Archive for the ‘literarische Spielwiese’ Category

Türschwelle

Tuesday, December 18th, 2007

Sie hatte also eine Freundin.

Das war neu für ihn. Er hatte schon immer gewusst, dass sie bisexuell war und auch schon mit Frauen zusammen gewesen war, aber für ihn war das mehr ein reizvolles Geheimniss gewesen als eine Tatsache, der er viel Beachtung geschenkt hatte. Er war nie auf andere Mädchen eifersüchtig gewesen, sondern immer nur dann, wenn sie einem anderen Typen zu lange in die Augen gesehen hatte.

Das Mädchen, oder die Frau - er hatte noch nie gewusst, wie er die beiden Begriffe voneinander trennen sollte, da es für ihn eine Gefühlssache war, wie er diese beiden Wörter verwendete, und Frau passte einfach nicht - es war aber das Wort, das beschrieb, wie die beiden sich wahrscheinlich sahen: als Frauen, sprach:
»Hallo? Du willst bestimmt zu …«
In ihrer Stimme lag Wärme, und trotzdem fiel er ihr ins Wort. Er war unbeherscht, er wollte sie sehen, er wollte vor ihr auf die Knie fallen, er wollte sein verrücktes Vorhaben in die Tat umsetzen. Das Mädchen war dabei bloß ein weiteres Hinderniss auf seiner Odysee.
»Ja. Wo ist sie?«
»Sie schläft noch. Komm doch rein, du hast bestimmt eine lange Reise hinter dir?«

Wusste sie, wer er war? Wieso war sie so freundlich zu ihm? Er hätte jeden Verehrer vor die Tür geschmissen, ihm gesagt, er solle seine Verrücktheiten unter der kalten Dusche oder im Schneeregen noch einmal überdenken. Und sie, dieses Mädchen, das jeden Grund gehabt hätte, misstrauisch zu sein, liess ihn einfach so herein? Noch dazu in ein Haus, das nicht ihr gehörte?

»Sie hat mir Fotos von dir gezeigt, deshalb weiß ich, wer du bist. Mit langen Haaren hast du übrigens besser ausgesehen.«
Wieder dieses Lächeln. Wäre die Situation nicht so absurd gewesen, wäre er vor diesem Mädchen ebenso dahingeschmolzen wie damals, im Frühling, als er das Ziel seiner Reise kennengelernt hatte.

Er trat wortlos ein, versuchte, zu Lächeln und bemerkte, wie ihm unwillkürlich ein wohliger Schauer über den Rücken lief. Die wunderbare Wärme dieses Hauses löste fürs Erste keine Erinnerungen aus, sondern Wohlbehagen. Er mochte die hellen, warmen Farben, den knarrenden Holzfußboden und die alten Möbel, wie die Kammode, die im Flur stand, und wo er, ohne es Recht zu bemerken und seiner alten Gewohnheit folgend, seine Schuhe auszog.

Dann erst setzte der Schmerz wieder ein. Es fühlte sich an, als ob man nach langem Aufenthalt in der Kälte in ein warmes Zimmer kommt und die Fingerkuppen zu schmerzen beginnen.

Die Unbekannte ging in die Küche, und er folgte ihr, ohne sich etwas anmerken zu lassen. Er hatte wohl ihr Grinsen gesehen, als er seine Schuhe ausgezogen hatte, wollte aber nichts sagen. Was denn auch? Unwillkürlich starrte er ihr auf den Hintern und sah dabei wieder die Trainingshose.

Er konnte sich ganz genau an die Situation erinneren, wie diese Shorts den Besitzer gewechselt hatten. Normalerweise waren seine Erinnerungen an ihre wilden Nächte eher schwammig, er konnte sich nicht wirklich an viele Einzelheiten entsinnen, es sei denn, sie hatten an einem Abend etwas sehr spezielles ausprobiert oder waren an einem anderen Ort als dem Bett, das sich nun ein Stockwerk über ihm befand, gewesen. Aber mit dieser Nacht war es anders. Jedes noch so kleine Detail war haften geblieben, und mit dem Anblick der Shorts kam ihm wieder alles ins Gedächniss.
Er hatte die Gewohnheit, nach dem Akt seine Kleidung zu wechseln, und auch wenn nicht wirklich Grund dazu bestand, tat er es. So auch dieses Mal. Er war aufgestanden gewesen und hatte ihren Blick genossen, während er sich frische Unterwäsche angezogen hatte.
Und sie hatte sich seine Trainingsshorts, die für ihn fast zu kurz waren - und ihr deshalb auch nicht mal bis in die Mitte ihrer Oberschenkel reichten, genommen und angezogen. Ohne sonst etwas drunter anzuziehen. Er tolerierte diese Enteignung mit verliebter Verspieltheit und dem Wissen, dass sie wusste, wie sehr ihn seine eigene Kleidung an ihrem Körper anzog.

