Archive for the ‘literarische Spielwiese’ Category

Hypolimnion

Saturday, March 13th, 2010

photo cc by Jamison Young

Olivette klopfte leise gegen die Wände des Ungeheuers, das sie verschlungen hatte. Dumpf und hohl klang das stählerne Skelett.
Das U-Boot im Hypolimnion. Sie war müde. Es war dunkel, doch die Bilder vor ihrem inneren Auge waren taghell. Hellbraune Strudel in der Teetasse, während sich im Hintergrund mehrere Dimensionen der Raumzeit zu einer komplizierten Origamifigur zusammenfalteten.
Eben noch rot glühende Visionen von wildem Sex unter der Frühlingssonne, jetzt auf dem Grund des Sees.
Das einzige Geräusch das Trommeln des Detritus auf der Oberfläche des Bootes, zugleich Dach und Horizont, Trennwand und Lautsprechermembran.
Der ständige Leichenregen im See.

Sie hatte das Gefühl, ständig einatmen zu müssen. Lang und schwer war ihr Atmen. Wie das Stöhnen eines gigantischen Urtieres kam er ihr vor. War sie krank? Ihre Augenlider wurden schwer und obwohl sie mit aller Kraft versuchte, dagegen an zu kämpfen, musste sie ihre Augen für ein paar Sekunden schließen.

Als ob das in diesem Dämmerlicht der Armaturen und Instrumente, die niemand verstand, einen Unterschied machen würde. Alles kippte nach vorne. Horizontale Streifen. Die Schwerkraft setzte nur verzögert ein.
Keine Alarmsirenen.
Kein Ton außer dem vertrauten Trommeln.

Eine Zeitreise durch die Fließgewässermorphologie.
Alle Flüsse münden ins Meer. Oder in einen See. Oder sie trocknen aus, auf der Suche nach Auen, Alt- und Totarmen, in denen die allgegenwärtige Verwesung nur langsam voranschreitet, modrig im feuchten Sonnenlicht des Spätsommers.

Kein Sonnenstrahl erreicht je das Hypolimnion.

Und der Moment gehört uns

Saturday, March 6th, 2010

Im Bus nach Hause. Die Sonne blendet mich, ich blinzel, es kitzelt. Ich fahre durch die Stadt, der Bus halb voll. Oder halb leer. Gibt es überhaupt Bus-Optimismus? Um mich rum telefonieren Leute, die ich gleich nicht mehr hören werde. Aus meiner Umhängetasche krame ich meinen iPod mit den teueren Kopfhören raus. Ich stecke mir den ersten ins Ohr, jetzt bin ich halb taub. Als ich den zweiten Gummipfropfen in mein Ohr stecke bin ich in einer anderen Welt. Alles ist still. Play.

Die Musik ist laut, der Bass soh nah, dass ich glaube die Saite wäre quer durch meinen Schädel gespannt und würde dort mit sanfter Hand gezupft. Im Hintergrund der Aufnahme Geraeusche, das dumpfe Schlagen der Kickdrum.

Seine Stimme. Er singt nicht besondert gut, aber jede Vibration, jedes Zittern seines Kehlkopfes bedeutet Ehrlichkeit, bedeutet Leidenschaft. Und noch immer diese Ruhe: Bass, Schlagzeug, manchmal eine Gitarre, die ganz verirrt einen Satz spielt. Die Ruhe hat was angespanntes, dieses große Gefühl, das wie ein Tier gefangen ist, und gleich raus darf. Die Spannung und die Abendsonne, die dir entgegen scheinen. Die Melodie treibt, im Gegensatz zum Bus, der im Verkehr fest steckt. Schwerfällig, Schritt für Schritt.

Das Intermezzo baut Spannung auf, die Gitarre fängt kurz an ganz leicht zu spielen, fast zu schweben. Und wieder zurück in diesen treibenden Teil des Liedes, immer weiter, immer weiter.

