Quelle horreur

Was fĂŒr ein Horror, grob ĂŒbersetzt, meinte gestern eine Frau im Supermarkt, als zwei MĂ€dchen Hand in Hand an ihr vorbeigingen. Ich war mir erst nicht sicher, ob die Person mit dem Kurzhaarschnitt weiblich sei, aber als ich nĂ€her war, sah ich dann, dass es sich offensichtlich um ein lesbisches PĂ€archen handelte. Ich fĂŒhlte mich merkwĂŒrdig, weil ich die erschreckende Aussage der Frau mitbekommen hatte und gleichzeitig irgendetwas in meinem Gehirn so geschaltet ist, dass ich Lesben erstmal “sĂŒĂŸ” finde. Also eine komische Mischung von grundlosem Anhimmeln und einer SolidaritĂ€t, die ich nicht kommunizieren konnte (oder nicht wusste, wie.)

Und dann stell ich mir Fragen. Nicht nur ĂŒber mein eigenes Verhalten, sondern auch darĂŒber, wie solche Äusserungen zustande kommen. Wieso wird HomosexualitĂ€t als etwas “schlimmes” oder ekliges empfunden? Und wieso finde ich das bei MĂ€dels “sĂŒĂŸ” und bin zumindest der Meinung, dass es sich hierbei um eine Art Verbundenheit, vielleicht ausgelöst durch relativ intime persönliche Erfahrungen mit Lesben/Bi-MĂ€dchen und nicht um ein Pornoklischeedenken handelt?

Die Beiden sahen auf jeden Fall glĂŒcklich aus, und im Nachhinein freut mich das vielleicht am meisten.
Das alles sind Fragen, die mich beschÀftigen, hier in Marseille, wenn ich nicht gerade durch Landschaften wie diese hier stolpere:

Calanches de Marseille et Cassis

12 Responses to “Quelle horreur”

  1. Georges Says:

    Hat die Frau ihr “Quelle horreur” denn auch wirklich auf die beiden bezogen und nicht etwa auf die Preise des Supermarkts? ;)

    Davon abgesehen hat die Toleranz es oft schwer, sich gegen Engstirnigkeit zu behaupten.

    Und ich bewundere, wie es dir immer wieder gelingt GegensÀtzliches gleich mehrfach in einem Post zu vereinen.

    Hast du noch mehr Fotos irgendwo?

  2. Tom Says:

    Wieso dĂŒrfen homosexuelle PĂ€archen noch immer nicht heiraten? (Und ich meine jetzt nicht in der Kirche, dass die sowas nicht Ă€ndern, find ich zwar sehr traurig und blöd, aber irgendwo versteh ich es-vielleicht)
    Vielleicht haben wir auch noch dieses Problem, da viele Leute noch immer fĂŒr Homosexuelle sagen “ach er/sie ist so eine(r)”. Als wĂ€ren sie Kranke, die geheilt werden mĂŒssen. (Ist ĂŒbrigens auch die Stellung der luxemburgischen katholischen Kirche)
    Aber na gut, ich kanns nicht ganz nachvollziehen und werde es wohl auch heute Abend/Nacht nicht. :)

    Und ich schliesse mich Georges an, gibt es noch mehr Fotos? Sieht nĂ€mlich wunderschön aus
 :)

  3. Thierry Says:

    Auch wenn man kein AnhĂ€nger der katholischen Kirche ist, ĂŒbt sie konstant Propaganda aus, und eben auch ĂŒber indirekte KanĂ€le (z.B. ĂŒber das “Luxemburger Wort”), der man ausgesetzt ist ob man nun will oder nicht. Und die meisten Menschen sind doch zu faul und/oder blöde um so etwas kritisch gegenĂŒberzustehen.

    Was ich interessant finde ist deine Aussage, du fĂ€ndest es bei MĂ€dchen sĂŒĂŸ. Warum nicht auch bei Kerlen? Ich finde es sĂŒĂŸ, wenn zwei Menschen sich lieben, egal welches Geschlecht sie nun haben. Es ist doch wunderschön wenn man sieht wie zwei Menschen sich gegeseitig alles bedeuten. Und warum heißt es bei Schwulen oft, “ist mir im Prinzip egal, aber er soll die Finger von mir lassen”? Als normaler Mensch springt man doch auch nicht gleich auf jeden der nicht bei 1…2…3 die Flucht ergriffen hat. (Überhaupt hasse ich solche SĂ€tze, das ist wie wenn man sagt “ich bin ja kein Rassist, aber die [beliebige Nation hier einfĂŒgen]…”)