Das Mädchen schaltete einen Teekocher ein. Sie fragte, wieder mit dieser sanften, einladenen Stimme:
»Magst du einen Tee haben? Ich kann dir leider nur schwarzen anbieten! Und setz dich doch bitte.«
Er tat wie ihm geheißen und antwortete, ohne Recht zu Überlegen:
»Ja, gerne. Mit Zucker, bitte.«
Bald erfüllte der herliche Geruch von frischem, losen Tee die kleine Küche, die ungewohnt sauber und aufgeräumt wirkte. Aber er war es ja auch immer gewesen, der mit seinen Kochversuchen alles durcheinander gebracht hatte. Wie süße Nebelschwaden dampfte es aus dem Teekrug, als das Mädchen seine und ihre eigene Tasse füllte. Sie setzte sich zu ihm und sah ihm lange in die Augen.

cc by slambo_42

»Du bist aus gutem Grund hier. Aber irgendetwas sagt mir, dass du damit gerechnet hast, Ina alleine anzutreffen?«
Ina. Der Klang ihres Namens löste wieder Gänsehaut auf seinem Rücken aus.
Er nahm einen großen Schluck Tee, um nicht sofort antworten zu müssen.
»Ich wusste nicht, dass sie … dass sie eine Freundin hat.«
»Wusstest du nicht, dass sie bi ist, oder wusstest du nicht, dass sie vergeben ist? Ich meine, dass Ina das eine nicht unbedingt an die große Glocke hängt, weiß ich, aber ich dachte, sie hätte wenigstens den meisten Leuten erzählt, dass sie nicht mehr zu haben ist?«
Die Stimme des Mädchens klang verwundert, es schwang sogar ein klein wenig Verärgerung mit.

»Ich habe schon seit Monaten keinen Kontakt mehr mit ihr. Weder über Telefon, SMS noch über Internet. Ich hatte einfach angenommen, sie sei alleine. So wie ich.«
Sofort nach dem letzten Satz hätte er sich dafür am liebsten selbst auf die Zunge gebissen. Er wollte nicht vor Inas neuer Freundin die Mitleidstour ausprobieren. Sie wirkte nicht so, als ob sie auf so etwas anspringen würde und ausserdem … war sie vergeben.
Er schluckte bei dem Gedanken.

Sie lächelte wieder und fragte sanft, so, als hätte sie seinen letzten Satz nicht gehört oder eher noch, als sei ihre Frage die einzig gültige Antwort darauf:
»Wie war das eigentlich damals bei euch? Wie hast du Ina kennengelernt? Sie hat mir nie viel von euch beiden erzählt.«

Damals. Das Wort machte ihn wütend, obwohl es zu seinem Gefühl passte. Alles mit Ina schien ewig lange her zu sein, und alles was er jetzt noch in Verbindung mit ihr tat schien wie Archäologie zu sein. Trotzdem entfachte das Wort “damals” in ihm ein kleines Feuer, das er sich nicht anmerken lassen wollte, denn eigentlich entsprach es genau seinem Gefühl, das wie ein schweres Tuch über der hellen Küche lag.
Er öffnete den Mund, um ihr zu antworten, da war das laute Knarren einer Tür im Obergeschoss zu hören.

Sein Herz machte einen Sprung.

(Photo cc by slambo_42)

Überwindung.

Sunday, November 25th, 2007

Die Dunkelheit umschloss ihn nicht mehr wie ein düsterer Schutzmantel aus Abwesenheit von Licht. Wie merkwürdig. Dunkelheit war bloß die Abwesenheit von Licht. War Schmerz nur die Abwesenheit von Freude? Nostalgie nur die Abwesenheit von richtigen Dingen, die man erleben konnte?
Es waren nur noch wenige Minuten bis zu ihrem Haus, und die Nacht hatte sich in einen grauen Morgen verwandelt, düster und regnerisch. Wieder trommelten dicke Tropfen auf der Scheibe, vermischt mit Schneeflocken.

Er hatte seine verrückte Idee durchgezogen. Oder er würde sie durchziehen. Er hatte ihr Land durchquert, hatte den Erinnerungen an jedem Baum, an jedem der verstreuten Häuser, an jeder Kreuzung und Biegung getrotzt, sich auf seinen Schmerz konzentriert und war einfach gefahren, gefahren, bis jetzt. Und jetzt?

Dieses Gefühl kannte er, aber eher aus anderen Situationen. Als er mit ihr in Urlaub gefahren war, hatten sie das gleiche gehabt. Kurz vor ihrer Ankunft hatten sie sich gefragt, wieso sie eigentlich so furchtbar lange mit dem Auto unterwegs gewesen waren, was denn eigentlich so toll an ihrem Ziel sei. Er konnte sich die Frage damals nicht beantworten, aber sie hatte wie so oft einen philosophischen Satz gefunden, der ihn auf andere Gedanken gebracht hatte. Vielleicht hatten sie aber auch nur über ein Mädchen gelästert, das zufällig über die Straße gelaufen war.

Jetzt lief niemand mehr über die Straße, denn hier gab es niemanden, der über die Straße laufen konnte. Diese Gegend war leer, und jene, die hier lebten, war weit über das eintönige Land verstreut. Gottverlassen hatte sie es genannt, doch in Wahrheit waren es die Menschen, die diesen Landstrich verlassen hatten - nicht, dass es je viele gewesen wären, und mit ihnen hatten sich die Kirchen, die sie als Beweis für die Abwesenheit eines Gottes - zumindest in ihrer Gegend, gesehen hatte, geleert.

cc by Quinn Anya Dombrowski

Keine Musik mehr im Auto. Alle Sender spielten unpassende Musik, alle Kassetten waren zu oft gehört.

Es war nun nicht mehr weit. Er fuhr langsam, um seine Ankunft nicht durch lautes Motorengeräusch frühzeitig anzukündigen. Als ob man ihn bei all dem Schneeregen überhaupt hören würde. Ob sie jetzt schon wach war? Er wagte es nicht, auf die Uhr zu sehen, weil er nicht feststellen wollte, dass er eigentlich noch warten sollte, ehe er sie aus dem Bett klingelte. Es gab hier keinen Ort, an dem man warten konnte.