Und wieder dieses Intermezzo, und man spürt, dass es diesmal nicht dabei bleibt. Und dann wird es still. Die Ruhe vor dem Sturm. Bis die Gitarre anfängt zu schrammeln und zu schreien, und aufgefangen wird vom Bass und dem Schlagzeug, die wiederkommen, und den Weg bereiten:
Der Krach wird ergänzt durch seine Stimme. Meine Augenhöhlen fangen an zu jucken, und ich weiß, dass es nicht daran liegt, dass die Sonne blendet: ich kann mir eine Träne nicht verkneifen. Wie er in diesem Gefühl von Panik, Grenzenlosigkeit und Trieb, in diesem Zerfall und dieser Hoffnung, mitten aus dem Nichts, die schönste Liebeserklärung der Welt macht: Du wirst bei mir alles finden, was du brauchst.

Das, was ich ihr damals versprochen habe, und alles tun will, um es wahr zu machen.

Wie das hier endet und wie alles wird weiß ich. Und das Lied auch. Das ganz Große endet nach 6 Minuten und 2 Sekunden. Nächstes Lied. Der Bus steht noch immer im Stau.

(Das Bild kommt von http://www.flickr.com/photos/kaleenxian/3478032301/)

Zwischen Heidsieck und Hofer-Vodka

Tuesday, March 2nd, 2010
Ein Gastartikel von Jonas Grünholz. Jonas Grünholz wurde 1987 in Österreich geboren und zog 2008 nach Wien und studiert momentan Wirtschaftswissenschaften an der WU Wien.

So war das also. Es waren noch die “noughties”. Ich war am Gymnasium und meine Matura ließ auf sich warten. Genau wie mein nächster Frisörbesuch. Zum Haareschneider ging ich nie, was sollte ich auch da, ich kann mich ja selbst nicht sehen, außer im Spiegel. Und vor allem, wozou brauchte ich das alles, wenn ich mir von den 15 Euro fir den Frisör auch die neue Platte von Oasis kaufen konnte. Irgendwie war das ja schon cool, Außenseiter und Genie zu sein. Geek eben – Leistungsfach Bio und Informatik. Wohin wusste ich auch: Bioinformatik in Aachen, teutonische Hochburg der Wissenschaften. Jeder wusste davon, die einzigen die davon nichts wissen wollten, war die RWTH. Auch gut – und ja, früher war ich gut mit Projekten. Ich hatte an meiner Schule geholfen die Stundenpläne zu glätten und habe einem Freund geholfen sein Taxiunternehmen aufzubauen.

Also ging ich nach Wien, an die Wirtschaftsuni und studiere nun BWL und Projektverwaltung. Meine Wohnung im Neunten, unweit der Votivkirche, meine Uni in der Nähe.

Moment – Ich studiere Wirtschaftswissenschaften? Da fehlt ein Teil meiner Geschichte: Einige meiner Freunde besuchten ein Wirtschaftsgymnasium, und ich hasste sie dafür. Ich hasste sie dafür, wie sie mit Ihren WAP-fähigen Handys ihre eMails “checkten”, wie sie Freitagsabends in die Stadt gefahren sind und getrunken haben, bis sie nicht mehr wussten, wer sie waren. Und von Mädchen erzählten, die es nie gab. Später kam dann Koks, für mich damals der Stoff der Reichen und Schönen. Meine tiefste Verachtung galt alle denen, die BWL, Jura oder ähnliches machen wollten. Und die sich in Ihren billigen oder viel zu teueren Anzügen, mit Ihren Zigarren, ihrem Cognac und Papas Audi toll fanden.

Und plötzlich sitze ich montags morgens mit euch in einer Vorlesung, während der Dozenz über Intrinsik und Instrumentalismus redet, und ihr mit eueren iPhones und Netbooks auf Facebook die Mädchen von letztem Wochenende kuckt.

So weit, so befremdlich.

