Und der Moment gehört uns

March 6th, 2010 - 211

Im Bus nach Hause. Die Sonne blendet mich, ich blinzel, es kitzelt. Ich fahre durch die Stadt, der Bus halb voll. Oder halb leer. Gibt es überhaupt Bus-Optimismus? Um mich rum telefonieren Leute, die ich gleich nicht mehr hören werde. Aus meiner Umhängetasche krame ich meinen iPod mit den teueren Kopfhören raus. Ich stecke mir den ersten ins Ohr, jetzt bin ich halb taub. Als ich den zweiten Gummipfropfen in mein Ohr stecke bin ich in einer anderen Welt. Alles ist still. Play.

Die Musik ist laut, der Bass soh nah, dass ich glaube die Saite wäre quer durch meinen Schädel gespannt und würde dort mit sanfter Hand gezupft. Im Hintergrund der Aufnahme Geraeusche, das dumpfe Schlagen der Kickdrum.

Seine Stimme. Er singt nicht besondert gut, aber jede Vibration, jedes Zittern seines Kehlkopfes bedeutet Ehrlichkeit, bedeutet Leidenschaft. Und noch immer diese Ruhe: Bass, Schlagzeug, manchmal eine Gitarre, die ganz verirrt einen Satz spielt. Die Ruhe hat was angespanntes, dieses große Gefühl, das wie ein Tier gefangen ist, und gleich raus darf. Die Spannung und die Abendsonne, die dir entgegen scheinen. Die Melodie treibt, im Gegensatz zum Bus, der im Verkehr fest steckt. Schwerfällig, Schritt für Schritt.

Das Intermezzo baut Spannung auf, die Gitarre fängt kurz an ganz leicht zu spielen, fast zu schweben. Und wieder zurück in diesen treibenden Teil des Liedes, immer weiter, immer weiter.

Und wieder dieses Intermezzo, und man spürt, dass es diesmal nicht dabei bleibt. Und dann wird es still. Die Ruhe vor dem Sturm. Bis die Gitarre anfängt zu schrammeln und zu schreien, und aufgefangen wird vom Bass und dem Schlagzeug, die wiederkommen, und den Weg bereiten:
Der Krach wird ergänzt durch seine Stimme. Meine Augenhöhlen fangen an zu jucken, und ich weiß, dass es nicht daran liegt, dass die Sonne blendet: ich kann mir eine Träne nicht verkneifen. Wie er in diesem Gefühl von Panik, Grenzenlosigkeit und Trieb, in diesem Zerfall und dieser Hoffnung, mitten aus dem Nichts, die schönste Liebeserklärung der Welt macht: Du wirst bei mir alles finden, was du brauchst.

Das, was ich ihr damals versprochen habe, und alles tun will, um es wahr zu machen.

Wie das hier endet und wie alles wird weiß ich. Und das Lied auch. Das ganz Große endet nach 6 Minuten und 2 Sekunden. Nächstes Lied. Der Bus steht noch immer im Stau.

(Das Bild kommt von http://www.flickr.com/photos/kaleenxian/3478032301/)

Frühlingswut

March 3rd, 2010 - 2156

foto aus wikimedia commons

Ich hatte heute so eine merkwürdige Wut im Bauch. Auf dem Nachhauseweg von der Uni habe ich mir gedacht, dass es vielleicht daran liegt, dass der Frühling kommt. Hier in Wien sah es die letzten Tage schon ziemlich stark nach Sommer aus, der Himmel war blau, die Sonne schien und ich war richtig geflasht davon. Heute war es dann nicht mehr so toll, halt so laues Frühlingswetter und in mir braute sich die Gewissheit zusammen, dass die Zeit, in der ich dem Schnee von drinnen zugucken konnte, jetzt vorbei war. Was eigentlich eine positive Sache ist. Aber ich mag den Frühling nicht. Gegen den Sommer habe ich nichts, denn Sommer heißt oft, dass Ferien sind und man irgendwo im Schatten liegt (Ich freue mich darauf, meine Nachmittage im Türkenschanzpark zu vertrödeln!), aber der Frühling macht mich irgendwie fertig mit seiner Unentschlossenheit, seiner Art, alles und nichts zu sein. Im Herbst gibt es wenigstens die Gewissheit, dass es bergab geht, dass es kalt und nass wird. Frühling dagegen ist nur Unsicherheit.