Noch drei Kurven. Hier hatten ihre langen Sommerspaziergänge durch das kleine Wäldchen in der Nähe immer ihr Ende gefunden. Meist war es schon dunkel gewesen, wenn sie zurückgekommen waren, und um die hohe Straßenlaterne mit ihrem fahlen, mondscheinähnlichen waren Myriaden von Insekten geschwirrt. Nachtfalter, Mücken und dicke Käfer, angezogen von dem künstlichen Licht, bald im Netz der Spinnen.
Sie hatte damals gesagt, dies sei eine Metapher für die Menschen. Wir würden immer nach Glück streben, blindlings darauf zulaufen, ohne auf die Gefahren zu achten. “Das Licht am Ende des Tunnels ist nur allzuoft mit einem Spinnennetz überzogen” war einer ihrer Sätze gewesen.
Er bekam heute wie damals bei dem Gedanken Gänsehaut und ein kalter Schauer fuhr ihm über den Rücken.

Noch zwei Kurven.
Er erinnerte sich an keine spezielle Situation zu diesem Ort. Aber er wusste, dass sie etliche Male hier vorbeigelaufen waren, und sicher hatte er sie auch einmal in einem Anflug von Leidenschaft hier geküsst. Sie hatten sich so oft geküsst. Er wollte nicht daran denken, sich nicht das Gefühl zurückrufen, wie es war, ihre Zunge in seinem Mund zu spüren, mit ihr zu spielen, diese Verbindung, die nur non-verbal sein konnte, einzugehen. Vielleicht war das ein Paradoxon ihrer Beziehung: Sie, die so viel miteinander redeten, Nächte damit verbrachten, sich gegenseitig zu erzählen und philosophische Gedankengänge auszubauen, küssten sich gleichwohl so oft, wobei sie nicht reden konnten.

Noch eine Kurve. Er fuhr noch langsamer. Er wollte nicht, dass sie wusste, dass er kommen würde, dass sie sich vorbereiten konnte. Er wollte vor ihrer Tür sehen und ihr Erstaunen, ihr hoffentlich freudiges Erstaunen sehen.
Gleichzeitig schwand sein Mut wieder, seine Hände und Unterarme kribbelten so stark, dass es schmerzte.

Er blieb stehen. Es gab kein Haus gegenüber von ihrem, so dass er dort parken konnte.
Er schaltete den Motor ab. Kein Geräusch mehr ausser dem monotonen Hin- und Her der Scheibenwischer, die die Frontscheibe von dem weißgrauen Schneeregen befreiten. Klare Sicht. Das war es, was er jetzt brauchte. Er fühlte sich aber als sei das komplette Gegenteil der Fall.
Wie im Traum richtete er seinen zerknitterten Pullover, strich sich durchs Haar, trank einen Schluck Wasser aus der warmen Plastikflasche, die auf dem Beifahrersitz lag. Dann zog er den Schlüssel aus dem Schloß und stieg aus.

Der frischgefallene Schneematsch knirschte leicht unter seinen dünnen Turnschuhen. Unbelehrbar, was festes Schuhwerk angeht, hatte sie immer gesagt. Dabei hatte sie öfters kalte und nasse Füße gehabt als er. Oder es öfters zugegeben.

Der kurze Weg über die Straße, über den Bürgersteig bis hin zu ihrer Haustür schien ihm endlos. Irgendwo bellte ein Hund. Sie hatte von einer Freundin erzählt, deren Hunde einmal einen Liebhaber gebissen hatten. Es hatte sich nachher herausgestellt, dass der Typ ein richtiges Arschloch war - das jedenfalls war ihre Schlussfolgerung gewesen.

Er atmete die kalte, feuchte Luft ein. Sie schmeckte nicht so frisch wie im Sommer, aber nach den langen Stunden der gefilterten und abgestandenen Autoluft war sie geradezu köstlich. Er wusste, dass er nun den Klingelknopf drücken musste. Er konnte sich noch einige Minuten lang damit ablenken, die bekannte weiße Fassade und die bekannten merkwürdig grünen Fensterläden und -rahmen zu betrachten und sich über die moderne Tür zu wundern, die nicht so recht zu passen schien, obwohl sie farblich und stilistisch genau angepasst war. Aber er würde diesen Knopf drücken müssen. Er konnte nicht so lange wie im Fieberwahn gefahren sein, um bei Sonnenaufgang bei ihr zu sein, um jetzt, vor dem Ziel, aufzugeben. Er wusste, dass er das nicht konnte, nicht wollte, und auch nicht tun würde.

Also klingelte er. Und nahm tief Luft.
Wieder bellte weit entfernt ein Hund.

Durch das kleine Milchglasfenster auf Sichthöhe sah er Bewegung auf der anderen Seite. Sein Herz raste. Das Kribbeln in seinen Händen war wieder da.

Die Tür ging auf. Geradezu geräuschlos.
Eine fremde Person starrte ihn an.
Ein Mädchen. Ihr Gesicht war rundlich, mit großen, hellen, braunen Augen und einem breiten Mund. Ihre Unterlippe war gepierct, ein dicker Ring. Ihr Haar war kurz, in einem grellen Blau gefärbt und wirkte strohig.
Sie war schön.
Ihr weites dunkelblaues T-Shirt konnte ihre in seinen Augen vorteilhafte Oberweite nicht verstecken, die nicht so recht zu ihrer restlichen zierlichen Figur passen wollten. Sie war barfuß. Er hatte ganz vergessen, dass das Haus über eine Fußbodenheizung verfügte.
Und sie trug knappe, schwarze Trainingsshorts.
cc by Jennanana

Er wusste, wem diese Shorts gehörten.

Fotos: Auto: cc by Quinn Anya Dombrowski ¦ Haare: cc by Jennanana

Entmut.