Ich bin gut, bei dem, was ich mache. Vielleicht sogar besser, als als Chemiker. Und sogar besser als die meisten, die mich im Gymnasium überholten. Es dauerte 2 Monate, da schloss ich mich einem Berufsverband an, 2 Monate später war ich auf meinem ersten Networking-Event. Networking heißt Visitenkarten tauschen, billigen Weißwein saufen (Weißwein hinterläßt keine Flecken auf den Böden von Konferenzsälen), und währenddessen entscheiden, mit wem man nach Hause geht: Die 20-jährige Brünette, deren Vater im Vorstand der Wiener Stadtwerke sitzt, oder die 38-jährige die mir ein Praktikum angeboten hat, wenn ich nachher noch zu Ihr nach Hause zu einem Vorstellungsgespräch käme. Ich bin für die jüngere Ausführung.

Und trotzdem bleibe ich bei meiner Einstellung: Flex und Fluc.
Und genau dort entsteht meine kognitive Dissoanz: Ich gegen Ich.

Der Flow von damals ist noch da, und das ist sogar gut. Neben den ganzen Neureichen sticht man raus – und irgendwie mögen sie einen auch dafür. “Ach, der Jonas. Er ist ein netter Typ und hat was drauf. Aber irgendwie ist er komisch.” Komisch heißt: nicht wie wir. Und das bin ich nicht, darum ist das kein Vorwurf gegen mich.

Bloß wie lange kann man eigentlich mit denen Leuten rumhängen, ohne wie sie zu werden. Wie lange kann man Cocktails für 15 Euro trinken, bis man Hofer-Vodka nicht mehr geil findet? Wie lange kann man in Luxuswohnungen  schlafen, bis die eigene Bruchbude scheiße wird? Wie lange kann man in die Oper gehen ehe das Flex eklig wird?

Und dann ist da noch die Entzauberung der “neuen” Welt. Die Partys, das Koks, der schnelle Sex. Wenn man da war, versteht man, dass das alles nur eine Illusion ist.

Die Partys sind nur Schutzwall vor’m Allein-Sein. Das merkt man schnell, wenn es einem klar wird, nach welchem Schema die Partys laufen, nach welchem System immer wieder die gleichen Gespräche geführt werden mit den gleichen Leuten die man hasst. Und die einen auch hassen. Das gleiche gilt für den Sex, der unsinnig und kalt ist, und nur dazu dient, nicht allein zu sein. Koks erfüllt dort eine Doppelfunktion: einerseits als Eisbrecher, Katalysator für Smalltalk, Sozial-Sein und Sex. Andererseits als Aufputschmittel, weil es den Leuten hilft in Stressmomenten durchzuhalten. Vom selbstbestimmten Rausch zum Treibstoff.

Ich  habe Angst. Ich kann in diesen zwei Welten leben, und ich weiß aus welcher Welt ich komme. Ich komme von “unten”, auch wenn mein “unten” für 90% der Weltbevölkerung “oben” ist. Und ich kann mich “oben” aufhalten. Aber “oben” verführt. Es erinnert mich an ein Spiel auf meiner Zeit als Kind: Ich hab mir Superkleber auf den Finger geschmiert, und damit probiert an Papier zu fassen, aber genau so lange, dass ich nicht festklebte. Wenn ich meinen Finger abzog, und ein Stück Papier kam mit, dann hatte ich verloren. Und wenn ich das nächste mal in’s Flex gehe, und die Leute ohne Geld, die ihren billigen Fusel trinken scheiße finde, hab ich verloren.

Ich möchte da nicht mitmachen. Ich möchte das nicht sein. Aber wie kann ich meine Leidenschaft verfolgen, wenn sie in einer Welt angesiedelt ist voller Wracks, voller Unlust, voller kaputter Menschen?

