Archive for the ‘literarische Spielwiese’ Category

Falsche Station

Sunday, August 1st, 2010

Buenos Aires Subway for Electric Line

Ich befand mich in einem merkwürdigen Dorf. Vielleicht eine Filmkulisse aus starker Pappe oder so was. Die Häuser sahen südamerikanisch aus, aus Lehm, mit Flachdächern in denen die Balken zu erkennen waren. Irgendein Workshop fand statt, vielleicht das Hackercamp oder so was. Mich langweilte das Ganze und ich begann herum zu wandern, scheinbar auf der Suche nach einem Klo. In meiner Tasche immer noch eine kleine Plastiktütchen mit Marihuana.
Ich nehme an, es handelt sich um das Marihuana, das ich K. vor vielen Nächten bat, aufzutreiben und das er mir in einem Bus auf der Türkenschanze übergab. Wahrscheinlich war es so lange in meiner Hosentasche.

Ich fand kein Klo, sondern mich ziemlich verwirrt an einer Wiener U-Bahnstation wieder. B. ist mit mir hier, allem Anschein nach auch bekifft. Ich starrte auf den Netzplan, der merkwürdigerweise eine Rundlinie aufzeigt, die ich nicht kannte. Die Schienen fahren auch rund um die Station, die mir nicht bekannt vorkommt, an der ich laut ihrem Namen aber schon einmal war. Eine gemeine, gefährliche Falle, die nur sehr eklige, langsame Verbindungen hervorbringt. Ich beschloss, dass es viel zu lange dauern würde, mit der U-Bahn zu fahren, da wir mehrmals umsteigen müssten. Ein paar hundert Meter weiter gäbe es eine Station, an der eine Linie uns sofort nach Hause bringen könnte.

Unterwegs wurde es dunkel. Vor einem Supermarkt begegneten wir einer Gruppe, bestehend aus einer dicken Frau, riesigen Ausmaßes und einer ganzen Schar Pfadfindern, alle in beiger Uniform. Ich murmelte etwas wie “Das sind aber keine einheimischen Pfadfinder!” in B.s Richtung. Keine Reaktion. Wir fragten nach dem Weg oder wurden nach dem Weg gefragt. Wahrscheinlich wollten die Pfadfinder auch einen Weg wissen, während uns erklärt wird, wir müssten nur die Straße runter gehen. Ich dachte schon wieder nur ans Rauchen, befummelte aufgeregt die kleine Tüte in meiner Hosentasche, konnte es kaum erwarten, nach Hause zu kommen.
Wien wirkte dreckig und viel zu sehr wie eine Autobahnauffahrt. Ab hier war die Straße wie in wirren Fetzen. Wir hatten uns irgendwo im Osten der Stadt verlaufen und würden nie die gesegnete Station erreichen …

(Foto von hier.)

Fenster ohne Fensterbrett

Friday, July 23rd, 2010

Jardin du Louxembourg, Paris.
Ich stehe auf meinem Bett und schaue zum Fenster heraus. Es regnet von dem dunklen Himmel, im ekligen Orange am Horizont glühend. Vertrauter Anblick.

Graue Dächer. Ich weiß, dass alle Dächer, die ich sehe, grau sind, obwohl es dunkel ist. Bis auf zwei. Manche Menschen glauben, sie würden mit roten Ziegeln Mittelmeerflair auf ihr Dach bringen. Bei dem Anblick entdecke ich immer den inneren Ortsbildschützer in mir.

Es regnet. Natürlich, es muss regnen. Gäbe es spezielle Reiseführer für E., der graue Schuhkartonhimmel an 300 Tagen im Jahr würde angepriesen werden. Als könnte es hier je ein anderes Wetter geben, als könnte der Sommer hier länger als zwei Wochen dauern. Aber vielleicht ist genau das der Grund, weshalb ich hier bin.
E. strahlt hell gen Himmel. Fehlende Größe scheint mit umso größerer Leuchtkraft kompensiert zu werden. Der Horizont glüht, als täte sich dort die Hölle auf. Kaum ein Stern ist zu erkennen. Und ich bilde mir ein, dass das in Wien anders ist, dass der Himmel dort dunkler ist, obwohl es eine Großstadt ist.

