen würde. Eine asbl zu gründen ist billig, man braucht nicht viele Leute und man wird bei guter Öffentlichkeitsarbeit gehört. Außerdem hat man einen relativ großen Handlungsspielraum von nur freiwilliger Arbeit bis hin zu vollbeschäftigten Mitarbeitern bzw. Einbindung von Leuten aus Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen oder europäischen Freiwilligen (EVS), was natürlich vom Erfolg der Organisation abhängt.

Aufgabe einer solchen Organisation wäre natürlich konkrete Lobbyarbeit in Sachen Netzpolitik, also eine Art UNEL oder Mouvement für Piraten. Ich denke, mit einer großen Organisation kann man viel erreichen, vor allem wenn die PR-Arbeit gut ist und man seine Medienkontakte pflegt. Im Internet hätte solch ein Verein natürlich immer Heimvorteil.
Aber: Ein Verein steht und fällt mit der Zahl seiner Mitglieder. Und Pressemitteilungen schreiben ist nicht unbedingt immer die spannendste Arbeit. Wenn man dann auch noch ignoriert wird, kommt schnell Frustration auf und die Motivation schwindet. Deshalb ist es nötig, schon am Anfang ein recht großes Team von kompetenten und motivierten Leuten zu haben, die das ganze auf Seite Eins (und sei es nur vom L’Essentiel) bringen.

eine Partei gründen
Der schnellste Weg, Einfluss auf die Politik eines Landes zu machen, ist sie selbst zu machen. Also gründet man eine Partei, lässt sich ins Parlament wählen und führt dann mal nach der Mittagspause den Kommunismus ein einen staatlichen Mindestlohn für Blogger ein die Kulturflatrate ein und alle sind glücklich. Nur, das mit dem gewählt werden ist immer noch nicht so einfach. (Wobei ich mich frage, was die Luxemburger alle an der CSV finden?)
Um zumindest für die Wahlen 2019 ein wenig Geld vom Staat für die Wahlplakate usw. zu bekommen, müsste man für die Wahlen 2014 mindestens 60 Kandidaten auftreiben, die bei National- und Europawahlen mindestens 2% der Stimmen einheimsen müssten. Klingt nach einer schwierigen Aufgabe für die PR-Agentur, die man nicht bezahlen könnte. Anderseits, wenn man liest, dass die schwedische Piratenpartei wahrscheinlich zwei Sitze im Europaparlament ergattern wird, kann man sich schon fragen, ob nicht an der Zeit sei, eine Bewegung, die sich mit einem von der Politik vernachlässigten Thema beschäftigt, in die Parlamente zu bringen.
Was allerdings ein großes Gegenargument ist: Jetzt schon beschäftigen sich die Grünen und die luxemburgische Linke mit dem Themen Kulturflatrate (auch wenn das Wort bisher noch niemand im Wahlprogramm ausgesprochen hat), Netzneutralität und Überwachung. Und es ist zu erwarten, dass wir im Jahr 2014, wenn wir alle die merkwürdigen Seiten, von denen wir jetzt noch nichts ahnen, benutzen und die Politiker twitter entdeckt haben, die Sensibilität für diese Themen noch gestiegen sein wird. Und es bleibt halt die Frage, ob Luxemburg eine weitere Partei im “linken” Parteispektrum braucht oder ob es nicht schlauer sei, die netzaffinen Parteien zu unterstützen und sie durch Lobbyismus in die richtige Richtung zu drücken.

(Es bestünde sowieso die Möglichkeit eines gezielten Masseneintritts in eine Partei, um dort die Mehrheitsverhältnisse zu ändern und sie so auf Piratenziele zu eichen. Das ist aber auch nur theoretisch möglich, denn eine Partei muss nicht jeden, der sich meldet, aufnehmen.)

Was also tun? Ich kann leider nicht wirklich sagen, dass ich auch nach Tausend Wörtern Gedanken über das Thema wirklich klarer bin. Ich bin nach wie vor der Meinung, dass politischer Aktivismus zu Netzpolitik und Überwachungsthemen sehr wichtig ist und dass, egal, wie die Wahlen ausgehen, dies auch in Luxemburg thematisiert werden muss. Eure Gedanken und Meinungen zu dem Thema sind also sehr willkommen!

[EDIT: Offenbar gibt es schon ein Wiki einer luxemburgischen Piratenpartei]

(Foto cc by Arcane Canticle)

Außen braun, innen hohl*

Tuesday, April 28th, 2009

adr-schokohase

Schweinegrippe, Erdbeben, Finanzkrise – man hat nicht sehr viel zu lachen diese Tage. Und wenn dann auch noch die ADR im Osten die zweitstärkste Partei wird, hat man erst Recht Grund, sich zu fürchten.
Doch es gibt Hoffnung. Denn wenn am 8. Juni Menschen wie Ralph Hellinckx gewählt werden, dann wird ChamberTV besser als jeder Comedy TV-Sender.
Wer jetzt schon einen Vorgeschmack auf den brillianten Rethoriker und Politprofi Hellinckx haben will, der kann sich das knapp einstündige Interview von RTL mit dem 21 jährigen Kanidaten, der den Titel “Erstwähler des Jahres” sicherlich verdient hätte, ansehen.

Fazit: Kein Inhalt ausser der, wenn sie aus Hellinckx Mund kommt erstaunlichen Forderung, dass die Leute richtig Luxemburgisch sprechen und schreiben sollten und der idiotischen Idee, einen der wichtigsten Teile des luxemburgischen kulturhistorischen Güter und damit UNESCO-Welterbe zu zerstören, weil man einen Zug unter einer Stadt bauen will, damit Hellinckx mit seiner “Landrover Defender” durch die Stadt brausen kann.