Bilder: http://www.flickr.com/photos/pokpok/2416518231/http://www.flickr.com/photos/urbanlatinfemale/4329678620/

setzt sich die Sonne besser durch

Wednesday, February 24th, 2010

photo cc by Richard Hemmer

Die ersten Sonnenstrahlen seit Dezember. Mit einem Male glänzt die Stadt wieder. Meine Stadt, wie ich übermütig behauptet habe, als wir die Prachtstraße entlanggelaufen sind, unwissend, was für Geheimnisse die Nacht bergen würde. Wir wussten nichts, nicht einmal den Weg.
Mein Abfluss ist wieder frei. Das schöne an Abflussreinigern ist ja, dass sie nicht nur Verstopfungen lösen, sondern auch das Waschbecken wieder so sehr glänzt, dass die Augen schmerzen. Und du fast hoffst, dass es wieder verstopft, damit du beim Zähneputzen nicht dauernd die Augen zukneifen musst.
Der Sommer steht hier schon verheißungsvoll vor den Toren der Stadt, beinahe spürst du schon die Sonne auf deiner Haut, deren Berührungen nie die Zärtlichkeit von jenen mythischen Wesen erreichen werden, die mir so sehr fehlen.
Jeden Morgen das gleiche Lied.
Jeden Abend der gleiche Text.
Jede Sekunde ein Weltuntergang.
Nichts bleibt so wie alles immer ist.

Weiß irgendwer, wo wir hingehen?
Die mächtige Stadt, bis zum Horizont überall nur Dächer, fremdartig rot gebrannt, sie mag dich. Obwohl hier alles kalt sein könnte, flüstert der Wind leise Liebesbekundungen in dein Ohr. Die Schneeflocken sehen aus wie im Fernsehen, die Sonne strahlt um ein vielfaches heller, der Regen ist nasser und sogar die Werbung ist noch dümmer als sonst.
Ein Windstoß, ein Wirbel, hoch zu den Seilen, die knarren wie Takelage. Sie führen zu dem Zeppelin, angetaut hoch oben über der Stadt, jeden Moment einsatzbereit. Es fehlt nur ein Kapitän, der da einen Kurs befiehlt.
Dein Mobiltelefon vibriert. Erst jetzt bemerkst du die Gänsehaut auf einem Rücken.
Die Ferne ruft an.

Fensterbrett.

Monday, February 22nd, 2010

Und mit einem Male wird dir klar, wie verdammt leer dein Fensterbrett doch ist.
Durch das offene Fenster kommt der Lärm der Stadt, die draußen vorbeizieht, zusammen mit der Kälte in dein Zimmer. Der Tee, den du gemacht hast, um deinen müden, geschundenen Körper etwas zu beruhigen, ist das einzige Warme. Deine Körpertemperatur hat sich langsam abgesenkt und du musst den Tee langsam trinken, damit du nicht zu schnell wieder auftaust.
In meinem Kopf laufen die letzten Tage (und Nächte) immer wieder ab. Endlosschleife. Mein Orientierungssinn hat mich wieder einmal verlassen und ich stolpere, auch mit Karte, wie ein Blinder durch die Stadt. Was nicht weiter schlimm ist, denn so sieht man auch mal was. Und was könnte schöner sein als eine endlose Aneinanderreihung von Nebengassen. An einer Mauer mitten in der großen Stadt hängt Kunst. Eine Künstlerin hatte die wunderbare Idee, eine Pflanze an die Mauer zu hängen. “Gieß mich!”, steht neben der verdorrten Blume.

Filme in meinem Kopf sind natürlich nie chronologisch. Der Gott der Zeit ist tot.

Eine Woche lang sperrte ich mich in meinem Zimmer ein. Hatte ich doch nun seit Monaten mal wieder einen Schreibtisch, an dem ich sitzen konnte. Sprach’s und spielte ein, zwei alte Echtzeit-Strategiespiele durch, während draußen der Winter wieder kam. Ökonomie ist hinterhältig. Vor allem, weil es doch zur Hälfte aus Psychologie besteht. Vielleicht hilft etwas Küchenpsychologie weiter. Du gehst also in die Küche, kochst dir einen Tee, denkst dabei, dass der Zucker und die Milch fast alle sind und beschließt, einen kleinen Spaziergang zu machen. Blöd nur, dass die Stadt so voller Schnee liegt, dass du nach fünf Minuten völlig durchnässte Füße hast und du dich fast in einen Supermarkt flüchtest. Aus dem Supermarkt wird ein Bücherladen, der aber weder Molche, noch kleine bunte Pillen verkauft. Daheim wieder Tee und kleinere Streitereien mit Herrn Keynes. Als du die Prüfung schreibst, freust du dich, mal wieder unter Menschen zu sein. Schönbrunn ist auch immer einen Besuch wert, wenn die Seepferdchen im Neptunbrunnen nicht gerade als Eis am Stiel verkauft werden. Wir ziehen uns alle eine Blasenentzündung zu und streicheln tollwütige Eichhörnchen.