Ein Dachfenster hat kein Fensterbrett. Niemand wird je hier sitzen und rauchen oder einfach nur raus schauen. Nicht k., nicht Ruth und auch sonst keine oder keiner. Es gibt auch nichts, auf das man schauen könnte. Zwei hohe Mauern verdecken die Sicht zu den angrenzenden Gärten. Aus manchen Fenster scheint Licht, immer vermischt mit dem Flimmern des Fernsehgerätes. Auf den Telefonleitungen, die – aus welchem Grund auch immer – über die ganzen Gärten des Blocks gespannt sind, sitzen am Tag immer Schwalben. Wie die Schwalben werde ich im Herbst wieder gen Süden ziehen, die große Reise antreten und meinen Basilikum auf mein Fensterbrett stellen.

Ich stehe auf meinem Bett und hoffe, mal wieder einen meiner seltenen Träume zu haben.

(Foto von hier)

Gen Osten

Saturday, July 17th, 2010

Blick aus dem Fenster, morgens.
Gen Osten, dort wo die Stadt entlang der Donau erstreckt, lassen sich am Horizont bereits die ersten Vorboten des Sonnenaufgangs ausmachen. Mit einem Mal wird die Sphärenartigkeit der Erde mir bewusster. Ich sehe, wie sich mit etwa 1666 km/h um ihre eigene Achse rotiert und mich aus dem Schatten ins Licht schiebt. In einer Stunde wird es wieder taghell sein und ich in den letzten Vorbereitungen für die große Reise.

Im Hintergrund liebliche Musik. Entertainment for the Braindead. Coming home. Das Lied habe ich zum ersten Mal gehört, als ich im Januar, im tiefsten Winter, nach ein paar Wochen im Großherzogtum wieder in Wien war.

Es ist das gleiche Ritual, seit etwa einer Woche. Ich begrüße den neuen Tag aus dem Fenster gelehnt. Die Zeitungsausträger fahren stumm und einsam auf ihren Rädern mit den großen Marktkisten auf dem Gepäckträger vorbei. Kaputte Feierende kehren heim, mühen sich, den Schlüssel zu finden. Taxis brausen vorbei, kaum andere Fahrzeuge. Die Stadt erwacht, ich gehe schlafen. Mir fällt jetzt erst ein, dass es ein Lied der Neubauten gibt, das sehr gut dazu passt. Ironischerweise habe ich es lange zum Einschlafen gehört.

Einen kleinen Moment lang der Gedanke: Ich will hier nicht weg. Die Stadt hat mich an sich gefesselt, ich fühle mich hier dahoam, ohne sie zu kennen, ohne großartige Verbindung. Und ich vermisse den Park, in dem ich gefühlt alle Tag seit es einigermaßen warm ist, verbrachte habe, den großartigen Türkenschanzpark, in dem ich zu meiner Verzückung einen Kuchenbaum gefunden habe, jetzt schon.

Fahre ich nach Hause oder nur zu meiner Sommerresidenz? Es gibt wohl keine gute Antwort auf diese Frage. Wäre Winter und Nebel, ich könnte dem Wetter hervorragende Metaphern für meine Gedankenwelt abringen. Klarheit wird nur die Reise bringen, denn das Ziel und der Weg sind der Weg und das Ziel.
Ein neuer Morgen bricht an. Es verspricht ein klarer, sonniger Tag zu werden.

Das Foto stammt von der kleinen Göttin. Vorzügliches Dankeschön!