So auf jeden Fall meine Gedanken, während ich durch das Cottageviertel lief (gemeint ist: “gehen”) und das zum Zweiten Mal, weil ich entschlossen habe, wenn ich nur gute zwanzig Minuten Fußweg von der Uni entfernt wohne, kann ich die bei gutem Wetter auch zu Fuß gehen. Wobei ein Fahrrad wohl idealer wäre, ich schätze die Fahrzeit auf lockere zehn Minuten, was meiner Eigenschaft, zu trödeln, sehr entgegen kommen würde, vor allem bei den derzeit doch sehr vollen Hörsälen.

Und jetzt ist alles anders. Meine Gefühle gegenüber dem Frühling sind gemischt, ich freue mich sehr auf den Sommer und die Wut, die ich in mir herum getragen habe, ist weg. Was ich wohl zumindest teilweise auf meinen wunderbaren Rotbusch-Zitronengras Tee, den ich mit Milch und Zucker trinke, zurückführen kann.

(Ja, einfach mal so Befindlichkeitsbloggen. Habe ich lange nicht mehr gemacht, ist aber manchmal ganz gut, und sei es nur für die persönliche Buchführung.)

Zwischen Heidsieck und Hofer-Vodka

March 2nd, 2010 - 1313
Ein Gastartikel von Jonas Grünholz. Jonas Grünholz wurde 1987 in Österreich geboren und zog 2008 nach Wien und studiert momentan Wirtschaftswissenschaften an der WU Wien.

So war das also. Es waren noch die “noughties”. Ich war am Gymnasium und meine Matura ließ auf sich warten. Genau wie mein nächster Frisörbesuch. Zum Haareschneider ging ich nie, was sollte ich auch da, ich kann mich ja selbst nicht sehen, außer im Spiegel. Und vor allem, wozou brauchte ich das alles, wenn ich mir von den 15 Euro fir den Frisör auch die neue Platte von Oasis kaufen konnte. Irgendwie war das ja schon cool, Außenseiter und Genie zu sein. Geek eben – Leistungsfach Bio und Informatik. Wohin wusste ich auch: Bioinformatik in Aachen, teutonische Hochburg der Wissenschaften. Jeder wusste davon, die einzigen die davon nichts wissen wollten, war die RWTH. Auch gut – und ja, früher war ich gut mit Projekten. Ich hatte an meiner Schule geholfen die Stundenpläne zu glätten und habe einem Freund geholfen sein Taxiunternehmen aufzubauen.

Also ging ich nach Wien, an die Wirtschaftsuni und studiere nun BWL und Projektverwaltung. Meine Wohnung im Neunten, unweit der Votivkirche, meine Uni in der Nähe.

Moment – Ich studiere Wirtschaftswissenschaften? Da fehlt ein Teil meiner Geschichte: Einige meiner Freunde besuchten ein Wirtschaftsgymnasium, und ich hasste sie dafür. Ich hasste sie dafür, wie sie mit Ihren WAP-fähigen Handys ihre eMails “checkten”, wie sie Freitagsabends in die Stadt gefahren sind und getrunken haben, bis sie nicht mehr wussten, wer sie waren. Und von Mädchen erzählten, die es nie gab. Später kam dann Koks, für mich damals der Stoff der Reichen und Schönen. Meine tiefste Verachtung galt alle denen, die BWL, Jura oder ähnliches machen wollten. Und die sich in Ihren billigen oder viel zu teueren Anzügen, mit Ihren Zigarren, ihrem Cognac und Papas Audi toll fanden.

Und plötzlich sitze ich montags morgens mit euch in einer Vorlesung, während der Dozenz über Intrinsik und Instrumentalismus redet, und ihr mit eueren iPhones und Netbooks auf Facebook die Mädchen von letztem Wochenende kuckt.

So weit, so befremdlich.

Ich bin gut, bei dem, was ich mache. Vielleicht sogar besser, als als Chemiker. Und sogar besser als die meisten, die mich im Gymnasium überholten. Es dauerte 2 Monate, da schloss ich mich einem Berufsverband an, 2 Monate später war ich auf meinem ersten Networking-Event. Networking heißt Visitenkarten tauschen, billigen Weißwein saufen (Weißwein hinterläßt keine Flecken auf den Böden von Konferenzsälen), und währenddessen entscheiden, mit wem man nach Hause geht: Die 20-jährige Brünette, deren Vater im Vorstand der Wiener Stadtwerke sitzt, oder die 38-jährige die mir ein Praktikum angeboten hat, wenn ich nachher noch zu Ihr nach Hause zu einem Vorstellungsgespräch käme. Ich bin für die jüngere Ausführung.