Es folgen einige weitere Tage, die wesentlich erfreulicher ablaufen. Der Projektor summt in deinem Kopf. Als Abspann eine Reihe von Atombenexplosionen, eine heller als die andere, heller als tausend Sonnen. Bist du wärmer oder der Tee kälter geworden?
Plötzlich ist es dunkel. Es wird immer so schnell dunkel hier, daran werde ich mich nie gewöhnen. Der Tee ist nun endgültig kalt, ich trinke ihn trotzdem.

Auf dem Tisch liegt immer noch das kleine rote Etwas, als schweigende Erinnerung an all das, was war.

Montréal, revisited

Tuesday, January 19th, 2010

photo cc by abdallahh

Ich schlage die Augen auf. Montréal. Wieso auch nicht, immerhin habe ich noch einige dieser winzigen U-Bahntickets, mehr Papierschnipsel als ernst zunehmende Fahrkarte.
Irgendjemand hat mich in der Natur rund um die Stadt ausgesetzt. Arschloch. Auf der Karte sehe ich ganz genau, wo ich mich befinde. Und wenn ich aufschaue, ist es ein lichter Wald. Vor allem Nadelbäume. War klar, wir sind ja schließlich im hohen Norden. Muss so sein, denke ich mir und wundere mich gar nicht darüber, dass mich irgendwer, einfach irgendwo in der Gegend ausgesetzt hat. In meiner Tasche nur dieses Ticket.
Jetzt könnte ich eine Landkarte brauchen. Egal was für eine, sie könnte ruhig auch erfunden sein. Alles ist besser als die Wildnis vor Montréal. Wahrscheinlich werde ich bald an eins dieser Betonungetümer, die sie Autobahn nennen, stoßen. Riesig und rostig wird sie vor mir aufragen, wie die Pfeiler einer Alptraum gewordenen Achterbahn. Über einen Fluß wird sie führen, von dem die Kanadier sagen, es sei einer der kleineren Flüße ihres Landes. Und ich hielt ihn für ein Meer.

Eine Gruppe von Wandern, in neonfarbene Gewänder gehüllt, geschützt vor dem sauren Regen der 1990er Jahre, der sogar Gold auflöste. Sie lachen und erklären mir, sie würden den Weg auch nicht wissen. Und sie haben nicht einmal kanadische Bonbons dabei. Wahrscheinlich sind das die Leute, die die Ureinwohner mit geschmuggelten Zigaretten belieferen, die diese dann in Wohnwägen entlang der Autobahn verkaufen. “C’est tout de la contrabande!” Oder so ähnlich. Ich verstehe kaum ein Wort, denn das Französisch, was diese Menschen reden, ist so merkwürdig, dass der Marseiller Dialekt wie aus dem Mund eines Mitglieds der Académie française klingt.
Ich stolpere also weiter durch den Wald und hoffe, keinem sprechenden Fuchs zu begegnen, denn genau das wäre jetzt das, was ich nicht mehr aushalten würde.