Warten auf Dr. Kroko

Friday, July 9th, 2010

Ich stehe am Gürtel, vor der U-Bahnstation und warte. Warten ist etwas, was ich nicht mehr gewohnt bin, seit ich in einer Großstadt lebe. Ich versuche, meine Hände nicht in meinen Taschen verschwinden zu lassen. Stattdessen spielen meine Finger irritiert an meiner Hose. Ich überlege kurz, ob ich nicht eine Packung Zigaretten am Automaten ziehen soll. Ich habe kein Feuer dabei. Und eigentlich rauche ich ja auch nicht.

Wiener U-Bahnstation bei Nacht. (cc-by Denis Todorut)photo cc by Denis Todorut

Es sind viele Menschen unterwegs. Ist ja auch Samstag Abend. Ich lerne seit Tagen nur noch und habe jedes Zeitgefühl verloren. Ich messe Zeit in „vor der Prüfung“ und „nach der Prüfung“. Wobei „Nach der Prüfung ist vor der Prüfung“. Alte Sportlerweisheit. Ich kenne niemanden, der so etwas sagen würde, aber es gibt sicher Menschen, die solche Sprüche klopfen.
„Vier gewinnt. Alte Studierendenweisheit.“ Auch so ein Spruch.
Wahrscheinlich gibt es Menschen, die solche Dinge sagen, nur in Kurzgeschichten auf Blogs.

Merkwürdige Stimmung. Die U-Bahn spült alle möglichen Menschen an. Vor allem aber angetrunkene Teenager, die wahrscheinlich in wenigen Stunden zu Hause sein müssen und deshalb den Höhepunkt ihres Rauschs schon jetzt erleben. Wobei ich mich da auch täuschen kann. Vielleicht haben Teenager in Großstädten ganz einfach keine Sperrstunden. Das würde die Beobachteten zu Opfer einer Gesellschaft machen, die die Latte für Alkoholkonsum immer höher schraubt. Binge-Drinking als Kulturtechnik.

Mir macht das Angst. Also nicht nur die Verwahrlosung der “Jugend” und die zunehmende Anzahl von Alkoholkranken sondern auch, alleine warten zu müssen und jeden Moment von einem Irren angesprochen zu werden, dem mein Gesicht nicht gefällt. Und dann muss ich dem erklären, dass ich hier nur warte und ihm mein Gesicht eigentlich gar nicht zeigen wollte. Vielleicht schlägt er mich dann halbtot und ich muss blutend mit der U-Bahn ins Krankenhaus fahren. Sind auch nur zwei Stationen.

Wobei ich zugeben muss, dass die Angst doch sehr klein ist. Eigentlich kaum existent. Aber so ein klein wenig ein mulmiges Gefühl habe ich doch, wenn ich mir vorstelle, blutüberströmt in der U-Bahn zu sitzen. Und alle Leute starren einen an und denken, ich hätte mich mit der Polizei geprügelt oder jemanden umgebracht und mich dann mit der Polizei geprügelt. Und wenn ich dann aus der U-Bahn steigen will, steht da schon die Polizei und knüppelt mich nieder. Vielleicht hätte ich mich doch rasieren sollen.

Ob ich jemanden um eine Zigarette anhauen sollte? Aber eigentlich rauche ich ja nicht. Und wenn dem (oder der!) mein Gesicht nicht gefällt, laufe ich Gefahr, Blut aus der Halsschlagader spritzend in der U-Bahn zu sitzen.

Jemand ruft meinen Namen. Hinter einem Blumenkübel tauchen Dr. Kroko und Mau auf. Die Beiden heißen natürlich nicht wirklich so. Höchstens auf Facebook.
“Scheiß auf die Prüfung!”, denke ich.

Fensterbrett (2)

Friday, July 2nd, 2010

Mein Fensterbrett ist mal wieder unerträglich leer. Weder k. sitzt drauf und raucht, noch lässt der Gedanke an Ruth, die sich irgendwo in der Stadt herumtreibt, mich darauf stützen und sehnsüchtig in die Nacht schauen.