Monday, November 12th, 2007

Meine Buddyliste ist so voll wie sonst was nie, und trotzdem kommuniziere ich mit niemanden. Und zu jeder Person, die da als Kontakt drauf steht, fällt mir ein Grund ein, wieso sie nicht mit mir reden sollte - oder wieso ich nicht mit ihr reden will. Vielleicht will ich auch einfach alleine sein, für einen kleinen Moment der Stille? Ich stelle mir eine Playlist mit melancholischen Liedern zusammen, schreibe eine Away-Message, die nur ich lustig finde und stelle Pidgin auf »Do not disturb«. Das gibt einem das Gefühl, nicht selbst Schuld an der Kommunikationslosigkeit zu sein.

Als die Musik im Radio plötzlich umschlug, drückte er die Kassette, die noch im Laufwerk stecke, wieder hinein. Sie leierte ein wenig, aber das war ihm egal. Das, was er da hörte, war ihr Mixtape, das sie ihm - oder ihnen, aufgenommen hatte. Es erzählte eine Geschichte, aber er konnte sich nicht mehr an sie erinnern. Zu sehr hatten sich die Erinnerungen an die Dinge, die während dem Hören dieses Mixtapes passiert waren, in sein Gedächniss eingebrannt. Zuweilen kam es vor, dass er ein Lied, das auf der Kassette war, einzeln hörte und danach die ersten Takte des nächsten erwartete.
Er musste sich auf die Straße konzentrieren, um nicht mit Weinen anzufangen. An jedem Baum, an jeder Viehweide, an jedem Wegkreuz, an jedem Haus, das er passierte, hafteten Erinnerungen an gemeinsame Zeiten, an diesen wunderbaren Sommer, der endlos geschienen hatte. Dies war ihr Land. Dieser Satz hallte in seinem Kopf als wäre er eine Kathedrale, in die jemand eben diesen Satz schreien würde. Er hatte etwas mythologisches. Es war nicht so, als ob ihr das Land gehören würde, - er konnte keinen anderen Gedanken als diesen mystischen verwenden, aber es stand unter ihrem Bann.
Rain on car cc by rachel a. rogers

Der Regen liess nach. Die Nacht began bereits heller zu werden. Er wagte nicht, auf die Uhr zu sehen, festzustellen, wie lange er wie ein Verrückter durch diese Einsamkeit gefahren war, wieviele Kilometer an erinnerungsträchtiger Strecke er zurückgelegt hatte. Seine Hände schmerzten, nicht von dem langen Fahren, sondern… psychosomatisch. Als Jugendlicher mit christlicher Erziehung hatte er sich in den Situationen, wo seine Händen wegen seelischen Qualen mit schmerzen anfingen, oft mit dem stigmatisierten Jesus verglichen. Heute tat es einfach nur noch weh, an gewisse Dinge erinnert zu werden.

Die Sterne wichen einem verwaschenen Dunkelblau, das von dem neuen Tag kund tat, der wohl genauso grau sein würde wie die Woche vor ihm. Ohne sie schien sowieso alles grau zu sein, selbst dieses Land, das sonst immer wie voller Wunder gewirkt hatte. Mit dem neuen Tag verliess ihm auf einmal der Mut. Der Plan, zu ihr zu fahren, bei Sonnenaufgang im goldenen Licht vor ihrer Tür zu stehen, ihr alles zu sagen, was er zu sagen hatte, erschien jetzt nur noch verrückt. Sie würde ihn abweisen, anschreien, und er würde sich halberforen wieder zurück ins Auto setzen und ohne Musik zurück fahren.

Eine einzelne Schneeflocke fiel auf seine Windschutzscheibe.

(Image cc by rachel a. rogers)

Hoffnung.

Thursday, November 8th, 2007

Regen tropft beständig auf mein Fenster. Ich habe ein Dachfenster, aber das habe ich sicherlich schon hundert Mal erwähnt. Ich höre immer und immer wieder »Von« von Sigur Rós‘ CD »Heim«. Es ist ein wunderbar ruhiges, melancholisches Lied. Ich erahne Landschaften, die ich noch nie gesehen habe.

Der leichte Regen störte seine Sicht nicht. Er mochte diese Landstraßen in der Nacht, er hätte ewig auf ihnen entlangfahren können. Und er hatte auch noch eine ganz schön weite Strecke vor sich. Die Musik, die das Radio spielte, entführte ihn in eine andere Wirklichkeit. Alles schien so real und gleichzeitig so künstlich, wie in einem hochauflösenden Film. Die Regentropfen. Er hatte noch nie so schöne Regentropfen gesehen. Ihr Trommeln schien mit der Musik zu harmonieren, ein Ganzes zu bilden. Trotzdem hatte er keine Mühe, sich auf die Straße zu konzentrieren. Am Rand tauchten hin und wieder Bäume auf, ansonsten war das Land leicht hügelig und die einzige Abwechslung von den Viehweiden waren die abgeernteten, stoppeligen Felder, die sich allenthalben abwechselten. Einmal ein einzelner Bauernhof, aber das war vor einer Viertelstunde gewesen, ansonsten keine Häuser.