Zum Glück stolpere ich aus dem Wald auf eine Straße. Ein Schulkamerad fährt mit einem VW Bus, bunt bemalt mit Flammen, vor und nimmt mich mit. Wieso gerade er, der immer nur Hohn und Spott für Hippies übrig hatte, so einen Bus fährt, wage ich nicht zu fragen. Wir sind hier auf dem nordamerikanischen Subkontinent. Unbequeme Fragen sind hier nicht so angebracht wie in Kontinentaleuropa. Er fragt mich, ob es in Montréal legal sei, Gras zu rauchen. Ich antworte wahrheitsgemäß, ich würde es nicht wissen, aber wenn wir ein wenig durch die Stadt fahren würden, ließe sich sicher ein Coffeeshop finden. Er grinst mich mit seinem breitesten Sonnenbrillengrinsen an und meint: “Klar, ist ja eine kleine Stadt, da geht das schnell!”

Ich sehe nach draußen. Montréal, das eher so aussieht, wie ich mir Los Angeles immer vorstelle, ist eigentlich gar nicht so klein.

Nicht nur Glühwein.

Sunday, November 29th, 2009

Na endlich. Seit ich meinen ersten Spaziergang durch Wien, genauer durch meinen eigenen Bezirk gemacht hatte, wusste ich, dass diese Stadt unglaublich/verdammt/sehr inspirierend sein kann. Und nachdem ich schon fast angefangen hatte, über einen Asiaten, der in Wirklichkeit ein Vampir oder zumindest ein Mystiker sei, zu schreiben, fing die Uni an zu brennen und ich stürzte mich erstmal in einen Monat voll Protest. (Der übrigens immer noch anhält und über den ich auch gerne mal mehr schreiben werde.) Aber endlich habe ich wieder dieses Kribbeln in den Fingern. Merkwürdig auch, wie das sich ankündigt, wie ich immer wieder öfters in Backend wechsele, nur um mir die Statistiken anzusehen, wie ich darüber nachdenke, zu schreiben, ohne es wirklich zu tun, wie ich dann unwillkürlich auf den Link zum Backende klicke, nur um jetzt darüber zu schreiben, dass ich wieder Lust habe, zu schreiben. Und so was kann man ja einfach “meta” nennen, es kursiv setzen und anfangen.

nichtnurgluehwein

Hier im Osten wird es viel zu früh dunkel. Ich werde mich daran wohl nie so richtig gewöhnen, genauso wenig wie da hier sein soll und dort da. Aber nicht umsonst komme ich aus dem Land, das den Mörtel für den großen Turm zusammen mischte. Fast unvorstellbar, zurückzukehren. Hier ist eine gute Fliehburg, ein sicherer Hafen für das Luftschiff während des Winters.
Aber ist hier “Zuhause”? Ein Ort, der dir immer noch so fremd ist? Glaubst du überhaupt daran, dass du je ein Zuhause haben wirst? Ist es nicht eher so, dass dein Leben ein ewiges Roadmovie sein sollte? Hast du dir die Flucht vor der Apokalypse nicht auf die Fahnen geschrieben? Sesshaft werden ist für Menschen, die an die Ewigkeit glauben.
Poetische Landschaften entfalten sich vor meinem geistigen Auge, und ich weiß nicht, wie ich sie beschreiben soll, ohne sie zu zerstören. Einfache Worte können unglaublich glücklich machen, sie können aber auch der vernichtende Strahl des Todessterns sein, der Planeten in Milliarden Stücke zerspringen lässt wie billiges Porzellan. An der Bushaltestelle atme ich – wieder einmal, jene Luft ein, die nach Winter und Frost schmeckt und frage mich, wann er wohl endlich kommt und dieser Stadt einen weißen Mantel anlegt. Vielleicht habe ich ihn auf vertrieben mit Fackel und Feder?

Wärme könnten wir gerade alle gut gebrauchen. Nicht nur Glühwein.

photo cc by ethan lindsey

Das Zentrum des Universums

Tuesday, September 29th, 2009

zentrumdesuniversums

Der Zug, in dem ich sitze, atmet leise und und aus. Kaum hörbar sein elektrisches Stöhnen, das unnatürlicher nicht sein könnte und dennoch so vertraut ist.
Es ist kaum zu glauben, wie gut Menschen einem tun können. Noch immer euphorisiert von diesem strahlenden Sommerende, das irgendwo im krächzenden Gebälk zwischen nicht identifizierbaren Bildern in staubigen Rahmen stattfand.