Das Foto stammt von der kleinen Göttin. Vorzügliches Dankeschön!

Ich sitze schwitzend auf meinem Sofa, das vor wenigen Stunden noch ein Bett war und starre hoch zu der Bierdose, die als Aschenbecher dient. Oder diente. Denn ich rauche ja nicht, obwohl auf dem Fensterbrett jetzt zwei Feuerzeuge liegen. Eins aus Trier, eins vom Standard. Und ich besitze noch ein drittes. Eventuell trifft man ja auf Menschen, die Feuer brauchen. Und einige Universitäten sollen ja genau das auch brauchen: Feuer.

Ich will Jack Kerouac lesen, komme aber nie dazu. Nicht einmal auf dem Klo, auf dem zwei verschiedene Skripten liegen, die ich durchlesen will, um vor dem eigentlich Lernen schon mal auf das schlimmste vorbereitet zu sein. Vielleicht bieten die nahenden Ferien Zeit dafür. Zuerst muss ich mich aber noch durch einige Prüfungen kämpfen, ohne die es wohl nicht geht. Ohne Leid kein Preis. Als würde ich nicht schon genug schwitzen. Fast blöd müssen die alten Philosophen gewesen sein, von denen Geschichten kursieren, sie hätten nicht gerne im Schatten gesessen. Dabei ist zu viel direkte Sonneneinstrahlung nicht gut für das Gehirn. Es weicht auf, verflüssigt sich und könnt ihr euch vorstellen, was eine gute Teppichreinigung kostet?

Ruth würde sagen, der Basilikum, der da so prächtig auf dem Fensterbrett gedeiht und wunderbar riecht, stünde nur da, um von der Leere des Fensterbrettes abzulenken.

a.synchron

Monday, June 21st, 2010

photo cc by Alex Barth

Kopfschmerzen.
Die Tür der Bahn schloss sich hinter Greg. Er lächelte innerlich darüber, dass die „Untergrundbahn“ auf dieser Strecke in Wirklichkeit über den Dächern der niedrigen Althäuser fuhr. „2 Stationen, dann umsteigen“, projizierte ihm sein Retinadisplay auf die Netzhaut. Noch hatte sich sein Körper nicht auf den Takt der Stadt eingestellt. Alles hier schien fremd, in ungewohnter Geschwindigkeit. Obwohl die städtischen Taktgeber ständig Signale abgaben, würde er mindestens noch einen halben Tag brauchen, um sich wieder intuitiv durch die Transportsysteme zu bewegen. Sein Herzschlag war noch zu schnell, seine Atmung zu langsam.
Ob die ständig geringer werdende Asynchronität jemandem auffallen würde?

Er selbst hatte schon Menschen beobachtet, die tagelang den Synchronisationsschock in einer fremden Stadt nicht verkraftet hatten. Schlechte Hardware und möglicherweise Restalkohol im Blut ließen diese traurigen Gestalten ihre Antennen ständig neu ausrichtend durch dunkle Gassen torkeln, ohne je den Puls der Stadt zu fühlen. Er wusste, dass die Baummenschen, die Hunderte von Jahren in den Wäldern lebten und sie pflegten, in der Stadt kaum zu Recht kamen, vor allem nicht in den schnellen Städten Südostasiens. Zu sehr waren sie an ihre hölzernen Gefährten gewohnt, deren Lebensrhythmus sie imitierten, um sie versorgen zu können. Er erinnerte sich an einen grünhäutigen, bärtigen Mann, der unglaublich klare und wohl formulierte Worte gesprochen hatte, es aber nie geschafft hatte, auch sich auch nur ansatzweise dem Stadtpuls zu nähern.