Was hatte ihn dazu gebracht, mitten in der Nacht wie ein Irrer durch diese gottverlassene Gegend zu fahren?
Ein Mädchen natürlich. Sie. Der Regen trommelte weiter. Es gab hier keine Beleuchtung, die Straße und Umgebung war nur im fahlen Licht der Scheinwerfer zu sehen. Er hatte nicht schlafen können. Sein Körper hatte sich angefühlt wie auf Entzug. Noch immer spürte er die feinen kleinen Stiche auf dem Rücken, die er in solchen Situationen immer verspürte, seit seine Haut einmal nach dem Essen bei einem Italiener eine allergische Reaktion gezeigt hatte. Er hatte nie herausgefunden worauf er eigentlich allergisch war, denn der Arzt hatte ihm abgeraten, einen Test machen zu lassen.
cc by Ahmed Rabea

Seine Zigarette glimmte mit jedem Zug in der Dunkelheit auf. Er erinnerte sich daran, wie sie einmal ein Foto davon gemacht hatte. Das war letzten Sommer gewesen. Nur ein paar Monate her. Damals hatte die Welt ganz anders ausgesehen. Die Nächte waren längst nicht so dunkel, nass und kalt gewesen, sondern voller Blütenduft, Grillenzirpen und Poesie, erleuchtet von den Sternen. Er hatte das Foto noch irgendwo, wahrscheinlich bloß auf dem PC, denn er soweit er sich erinnern konnte, hatte er nur ihr ein Exemplar ausgedruckt. Man sah nicht viel auf dem Bild, nur das orangerote Glimmen seiner Zigarette und seine dunkle Silhouette, aber für sie war es die Erinnerung an eine dieser vielen Nächte gewesen, in denen sie durch diese gottverlassene Gegend gefahren waren, oft bis zum Morgengrauen, um sich gemeinsam den Sonnenaufgang anzusehen.

Er war hier nahe an der Grenze. Nicht nur geographisch, sondern auch in seinem Kopf. Eigentlich hatte er schon »ihr« Gebiet betreten, aber dennoch war die Landschaft hier so uniform, dass er nicht wirklich eine Erinnerung daran hatte, wann und wieso er schon mit ihr hier gewesen war. Er fuhr auch manchmal absichtlich Umwege, um dem Unausweichlichen noch ein wenig zu entgehen. Bald würde er so nahe bei ihr sein, dass die Erinnerungen sich nicht mehr verdrängen lassen würden.
Mit einer schnellen Handbewegung schmiss er die noch glühende Zigarette aus dem Fenster. Während dieses kurzes Augenblicks kam spürte er die Kälte dieser nassen Novembernacht, wie sie nur der Wetter in dieser Gegend hervorbringen konnte. Die Nadelstiche auf seiner Haut wurden deutlicher, als er erkannte, dass er gerade an einer Baumgruppe vorbeigefahren war, die den Eingang zu »ihrem Land« markierte.
Sein Atmen ging für einen Moment schneller, dann beruhigte er sich, stellte das Radio lauter, atmete tief ein und konzentrierte sich wieder auf die Straße.

Für einen Moment war sein Herz voller Hoffnung.

(Image cc by Ahmed Rabea)

Nackt. Essen. Drogen. Nackt.

Tuesday, November 6th, 2007

Schreiben. Du fühlst dich, als hättest du seit Jahren nicht mehr geschrieben. Dabei ist es eher so, dass du keine Zeit hast oder zu müde bist, als dass du nicht schreiben wolltest.
Du hast in Dänemark immer seltsame Träume gehabt. Nacktes Abendessen und die seltsamen Nachwirkungen.
Das Handy macht sich auch nicht mehr die Mühe, merkwürdige Töne in den Boxen zu produzieren. Drecksding.
Mädchenmusik in den Ohren. In meinem Kopf spielt eine Reaggeband. Wenn das wirklich Musik ist?

Ich bin wirr und genieße es. Mein Leben dreht sich um mich herum, und ich versuche mit großen Schritten dem Untergang zu entfliehen. Welcher Untergang, fragst du, und schon schiesst dir jemand in den Kopf. Er schneidet deine Augen mit einem Skalpell heraus und benutzt die Löcher als Toilette. Die Augäpfel werden frisch in dünne Scheiben geschnitten und mit Zwiebeln und Muskatnuss gebraten. Die Pfanne wird zwei Tage im Kühlschrank aufbewahrt, danach mit etwas Milch wieder aufgekocht. Man nimmt die Augenscheiben in den Mund, drückt sie gegen den Gaumen und raucht schnell eine starke Zigarette.
Der Effekt soll wunderbar sein. Visionen und Gefühle, direkt im Gehirn, ohne einen Umweg. Man ist völlig abgeschottet von der Aussenwelt, weshalb niemand es tut.

Jetzt erfindest du schon Drogen, die du selbst natürlich niemals nehmen würdest. Du solltest dich in die Wanne legen und darauf hoffen, dass dein dreckiger, von kleinen feinen Narben übersähter Körper von den heißen Dämpfen gereinigt wird. Du könntest auch ein thailändisches Mantra der Hiatchi-Indianer dazu singen.

Irgendwo übergibt sich ein Mensch hinter seinem Bildschirm. Er wird es nicht wegwischen, sondern auf die Würmer warten

Kreuzigung

Saturday, October 27th, 2007

Er trat auf den Balkon mit seiner gusseisernen Balustrade, blickte hinab auf den kleinen Platz vor seinem Haus, wo sie am Fußgängerübergang wartete. Autos rasten an ihr vorbei. Die Luft war warm, geradezu schwül, der Himmel schon graublau. Das kommende Gewitter kündigte sich an.
Sie wirkte in ihrem roten T-Shirt wie ein Fleck Blut auf der marmorweißen Haut des Platzes.
Sein nackter Oberkörper war behaart, er roch seinen eigenen Schweiß.
Als die Ampel unten am Platz, wo sie, rot wie Blut, zu warten stand, auf grün schaltete, breitete er seine Arme aus und schrie:
»Warum hast du mich verlassen?«