Und da stehst du. In Paris, auf der Défense. Du erwartest gerade zu, dass Alarmsirenen ertönen und die Hochhäuser langsam im Boden versinken. Hier wird dir das Ausmaß deines Sieges erst bewusst. Unwiderruflich ist er, endgültig. Die Kräfte des Guten und Richtigen gegen Alt und Böse. Bisher die höchste Hochwassermarke. Niemand kann dir das nehmen. Hochgefühl. Die Freiheit, das Volk zum Sieg führend. Apotheose, zeitweilige. Jemand sollte deine Heldentaten als Fresko an die Decke einer großen Halle malen!
Alle roten Zeichen sind weggewischt.

Und da stehst du. In dem Tesserakt, diesem Hyperkubus der vierten Dimension. Und du weißt: Dies ist das Zentrum des Universums. Da hoch oben, an der Decke der Grande Arche ist der wahrhaftige Aufhängepunkt für das Pendel.
Die Erkenntnis ist so großartig, dass sie dir erst vier Wochen später bewusst wird. Für einen kurzen Moment atmest du Strings, die drohend glühen und dunkle, graue Äste überall hinsauen.

Es muss doch einen Weg hier raus geben. Zu viel Verwirrung hier. Der kahlköpfige, vietnamesische Weltraumnazi hinter der Theke dieser Waikikibar inmitten von Amsterdam sah uns grinsend an. Er wusste ganz genau, was los war.
Auf der Straßenkarte nur ein einziger Name. Selbst für dieses grinsende Scheusal habe ich im Nachhinein noch Verständnis, gar Mitgefühl. Diese Wanderung war nötig. Sie war die Reise zum Zentrum des Universums, an dem ich eine Woche zuvor gewesen war. Zeit ist nicht stringent, nicht linear. Schon gar nicht in Schwinungsnähe vierdimensionaler Hyperkuben.

Eine weitere Reise. Im Auge des Sturms. Ciao Bella.
Diese Stadt liebt mich. Mir wird bewusst: Es war nicht ich, der Sehnsucht hatte, wie einst nach dem Meer, nach der Sonne, nach Kalkfelsen und Rosmarin, sondern sie, die Stadt, die mich vermisste und mich zu ihr gerufen hatte. Ich sehe: das schönste Mädchen der Welt, Bier aus schenkend.
Dann. Eine Umarmung. Sie. A². Ich fühle nur Verlegenheit, Freude. Ich möchte ihr erzählen von meinen Reisen, aber dazu bleibt keine Zeit.

Wie immer vervollständigt sich die Geschichte erst später.
Wo bleibt der Herbst?

Foto aus Wikicommons (cc)

Erinnerung.

Tuesday, August 4th, 2009

erinnerungen-straße

Dies ist der vierzehnte Teil einer Geschichte um ein Mädchen namens Ina, ihren Exfreund, ihre Freundin, Zoë, und deren Exfreundin, Aline.
1. Teil: Hoffnung. 2. Teil: Entmut. 3. Teil: Überwindung. 4. Teil: Türschwelle 5. Teil: Ina. 6. Teil: Vergessen. 7. Teil: Mullbinde.
8. Teil: Entscheidungsfindung 9. Teil: Dachboden. 10. Teil: Cercidiphyllum japonicum 11. Teil: Meeresrauschen 12. Teil: Baumkuchen 13. Teil: Zimmerdecke

Seit Zoë sie verlassen hatte, wirkte alles grau. Es gab nichts Weißes mehr in ihrer Welt.
Wie hatte sie ihr so etwas antun können? Für Aline war ihre Beziehung zu Zoë immer perfekt gewirkt, ein Bilderbuchpärchen. Beide nur an Frauen interessiert und seit einiger Zeit auch nur an der jeweils anderen. Sie hatten sehr selten gestritten und wenn, dann hatte es auch nie lange gedauert, ehe eine von ihnen wieder mit einem Versöhnungsangebot zurück gekrochen kommen war.