    Menschen haben nunmal Angst vor dem was sie nicht verstehen, und Homo- und BisexualitĂ€t (ebenso wie Trans- und AsexualitĂ€t) wird leider auch heute noch vielerorts missverstanden. Ich war aufgrund meines Freundeskreises schon oft in Schwulen- und Lesbenbars, und wĂŒrde man jeden Menschen mal einen Abend in so eine Bar stecken, wĂŒrden sie merken, dass es dort eigentlich nicht anders ist als sonstwo. Man sieht vielleicht mehr Menschen eines bestimmten Geschlechts, aber die unterhalten sich auch bloß miteinander, treffen Freunde… Okay, man wird als Typ in einer Schwulenbar öfters vom Barkeeper auf die Wange gekĂŒsst, na und?! Und wenn man dann mal einer meint, man sei sĂŒĂŸ, klĂ€rt man ihn halt auf. Klar gibt’s hartnĂ€ckigere, aber passiert einem doch manchmal auch beim anderen Geschlecht.

  4. Joel Says:

    [...Was ich interessant finde ist deine Aussage, du fĂ€ndest es bei MĂ€dchen sĂŒĂŸ. ...]

    Das finden ĂŒbrigens die meisten MĂ€nner.
    Ich nehme an, dass es ein Urinstinkt sein muss, als der Homo sapiens noch in Horden zusammenlebte wie die Gorillas und andere Affenarten, bei denen ein MĂ€nnchen auch mehrere Weibchen um sich hatte.

  5. Thierry Says:

    Ich hab ja nicht gesagt, dass ich es nicht auch sĂŒĂŸ finde. (Wobei mir das Wort “sĂŒĂŸ” hier nicht so recht zusagt, aber mir fĂ€llt gerade kein besseres ein.) Schwule Paare gibt es aber auch zuhauf in der Natur, also warum finden das die meisten nicht auch sĂŒĂŸ? Man mĂŒsste es doch zumindest dahingehend begrĂŒssen, dass diese MĂ€nner keine Konkurrenz mehr darstellen im Kampf um die Fortpflanzung. Und bevor jetzt wer auf die Idee kommt zu sagen, Lesben wĂ€ren ja auch keine potenziellen Partnerinnen: diese Frauen kann man als Mann trotzdem noch vergewaltigen und so den Fortbestand seiner Gene sichern.

    (Und bevor mir jetzt hier irgendwer die Wörter im Mund umdreht: Dieser letzte Satz ist rein evolutionstheoretisch zu verstehen! Sag keiner nacher, ich wĂŒrde denken man dĂŒrfe/solle Frauen vergewaltigen.)

  6. green_wasabi Says:

    MĂ€dchen widerum finden Schwule sĂŒĂŸ… also, wenn man die Masse an slashfics betrachtet, ist da was, was weibliche Seelen zum Klingen bringt. Vielleicht hat es was mit dem verschobenen Gleichgewicht von NĂ€he und Distanz zu tun. Als Beobachterin eines schwulen PĂ€rchens oder Beobachter eines lesbischen PĂ€rchens fĂ€llt man als Sexualpartner von vornherein aus, deswegen kann man eine ganz andere gefĂŒhlte NĂ€he entwickeln. Ein bisschen so, wie alte Leute frischverliebte Teenager sĂŒĂŸ finden, weil dieser Lebensabschnitt schon so lange und unwiderbringlich weit weg ist.

    Lesben finde ich ein wenig einschĂŒchternd. Aber das mag aus den Zeiten stammen, als Lesben immer Recht hatten, weil sie per Liebesleben die einzig wahren Feministinnen waren. WĂ€hrend Heteras potentielle VerrĂ€terinnen waren, weil sie ja immer mit dem Feind ins Bett gehen.

  7. green_wasabi Says:

    Ach und die Steinzeit… och NÖ! Wenn man eine Behauptung ĂŒber das menschliche Verhalten unverrĂŒckbar einzementieren will, dann sind es entweder die Gene oder die fiktive Urhorde. Die immer wieder aufs Neue durch RĂŒckprojektion gebastelt wird, analog zu ZirkelschlĂŒssen wie: Menschen tragen Brillen, denn der Herrgott in seiner unendlichen Weisheit schuf dem Menschen die Nase, auf dass er eine Brille trĂŒge.

    Bei real existierenden Naturvölkern ist, soweit man vergleichbare Daten hat, das Verhalten gegenĂŒber Lesben und Schwulen ganz unterschiedlich, mal werden sie ausgestoßen, mal werden sie als harmlose Exzentriker geduldet, mal bringen sie GlĂŒck und Regen und werden Schamanen. Eine gemeinsame Grundhaltung, wohlmöglich noch auf der Basis einer Überlegung wie “die Erhaltung der Horde wird gesichert durch…” gibts nicht.