Und trotzdem bleibe ich bei meiner Einstellung: Flex und Fluc.
Und genau dort entsteht meine kognitive Dissoanz: Ich gegen Ich.

Der Flow von damals ist noch da, und das ist sogar gut. Neben den ganzen Neureichen sticht man raus – und irgendwie mögen sie einen auch dafür. “Ach, der Jonas. Er ist ein netter Typ und hat was drauf. Aber irgendwie ist er komisch.” Komisch heißt: nicht wie wir. Und das bin ich nicht, darum ist das kein Vorwurf gegen mich.

Bloß wie lange kann man eigentlich mit denen Leuten rumhängen, ohne wie sie zu werden. Wie lange kann man Cocktails für 15 Euro trinken, bis man Hofer-Vodka nicht mehr geil findet? Wie lange kann man in Luxuswohnungen  schlafen, bis die eigene Bruchbude scheiße wird? Wie lange kann man in die Oper gehen ehe das Flex eklig wird?

Und dann ist da noch die Entzauberung der “neuen” Welt. Die Partys, das Koks, der schnelle Sex. Wenn man da war, versteht man, dass das alles nur eine Illusion ist.

Die Partys sind nur Schutzwall vor’m Allein-Sein. Das merkt man schnell, wenn es einem klar wird, nach welchem Schema die Partys laufen, nach welchem System immer wieder die gleichen Gespräche geführt werden mit den gleichen Leuten die man hasst. Und die einen auch hassen. Das gleiche gilt für den Sex, der unsinnig und kalt ist, und nur dazu dient, nicht allein zu sein. Koks erfüllt dort eine Doppelfunktion: einerseits als Eisbrecher, Katalysator für Smalltalk, Sozial-Sein und Sex. Andererseits als Aufputschmittel, weil es den Leuten hilft in Stressmomenten durchzuhalten. Vom selbstbestimmten Rausch zum Treibstoff.

Ich  habe Angst. Ich kann in diesen zwei Welten leben, und ich weiß aus welcher Welt ich komme. Ich komme von “unten”, auch wenn mein “unten” für 90% der Weltbevölkerung “oben” ist. Und ich kann mich “oben” aufhalten. Aber “oben” verführt. Es erinnert mich an ein Spiel auf meiner Zeit als Kind: Ich hab mir Superkleber auf den Finger geschmiert, und damit probiert an Papier zu fassen, aber genau so lange, dass ich nicht festklebte. Wenn ich meinen Finger abzog, und ein Stück Papier kam mit, dann hatte ich verloren. Und wenn ich das nächste mal in’s Flex gehe, und die Leute ohne Geld, die ihren billigen Fusel trinken scheiße finde, hab ich verloren.

Ich möchte da nicht mitmachen. Ich möchte das nicht sein. Aber wie kann ich meine Leidenschaft verfolgen, wenn sie in einer Welt angesiedelt ist voller Wracks, voller Unlust, voller kaputter Menschen?

Bilder: http://www.flickr.com/photos/pokpok/2416518231/http://www.flickr.com/photos/urbanlatinfemale/4329678620/

translunar

March 1st, 2010 - 656
translunar

Ich war mal auf einem Seminar, einem sogenannten „Train the trainer“, mit den Themen Antidiskriminierung und Werkzeuge gegen Rassismus. Ein Seminar, das in vielerlei Hinsicht ein ziemlich einschneidender Punkt in meinem Leben war und vieles ge- und verändert hat. Nicht nur, weil wir ziemlich intensiv mit der Thematik gearbeitet haben, sondern auch weil ich mich persönlich enorm weiterentwickelt habe, bzw. die Grundlagen für diese Weiterentwicklung gelegt wurden.
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setzt sich die Sonne besser durch

February 24th, 2010 - 1426

photo cc by Richard Hemmer

Die ersten Sonnenstrahlen seit Dezember. Mit einem Male glänzt die Stadt wieder. Meine Stadt, wie ich übermütig behauptet habe, als wir die Prachtstraße entlanggelaufen sind, unwissend, was für Geheimnisse die Nacht bergen würde. Wir wussten nichts, nicht einmal den Weg.
Mein Abfluss ist wieder frei. Das schöne an Abflussreinigern ist ja, dass sie nicht nur Verstopfungen lösen, sondern auch das Waschbecken wieder so sehr glänzt, dass die Augen schmerzen. Und du fast hoffst, dass es wieder verstopft, damit du beim Zähneputzen nicht dauernd die Augen zukneifen musst.
Der Sommer steht hier schon verheißungsvoll vor den Toren der Stadt, beinahe spürst du schon die Sonne auf deiner Haut, deren Berührungen nie die Zärtlichkeit von jenen mythischen Wesen erreichen werden, die mir so sehr fehlen.
Jeden Morgen das gleiche Lied.
Jeden Abend der gleiche Text.
Jede Sekunde ein Weltuntergang.
Nichts bleibt so wie alles immer ist.