Verwirrt starrte er auf die graue Stadt, die an ihm vorbei zog. Klare Gedanken fassen war schwer, vor allem in seinem Zustand. Die Müdigkeit noch im Endoskelett, Giftstoffe abbauend – und als wäre das noch nicht genug kam auch noch dazu, dass er bewusst darauf achten musste, rechtzeitig aus zu steigen und die richtigen Wege zu gehen.

Er fasste sich an den Kopf. Als ob das die Kopfschmerzen irgendwie lindern würde. Seine linke Hand glitt währenddessen in seine Hosentasche. Bis auf einen Fetzen Papier, der wohl mit gewaschen worden war, war sie leer. Außerdem hatte sie ein Loch. Genau wie seine Unterhose, wie er peinlich bemerkte, als sein Finger seinen Hoden berührte.

Der pochende Schmerz hinter seiner Stirn schien langsam den Takt der Stadt anzunehmen, als er, so gerade nicht stolpernd auf den Bahnsteig ins Freie stieg.

fuck your friends!

Saturday, June 12th, 2010

photo cc by Wrote

fuck your friends, fuck heteronormativity
Ich meine das durchaus wörtlich. Aber vielleicht sollte ich anders anfangen.

Immer, wenn ich über Feminismus, Homophobie, Sexismus oder sonstige Gender Issues rede, versuche ich zu betonen, dass auch Heterosexuelle und Männer unter den gängigen Rollenbildern und Gesellschaftsnormen, die so schön unter dem Begriff Heteronormativität zusammen gefasst sind, leiden. Männer werden als unmännlich betrachtet, wenn sie Gefühle zeigen. Und selbst wenn diese Rollenbilder so langsam aufweichen (vor allem am linken Rand der Gesellschaft), so scheinen sie im größten Teil der Bevölkerung immer noch fest zementiert. Erst heute las ich einen Facebook-Kommentar, der es als großes Wunder bezeichnete, dass zwei Männer kochen würden, während eine Frau Fußball (Vielleicht schreibe ich auch mal einen Artikel dazu, wieso ich die Weltmeisterschafts-Veranstaltung aus verschiedenen Perspektiven ziemlich nervig und nicht unterstützenswert finde) schaute.

Ein Aspekt, der meiner Meinung nach zu wenig Beachtung findet, sind nicht heteronormative Beziehungsformen. Insbesondere dann, wenn es sich um Beziehungen von Menschen handelt, die sich selbst als hetero identifizieren (oder so identifiziert werden). Gut, es mag den Begriff Polyamory geben, der vor allem auf Liebesbeziehungen mit mehren Menschen gemünzt ist. Ich bin der Meinung, dass Liebesbeziehungen zu mehreren Menschen möglich sind und es wohl vor allem die gesellschaftlichen Schranken in unseren Köpfen sind, die die meisten von uns davon abhalten, so etwas überhaupt zu versuchen. Ergebnis davon: Menschen werden unglücklich, weil ihre Beziehungen nicht so ablaufen, wie sie sich das erwarten – ohne zu hinterfragen, wieso sie sich das so erwarten.

Nicht alle sexuelle Beziehungen basieren auf Liebe/Verliebtheit. Manche basieren auf Freundschaft, Zuneigung, Sympathie oder auch “nur” sexueller Anziehung. Als jemand, der in solch einer “Beziehung” (selbst der Begriff riecht nach verliebten Pärchen!) steckt, nervt es mich enorm, mich immer wieder dafür rechtfertigen zu müssen. Das geht soweit, dass ich es eher vermeide, davon zu reden, um nicht wieder in Erklärungsnot zu geraten. Um nicht wieder erklären zu müssen, dass die Person, mit der ich regelmäßig schlafe, nicht “meine Freundin” (im Sinne einer auf Liebe basierenden, romantischen Beziehung ist), ich sie “trotzdem” (wieso trotzdem?) mag und den Status einer romantischen Beziehung auch nicht anstrebe.