  8. Grommel Says:

    Hunn de Moien am Tube zu London zwou Lesben gesinn, dĂ©i sech gekusst hunn. Woer am Ufank iwwerrascht. HaaptsĂ€chlech wĂ«ll se net wĂ©i Kampflesben ausgesinn hunn … ganz au contraire! ;)

    An zu Soho lafen natiirlech och e Koup Lenkser ronderem. Mir awer egal, Haaptsaach die jeweileg LĂ€it sinn zefridden :)

    Ka mir dach egal sinn, wat déi doheem man.

  9. Thierry Says:

    Bei de Briten ass et méi geféierlech, roud Hoër ze hunn, wéi schwul ze sinn. :)

  10. NTess Says:

    Hetero-Frauen finden Schwule sĂŒĂŸ und Hetero-MĂ€nner finden Lesben sĂŒĂŸ. Das finde ich erstmal recht belustigend. Ich glaube, green_wasabi’s ErklĂ€rung geht da schon in die richtige Richtung. Damit ich das als SolidaritĂ€t verstehen kann, fehlt mir da aber die Reflexion dieses Reflekts und die Ausweitung daraufhin, dass Liebe eben Liebe ist, egal zwischen wem. Es geht mir auch darum ernst genommen zu werden mit einer nicht-Hetero-SexualitĂ€t. SĂŒĂŸ gefunden werden ist da vielleicht ein Anfang, aber es wĂ€re doch sehr bedauerlich, wenn es dabei bleibt. Meiner rein subjektiven Wahrnehmung her tun sich die meisten Homo- und Bisexuellen mit einem Coming Out bei Menschen gleichen Geschlechts deutlich schwerer - und da ist man dann in einem kleinen Teufelskreis: Ich oute mich als Lesbe weniger bei Frauen, weil ich von denen eher Ablehnung erwarte - aber da das viele so halten, kennt jede heterosexuelle Frau mehr Schwule als Lesben und ist das dann auch eher “gewohnt”. Dazu kommt noch aus lesbischer Sicht das Problem der Unsichtbarkeit. Die Situation, die in dem Post beschrieben wird, ist recht untypisch. Denn zwei MĂ€dchen, die hĂ€ndchenhaltend durch die Gegend laufen, mĂŒssen ja nicht unbedingt lesbisch sein. Einem Schwulen sieht man es eher an, dass er schwul ist - das liegt meiner Meinung nach daran, dass das das Bild von MĂ€nnlichkeit in unserer Gesellschaft deutlich enger ist als das Bild von Weiblichkeit.
    Die Frage, wieso Menschen eigentlich homophob sind, kann ich natĂŒrlich auch nicht beantworten. Meiner Meinung nach liegt das v.a. an der Annahme einer Zweigeschlechterordnung und der damit verbundenen tief verwurzelten Ansicht, dass Sex und Fortpflanzung zwingend verknĂŒpft sind. Alles andere (”Propaganda”) ist meiner Meinung nach v.a. eine Auswirkung dieser metaphysischen Annahmen und nicht ihr eigentliches Problem.

  11. green_wasabi Says:

    Eine ErklĂ€rung fĂŒr Homophobie ist, dass der heterosexuelle Betrachter sich und seine sexuelle IdentitĂ€t in Frage gestellt fĂŒhlt. Also sich nicht mehr als allgemeingĂŒltig und Mittelpunkt der Welt empfindet und das dann in Abgrenzung und Hass umschlĂ€gt. Wobei SĂŒĂŸfinden der Ă€ußerste AuslĂ€ufer genau dieses Reflexes sein kann - was sĂŒĂŸ ist, bedroht mich nicht. TeddybĂ€ren gab es erst, als man nicht mehr Gefahr lief, im Wald von einem realen BĂ€ren gefressen zu werden.
    Nur sĂŒĂŸ gefunden zu werden kann auch sehr beengend sein. Man möchte nicht immer die lustige, schrille Tunte spielen mĂŒssen, um gemocht zu werden, sondern einfach nur sein Leben leben. Bzw, fĂŒr eine Frau ist das Niedlich-sein in MĂ€nneraugen hĂ€ufig eine böse Falle. Kann frau gleichzeitig sĂŒĂŸ und die Vorgesetzte sein?

  12. NTess Says:

    Auch wenn das Posting schon Àlter ist, hier noch ein Link zum Thema:
    http://www.queer.de/detail.php?article_id=9048

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