Weiß irgendwer, wo wir hingehen?
Die mächtige Stadt, bis zum Horizont überall nur Dächer, fremdartig rot gebrannt, sie mag dich. Obwohl hier alles kalt sein könnte, flüstert der Wind leise Liebesbekundungen in dein Ohr. Die Schneeflocken sehen aus wie im Fernsehen, die Sonne strahlt um ein vielfaches heller, der Regen ist nasser und sogar die Werbung ist noch dümmer als sonst.
Ein Windstoß, ein Wirbel, hoch zu den Seilen, die knarren wie Takelage. Sie führen zu dem Zeppelin, angetaut hoch oben über der Stadt, jeden Moment einsatzbereit. Es fehlt nur ein Kapitän, der da einen Kurs befiehlt.
Dein Mobiltelefon vibriert. Erst jetzt bemerkst du die Gänsehaut auf einem Rücken.
Die Ferne ruft an.

Fensterbrett.

February 22nd, 2010 - 145

Und mit einem Male wird dir klar, wie verdammt leer dein Fensterbrett doch ist.
Durch das offene Fenster kommt der Lärm der Stadt, die draußen vorbeizieht, zusammen mit der Kälte in dein Zimmer. Der Tee, den du gemacht hast, um deinen müden, geschundenen Körper etwas zu beruhigen, ist das einzige Warme. Deine Körpertemperatur hat sich langsam abgesenkt und du musst den Tee langsam trinken, damit du nicht zu schnell wieder auftaust.
In meinem Kopf laufen die letzten Tage (und Nächte) immer wieder ab. Endlosschleife. Mein Orientierungssinn hat mich wieder einmal verlassen und ich stolpere, auch mit Karte, wie ein Blinder durch die Stadt. Was nicht weiter schlimm ist, denn so sieht man auch mal was. Und was könnte schöner sein als eine endlose Aneinanderreihung von Nebengassen. An einer Mauer mitten in der großen Stadt hängt Kunst. Eine Künstlerin hatte die wunderbare Idee, eine Pflanze an die Mauer zu hängen. “Gieß mich!”, steht neben der verdorrten Blume.

Filme in meinem Kopf sind natürlich nie chronologisch. Der Gott der Zeit ist tot.

Eine Woche lang sperrte ich mich in meinem Zimmer ein. Hatte ich doch nun seit Monaten mal wieder einen Schreibtisch, an dem ich sitzen konnte. Sprach’s und spielte ein, zwei alte Echtzeit-Strategiespiele durch, während draußen der Winter wieder kam. Ökonomie ist hinterhältig. Vor allem, weil es doch zur Hälfte aus Psychologie besteht. Vielleicht hilft etwas Küchenpsychologie weiter. Du gehst also in die Küche, kochst dir einen Tee, denkst dabei, dass der Zucker und die Milch fast alle sind und beschließt, einen kleinen Spaziergang zu machen. Blöd nur, dass die Stadt so voller Schnee liegt, dass du nach fünf Minuten völlig durchnässte Füße hast und du dich fast in einen Supermarkt flüchtest. Aus dem Supermarkt wird ein Bücherladen, der aber weder Molche, noch kleine bunte Pillen verkauft. Daheim wieder Tee und kleinere Streitereien mit Herrn Keynes. Als du die Prüfung schreibst, freust du dich, mal wieder unter Menschen zu sein. Schönbrunn ist auch immer einen Besuch wert, wenn die Seepferdchen im Neptunbrunnen nicht gerade als Eis am Stiel verkauft werden. Wir ziehen uns alle eine Blasenentzündung zu und streicheln tollwütige Eichhörnchen.