Was fehlt? Eine Begrifflichkeit? Mir gehen alle Bezeichnungen à la “Freundschaft plus”, “Friends with benefits” oder gar “Fickbeziehung” nicht weit genug. Vor allem wird durch diese Bezeichnungen suggeriert, dass es sich bei Sex mit Menschen, zu denen man ein freundschaftliches Verhältnis hat, um eine abnormale Sache handelt und Sex nur bei Menschen in einer romantischen Beziehung vor zu kommen hat. “Offene Beziehung” suggeriert wieder Gefühle wie Liebe oder Verliebtheit, die ich jedoch nicht finden kann – was mich, wie bereits erwähnt, nicht sonderlich stört.

Ich weiß nicht, ob es eine Begrifflichkeit geben muss. Und noch viel weniger, wie diese lauten sollte. Mir wäre ein gesellschaftliches Bewusstsein ob der Tatsache, dass es neben (Zweier)beziehungen noch viel mehr gibt, wichtig. Es gibt wohl genug Menschen, die wegen ihres Sexlebens ein schlechtes Gewissen haben oder gar unglücklich werden, weil es nicht der gesellschaftlichen “Norm” entspricht. Oder noch schlimmer, sozialem Druck ausgesetzt werden, weil ihr Sexleben als “schlampenhaft” bzw. ablehnungswürdig betrachtet wird. Am liebsten möchte ich raus aus der Rolle, mich ständig dafür rechtfertigen zu müssen, nicht verliebt und trotzdem glücklich zu sein. Und das, ohne Schweigen zu müssen. (Was nicht heißt, dass ich jeder und jedem von meinem Sexleben erzählen muss. Das wäre ja noch schöner!)

Also: Es ist nichts dabei, Sex mit Freund_innen zu haben. Niemand muss sich an das Ideal von Zweierbeziehungen halten. Nicht mal an das Ideal von romantischen Beziehungen. Und umgekehrt kann es genauso romantische Beziehungen geben, in denen kein Sex vorkommt. Aus welchen Gründen auch immer.
Wichtig ist meiner Meinung nach, mit Sexualpartner_innen zu kommunizieren, Wünsche, Vorstellungen und Ängste mit zu teilen. Und selbst glücklich zu sein.
Und genau deswegen gehört der gesellschaftliche Druck aufgehoben.

Fingerkuppe

Wednesday, June 2nd, 2010

photo cc by Rob Walker

Ich saß in dieser merkwürdig menschenleeren Kinolobby inmitten von Wien. Mich begleiteten einige Freunde. Ich weiß nicht mehr genau, wer es war und wieso sie mitgekommen waren. Im Nachhinein, im Hinblick auf all das, was danach noch passierte war das auch überhaupt nicht wichtig. Aber wer weiß im Vorhinein schon, was er oder sie im Nachhinein denkt?
Wir saßen auf braunen Ledersesseln und hatten nicht einmal ein alkoholisches Getränk, an dem wir uns festhalten hätten können. Ungeschützt vor der gewaltigen Leere der Kinolobby, die beinahe Platzangst auslöst. Und vor allem wie eine Metapher für unsere Unfähigkeit, eine Entscheidung zu treffen, wirkt. gehen wir nun rein oder nicht? Hätte ich ein Getränk gehabt, ich hätte noch einen Schluck genommen, meinen Herzschlag beschleunigt und das einsetzende Gefühl der Ethanolvergiftung entscheiden lassen. So aber erkundigte sich mein nüchternes Gewissen nach den aktuellen Leberwerten. “Die aktuellen Leberwerte“, als wäre das ein Teil oder gar der Titel der Fernsehnachrichten.
Der Film schien zu seltsam, um auch nur daran zu denken, sich ihn anzusehen.