Das Ende war für sie aus heiterem Himmel gekommen.
Im Nachhinein waren die Zeichen natürlich zu sehen gewesen.
Aber im Nachhinein war immer alles logisch und klar und man fragte sich, wieso man es nicht schon viel früher kommen gesehen hatte.Aber man lebte nun mal nicht im Nachhinein, sondern in der Gegenwart mit all seinen Träumen, Gedanken und vor allem lebte Aline in ihrer konstruierten Wirklichkeit, in der sie es blendend schaffte, alle möglichen Anzeichen und Probleme auszublenden und nur das sah, was sie sehen wollte. Zumindest im Bezug auf Zoë war es so gewesen.
Aber wie sollte man auch anders leben? Sollte man sich etwa den ganzen Tag Sorgen um Kleinigkeiten und Dummheiten machen, um später fest zu stellen, dass es sich bei diesen um genau das: also Kleinigkeiten und Dummheiten, die keinerlei Relevanz hatten, handelte? Sollte man etwa jede verdammte Andeutung ernst nehmen und sie bis zur letzten Silbe interpretieren?
Das war doch auch kein Leben.
(more…)

Müdigkeit

Saturday, July 18th, 2009

muedigkeit

Man braucht als Mensch immer beides. Klarheit, Nüchternheit als Geisteszustand des gesunden Menschenverstandes genauso wie den Rausch, das “Ecstasy” auf dessen Suche der Menschen in seiner natürlichen Form immer ist. Leider ist Alkohol als legales Rauschmittel nur unzureichend geeignet, um künstlerische/kreative Tätigkeiten zu unterstützen, hat aber den Vorteil, in feinen und geringen Dosen während der Arbeit gebraucht werden zu können. Die meisten anderen Drogen sind nur als Erfahrungssammlung zu gebrauchen, das Arbeiten unter ihrem Einfluss bringt meist nur sinn-freies zustande.
Vielmehr ist das reflektierte Verarbeiten wichtig.

Müdigkeit bzw. Schlafentzug ist, wenn richtig eingesetzt, eine ideale Droge, da man unter ihrem Einfluss wunderbar arbeiten kann, jedoch weniger Filter besitzt (was wichtig ist!) und dennoch nicht “dumm” oder blöd wird, wie es z.B. mit (zu viel) Alkohol schnell der Fall sein kann. Ich habe die anstrengenden sechs Stunden Radio mit einer Flasche Bier gemischt. Eine absolut richtige Entscheidung.

Wer sollte das alles verstehen? Ich hatte einen sehr weiten, ungetrübten Blick. Ich sah vom “Aldringer”, jenem schmutzigen Busbahnhof im Stadtzentrum aus fast die Synagoge, zumindest aber das Gebäude am nächsten Block klar und deutlich, was mir neu vorkam. Eine seltsame Schärfe lag in der Luft, wie oft nach Regen, wenn alles um einen herum wie frisch gewaschen erscheint.
Am Bahnhof hätte ich schwören können, bis nach Esch zu sehen, die Atommeiler Kattenhofens zu sehen, ja die Stadt Marseille hätte ich erblickt, hätte die Autobrücke über die Gleise mir nicht die Sicht versperrt.

So gut mein Blick auch war, mein Empfinden gegenüber den Menschen war völlig gestört. Ich erkannte nicht, dass eine Frau beim Bäcker vor mir dran war und glaubte dann auch noch, die Verkäuferin hätte mir falsch ausgegeben und entschuldigte mich, als ich langsam meinen Fehler begriff, mit fadenscheinigen Ausreden.

Als gäbe es irgendetwas zu verstehen. Horrormeldungen aus dem Gefängnis auf den Gratiszeitungen, nass und veraltet am Boden. Ein Moment der Melancholie in der Stille der Nacht.
Wer sollte sich darum kümmern? Die Welt war zu frisch für mich. Der menschenleere Zug sollte mich nach Hause bringen, in den Norden, in den kalten Norden.

(Photo cc by Jason Roger)