Es folgen einige weitere Tage, die wesentlich erfreulicher ablaufen. Der Projektor summt in deinem Kopf. Als Abspann eine Reihe von Atombenexplosionen, eine heller als die andere, heller als tausend Sonnen. Bist du wärmer oder der Tee kälter geworden?
Plötzlich ist es dunkel. Es wird immer so schnell dunkel hier, daran werde ich mich nie gewöhnen. Der Tee ist nun endgültig kalt, ich trinke ihn trotzdem.

Auf dem Tisch liegt immer noch das kleine rote Etwas, als schweigende Erinnerung an all das, was war.

Mal wieder in Münster lesen

February 9th, 2010 - 1942


Wer mich mal live erleben will, meine Texte aus meinem Mund hören will, dem kann ich nur empfehlen, am 26. Februar nach Münster zu kommen. Ich lese wohl wieder aus meiner bekannten Mischung von surrealen, traumähnlichen Befindlichkeitsbeschreibungen, irgendwo zwischen Gonzojournalismus und
Beat-Generation und Texten über die Liebe, Hass und die Ortungsschwierigkeiten im beginnenden 21. Jahrhundert.

Schöngeist und Mouvement Électronique. Prosa I und Lyrik aus Münster und Wien – Clemens B. Gatzmaga, Daniel Mattner, Joël Adami und Johanna-Yasirra Kluhs lesen ihre Texte für Euch.
Diachron und dicht. Kryptisch und klar.
Später Disco mit Musik vom Teller. Elektronisch und indie.
Reinhören und bewegen: Am 26. Februar um 20:00 im SpecOps in Münster. Präsentiert von artifarti.de.
Flyer und genaue Adresse nach dem Klick. Read the rest of this entry »

Kuchenbäume im Weinberg des Textes

February 9th, 2010 - 112

Lange Zeit was ich hin- und her gerissen zwischen Begeisterung und Skepsis, was individuelle Artikelgestaltung angeht, die Ben im wundervollen Anmut und Demut immer öfter praktiziert. Es braucht viel Zeit und ich will mich nicht immer neben dem Schreiben auch noch mit “Layouten” beschäftigen. Dann kam die Einsicht viel zu spät: Nicht jeder Artikel muss ein Schmuckstück sein, aber es gibt einige, für die es sich lohnt, einen größeren Aufwand zu betreiben. Und als ich anfing, meine lang gehegte Idee, alle Texte des Ina/Zoës-”Epos” in eine Seite zu hauen, damit man die Geschichte bequem nachlesen kann, umzusetzen, beschloss ich, ebenfalls Pionierarbeit zu leisten und einen Artikel individuell zu gestalten. Geholfen hat natürlich dieses Tutorial. Das Smashing Magazine hat auch einen wundervoll gestalteten Artikel über die Vor- und Nachteile.

Hier ist nun das Ergebnis. Das “Epos” hat damit nun auch einen Namen, nämlich den des Baumes, unter dem Ina und Zoë sich das erste Mal gesehen haben: Kuchenbaum. Der Text bekommt mehr Breite, denn es ist viel Text. Und sollte Apple mit ihrer Fernbedienung Erfolg haben, so wird der Widescreen wohl immer bedeutender werden. Die Schriftgröße ist angenehm groß, hoffentlich nicht zu groß. Dann gibt es große Bilder mit einzelnen Zeilen, die so hervorgehoben werden und dem Ganzen einen (hoffentlich nicht zu prätentiös wirkenden) poetischeren Anstrich. Mit den Schriften habe ich herumgespielt und mich ausgetobt. Wer heute noch alte Browser benutzt, hat sowieso verloren. Mit Webkit (Safari, Chrome) sieht das Font-Rendering wohl etwas besser aus als bei Mozilla, trotzdem bin ich überall zufrieden. Das Gedicht, das Ina und ihr Ex geschrieben haben, habe ich in zwei verschiedenen Schriften gesetzt, um den Eindruck des abwechselnden Schreibens zu erwecken. Das Ergebnis kann sich durchaus sehen lassen, wie ich finde!

Was das HTML und das CSS angeht: Da muss ich noch viel lernen. Es erscheint mir vieles als üble Hacks, wobei es aber auch sein kann, dass diese Technologien halt einfach nie dafür gedacht waren, so richtig viel zu gestalten. Ja, vieles hätte ich auch einfach als Bilder machen können und wäre innerhalb weniger Stunden anstatt mehrer Tage fertig gewesen. Und ja, ich hätte sicherlich noch mehr aus dem Text machen können. Aber irgendwo muss man ja anfangen. Ich freue mich schon auf die nächste Gelegenheit, einen Artikel individuell zu gestalten.