Außerdem kann man mit dem Video, ganz passend zur Osterhasenpartei*, ein Trinkspiel veranstalten, wie Chris richtig angemerkt hat. Ich bin übrigens sehr dafür, dass man Hellinckx, der jetzt schon ein luxemburgisches Meme ist, auf Youtube setzt und ihn ein wenig remixt!

(*Der Titel der ganz frech von Thorben geklaut, das Foto ist cc by dem_Christoph)

Update: Auf Twitpic sind Bilder von Ralph aufgetaucht, auf dem Userstream von @segaloge. (Links entfernt. Chris hat Recht.)

Das Land der Linken

Sunday, April 26th, 2009

land-der-linken

Ich bin ja chronisch unentschlossen, was die nächsten Wahlen angeht. Ich weiß zwar, wen ich sicherlich nicht wählen werde, aber auch wenn dann noch zwei Parteien bleiben, weiß ich nicht, ob das nun tatsächlich die Richtigen sind oder ich aufgrund von Symphatie wähle. Und vor allem sind zwei Parteien noch immer eine zu viel, wenn man eine Parteienliste wählen will. Oder sollte ich etwa meine Stimmen auf die Personen der Parteien verteilen? Und was, wenn irgendeine der Parteien, die ich eigentlich nicht wählen wollte, dann doch Positionen hat, die mich überzeugen und von denen ich nichts wusste?

Also muss eine Entscheidungshilfe her! Mein Versuch, die Wahlprogramme nach Wörtern “Internet” oder “Kulturflaterate” zu durchsuchen, schlug fehl, diese Wörter ganz einfach nur so selten vorkommen, dass man sich fragen kann, ob die meisten Parteien/Politiker überhaupt wissen, worum es bei Themen wie Netzneutralität überhaupt geht. Der Wahl-o-mat der Bundeszentrale für politische Bildung war in vergangenen Jahren zwar immer ein nettes Spielzeug, hilft mir aber nicht, mein luxemburgisches Problem zu lösen. Doch per twitter fand ich Abhilfe! @abotis wies mich auf den EU Profiler hin. Schnell die 30 Fragen beantwortet und dann das Ergebniss angeschaut. Und die erstaunen schon ein wenig. Fast alle luxemburgischen Parteien befinden sich auf der linken Seite der “socioeconomic”-Achse, nur die ADR ist ein wenig weiter nach rechts als die Nullachse. Im Vergleich dazu sind z.B. die deutsche CDU und CSU sehr viel weiter rechts als die luxemburgische CSV.
Die einzige luxemburgische Partei, die auf der “EU-Integration”-Achse im negativen Bereich liegt, ist die KPL.
Mehr Bilder und merkwürdige Tatsachen nach dem Klick.
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Netzneutralität (II)

Wednesday, April 22nd, 2009

Wie La Quadrature du Net zu berichten weiß, ist das Votum im ITRE-Auschuss gut ausgegangen und das kritische Amendment 138 wurde bestätigt. Ich hatte ja die drei luxemburgischen Abgeordneten, die in diesem Ausschuss sitzen, angeschrieben und promt zwei Antworten erhalten. Gestern und heute erhielt dann nochmal zwei Antworten auf meine Mails, einmal von Claude Turmes persönlich:

Moien Joël,
merci vir dain email. mir ennerstezen deng Positioun voll a ganz a stemmen vir déi amendementer déis du uginn hues. Et geet em d’fundamental Rechter vun den Internet-Benotzer.
schéi gréiss,
Claude
Claude Turmes, MEP, Vice President of the Green Group in the European Parliament

und einmal von Herrn Goebbels bzw. seinem Assistenten, der sich bisher ja noch nicht zu Wort gemeldet hatte:

Léiwen Härr Adami,
Wei Dir vläit wësst, war gëschter Owend an der ITRE-Commissioun den Vote zum Trautmann-Rapport. Och zu eiser Freed ass dat famoust Amendement 46 mat 40 zu 4 Stëmmen ugeholl gin!
Mat beschte Gréiss,
Marc Ernsdorff
Assistent vum Robert Goebbels

Find ich klasse. Vielleicht ist das aber auch nur Wahlkampf, aber für mich ist diese Aktion ein Erfolg gewesen und bedeutet, dass ich wohl in Zukunft öfters “meine” EP-Abgeordneten nerven werde. Vielleicht ist demnächst ja ein Blogger unter ihnen? (Achtung: Das war jetzt explizit kein politisches Statment. Ich bin noch immer ziemlich ratlos, für wen und wie ich meine Kreuze machen soll.)
In Deutschland wird das Votum aber wohl kaum Grund zur Freude bieten, denn dort wird mit einer erstaunlichen Geschwindigkeit die Internetzensur durchs Parlament gejagt – woraufhin die Blogger streiken.

Homöopathie = Bullshit

Saturday, April 11th, 2009

Edzard Ernst gibt jedem 100.000 Dollar, der die Wirksamkeit von Homöopathie wissenschaftlich beweisen kann. Bis jetzt hat sich noch niemand gemeldet. Woran das wohl liegt?
Der “weltweit erste Professor für Komplementärmedizin” im Interview mit dem schweizerischen Tagesanzeiger über eine der wohl erfolgreichsten Bauernfängereien für leichtgläubige Esoterikfuzzies und andere Hokuspokusgläubige.

(via sixtus)