Wir befinden uns im dichten Stadtverkehr. Das Auto rast. Jemand verliert seine Fingerkuppe. Schnell wird nach etwas Kaltem gesucht, man muss alle verlorenen Körperteile immer sofort auf Eis legen. War es mein Finger oder der meiner Mutter? Ist mein Finger nicht in gewisser Weise auch zur Hälfte der meiner Mutter? Zumindest genetisch? Existentialistische Fragen sind gerade Fehl am Platz, wir müssen in ein Krankenhaus. Oder zumindest zu einem Hinterhofarzt, der die Kuppe ohne viele Fragen wieder annäht.

“Der Autohändler hat einen Krankenhausflügel!”, fällt es mir ein und schon sind wir auf dem Weg dorthin. Bei der irrsinnigen Geschwindigkeit habe ich Angst, noch weitere Körperteile zu verlieren, aber das scheint niemanden zu kümmern. Wir stolpern endlose, staubige, weiße Gänge entlang. Verliert eigentlich niemand Blut?

Das Personal, vermutlich in Form einer Krankenschwester, teilt uns mit, dass wir hier nicht erwünscht sind. Sie könnten uns hier nicht helfen. Über die Lautsprecheranlage spielt Three little Birds. Jemand unserer merkwürdigen Reisegruppe summt leise mit, vor allem den Gesangsteil. So wie es Leute oft machen, wenn sie den Text nicht können, sich aber nicht in der Lage fühlen, die Melodie zu summen oder gar zu pfeifen. Das medizinische Problem scheint keins mehr zu sein, als wir den Ausgang erreichen, der einem bestimmten Gebäude meiner Universität erschreckend ähnlich sieht.

Was machte M. hier? Wir umarmen uns, küssen sogar, als würde ich nun in den Krieg ziehen. Ungewohnter Kuss zu gewohnter Umarmung. Gewöhnungsbedürftig. Dabei will ich nur ins Krankenhaus, um die Fingerkuppe meiner Mutter wieder an zu nähen. Und das wird wohl kaum einige Jahre in Kriegsgefangenschaft bedeuten. Wobei, in diesen Zeiten …

Ich muss noch aufs Klo, und als ich mir die Hände wasche, reicht mir jemand (mein Vater?) ein unsichtbares iPad. Er besteht darauf, dass ich sofort ausprobiere. Ich versuche, das teure Gerät von dem Wasserstrahl, der nur so aus dem Hahn sprudelt, fern zu halten. Das ist aber gar nicht so einfach, denn ich sehe es ja nicht. Vermutlich ist es so beschichtet, dass es das aushält. Sinn macht das Ganze keinen.

Spaß auch nicht, so ganz ohne Fingerkuppe.

Kaffee und Kuchen

Monday, May 24th, 2010

Dies ist ein neuer Teil der Kuchenbaum-Geschichte. Der Artikel hat ein eigenes Layout, deshalb nicht erschrecken, wenn die Seite erst einmal ungewohnt aussieht. Besondere Geschichten haben auch eine besondere Präsentation verdient.

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Benzingeruch

Friday, April 16th, 2010

photo cc by Christian Kadluba

Nacht. Ich kann nicht schlafen. Oder zumindest bin ich wieder aufgewacht und weiß instinktiv, dass ich so nicht einschlafen werde. Wenn ich das Gefühl habe, ist es sinnlos, liegen zu bleiben. Tue ich es trotzdem, werde ich mich stundenlang im Bett wälzen und erst in den frühen Morgenstunden auf meinem doch relativ unbequemen Sofa einschlafen. Da hilft auch dann der viel zitierte Tipp 2 nichts. Meine Hörbuch-Playlist ist am Ende, in meinem Zimmer ist es neben dem monotonen Brummen meines Rechners still. Ich ertrage diese Stille nicht.

Ob Ruth wohl schon schläft? Ob ich sie anrufen soll?
Nur zu gerne würde ich ihre Stimme hören, wie sie mir nette Kleinigkeiten ins Ohr flüstert.
Überhaupt vermisse ich es, nachts im Bett zu telefonieren.