Cologne, after all

Tuesday, October 16th, 2007

(0710152005-Cologne)Da war sie wieder, die grösste Bahnhofskapelle der Welt. Und ich sitze davor, kaum 300 Meter Luftlinie von meiner Residenz von vor 3 Wochen (oder waren es vier?). Ich mag die Stadt, aber heute ist sie unheimlich. Von L. keine Spur. Es ist ja auch ein leichtes, in einer Millionenstadt wie dieser unterzutauchen. Ich bin in Starbucks und versuche, dieses merkwürdige Gefühl, das in meinem Bauch herscht, mit süssen Deuck und etwas, das früher wohl mal Kaffee gewesen war, zu bekämpfen. Ob ich sie nochmal anrufen sollte?
Starbucks ist ein wenig so wie Dönerladen. “Für hier oder zum Mitnehmen?” Und auch das “Mit Sahne?” klang für mich ein wenig wie “Mit alles?”. Ein süsses Mädel betritt den Laden. Sie setze sich an seinen Tisch und die beiden begannen eine Romanze.
Habe auf dem Hinweg quasi pausenlos in “Naked Lunch” gelesen. Macht einen verrückt. Ich frage mich, ob ich je etwas verrückteres gelesen habe. Vielleicht macht es auch krank? Ich kann keine Paranoia gebrauchen. Habe ich erwähnt, dass hier andauernd irgendeine Lennon-Platte läuft?
Das Mädchen ist weg. Ich sah noch ihren Schatten auf dem erleuchteten, aber trotzdem dunkeln Platz. Untergetaucht in der Grossstadt. Genau wie L. Du kannst mit dieser Niederlage nicht leben. Aber sowas von überhaupt nicht.
Was solls? In zwei Stunden flüchtest du wieder, nach Kopenhagen. Es gibt kein zurück mehr. Hier in Köln würdest du sicher irgendwen finden. Im schlimmsten Fall nach Rostock, und sei es nur über den Kupferdraht.
Du machst dich selbst verrückt. Oder dieses Gebräu bekommt dir absolut nicht. Was könnte man hier noch tun, nicht zu weit vom Bahnhof weg? Wieder ein liebes Mädchen, aber die vorhin war süsser. Wetten, dass sie verschwinden wird? Und?
Du musst dich peinlich nach vorne beugen, um es zu sehen. Und was siehst du?
Gar nichts. Im Starbucks verschwinden die Menschen einfach. Oder liegt es an der Stadt?
Dein blödes Geschreibsel bringt dich doch auch nicht weiter…
Es sind noch immer 2 Stunden, grob geschätzt. Wie wird wohl ein Schlafwagen aussehen? Europäer werden wohl immer mehr Komfort haben wollen als Japaner in Kapselhotels. Ein Mädchen kommt mit dem Fahrrad vorbei und du bemerkst, dass du jeden Sinn für die Realität verloren hast.
Los, raus, an die frische Luft mit dir!

Vormerken

Thursday, September 20th, 2007

Nehmt mal bitte eure Agendas, Hausaufgabenheftchen, Palms, Notizzettel, Hänge oder sonstwas zur Hand.
Schlagt die Seite für den 20 27. Dezember 2007 auf.
Nehmt einen schwarzen Edding.
Schreibt folgendes:
Bloggerlesung, D:qliq

Edit 0709211816: Wir sind definitiv zu 4 Vorlesern und Vorleserinnen.
Edit 0712191104: Datum ist der 27. Dezember, nicht der 20. Weitere Informationen hier.
Weitere Informationen folgen…

Apotheose der Atombombe

Sunday, September 9th, 2007

world, my finger, is on the button
push the button
the time has come to…
galvanize!

Atombombe
Es wird Zeit, dass ich endlich schreibe, was ich schon so lange angekündigt habe. Nach meinem Plädoyer für die Postapokalypse dann nun die Apotheose der Atombombe.

Es ist das große Defizit meiner Generation, kulturell genauso wie politisch, dass die Atombombe nicht gefallen ist. Vielleicht ist auch einfach nur ein menschliches Defizit, dass wir uns noch nicht selbst ausgerottet haben. Je mehr ich über die Menschheit nachdenke, je mehr Schrecklichkeiten ich erfahre, umso mehr werde ich zum Misanthropen.
Ich gehe bei dem ganzen Atombombenabgewerfe nicht davon aus, dass es zu einem nuklearen Krieg kommt, bei dem die gesamte Menschheit oder zumindest die westliche Halbkugel ausgerottet wird. Ich nehme einfach mal an, dass es zumindest auf einer Seite noch immer Menschen gibt, die irgendwie überlebt haben. Vielleicht auch bloß, weil die gegnerische Seite Gnade hat walten lassen.
Es gibt, natürlich mehrere Szenarien, was meine Generation angeht. Wenn ich »meine Generation« sage, dann sind das wohl Westeuropäer in den Jahrgängen 85-91, also Menschen, die unter den historischen Umständen nicht mit der Angst vor der Bombe groß geworden sind, den Abwurf aber noch erleben hätten können. Da ich keine andere Generation, weder von den Jahrgängen, noch vom geographisch-kulturellen Einfluss her kenne, muss ich zwangsläufig meine eigene behandeln, und um diese geht es hier auch. Vielleicht ist es auch noch wichtig, dass die genannte Generation bei einem angenommenen Atomkrieg im Laufe der Achtziger Jahre des Zwanzigsten Jahrhunderts »unschuldig« wäre oder sich so sehen würde, weil sie noch nicht alt genug war, um den Lauf der Dinge zu ändern oder den Knopf zu drücken. Ich hebe auch nicht den Anspruch, dass die von mir aufgeführten Szenarien politisch und strategisch korrekt oder logisch sind. Denkbar sind sie, soweit wie ich das beurteilen kann, und zum Rest geht es mir mehr um eine soziologische Betrachtung. Vielleicht teilweise auch mit einem zwinkernden Auge. Ach, und das sind alles nur persönliche Einschätzungen, die man sehr wohl angreifen und wohl kaum belegen kann.