Edit: Jemand meinte jetzt, bei einer Auflösung von 1600px wäre das Ganze unschön und der Text würde aus den Bildern rausstehen, was natürlich nicht Sinn der Sache ist. Ich habe jetzt versucht das mit “max-width:1024px;” zu umgehen. Leider habe ich keinen Monitor, der eine so hohe Auflösung unterstützt, um das genauer nachzuprüfen.
Edit2: Das Problem dürfte jetzt gelöst sein!

Axolotl copykills

February 8th, 2010 - 1810

photo cc by Roselle Kingsbury

Wie alle Menschen, die gerne schreiben und von sich glauben, einen Funken Talent zu besitzen, würde ich gerne einmal ein Buch veröffentlichen, das dann in den Feuilletons (in Frankreich wird das Wort übrigens vor allem für Soaps verwendet) der Zeit, FAZ, des Standards und eventuell auch noch der Taz hochgelobt wird. So war ich auch etwas neidisch auf Helene Hegelmann, die diesen Wunschtraum bereits mit siebzehn Jahren erleben darf.

Oder durfte. Denn Helene hat beim Verfassen von Axolotl Roadkill fast wortwörtlich in Airens Werk Strobo abgeschrieben, wie einer meiner persönlichen Helden, Deef Pirmasens aufdeckte. Das macht gerade ordentlichen Medienrummel.

Mich stört, dass die Autorin jetzt oft als Kind bezeichnet wird. So falsch Hegemanns Verhalten auch war, persönliche Angriffe sind nicht zu rechtfertigen und es ist für mich etwas leicht gegriffen, zu sagen, die ist so jung, die weiß es nicht besser. Wenn plagiieren als falsch verstandene “Remix”-Kultur gedeutet wird und die Autorin nicht als medienkompetent genug, den Unterschied zu verstehen, gebrandmarkt wird, dann steht sie vielleicht doch für den Umgang der Erwachsenen mit den Kindern des neuen Jahrhunderts. Mal abgesehen davon, dass ich es für hochgradig lächerlich halte, einen Stellvertreterroman schreiben zu wollen, wenn man am 11. September 2001 gerade mal acht Jahre alt war, die Demonstrationen gegen den Irak-Krieg nur vom Hörensagen kennt, usw. Genauso gut könnte ich einen Stellverteterroman für die 1990er schreiben, Nirvana hat mich in meiner Jugend ja auch viel bewegt.

Dann stellt sich die Frage, ob nicht ein Pornotag für Feuilletonisten geführt werden sollte. Damit würden zu ausgiebige Beschäftigungen mit Büchern von jungen Frauen, die über ihr Sexualleben schreiben, vielleicht nicht in Hypes ausarten, die sich später als heiße Luft entpuppen. Wie wichtig die Literatur bei den Lobhudeleien über Axolotl Roadkill waren, zeigt Willi Winkler bei der Süddeutschen. Ausgiebig wurde sich mit der Frisur der Autorin befasst.

Und dann: Wie sieht es bei mir selbst aus? Hegemann hat nicht nur bei Airen abgeschrieben, sondern auch den Song Fuck U der Band Archive übersetzt und als ihr eigenes Werk ausgeben. Da greift das schlechte Gewissen. Ich habe Ina und Zoë abgeschrieben schon sehr oft aus Lieder, die mich gerade bewegt haben, zitiert. Und das auch nicht immer sehr kenntlich gemacht. Vor allem auf dem Werk der Einstürzenden Neubauten ist die eine oder andere Zeile.

Was tun? Darauf verzichten will ich nicht wirklich, denn oft sind es die Sätze, die mir beim Schreiben in den Kopf kommen und ein spielerischer Umgang mit Zitaten und Motiven aus der (Pop)Kultur macht schon seit einiger Zeit das aus, was wir Kultur nennen. Ich werde die Zitate, die sich im übrigen durchaus in Grenzen halten (die vorhin erwähnten Ina und Zoë-Texte sind, soweit ich das überblicke, völlig frei davon), kennzeichnen (etwa durch Verlinkung auf den Originaltext).

Denn schlimmer noch als Eigenlob ist Lob, das man für etwas erhält, das man gar nicht gemacht hat.

Missing …

February 2nd, 2010 - 2348

photo cc by Vanessa Yvonne

Verliebt sein, das wär doch mal wieder was …