Durch die viel zu hellen Vorhänge scheint das Licht der Straßenbeleuchtung, die an einem dicken, schwarzen Kabel über der Straße hängt. Weißes, kaltes Licht für eine kalte Straße.
Ich stelle mich ans Fenster, weil mir zu warm ist. Wieso es mir zu warm ist, weiß ich nicht, denn eigentlich ist es draußen zumindest frisch. Unter meinem Zimmer befindet sich eine Seniorentagesstätte. Die lassen wahrscheinlich den ganzen Tag die Heizung bollern. Oder wir haben eine Fußbodenheizung, von der ich nichts weiß.

Ich öffne das Fenster. Ruhig ist es. Tagsüber ist meine Straße eine viel befahrene Straße, eine Hauptverkehrsader des Bezirks. Sechshundert Meter weiter fährt sogar die Straßenbahn, an der Ende der Straße gibt es einen Umsteigebahnhof. Und eigentlich hört dort die Stadt in meinem Bewusstsein auf. Das ist natürlich Blödsinn, denn die Stadt geht noch weiter, mindestens noch einmal so breit wie bis zu mir zu dem Platz, an dem man umsteigen und Döner kaufen kann. Dann kommt der Wald, der wie ein grüner Gürtel um die Stadt liegt und in dem sich die Grenze versteckt, die die Stadt vom Land trennt. Vielleicht sollte ich mal einen Spaziergang wagen. Einen Spaziergang nach Niederösterreich. Klingt ein wenig Furcht einflößend. Als ob ich ein Hobbit wäre, der fürchten würde, sein kleines Dorf zu verlassen. (Wo habe ich letztens nur davon gelesen, wo war dieses Bild so trefflich eingebaut? Oh Gedächtnis! Oh Internet! Nichts findet man wieder, es bleibt nur der Schmerz, mal gewusst zu haben, dass …)

Wenn ein Auto vorbeifährt, hört man es schon am Gürtel einbiegen. Ein lautes Rauschen, das immer näher kommt, lauter wird, kurz wie ein vorbeifahrendes Auto klingt, um dann wieder ein Rauschen zu werden, dass leiser wird, sich entfernt, in Richtung Niederösterreich.

Laut sind die Autos. Lauter als sonst. Als habe jemand an den Lautstärkeregelern der Realität gespielt. Wo all die Leute wohl hinfahren? Vielleicht war ich lange Jahre meines Lebens zu gefangen in dem kleinen Großherzogtum, aber es erstaunt mich immer wieder, wie unglaublich viele Menschen es doch gibt. Hinter all den Fenstern in meiner Straße lebt jemand, in jedem Auto das übermäßig laut an mir vorbeifährt, sitzen Menschen, die irgendwohin wollen. Späte Erkenntnis hat Gold im Stuhl.

Es riecht. Nach Nacht.
Ich rümpfe die Nase, sauge den Geruch ein.
Ja, es riecht nach Nacht in der Stadt.
Der Geruch wird wohl eher jener von Benzin sein. Verflüchtigt sich Benzin in der Nacht einfach so aus Autotanks, die hier abgestellt stehen? Letztens lag ein Motorad umgefallen neben dem Gehsteig, an der Stelle, wo jetzt die weiße Vespa steht und nach Benzin und Nacht riecht. Genau so hat es auch in jener Nacht vor einem halben Jahr gerochen, als ich umgezogen bin. Mit dem Auto. Erinnerungen an Umwege durch ländliche Gebiete, mitten in der Nacht, als das Radio nur Musik spielte. Mein Gehirn vernebelt sich, die Müdigkeit kommt langsam, kriecht in meinen Geist und verhüllt alle Gedanken mit einer bleiernen Schwere.

Bald läuft mein Hörbuch wieder.
Draußen fährt ein Auto vorbei. Vielleicht zieht da draußen auf meiner Straße auch gerade jemand um.