Szenario 1: Die totale Zerstörung
Westeuropa wird bei einem Atomkrieg in Schutt und Asche gelegt, es gibt kein oder nur noch vereinzelt Leben hier, das es durch die sich ausbreitende Strahlung auch immer schwerer hat. Dieses Szenario wird vor allem den Misanthropen gefallen, da meine Generation hier nie existiert hat. Die Überlebenden flüchten, sofern das möglich ist. Die Sterblichkeitsrate ist wegen strahlungbedingten Erkrankungen enorm hoch. Meine Generation ist die erste der Mutanten, falls sie überhaupt je geboren wird. Was wohl vor allem vom Grad der Zerstörung abhängt, aber wir gehen hier davon aus, dass Westeuropa unbewohnbar ist. Politisch denke ich, dass sich die Überlebenden in der Idealvorstellung in basisdemokratisch organisierten Gruppen zusammenschließen und so lange und gut wie möglich zu überleben versuchen. Vorstellbar sind auch patri- oder matriarchalisch organisierte Familienbanden, wobei in Westeuropa ob der kulturellen Prägung das Patriarchat wohl wahrscheinlicher wäre. Regierungen auf Basis von Staaten gibt es nicht mehr, da wohl vor allem die Hauptstädte das Ziel der Bomben waren und ohne intakte Kommunikation und Transportwege die Anarchie unumgänglich ist.
Kultur? Ich gehe davon aus, dass die meisten Dinge zerstört sind, die kulturell irgendeine Bedeutung haben. Mit den Erzählungen der Überlebenden werden aber wohl nicht nur die neuen Geschichtsbücher, sondern auch die neue Nachkriegsliteratur geschrieben.

Szenario 2: Brandflecken
Der Krieg hat nicht lange gedauert. Irgendwann hat einer eingesehen, dass das ganze Atombombenwerfen zu nichts außer Tod führt und aufgehört. Zumindest in Westeuropa. Die großen Städte und Militärbasen sind zerstört, es sind viele Toten zu beklagen und nuklearer Fallout bringt Krankheit und noch mehr Tote. Aber viele haben überlebt und gebären neue Kinder, auf denen das Laster der Hoffnung liegt. Diese Generation ist die erste, die Mutanten hervorbringt, mit denen wohl wie mit jeder Randgruppe und/oder wie mit Behinderten (was sie teilweise wohl auch sind) verfahren wird. Oder auch nicht, das hängt wohl wieder von der Schwere der Mutation und/oder der Zerstörung liegt. Ich gehe einfach mal davon aus, dass eine reduzierte Population, der es schlechter geht, freundlicher mit Mutanten und Kranken umgeht als eine wenig geschwächte, wohlhabendere Gesellschaft.
Die Politik ist also mit den Aufgaben des Wiederaufbaus, der Sperrung der verstrahlten und verseuchten Gebiete und letztendlich auch einer Beilegung der internationalen Streitigkeiten vertraut. Hier kann sich der Hurra-Wachstum-Kapitalismus kaum bewähren, da die Weltmärkte zusammengebrochen sein dürften und die Konsumgüterproduktion wenig Erfolg bei der Nachkriegsgesellschaft hat. Die führenden Parteien werden wohl pazifistische sein, denn wer will nach einem Krieg noch einmal Krieg? Ich könnte mir auch vorstellen, dass nach einer derartigen Katastrophe die noch relativ jungen Grünen einen starken Aufwind kriegen. Meine Generation wächst also auf mit Mutanten, dem Wiederaufbau und der häufigen Existenz von verstrahlten Zonen, die niemals wieder betreten werden dürfen. International wird man wohl irgendwie versuchen müssen, die Ideologien zu besänftigen. Vielleicht passiert das mit einer Annäherung beider, vielleicht gibt es aber auch eine friedliche Koexistenz mit Abrüstung. Eine utopische Vorstellung wäre, dass durch den Krieg die UNO neuen Aufwind bekommt und nach und nach Aufgaben einer Weltregierung übernimmt, die eventuell auch sogar eine gerechte Verteilungspolitik durchsetzt. Gibt es jetzt mehr Perspektive als Hurra-Wachstum-Kapitalismus? Da dieser genauso wie der Kommunismus versagt hat, indem er die Menschheit an den Rande der Vernichtung gedrängt hat, wird wohl Platz für neues entstehen. Protestbewegungen meiner Generation sind stärker, da eine allgemeine Auflehnung gegenüber jenen, die für den Abwurf »verantwortlich« waren, vorhanden ist. Allgemein könnte man sich vorstellen, dass der Mensch mehr Respekt gegenüber der Natur hat, da schon viele Landstriche verseucht sind und da nicht noch mehr hinzukommen müssen.
Kulturelle Veränderungen kommen eine ganze Menge. Ich gehe stark davon aus, dass die Medien noch immer eine starken Einfluss auf die Menschheit haben, jedoch die Massenware Kultur, wie sie heutzutage existiert, keine Überlebenschance hat, da nicht genug Geld da ist um ständig neue CDs, DVDs, Romane von Dan Brown, usw. zu kaufen. Gleichzeitig kommt mit dem Internet, das ja auch schon vor dem Wurf der Atombombe existiert hat, die Chance, Kultur ohne Beschränkungen zu verteilen, was dieser trostlosen Welt eine neue Perspektive bringt. Auch hier entsteht eine Art Nachkriegsliteratur, die sich mit dem Schicksal der Toten des Krieges und vor allem mit den Schuldgefühlen der Überlebenden beschäftigt. Die Fiktion beschäftigt sich wohl mehr mit Heile-Welt-Szenarien als mit der Realität der Postapokalypse. Musikalisch wird die Depression des Grunge wohl länger andauern, Stile wie Industrial, Gothic bleiben länger aktuell.

Szenario 3: Glück gehabt
Westeuropa war nur ein Nebenschauplatz des atomaren Krieges. Während der Ostblock und die USA fast vollständig zerstört, gibt es in Westeuropa nur sehr wenige Tote. Die werden allerdings noch nachkommen, in Form von Mutationen und Krebskranken durch den radioaktiven Niederschlag. Meine Generation wächst auf mit den schrecklichen Bildern von West und Ost, falls überhaupt noch jemand lebt, der Bilder gemacht hat. Die kollektive Schuld derjenigen, die überlebt haben, wirkt natürlich bedrückend auf die Atomsphäre. Politisch ist das große Leitbild Amerika am Ende und auch die Sowjetunion existiert nicht mehr. Wirtschaftlich ist Europa also zu einem stärkeren und wahrscheinlich auch fairerer Handel mit der sogenannten dritten Welt und mit Japan gezwungen. Das große Feindbild ist verschwunden und man muss sich neue Ziele und eine neue Orientierung suchen. Natürlich ist die Bandbreite der Möglichkeiten sehr groß und man kann wohl nur raten, wie es weitergeht. Wahrscheinlich wird man hier am repressivsten mit mutierten Personen umgehen und der Ausbau der Festung Europa wird schneller vonstatten gehen als in der realen Welt, die wichtigste Grenze ist aber diesmal im Osten, da man keine kontaminierten Menschen in Europa möchte. Eine Europäische Föderation ist ebenfalls möglicher.
Kulturell erwarte ich mir die gleichen Auswirkungen wie unter Szenario 2, nur dass sich die Fiktion des davongekommenen Europas sich stärker mit den Geschehnissen in den radioaktiv verseuchten Gebieten beschäftigt und durchaus postapokalyptische Szenarien bereithält. Auch die Nachkriegsliteratur wird hier eine andere sein als unter Szenario 2.

Wäre das jetzt besser?
Natürlich ist es gut, dass die Atombombe nicht gefallen ist, und ich wünsche mir auch nicht, dass sie fällt.
Manchmal habe ich das Gefühl, dass es wohl besser für die Gesundheit des Universums wäre, wenn die Atombombe gefallen wäre, und anderseits denke ich, dass so ein Ende des kalten Krieges aufhorchen gelassen hätte. Ein letztes Mal gut durchschütteln, damit wir uns bewusst werden, was wir eigentlich tagtäglich tun. Ich muss da keine Stichworte nennen.
Ich finde, das ganze wirkt sehr unkomplett, obwohl ich nun wirklich lange genug daran geschrieben habe. Vielleicht kommt man ja durch Kommentare weiter?

(Symbolbild ist übrigens ein Foto des Nuklearwaffentest »Operation Sandstone« vom 14. April 1948 auf dem Eniwetok-Atoll und public domain.)

Ina Oder: Holding Out For A Hero(ine)

Thursday, August 30th, 2007

Da Georges der guten Ina offensichtlich nachtrauert, ich momentan jedoch nicht in der Stimmung bin, Freewritingexperimente zu machen, hier ein Text, den ich mal »einfach so« geschrieben habe. Enjoy the rock!

Ina hatte Lust zu küssen. Richtig Küssen. Mut Zunge und geschlossenen Augen. Sie wollte diese Magie wieder spüren, dieses prickelnde Gefühl am ganzen Körper, die wunderbaren Reize, die ihr Gehirn erhielt, wenn ihre Zunge die eines anderen berührte, erleben.

Ein Gedankenblitz durchzuckte sie. Es war ein konkretes Bild, eine ihrer Vorstellungen, die aus dem Nichts kamen und die sie nicht wirklich erklären konnte. Wahrscheinlich war wieder einmal Siegmund, der alte, schuld. Überich und all sowas.
Sie sah ihn, oder besser: sie hatte ihn gesehen, wie er ihr sagte, dass er sie liebte – was schon so als Bild verrückt genung war, un dann küsste sie ihn in deinem Anflug von Leidenschaft. Sie mochte dieses Bild, und gleichzeitig ängstigte es sie. Natürlich wäre es ein tolles Gefühl gewesen, ihn zu küsen und romantische Dinge von ihm zu hören, aber sie wollte sich das eigentlich nicht so explizit vorstellen, vor Allem, um ihre Erwartungen nicht zu hoch anzusetzen, um nacher dann doch wieder entäuscht zu werden.

Aber es war verlockend, in diese fluffige rosa Wolke aus schönen Vorstellungen und ungeträumten feuchten Träumen zu flüchten. Sie hatte früher ganze Tage in dieser Wolke verbracht, um alles Unangenehme von ihr selbst fernzuhalten und schöne Momente immer und immer wieder zu erleben.

––
Mir ist jetzt auch wieder eingefallen, wann und zu welchem Anlass ich das geschrieben habe. Es ist eine Seite in meinem grauen Heft, und unter dem Text steht folgendes:


Are we all starz?
I need light to go on my dark path
Would you please shine for me?